Sonntag, 22. Juli 2018

Unser Wochenende in Bildern 21./ 22. Juli 2018 - Urlaubsedition

Mein Wochenende in Bildern kommt aus unserem Sommerurlaub. Die erste Woche hatten die Kinder und ich bei herrlichem Wetter an der Ostsee verbracht. Am Freitag war der Papa zu uns gestoßen, so dass wir dann auch mobil waren. Hier hatte ich ja schon erzählt, dass wir trotz unserer Trennung einen Teil des Urlaubs zusammen verbringen werden. Am Samstag waren wir noch in unserer Ferienwohnung an der Ostsee und am Sonntag begaben wir uns dann auf die Reise nach Hamburg, in unseren Städtetrip.

Samstag

Natürlich wurde ausgiebig mit dem Papa und mit frischen Brötchen, die dieser dank des Autos holen konnte, gefrühstückt. Danach wollte ich einen halbtägigen Ausflug ins Umland machen, den einzigen der Urlaubswoche. Wir fuhren zuerst zu 5000 Jahre alten Hügel- und Dolmengräbern, die sich ein Stück vor unserem Ort befanden, und erkundeten diese ausführlich. Sie lagen inmitten von Getreidefeldern, so dass wir durch die Schneisen liefen. Der Große war sehr interessiert, die Kleine hatte schlechte Laune und war miesepetrig.



Danach fuhren wir weiter zum Leuchtturm Buk, von dem aus man über Kühlungsborn und Umgebung bis hin nach Rostock schauen kann. Er stand inmitten von Mais- und Sonnenblumenfeldern, das war sehr idyllisch. Wir bestiegen den Leuchtturm und aßen dort zu Mittag. Trotz der geringen Anstrengung waren alle etwas geschafft. Auf der Heimfahrt schliefen die Kinder im Auto ein.


Am Nachmittag waren wir am Ostseestrand baden. Schließlich sollte der Papa auch mal in der Ostsee schwimmen. Es war warm und angenehm, aber ziemlich voll. So ein tolles Wetter hatten wir an der Ostsee in den letzten Jahren nie. Auch der Strand war wunderbar, feinsandig und weich.


Leider wurde am Strand der Autoschlüssel sowohl nass als auch sandig, so dass unser Auto nicht mehr ansprang. Großer Schockmoment, schließlich wollten wir am nächsten Tag nach Hamburg fahren! Wir mussten samt Badegepäck nach Hause laufen, der Papa holte den Ersatzschlüssel und Gottseidank sprang es damit an. Obwohl ihr Urlaubsfreund schon abgereist war, ging es abends wieder spät für die Kinder ins Bett. Wir bewunderten alle noch den letzten Sonnenuntergang unserer Ostseewoche.


Sonntag

Nach dem Frühstück wurde gepackt und wir checkten um 10 Uhr aus. Wir waren echt traurig, die schöne Ferienwohnung in einer tollen Lage mit Blick auf's Wasser schon zu verlassen. Vor allem für den Papa war das ziemlich kurz. Nun ging es in Richtung Hamburg. Ich hatte einen Zwischenstopp im Tierpark Wismar ausgesucht, der sehr abwechslungsreich sein und viele Spielmöglichkeiten bieten sollte. Dort verbrachten wir ca. 4 Stunden, die Kinder hatten viel Spaß, es gab Schatten und Essen. Besonders süß waren die Erdmännchen, die aus Erdlöchern ohne Einzäunung hervorguckten. Ich denke, das war ein angenehmer Zwischenstopp.




Am frühen Nachmittag fuhren wir ca. 1 h weiter nach Hamburg. Die Kinder schliefen im Auto und wachten erst auf, als wir durch Hamburg navigierten. Da wir noch nicht in unser Hotel wollten (bzw. die Kinder nicht wieder heraus bekommen hätten), hatte ich vorgeschlagen, an der Außenalster zu parken und den herrlichen Nachmittag dort zu genießen. Das war eine gute Entscheidung, es war wirklich traumhaft dort. Wir spazierten im Park, schauten den Segelschiffen zu, kletterten auf dem Spielplatz, aßen Eis und später noch Abendbrot im Restaurant Alstercliff (teilten uns eine Pizza). Es war trotz der Menschenmassen, die alle das schöne Wetter genießen wollten, ein entspannter Nachmittag und ein schöner Einstieg in unsere Hamburg-Tage.




Am Abend checkten wir in unser Hotel ein (wir hatten zwei Doppelzimmer gebucht), erkundeten noch kurz die Örtlichkeiten, fuhren auf die Dachterrasse hoch und suchten verzweifelt nach einem bezahlbaren Parkplatz. Die Kinder schliefen spät ein, es war sehr warm in den Hotelzimmern und recht hell. Mein letzter Blick aus dem Fenster ließ mich eine tolle Silhouette von Hamburg im Sonnenuntergang sehen, mit der Elbphilharmonie und diversen Kirchtürmen. Die Nacht war durchwachsen und am Montag folgte dann unser Hamburg-Erkundungstag.


Mehr Wochenenden in Bildern (#wib) findet ihr wie immer bei Geborgen Wachsen.

Donnerstag, 12. Juli 2018

Alleinerziehend mit zwei Kindern. Wie wir die ersten Monate allein geschafft und erlebt haben

Vor einigen Wochen hat Frida vom Blog 2KindChaos, deren Vorgängerblog "Herzmutter" einer der ersten Mamablogs überhaupt war, die ich gelesen habe, erzählt, dass sie nun alleinerziehend ist. Für die LeserInnen, mich eingeschlossen, war das eine große Überraschung, denn Außenstehende bekommen ja meist nicht mit, wie man monate- oder jahrelang hadert und kämpft. Und wenn die Entscheidung dann gefällt wurde und der Übergang geschafft ist, pendelt sich manchmal alles so schnell ein und man empfindet es schon als Normalität, so dass der Antrieb zum Darüber-Schreiben irgendwie fehlt. So war es jedenfalls bei mir. Doch jetzt habe ich mir einen Ruck gegeben und möchte euch erzählen, wie unsere neue Familienkonstellation aussieht.

Seit 5 Monaten lebe ich nun allein mit den Kindern. Alleinerziehend im klassischen Sinne fühle ich mich eigentlich nicht, denn der Papa kümmert sich und ist für seine Kinder da. Natürlich liegt die Hauptlast im Alltag bei mir, denn die Kinder wohnen bei mir. Aber ganz allein bin ich nicht. Beziehungsweise genauso allein wie vorher auch, nämlich ohne sonstige Unterstützung außer dem Papa der Kinder. Für mich hat sich in organisatorischer Hinsicht gar nicht soviel verändert, außer dass ich jetzt auch morgens und abends allein mit den Kindern bin und an einem Tag des Wochenendes. Wer sehr aufmerksam mitgelesen hat, wird dies vielleicht bemerkt haben. Dafür habe ich an dem anderen Wochenendtag kinderfrei und damit nun erstmals, seit ich Mutter bin, regelmäßige und zuverlässige Auszeiten, um mich zu regenerieren und Kraft zu tanken. Vor allem ohne schlechtes Gewissen und ohne das Gefühl, man verlange/ erwarte zuviel. Ich genieße das sehr, auch wenn es sich oft noch total unwirklich anfühlt und in diesen Stunden oft die Traurigkeit hochkommt.

Bild: Frühlingskindermama

Insgesamt komme ich ganz gut klar, unser Alltag ist mit Arbeit, Schule und Kita genauso durchgetaktet wie vorher und wir haben Wert darauf gelegt, so wenig wie möglich im Tages- und Wochenrhythmus für die Kinder zu verändern. Das heißt beispielsweise, dass der Mann wie früher die Kinder morgens wegbringt und ich sie nachmittags abhole. Zum Glück konnte ich mit den Kindern in unserer Wohnung bleiben, da sie durch die (noch) geförderte Miete sehr preiswert ist. Ich habe nun endlich wieder einen Rückzugsraum für mich, wo ich auch schlafe, nachdem ich fast 5 Jahre mehr oder weniger schlecht mit der Kleinen zusammen geschlafen habe und keinerlei Bereich für mich hatte, seit ich mein Schlafzimmer zugunsten eines eigenen Kinderzimmers für die Kleine aufgegeben hatte. Das genieße ich so sehr. Entgegen meiner Erwartungen, dass sie mein Allein-Schlafen nicht akzeptieren und jede Nacht zu mir rüberwandern würde, schläft sie allein in ihrem Zimmer durch. Und ich kann endlich wieder abends zum Einschlafen lesen und werde nicht mehr durch jede Bewegung neben mir geweckt. Ansonsten ist in unserer Wohnung alles beim Alten geblieben, bis auf einige wenige Möbel, die der Mann mitgenommen hat.

Der Papa der Kinder wohnt in der Nähe, nicht zu nahe, so dass sie nicht nach Lust und Laune zu ihm gehen können, aber nahe genug, dass die Umgebung für sie vertraut ist und er im Notfall (der gleich am 2. Tag nach dem Auszug eintrat) schnell bei uns ist. Die Entfernung zur Schule und zur Kita ist fast identisch mit unserer, die Kinder können bei ihm ein paar neue Ecken und Spielplätze entdecken, bewegen sich aber im Grunde im gleichen Kiez. Er hat nicht viel Platz in seiner Wohnung, aber sie können bei ihm übernachten und tun dies auch an einem Tag des Wochenendes und manchmal auch noch zwischendurch, teilweise allein wegen Exklusivzeit und so. Recht schnell haben sie Freundschaft mit einem Kind aus dem neuen Haus des Papas geschlossen, wodurch nochmal mehr ein Vertrautheitsgefühl entstanden ist.

Wie geht es den Kindern?

Die Kinder haben die Umstellung unterschiedlich gut verkraftet. Obwohl alles ziemlich schnell ging, nachdem der Mann eine Wohnung gefunden hatte, kam die räumliche Trennung für sie ja nicht ganz überraschend. Mit dem Großen hatte ich schon oft theoretisch darüber geredet und auch die Kleine kannte das Thema. Da sie in ihrem direkten Freundeskreis mehrere Kinder hat, bei denen vor kurzem das Gleiche passiert war, sind für sie solche Familienkonstellationen relativ vertraut. Natürlich flossen trotzdem vor und während des Umzugs des Papas viele Tränen, und auch im Alltag kommen immer mal wieder die Traurigkeit und das Vermissen bei ihnen hoch. Es gab auch schon sehr tränenreiche Abschiede und (nur bei der Kleinen) Aussagen wie "Ich will zu Papa resp. Mama!". Das ist völlig normal und verständlich. Sie akzeptieren zwar die Aufteilung, die Wohnsituation und überhaupt die Tatsache an sich, haben aber verschiedene Arten, mit der Trennung der Familie umzugehen.

Der Große, der eigentlich sehr an seinem Papa hängt und viel früher von mir als Mama unabhängig war als die Kleine, kommt gut zurecht. Er weint mittlerweile kaum noch und steckt die Abschiede und Tage ohne Papa gut weg. Er scheint den Papa auch nicht sehr zu vermissen, sondern freut sich einfach, wenn er ihn sieht und bei ihm ist. Der Große ist ein Charakter, der weniger an Menschen, sondern vielmehr an Strukturen hängt. Wenn wir also umziehen hätten müssen oder sich überhaupt sein Alltag, seine Umgebung stark verändert hätte, wäre die Situation vermutlich deutlich schwieriger für ihn. Solange sein gewohnter Rahmen gleich bleibt, kann er die schwierigen Emotionen, die mit Sicherheit vorhanden sind, gut verarbeiten. Er ist mir auch darin übrigens sehr ähnlich.

Die Kleine ist ganz anders und es bricht mir das Herz, wie sie unter der Situation leidet. Obwohl sie eine deutlich engere Beziehung zu mir als zum Papa hat und meine Abwesenheit (z.B. während der Mutter-Kind-Kur) so unerträglich für sie war, dass sie mit körperlichen Symptomen (Neurodermitis) darauf reagierte, obwohl der Papa bei ihr lange Zeit nichts machen durfte, obwohl sie mit solchen Familienkonstellationen aus ihrem Freundeskreis auf jeden Fall vertrauter ist als der Große und obwohl auch für sie die äußeren Strukturen gleich geblieben sind, ist ihre Welt aus den Angeln geflogen und sie leidet extrem. Sie hängt sehr stark an Menschen, weniger an Strukturen, und vermisst den Papa jeden Tag. Gleichzeitig vermisst sie mich, wenn sie beim Papa ist, und dieser Zwiespalt frisst sie manchmal fast auf. Sie hat große Verlustängste und kein Vertrauen mehr.

Ihr Sicherheitsgefühl, ihre Selbstverständlichkeit, ihre Leichtigkeit haben einen großen Knacks bekommen, sie ist verunsichert, viel scheuer als früher und macht leider gerade in einigen Bereichen einen Rückfall in die Babyzeit durch. Sie weint sehr oft bei den Abschieden und mag sich mit der neuen Situation nicht abfinden. Und wer jetzt meint, dass es für sie trotzdem besser sei, als mit unglücklichen Eltern zusammenzuleben, der irrt: sie würde lieber unsere Konflikte, unsere Anspannung und unser Unglücklichsein in Kauf nehmen, wenn sie dafür beide Eltern um sich hätte. Das hat sie explizit so gesagt und das spürt man auch. Deshalb tut mir ihr Leid besonders weh, es schürft bei allen sozusagen jedesmal die Wunden auf, die sich gerade oberflächlich geschlossen hatten.

Die Geschwisterkonstellation

Äußerlich, d.h. in ihren Betreuungseinrichtungen, verhalten sich beide Kinder genauso wie vorher und zeigen bis jetzt keine negativen oder problematischen Veränderungen. Auch ihre externen Bezugspersonen bestätigen das, worüber wir sehr erleichtert sind. Zuhause hatte ich mir, ehrlich gesagt, durch die Auflösung der Erwachsenen-Konfliktsituation auch mehr Ruhe in der Geschwisterkonstellation versprochen. Bekanntlich sind meine Kinder sehr verschieden, harmonierten nie besonders gut miteinander und produzieren durch ihre ständigen Scharmützel immensen Stress, sowohl für sich selbst als auch für uns. Diejenigen, die um unsere Probleme wussten, erklärten sich die permanenten Geschwisterstreitereien natürlich gern als gespiegelte Eltern- Konflikte, und obwohl ich eigentlich nicht daran glaubte, da meine Kinder schon vom Wesen her so unterschiedlich sind, war die Erklärung natürlich so schön simpel und einleuchtend.

Leider hat sich aber seit der Trennung, und es sind 5 Monate, also eine durchaus bewertbare Zeit, vergangen, nicht wirklich etwas an der Geschwisterbeziehung verändert. Es gab am Anfang eine ganz kurze harmonische Phase, die mir Hoffnung machte, aber danach lief alles wieder wie bisher ab, mit viel Ärgern, viel Streiten, viel Missgunst, sie lassen sich einfach nicht in Frieden, sondern kleben aneinander, aber immer konfliktreich. Die Hoffnung auf Geschwister-Harmonie und Zusammenhalt in solch einer Situation hat sich also nicht bestätigt und das zeigt mir, dass die beiden grundsätzlich vom Typ her nicht gut zusammenpassen, entlastet uns aber auch von Selbstzweifeln und externen Vorwürfen, ob wir nicht doch "schuld" an ihrem Verhalten gewesen seien.

Doch obwohl die Geschwistersituation im Grunde gleich geblieben ist, empfinde ich das Zusammenleben insgesamt als weniger anstrengend, da viele Auseinandersetzungen mit ihnen auch daraus entstanden sind, dass wir als Eltern kein gutes Team waren und beispielsweise ich als Mama viel Ärger und Frust auffangen musste, die bei den Kindern durch manche Reaktionen des Papas entstanden sind. Dieses ständige Vermitteln, Auffangen, Trösten und Partei ergreifen hat mich oft sehr ausgelaugt, vor allem, wenn es Konflikte betraf, die ich nicht selbst verursacht habe, aber klären sollte. Das ist im Alltagsleben jetzt deutlich einfacher geworden und entlastet mich.

Das Finanzielle

Finanziell gesehen ist die Situation schwierig und noch nicht in Gänze überschaubar. Wir haben beide minimal unsere Wochenarbeitszeit aufgestockt, aber im Grunde finanzieren wir mit fast den gleichen Gehältern einen kompletten Haushalt mehr. Der Mann zahlt natürlich Unterhalt und wir müssen nicht hungern, aber man rechnet viel mehr als früher, hat Angst vor unvorhersehbaren Anschaffungen und jede Ausgabe tut doppelt weh. Urlaube werden im Moment vom Ersparten finanziert und das mache ich auch nur deshalb, weil es mir so viel bedeutet, mal wegzufahren. Eine Dauerlösung ist das nicht. Da wir unsere Einnahmen nicht groß steigern können, bleibt nur, perspektivisch die Ausgaben zu reduzieren. Die Mieten beider Wohnungen sind sehr preiswert, das Auto wird gebraucht, also bleibt eigentlich nur unser Garten, in den wir in den letzten 8 Jahren soviel Arbeit und Liebe gesteckt haben und der uns zumindest im Sommer eine preiswerte Wochenendgestaltung ermöglicht. Noch haben wir dazu nichts entschieden, aber im Grunde ist der Garten das einzige Stellschräubchen.

Es belastet sehr, wenn man auf Dauer mehr ausgibt als einnimmt, und auch die Kinder bekommen das schon mit. Ich erfasse seit Februar jede Ausgabe und Einnahme in einer App und werde im Jahresverlauf sehen, wie ich dastehe. Außerdem mache ich mir große Sorgen um meine Rente und insgesamt meine finanzielle Situation in der Zukunft. Ich habe früher schon einmal über das Thema geschrieben. Zum Glück habe ich nie meine Arbeit zugunsten der Familie aufgegeben und ich kann nur dringend an alle Mamas, die zuhause sind, appellieren: verlasst euch nicht darauf, dass die Beziehung schon halten wird und jemand für euch einsteht. Ihr wisst nicht, was später kommt und wie sich Menschen entwickeln. Ich habe das Glück, dass Unterhaltszahlungen selbstverständlich sind und nicht erfochten werden müssen oder ganz ausbleiben. Aber es gibt auch ganz andere Fälle und Situationen nach Trennungen.

Getrennt und trotzdem Familie

Zu den Gründen der Trennung möchte ich mich hier nicht äußern. Nur soviel vielleicht: wir waren schon 10 Jahre zusammen, als wir unseren Großen bekamen, hatten eine sehr schmerzhafte Fehlgeburt und sehr schwierige Kinderwunschjahre, also schon viele Höhen und Tiefen, hinter uns, aber unsere Beziehung, unsere Ehe hat leider den Belastungen, die das Leben mit Kindern mit sich bringt, trotz aller Anstrengungen nicht stand gehalten. Wir haben es uns nicht leicht gemacht und vieles versucht. Niemals hätte ich mir träumen lassen, mal in dieser Situation zu stecken. Unser Familientraum ist gescheitert, unsere Pläne und Vorhaben beerdigt, unsere Kinder haben ihre kleine Welt verloren, und das ist auf der Meta-Ebene ein ganz schreckliches Gefühl, auch wenn der Alltag jetzt einfacher ist.

Wir versuchen aber, trotzdem Dinge gemeinsam als Familie zu erleben, weil wir das ja sind und bleiben. Am Zeugnistag des Großen wurde selbstverständlich gemeinsam mit Pizza gefeiert, die Abschlussfeier seiner Klasse besuchten wir zu viert, die Geburtstagsausflüge fanden zusammen statt und sogar zwei Wochenendtrips, auf denen wir getestet haben, ob das funktioniert. Für die Kinder ist das schön und wertvoll und auch wichtig, finde ich. Ursprünglich hatten wir auch ein regelmäßiges gemeinsames Abendessen unter der Woche geplant, aber das hat sich eher als stressig erwiesen und wird im Moment nicht praktiziert. Wir müssen halt nach und nach ausprobieren, was funktioniert und was nicht. Auf jeden Fall lasse ich den Mann am Alltag der Kinder teilhaben, indem ich Fotos und Nachrichten schicke, Situationen erzähle und mich mit ihm austausche. Nun steht unser Sommerurlaub an, der zweigeteilt sein wird: die erste Woche urlaube ich mit den Kindern allein an der Ostsee und hoffe auf etwas Entspannung und gutes Wetter, die zweite Woche verbringen wir alle zusammen an drei verschiedenen Orten, darunter zwei Tage in Hamburg, mit Abwechslung und vielen Unternehmungen, so dass es sich für die Kinder und uns sicherlich nicht wie der klassische "alte" Familienurlaub anfühlen wird. Ich bin gespannt, ob das funktioniert und welche Schlüsse wir für's nächste Mal daraus ziehen werden.

Ich lebe jetzt also allein mit den Kindern und bin "getrennt gemeinsam erziehend", wie die Kleinstadtlöwenmama so passend über ihre Situation geschrieben hat. Alleinerziehend ist nicht gleich alleinerziehend, das finde ich sehr wichtig zu betonen. Wir sind beide für unsere Kinder da und wollen ihnen Sicherheit und Liebe geben, obwohl die Kernfamilie zerbrochen ist. Da wir keinerlei familiäres Netz hier haben, bleibt uns auch nichts anderes übrig, als uns gegenseitig zu unterstützen. Mittlerweile hat sich alles soweit gut eingespielt, auch wenn es natürlich immer wieder neue Situationen und Herausforderungen gibt. Diese müssen und wollen wir gut und einvernehmlich lösen, denn wir sind und bleiben Mama und Papa unserer beiden Kinder. Für immer.

Bildquelle: Pixabay

Sonntag, 8. Juli 2018

Das erste Schuljahr des Großen

Wo ist die Zeit bloß hin? Vor einem Jahr quälte ich mich mit den Gedanken, Sorgen und Befürchtungen hinsichtlich der Einschulung meines Großen und fühlte mich wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange. Dann kamen das Zuckertütenfest, sein letzter Kitatag, 4 Wochen Sommerferien für ihn und schließlich der Start im Ferienhort. Nach nur 4 Tagen erlitt er auf dem Schulhof, den er gerade erst kennengelernt hatte, einen Nasenbeinbruch, und schon eine Woche später fand seine Einschulung statt. Es war also eine sehr aufregende Zeit, in jeder Hinsicht, und so war ich trotz aller Ängste und Vorbehalte froh und erleichtert, als er endlich eingeschult und die für mich große Hürde erstmal überwunden war. Und nun hat er sein erstes Schuljahr schon geschafft und am Mittwoch sein erstes Zeugnis bekommen!

Er gewöhnte sich erstaunlicherweise sehr schnell ans System Schule und fand sich gut zurecht. Dass er vor Schulstart schon im Ferienhort war, erwies sich dabei als sehr hilfreich. Auch die Größe der Schule und der Lärmpegel schienen ihm nicht soviel auszumachen wie befürchtet. Anfangs bewegten sich die Erstklässler auch noch in einem geschützten Umfeld und wurden von der Horterzieherin liebevoll begleitet. In der ersten Schulwoche wurden die Kinder langsam daran gewöhnt, dass sie allein hoch in den Klassenraum gehen, denn die Eltern sollten dies explizit nicht übernehmen. Auch dies meisterte er gut. Seinen stark befahrenen Schulweg geht er morgens noch nicht allein, er wird die erste Hälfte der Strecke begleitet, bis wir zur Kita der Kleinen abbiegen. Oft trifft er dann Freunde und geht die restliche Strecke bis zur Schule mit ihnen zusammen.

Der straff durchstrukturierte Schulalltag liegt ihm sehr und kommt seiner Persönlichkeit, die viel äußere Struktur und einen festen vorhersehbaren Rhythmus braucht, entgegen. Alle an ihn gestellten Anforderungen konnte er erfüllen, ohne sich verbiegen oder besonders anstrengen zu müssen. Er ist kein Überflieger und es fehlt ihm oft an intrinsischer Motivation, sich selbst etwas beizubringen, aber er macht das, was verlangt wird, mit Freude und Leichtigkeit, ja, er ist dankbar darüber, wenn jemand ihm sagt, was er zu tun hat. Besonders freue ich mich darüber, dass er in seiner Klasse sehr beliebt ist und von seiner Lehrerin und Horterzieherin in seinem Wesen gesehen und wertgeschätzt wurde. Es ist sehr wichtig für seine Lernbereitschaft und Schulfreude, dass er sich wohlfühlt und in seinem vertrauten Umfeld ist.

Die Hausaufgaben erledigt er glücklicherweise täglich im Nachmittagshort, was mich sehr entlastet, weil ich Sorgen hatte, wie ich ihn dazu nach der Schule und mit der Kleinen an Bein motivieren sollte. Es macht bei ihm einen großen Unterschied, ob die Eltern oder Außenstehende etwas von ihm wollen. Zu den kleinen Leseübungen zuhause, die eigentlich nicht mehr als 5 Minuten kosten, kann ich ihn leider nur schwer überreden. Er windet sich und diskutiert herum, dabei wäre das so schnell erledigt. Er übt nicht selbstständig und hat auch nicht den Drang, noch mehr zu lernen als das, was gefordert ist, ja, er ist sogar oft genervt, wenn wir ihm etwas Neues beibringen wollen. Insofern bin ich dankbar, dass der Großteil der Arbeit noch in der Schule erledigt wird.

Das führte auch dazu, dass wir unsere Unternehmungen am Nachmittag weitestgehend beibehalten konnten, was ich vorher nicht für möglich gehalten hätte. Sicherlich braucht es mehr Zeit, die Kinder an zwei Stellen einzusammeln und unser Zeitfenster bis zum Abendbrot ist etwas kleiner als früher, aber im Großen und Ganzen können wir ins Cafè und auf den Spielplatz gehen oder Freunde treffen, so dass noch für Bewegung und frische Luft am Nachmittag gesorgt ist. Das ist schön und sehr wichtig! Im Winterhalbjahr habe ich deutlich gemerkt, dass der Große körperlich nicht ausgelastet war. 3 x 45 Minuten Sportunterricht pro Woche reichen für einen 7-jährigen Jungen eben nicht aus, zumal er aus der Kita sehr viel Draußensein gewohnt war. Deshalb bin ich sehr froh, dass wir nachmittags noch Zeit haben. Wir haben ihn auch bewusst für keinen einzigen Nachmittagskurs angemeldet, da er erstmal die ganzen Eindrücke und Veränderungen verarbeiten und mit seinem neuen Schulalltag zurechtkommen sollte.

Er hat schnell Freunde gefunden und ist integriert in den Kreisen seiner Altersgenossen. Da seine Klasse jahrgangsübergreifend ist, hat er auch Kontakt zu den Zweitklässlern bekommen. Insgesamt ist er in diesem Jahr unglaublich offen und selbstbewusst geworden, es ist der Wahnsinn, wie schnell er jetzt auch mit fremden Kindern eine Beziehung aufbaut und wie angesehen er ist. Lange Zeit mussten sämtliche Kontaktaufnahmen über uns Eltern laufen, jetzt findet er auch im Urlaub und auf dem Spielplatz meist schnell Spielgefährten. Besonders rührend ist, wie er in der Kita empfangen wird, wenn wir die Kleine abholen kommen: er wird sofort ins Fußballspiel integriert und kaum wieder hergegeben.

Dass er jetzt schreiben kann und wie er diese neue Fähigkeit nutzt, darüber habe ich in meinem Text Kleine Botschaften geschrieben. Wahnsinnig faszinierend und bewegend für mich! Rechnen konnte er schon vorher ganz gut, lesen kann er mittlerweile langsam, aber recht sicher, macht das aber nur ungern. Laut seiner Aussage ist er der erst- oder zweitbeste Erstklässler seiner Klasse. Als Zeugnis erhielt er eine 4-seitige Einschätzung ohne Noten, aber mit Kreuzen bei "besonders aufgeprägt, "gut ausgeprägt" etc., sortiert nach Bereichen und Fähigkeiten. Leider gab es keine Beurteilung in Textform, es hätte mich interessiert, wie seine Lehrerin über ihn schreibt. Unser einmaliges Elterngespräch mit ihr verlief seinerzeit sehr positiv und wertschätzend.

Ich und die Schule
 
Und wie bin ich selbst im System Schule und im Alltag einer Schulkindmutter angekommen? Ich muss sagen, das Schreckgespenst Schule hat mittlerweile seinen Schrecken verloren und ich habe meinen Frieden damit geschlossen, dass nun meine Kinder eines nach dem anderen in diesem Kreislauf drin sein werden. Mit einigen Dingen hadere ich immer noch, z.B. mit dem Thema des frühen Förderunterrichts, das uns zum Glück nicht betraf, aber andere Erstklässler durchaus beeinträchtigte und demotivierte. Ich hadere mit dem späten Mittagessen und dem Essensangebot, ich war teilweise echt entsetzt, wie selten und kurz im Winter rausgegangen wurde, und die relativ kurzfristig angesetzten Schließtage wegen Weiterbildung stellen berufstätige Eltern auch immer wieder vor Herausforderungen. Ansonsten fühle ich mich mittlerweile heimisch in der Schulumgebung und auch im Schulalltag.

Ich bin froh, dass wir uns für die wohnortnahe Einzugsgrundschule entschieden haben. Es ist nicht nur eine logistische Erleichterung mit zwei Kindern in unterschiedlichen Einrichtungen, sondern auch für die Kinder sehr wichtig, ihre vertrauten Wege zu gehen, sich in der Umgebung auszukennen und überall bekannte Kinder zu treffen. Bauchschmerzen bereitet mir lediglich die verkehrsreiche Straße, die er noch nicht allein überqueren soll, und schade finde ich, dass sich trotz guter neuer Freundschaften bisher kein neues soziales Netz gefunden hat, mit einem regelmäßigen Kindertausch, so wie es vor dem Wegzug seines besten Freundes der Fall war.

Obwohl er sein erstes Schuljahr toll gemeistert hat und wirklich nicht besser hätte sein können, fehlt mir bei meinem Großen oft die intrinsische Motivation und der Ehrgeiz, der über das Geforderte hinausgeht. Er ist perfektionistisch und will alles gut hinkriegen, was Außenstehende von ihm erwarten, aber es kommt nicht aus ihm selbst heraus. Mir fehlt, dass er sich selbst mal mit dem tollen Grundschullexikon beschäftigt oder sich selbst neue Dinge beibringt. Mir fehlt, dass er freudig erzählt, was er gelernt hat. Mir fehlt, dass er seine Brotdose und Trinkflasche mal ohne zu Meckern rausholt. Mir fehlt, dass er nicht so schnell das Handtuch wirft, wenn etwas nicht gleich klappt. Aber vielleicht erwarte ich da auch im Moment zuviel. In Anbetracht seiner unglaublichen persönlichen Entwicklung in diesem Schuljahr und wenn man bedenkt, welche Ängste und Sorgen ich hinsichtlich seines Schulstarts hatte, bin ich mehr als zufrieden, um nicht zu sagen total glücklich damit, wie alles gelaufen ist.

Er ist in der Schule angekommen - ich bin in der Schule angekommen. Das erste Schuljahr ist geschafft, es ist sehr schnell vergangen, viel schneller als die Kitajahre. Er hat viel neues gelernt, nicht nur in schulischer, sondern auch in sozialer und emotionaler Hinsicht. Er hat sich in einer neuen Umgebung und komplett anderen Struktur zurechtgefunden und diese Veränderungen großartig gemeistert. Er ist in jeder Hinsicht gewachsen und sehr viel offener und aufgeschlossener geworden. Insgesamt ist das Schuljahr für uns alle deutlich positiver verlaufen als erwartet und darüber sind wir alle froh.

Doch nun stehen erstmal 6 Wochen Sommerferien an, von denen der Große 4 Wochen auch tatsächlich frei hat. Er besucht die Großeltern, dann fahren wir in den Urlaub und danach haben wir ihn in einem Fußballcamp angemeldet, was er gern wollte. Die letzten beiden Wochen geht er in den Ferienhort, und dann wird er schon ein Zweitklässler sein. Unfassbar!

Donnerstag, 5. Juli 2018

WMDEDGT? am 5. Juli 2018 - Erster Ferientag

Gestern gab es in Berlin Zeugnisse und heute war der erste Ferientag. Mein Großer hat sein erstes Schuljahr geschafft! Wir haben abends mit einem Pizzaessen gefeiert und heute hatte ich mir frei genommen, damit er wirklich abschalten kann und ein Ferien-Feeling bekommt. Die letzten Wochen waren sehr terminreich und anstrengend und wir sind alle urlaubsreif.

Die Kleine ging in die Kita, der Große und ich frühstückten auf dem Balkon und dann kam schon um 9 Uhr der beste Freund des Großen zu Besuch. Dessen Eltern hatten zwar auch frei, aber da die beiden Jungs sich in den ganzen Ferien wahrscheinlich nicht sehen werden, weil sie immer abwechselnd weg sind, wollten die Jungs nochmal Zeit miteinander verbringen. Es war mega entspannt und sehr ruhig, die beiden harmonieren wirklich wahnsinnig gut und ich wünschte, meine Kinder würden sich mal einen einzigen Tag so gut miteinander beschäftigen wie diese beiden Jungen.

Sie fachsimpelten über die Fußball-Sammelkarten, spielten im Hausgarten mit den neuen Pop-Up-Fußballtoren*, die der Große für sein erfolgreiches 1. Schuljahr bekommen hatte, Fußball, solange es noch nicht zu heiß war, aßen Mittag und spielten nochmal, bevor wir zusammen die Kleine aus der Kita abholten. Das obligatorische Eis wurde im Lieblingscafè verspeist und dann wollten die beiden Freunde noch weiter spielen, so dass wir die Abholzeit etwas verschoben.


Zuhause angekommen, verschwanden sie gleich wieder im Zimmer des Großen. Es ist wirklich faszinierend, wie sich Kinder/ Menschen, die ähnlich ticken, miteinander beschäftigen können. Ich musste für keinerlei Bespaßung, sondern lediglich für die Verpflegung sorgen. Das habe ich nur sehr selten. Sie spielen nicht im klassischen Sinne, das können beide nicht, aber da sie sich in diesem Unvermögen ähnlich sind, finden sie eine Ebene, die super funktioniert. Anders als bei der Kleinen, die immer vom Großen erwartet, dass er mit ihr spielt und dann enttäuscht ist, während der Große genervt ist, dass sie ihm so auf der Pelle hängt.

Als der Freund um 17 Uhr abgeholt wurde (er war also 8 Stunden bei uns gewesen), musste ich noch schnell etwas einkaufen gehen. Eigentlich sollte nur die Kleine mit, aber der Große wollte nicht allein zuhause bleiben und so gingen wir zusammen. Ich holte mir bei Rewe an der Salatbar eine Schale voll Salat und die Kinder, die eigentlich keinen Salat essen, bekamen anscheinend Appetit und füllten für sich selbst auch jeweils eine kleine Schale. Wahrscheinlich fühlten sie sich wie am Hotel-Buffet;-). Die leeren Schalen werden wir in unseren Garten mitnehmen, damit die Kinder demnächst wieder Obst an vorbeigehende Spaziergänger und Fahrradfahrer verkaufen können. Am vergangenen Wochenende hatten sie Sauerkirschen in Bechern verkauft, was ihnen Spaß gemacht hatte.

Zuhause wurde Abendbrot gegessen, die Kinder hatten wie immer etwas Medienzeit, dann wurde geduscht und ich brachte sie ins Bett. Ein sehr entspannter erster Ferientag!

Mehr #wmdedgt gibt es wie immer bei Frau Brüllen.

Und mein letztes WMDEDGT? findet ihr hier.


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Samstag, 30. Juni 2018

Die U9 der Kleinen am 18. Juni 2018

Ich weiß noch sehr gut, wie aufgewühlt und erschöpft mich die U9 des Großen vor 2 Jahren zurückließ. Dort gab es nämlich Auseinandersetzungen bezüglich der Frage, ob man es einem Kind zumuten könne, direkt nach Ankunft in der Praxis, unvorbereitet und gegen das Versprechen der Mama mit einer völlig fremden Arzthelferin mitzugehen, um einen Test zu machen. Es gab viel Aufregung und Unverständnis am Anfang für meine deutliche Abwehrreaktion, dann eine wunderbar verlaufene U9 mit einem grandiosen Großen und schließlich am Ende ein versöhnliches, empathisches Gespräch mit der Kinderärztin. Dennoch fühlte ich mich danach unendlich ausgelaugt, denn diesem Muster begegne ich immer wieder, seit ich meinen Großen habe: einerseits Unverständnis für unseren ganz speziellen Weg mit ihm und andererseits die Bestätigung aufgrund seiner Entwicklung und seiner Fähigkeiten, wie gut dieser Weg für ihn war und ist.

Nun ist ja meine Kleine, die diesmal dran war, ein ganz anderes Wesen als der Große und ich wusste, dass die U9 mit Sicherheit weniger aufwühlend verlaufen würde als bei ihm. Trotzdem war ich gespannt auf bestimmte Situationen, da sie anders reagiert als er, nicht so gründlich überlegt, grundsätzlich mutiger ist und gleichzeitig in der letzten Zeit immer schüchterner und zurückhaltender geworden ist. So wie ich die Fähigkeiten des Großen manchmal schwer einschätzen kann, weil er oft erst, wenn es drauf ankommt, zeigt, was er kann, so unberechenbar ist die Kleine, weil sie Flüchtigkeitsfehler macht oder manches nicht so ernst nimmt. Kinder sind eben verschieden, und deshalb können die Vorsorgeuntersuchungen von Geschwisterkindern komplett gegensätzlich verlaufen.


Wir hatten gleich montags morgens um 8 Uhr einen Termin, diese Vorsorgen werden bei unserer Kinderärztin vor der regulären Sprechstunde gemacht. Ich bereitete die Kleine und mich selbst auf die verlangte Trennung direkt nach Ankunft vor, und ich denke, sie wäre auch problemlos mitgegangen, so wie sie es bei ihrer U8 vor einem Jahr schon getan hat. Aber überraschenderweise wurde diesmal nichts dergleichen verlangt und wir konnten zusammen in den Untersuchungsraum gehen, wo der Seh- und Hörtest gemacht wurden. Ich kam mir etwas veräppelt vor, nach dem Riesentheater beim Großen damals, und überlegte die ganze Zeit, ob die Praxis aus der Erfahrung damals (die sich bestimmt mit anderen Eltern wiederholte) gelernt hatte oder ob vielleicht sogar meine Beschwerdemail bei der Ärztekammer eine Rolle spielte.

Der Sehtest verlief sehr gut, der Hörtest weniger. Einerseits war die Kleine etwas erkältet, andererseits versuchte sie auch zu schummeln bzw. nahm die ganze Sache etwas zu leicht. Das merkte ich schon währenddessen an ihren Antworten, und die Ärztin bestätigte das nachher. Den Hörtest müssen wir nun demnächst wiederholen. Dann ging es weiter mit dem räumlichen Sehen, dem Sprachtest, Messen, Wiegen, auf einem Bein hüpfen, einen Ball werfen und fangen, auf Zehenspitzen und Hacken laufen und der körperlichen Untersuchung. Sie wiegt aktuell 19,3 kg bei einer Größe von 1,12 m und befindet sich exakt auf der mittleren Perzentile. Der Große war seinerzeit 21,2 kg schwer und 1,18 m groß.


Beim Zusammensetzen eines Puzzles benötigte sie Hilfe bei den letzten beiden Formen, und meiner Meinung nach strengte sie sich auch hier nicht genügend an. Als sie sich nach der körperlichen Untersuchung wieder anziehen sollte, um ein Bild zu malen, verlangte sie doch allen Ernstes meine Hilfe beim Anziehen der Leggins. Ich lachte und sagte zu ihr: "Na, du willst wohl jetzt ganz schnell mit Malen anfangen?!" Ich sah nämlich schon am Blick der Ärztin, dass sie das selbstständige Anziehen beobachtete, und sagte klar und deutlich, dass sie sich schon mit 2 Jahren selbst angezogen hat und dasjenige meiner beiden Kinder ist, was sich jeden Morgen problemlos, schnell und meist allein anzieht (im Gegensatz zum Großen). Die Kleine weiß natürlich nicht, dass die Ärztin ein unselbstständiges Anziehen evtl. als Problem notieren würde, und wollte einfach schnell zum Malen übergehen. Deshalb stellte ich dies klar, bevor es wieder thematisiert würde, und die Ärztin akzeptierte es. Sie kennt die Kleine ja nun auch schon ein wenig:-).

Bezüglich ihrer leichten Ausspracheprobleme geben wir uns immer noch ein wenig Zeit, ich schilderte der Kinderärztin, dass sich viele minimale Fehler in den letzten Monaten schon von selbst erledigt hatten. Auch hier ist es so, dass die Kleine, wenn sie sich konzentriert, alles perfekt meistert, jedoch oft eine zu große Leichtigkeit an den Tag legt, wodurch sich Fehler in ihre Artikulation einschleichen oder sie in Babysprache verfällt. Ich weiß und die Ärztin bestätigte dies auch, dass das bei vielen Kindern der Fall ist. Da ich aber den Großen im direkten Vergleich kenne, der sich in diesem Alter schon sehr bemüht hat, alles richtig zu machen, kommt mir die Kleine wie ein Schusselkopf vor. Sie hat einfach nicht den Anspruch des Perfektionismus und ist viel unbekümmerter, macht dadurch kleine Fehler, ist aber auch sehr natürlich und sympathisch. Sie ist viel mehr ein typisches Kind, was der Große nie war.

Besonders glücklich war ich, als sie beim Untersuchen der Haut der Kleinen keine erneuten Neurodermitisherde feststellte. Zur Erinnerung: die U8 vor einem Jahr hatte ja die traurige Erkenntnis zutage gebracht, dass die Kleine aufgrund des emotionalen Stresses, den sie empfunden hatte, als ich mit dem Großen zur Mutter-Kind-Kur war, Neurodermitis entwickelt bzw. ihre Veranlagung zum ersten Mal ausgebrochen war. Eine schreckliche Gewissheit für mich und mit viel schlechtem Gewissen verbunden. Zwar waren die Neurodermitisherde in den Wochen nach meiner Rückkehr wieder verschwunden, aber die Angst blieb natürlich trotzdem, dass sie bei erneutem Stress wieder ausbrechen würden. Aber glücklicherweise gab es vorerst Entwarnung; zwar ist sie anfällig dafür, aber im Moment sieht alles gut aus. Mir fiel ein Stein vom Herzen.

Dann sollte die U9 schon beendet sein. Ich staunte und merkte an, dass beim Großen noch sehr viele andere Tests gemacht wurden, wie z.B. Sätze ergänzen, Vergangenheitsformen bilden, männliche und weibliche Formen benennen sowie schwierig auszusprechende Wörter (Zischlaute) nachsprechen. Das war für mich damals sehr spannend gewesen und ich war verblüfft, was er alles schon wusste. Auf meine Anmerkung hin bestätigte sie, dass sie früher viel mehr abgefragt habe, dies aber eingestellt hat, weil sie einen Rüffel von der Ärztekammer bekam, weil sie damit Tests durchführte, die weit über die von den Kassen bezahlten Leistungen hinausgingen. Wieder stutzte ich, als die Ärztekammer ins Spiel kam...


Ihrer Einschätzung nach ist die Kleine super entwickelt, fröhlich, aufgeschlossen, umgänglich und hat alles, was ein 5-jähriges Kind nach den Kriterien der Vorsorgeuntersuchungen können muss, reibungslos gemeistert. Sie fragte noch, ob es mit ihr Probleme zuhause oder in der Kita gäbe, aber ich hatte tatsächlich nichts auf dem Herzen. Klar treibt sie mich immer mal wieder in den Wahnsinn und zeigte in den letzten anderthalb Jahren komplett andere Gesichter als in den ersten 3,5 Jahren, aber so ist eben anscheinend ihre Entwicklung, und gerade wird sie wieder etwas ruhiger. Wir besprachen noch kurz ein Problem, was den Großen betraf, und das war so bezeichnend: nach der U9 der Kleinen ein Problem des Großen zu besprechen.

Dann marschierte die Kleine hinaus, als wäre nix gewesen, ich hinterher, und wir fuhren zusammen zur Kita, wo ich sie um 9:30 Uhr abgab. Das nachfolgende Gefühl kam mir so unwirklich vor: keine bleierne Schwere, kein emotionales Ausgelaugtsein, kein aufgewühltes Nachhallen wie damals beim Großen nach dieser unsäglichen Diskussion über die Notwendigkeit der Trennung und die spätere "Versöhnung". Einfach eine normale U9 mit einer (für meinen Geschmack etwas zu) entspannten Kleinen und keinen Problemen, die über das Übliche hinausgehen. In solchen Situationen kommt bei mir immer wieder das Gefühl der ersten Jahre mit ihr hoch, diese Leichtigkeit, diese Ausgeglichenheit, diese Sicherheit im Mamasein, was mir ja in der zuletzt nervenaufreibenden Zeit mit ihr abhanden gekommen ist.

Deutlich wurde wieder einmal, dass sie ein komplett anderer Charakter als der Große ist. Während er bei jeder Sache gewissenhaft überlegt und erst eine Antwort gibt, wenn er sich sicher ist, alles Ernst nimmt und sehr perfektionistisch ist, nimmt sie alles viel leichter, schert sich nicht um Fehler und Schusseligkeiten und liefert trotzdem ein sehr gutes, wenn auch nicht perfektes Ergebnis ab. Ich staunte wieder über ihre Unbekümmertheit und über die großen Unterschiede zwischen meinen beiden Kindern. Eigentlich war es schade, dass nicht all diese sprachlichen Tests mit ihr gemacht wurde, die der Große noch hatte. Es hätte mich interessiert, wie sie sich darin geschlagen hätte. Aber spätestens zur Einschulungsuntersuchung wird das auf die Agenda kommen. Und ich bin unheimlich gespannt, wie sie dann die Schulzeit meistern wird.

Denn nächstes Jahr wird sie eingeschult und ab August ist sie ein Vorschulkind!

Dienstag, 26. Juni 2018

Mehr von allem: "So viel Freude, so viel Wut. Gefühlsstarke Kinder verstehen und begleiten" (Rezension)

Dieses Buch ist ein Feuerwerk! Ein Feuerwerk an Informationen, an Liebe, an Empathie, an Wertschätzung, an Unterstützung. Die erste Auflage war innerhalb kurzer Zeit ausverkauft, die Lesereise der Autorin sehr erfolgreich und der von ihr geschaffene Begriff der gefühlsstarken Kinder etablierte sich in Windeseile in interessierten Elternkreisen. Es geht um das Buch "So viel Freude, so viel Wut. Gefühlsstarke Kinder verstehen und begleiten" von Nora Imlau, das Ende Mai 2018 im Kösel Verlag erschienen ist. Nora Imlau ist Journalistin und Fachautorin und eine der wichtigsten Expertinnen für Baby- und Kleinkindthemen im deutschsprachigen Raum.

Gefühlsstarke Kinder - was ist das überhaupt? Haben nicht alle Kinder starke Gefühle, in manchen Phasen ausgeprägter, in anderen weniger? Durchaus, aber bei den in diesem Buch beschriebenen Kindern geht es um eine bestimmte Temperamentsausprägung, um Kinder, die einfach anders sind als ihre Altersgenossen, die von allen Gefühlen nur die Extremvariante zu kennen scheinen und die selten richtig ausgeglichen oder mit sich im Reinen zu sein scheinen: "Sie sind extrem feinfühlig und gleichzeitig extrem impulsiv, extrem neugierig und extrem schnell von neuen Reizen überfordert, extrem nähebedürftig und extrem freiheitsliebend, extrem mutig und extrem ängstlich, extrem begeisterungsfähig und extrem schnell am Boden zerstört." (S. 18f.) Sie sind bedürfnisstärker, fordernder und damit für ihre Bezugspersonen anstrengender als andere Kinder und gleichzeitig steckt in ihnen ein großartiges Potential, das mit empathischer und adäquater Begleitung zur Entfaltung gebracht werden kann.

Definition

Den Begriff "Gefühlsstarke Kinder" hat Nora Imlau in Anlehnung an Mary Sheedy Kurcinkas Terminus "Spirited Children" geschaffen. Ich habe das wunderbare Buch von Kurcinka, das auch Nora Imlau inspiriert hat, unlängst hier vorgestellt. Bei Kurcinka geht es ebenfalls um Kinder mit einer bestimmten Spielart des Temperaments, und Nora Imlau greift diese Erkenntnisse auf und hat mit "So viel Freude, so viel Wut"* das erste deutschsprachige Buch zu diesem Thema vorgelegt. Auch hat sie die Facebookgruppe "Gefühlsstarke Kinder verstehen und begleiten" gegründet, in der ein sehr ausgewogener, empathischer Austausch stattfindet. Der Begriff "Gefühlsstarke Kinder" soll explizit den Fokus auf die positiven Aspekte dieses Temperaments legen, anstatt immer wieder genannte Attribute wie schwierig, anstrengend, unangepasst, wild, fordernd, unzufrieden zu reproduzieren. Es ist ein Begriff, der "die ganze Kraft und den ganzen Reichtum ihres besonderen Temperaments zum Ausdruck bringt". (S. 21)

Laut Kurcinka und Imlau ist jedes siebte bis zehnte Kind gefühlsstark, wobei es sich nicht um eine Anomalie oder Krankheit, sondern um eine besondere Ausprägung der Persönlichkeit, des Temperaments handelt, die durch bestimmte Merkmale charakterisiert wird. Es gibt starke Überschneidungen zu High-Need-Kindern und hochsensiblen Kindern, wobei Imlaus "Gefühlsstärke" laut ihrer Definition über Hochsensibilität hinaus geht.

Typische Eigenschaften gefühlsstarker Kinder sind:
  • Sie erleben alle Gefühle sehr intensiv
  • Sie sind extrem ausdauernd und hartnäckig 
  • Sie sind sehr empfindlich und leicht irritierbar
  • Sie sind sehr reizoffen und nehmen alles wahr
  • Sie brauchen Struktur und Routinen und können mit Abweichungen schlecht umgehen
  • Sie haben ein hohes Energieniveau, sind aktiv und oft unruhig
  • Sie kommen schlecht mit Veränderungen und Übergängen klar
  • Sie sind oft kritisch, pessimistisch und unzufrieden

Die Eltern gefühlsstarker Kinder merken meist schon sehr früh, dass ihr Baby bzw. Kleinkind anders ist als andere, denn oft schläft es wenig, schreit schnell und viel, lässt sich schwer beruhigen, liegt nicht ruhig auf der Spielmatte, ist ein wählerischer Esser, hat ausgeprägte Wutanfälle, ist immer in Bewegung und selten mal ruhig und zufrieden. Je nach elterlicher Disposition und vielen anderen Faktoren wie vorhandener Unterstützung, Feedback und Regenerationsmöglichkeiten kommen Eltern unterschiedlich mit diesem herausfordernden Temperament klar, fühlen sich allein gelassen und unverstanden und fragen sich mal mehr, mal weniger, warum das Kind so ist, wie es ist. Imlau macht jedoch absolut deutlich, dass keiner dafür verantwortlich ist oder sogar "Schuld" daran trägt, sondern es sich um ein angeborenes Persönlichkeitsmerkmal handelt, das zwar nicht verändert, aber durchaus liebevoll begleitet werden kann, damit das Kind seine Besonderheiten nicht als Schwäche, sondern als Stärke, Bereicherung und Chance empfindet.

Sehr wichtig bei der Begleitung gefühlsstarker Kinder ist beispielsweise die Co-Regulation durch Bezugspersonen. Diese Kinder haben aufgrund ihrer Disposition eine nur schwach ausgeprägte Selbstregulation und fallen durch ihre besonders empfindliche Amygdala, die "Alarmanlage des Gehirns", schnell in eine Stress- und Überreaktion, werden von ihren Gefühlen überwältigt und können sich nicht selbst beruhigen. Hier ist die Unterstützung der Bezugspersonen unglaublich wichtig, denn nur durch immer wiederholte Beruhigung und Trost von außen finden diese Kinder in ihre innere Mitte zurück und können Fähigkeiten entwickeln, die sie später in die Lage versetzen, sich selbst aus Stress- und Krisensituationen herauszuholen. "Wir Eltern sollten es unbedingt als unsere Aufgabe verstehen, unser Kind mit seinen überbordenden Emotionen nicht alleine zu lassen, sondern gemeinsam mit ihm nach einem Weg zu suchen, mit seiner intensiven Gefühlswelt besser klarzukommen." (S. 85) Entscheidend sind Verständnis und Empathie, so dass man aus dem Kampfmodus aussteigen und in den Beziehungsmodus finden kann.

Die Rolle der Eltern

Nun ist das je nach Disposition der Eltern, die auf ein gefühlsstarkes Kind treffen, nicht ganz einfach, und Imlau schildert mehrere mögliche Konstellationen im Familienleben, die besondere Schwierigkeiten, aber auch besondere Chancen bieten. Diese Seiten (ab S. 96) empfand ich persönlich als besonders erleuchtend, denn je nach Kombination Elternteil - Kind entwickelt sich eine ganz unterschiedliche Dynamik, wie mit diesem Temperament umgegangen wird. Besonders explosiv ist die Konstellation, wenn ein gefühlsstarkes Elternteil auf ein gefühlsstarkes Kind trifft, und diese Kombination ist sehr wahrscheinlich, denn Gefühlsstärke wird vererbt. Imlau schildert hier einige hilfreiche Tipps und Methoden, denn in jeder dieser Konstellationen müssen nicht nur die Kinder, sondern vor allem auch die Eltern lernen, mit ihren eigenen Emotionen und denen des Kindes umzugehen, denn das Verhalten des gefühlsstarken Kindes kann alte Wunden triggern. Ein sehr bereicherndes Kapitel!

Das Buch stellt immer wieder klar, dass man an gefühlstarke Kinder nicht mit den Maßstäben, die für andere Kinder gelten, herangehen kann. Ein Kind schläft, wenn es müde ist, isst und trinkt, wenn es hungrig und durstig ist, ruht sich aus, wenn es erschöpft ist, beruhigt sich schnell, wenn man sich ihm zuwendet? Diese Maßstäbe gelten für gefühlsstarke Kinder nicht oder nur bedingt. Sie haben eine schwach ausgeprägte Selbstregulationsfähigkeit und eine niedrige Schwelle des Stressempfindens. Oftmals übertreten sie ihre eigenen Grenzen, ohne es zu merken, oder wir Eltern übertreten sie ungewollt, was wir meist erst durch die nachträgliche heftige Reaktion des Kindes merken. Wir sind dazu da, die Stressauslöser des Kindes zu erkennen und ihnen Strategien zum Umgang mit ihnen zu vermitteln.

Gefühlsstarke Kinder brauchen nicht nur Co-Regulation im emotionalen Bereich, sondern auch beim Schlafen, beim Essen, beim Körpergefühl, bei der Balance zwischen Aktion und Ruhe und profitieren von vorhersehbaren, festen Strukturen und Routinen. Gleichzeitig mögen sie keine Fremdbestimmung, sind sehr freiheitsliebend und oft auch rebellisch, haben ein starkes Gerechtigkeitsempfinden und einen großen Unabhängigkeitsdrang. Die Gratwanderung ist manchmal sehr schwierig und muss immer wieder neu austariert werden, Das alles erinnert sehr an die von Jesper Juul beschriebenen autonomen Kinder, die ich in mehreren Blogtexten vorgestellt habe. Sicherlich gibt es auch hier Überschneidungen, wie zu den Themen hochsensible und High-Need-Kinder.

Für die Co-Regulation von gefühlsstarken Kindern im Alltag gibt es viele praktische Tipps, Anregungen und Hilfestellungen im Buch, die man sich als Elternteil eines solchen Kindes jahrelang mühsam selbst erarbeitet hat. Dies so geballt schwarz auf weiß zu lesen, ist unglaublich bestätigend, und Nora Imlau schafft es durch ihre feinfühlige, empathische und gleichzeitig sachliche Art des Schreibens, dass man sich als Eltern nie schlecht fühlt, auch wenn man vielleicht mal nicht optimal reagiert, was ja völlig normal ist, besonders in schwierigen Persönlichkeitskonstellationen. Es gibt Tipps für die Babyzeit, für die Eingewöhnung in Betreuungseinrichtungen und für die Schulzeit, ebenso wie für das Familienleben mit einem gefühlsstarken Kind, z.B. das Umgehen mit Geschwistern, das Achten auf individuelle Energiequellen, unterschiedliche Erziehungsvorstellungen von Eltern und weiterem Kinderwunsch.

Und trotz aller Schwierigkeiten und Herausforderungen geht es auch immer wieder um das Potential dieser Kinder, um den Reichtum dieses Temperaments, um die Chance des Miteinander-Wachsens. Gefühlsstärke beinhaltet höchste Emotionen, sowohl negativ als auch positiv. Die Begeisterungsfähigkeit, Neugierde und Leidenschaft dieser Kinder, die Ausdauer und der Gerechtigkeitssinn, die Feinfühligkeit und Empathie können Früchte tragen, wenn "sie mit unserer Begleitung lernen, ihre starken Gefühle zu regulieren, ohne sie zu unterdrücken" (S. 295).

Fazit

Dieses Buch ist eine wunderbare Schatztruhe an Erkenntnissen und Hilfestellungen für den Umgang mit gefühlsstarken Kindern. Es bringt dieses Thema erstmals so umfassend auf den deutschen Buchmarkt und wird unzähligen Eltern dieser Kinder helfen, sich nicht mehr ganz so hilflos und allein zu fühlen. Und in vielen Eltern, die einstmals selbst gefühlsstarke Kinder waren, aber nicht adäquat begleitet wurden, schmerzhafte Erinnerungen und Emotionen wecken, die dazu beitragen können, sich zu reflektieren und vieles anders zu machen.

Als Mutter eines hochsensiblen, gefühlsstarken Kindes, das introvertiert, aber trotzdem explosiv, das fordernd und gleichzeitig so verletzlich ist, das sich unglaublich positiv entwickelt hat und trotzdem immer wieder Co-Regulation benötigt, fühle ich mich total abgeholt und aufgefangen von diesem großartigen Buch. Es öffnet die Augen, es bestätigt, es regt zum Erkennen und Nachdenken an, und vor allem, es entlastet. Es zeigt deutlich auf, dass man weder allein mit noch schuld an dem besonderen Temperament seines Kindes ist, sondern die Aufgabe bekommen hat, dieses Kind in all seinen Herausforderungen, aber auch seinen Möglichkeiten zu sehen und angemessen zu begleiten, damit es sein Potential entwickeln kann.

Das Buch berührte mich schon auf den ersten Seiten tief und ließ mich nicht mehr los. Die Schreibweise von Nora Imlau ist so warmherzig und gleichzeitig sachlich, so alltagsbezogen und unterstützend, dass man sich beim Lesen wie in einer geborgenen Glocke fühlt. Man spürt, dass ihre eigenen Erfahrungen mit hineinfließen und es ein Herzensthema für sie ist, und trotzdem gelingt es ihr, das Thema aus einer übergeordneten Perspektive zu beschreiben. Ein wirklich wundervolles Werk und eine Pionierarbeit zu diesem Thema, eine Bereicherung und Erleuchtung für Eltern gefühlsstarker Kinder und alle anderen natürlich auch. Ich weiß noch, wie ich auf dieses Buch stieß, die Hashtags des Verlags las, Nora Imlau auf Twitter anschrieb und dann wusste, das passt! Ich bin unglaublich dankbar, dass es das Buch gibt, denn auch wenn es für unsere allerschwierigsten Jahre zu spät kam, wird es in Zukunft unzähligen Eltern helfen.

Ich wünsche dem Buch viele Leser, damit das Verständnis für das Thema, für angeborene Temperamente und für Eltern untereinander wächst. Gefühlsstarke Kinder sind ein Geschenk - ein herausforderndes und ganz besonderes Geschenk. Dieses Buch trägt dazu bei, dass wir Eltern es auch als solches empfinden.

Klare Leseempfehlung aus tiefstem Herzen!


Die Eckdaten:
Nora Imlau: So viel Freude, so viel Wut. Gefühlsstarke Kinder verstehen und begleiten*, Kösel Verlag, Mai 2018, 320 Seiten, ISBN 978-3466310951, 20,- €


Hier könnt ihr ein Video sehen, in dem Nora Imlau über ihr Buch (und über ihr eigenes gefühlsstarkes Kind) spricht:
https://www.youtube.com/watch?v=LEL86zHNW-g


Vielen Dank an den Kösel Verlag für das Rezensionsexemplar!


Wenn euch meine Rezension gefallen hat, würde ich mich sehr freuen, wenn ihr mich unterstützt und mir über diesen Link symbolisch einen Kaffee spendiert:-):



*Affiliate Link (gleicher Preis für euch, kleine Provision für mich)

Samstag, 16. Juni 2018

Ein Kinofilm und eine unerwartete Begegnung

Gestern war ich im Kino und habe mir den Film "Tully" angesehen. Darin geht es um eine Mutter, die ziemlich überfordert und unglücklich in ihrem Leben mit drei Kindern, darunter ein Neugeborenes und ein sehr herausforderndes Kind, ist und die mit Hilfe einer Nacht-Nanny, die sie nicht nur nachts mit dem Baby, sondern auch im Haushalt und auf psychischer Ebene unterstützt, wieder zu ihrem früheren Ich, ihrer Lebensfreude und Abenteuerlust zurückfindet. Der Film stellt Mutterschaft und Familienleben ungeschönt und realistisch dar und macht klar, dass das Kinderhaben nicht nur keinesfalls zum Lebensglück einer Frau führen muss, sondern sie im Gegenteil sogar unglaublich destabilisieren kann.

Ich war allein, das Kino war fast leer und der Film bewegte mich sehr, denn das Gefühl, mit der Mutterschaft zu hadern und unglücklich zu sein, kenne ich nur zu gut. Als ich anfing zu bloggen, war dieses Gefühl noch sehr präsent. Ebenso gut kenne ich die Sehnsucht nach dem früheren Ich und dem Leben vor den Kindern, was die Liebe zu ihnen aber in keinster Weise schmälert; deshalb spiegelte dieser Film gewissermaßen genau die Ambivalenz, die ich mit mir herumschleppe, seit ich Mutter bin. Schon in meinem allerersten Blogpost überhaupt (Ich sollte nicht ins Kino gehen) habe ich diese ambivalenten Gefühle beschrieben, bezeichnenderweise auch an einem Kino-Beispiel.

Als ich das Kino verließ, war ich ziemlich zerknautscht und verheult, erschöpft von der Arbeitswoche, müde wegen Kopfschmerzen und insgesamt emotional derangiert. Ich wollte nur noch nach Hause und diese Gefühle verarbeiten, bis ich wieder in meiner Mitte sein würde. In diesem Moment klopfte mir jemand von hinten auf die Schulter. Ich drehte mich um - und blickte ins Gesicht meines ersten Freundes, der ebenso überrascht war, mich an diesem Ort, in dieser Millionenstadt Berlin wiedergefunden zu haben. Unsere Beziehung ist 20 Jahre her und wir hatten uns bestimmt 10 Jahre nicht mehr gesehen, aber er sah noch fast genauso aus wie damals und ich hätte ihn auch sofort erkannt. Da er selbst in einen Film gehen wollte, hatten wir nur kurz Zeit zum Reden, aber das war vielleicht ganz gut, denn ich war ziemlich durcheinander.

Die Begegnung mit diesem Freund, der aus einem früheren, kinderlosen (wenn auch nicht problemlosen) Leben stammte, setzte quasi den Emotionen, die in mir waberten, die Spitze auf. Er verkörperte als kinderloser, ungebundener, selbstständig arbeitender Mann, der sich ein wenig unser damaliges Studentenleben bewahrt hatte, in diesem Moment die Sehnsucht nach dem früheren Leben, die durch den Film aufgebrochen war. Ich schämte mich dafür, dass ich so verhärmt, müde, ergraut, augenberingt und zusätzlich noch verheult aussah und ihm das Bild einer gealterten, erschöpften und zerrissenen Zweifach-Mutter darbot. Gleichzeitig war es total skurril, diesem ehemals vertrauten Menschen gegenüber zu stehen und zu sehen, dass dieser sich fast nicht verändert hat, weder äußerlich noch in der Lebensweise, wohingegen ich selbst mich im Vergleich zur damaligen Zeit durchaus verändert und durch die Mutterschaft in vielen Aspekten völlig neu kennengelernt habe.

Bildquelle: Pixabay

All diese Gedanken und Gefühle schwirrten durch meinen Kopf und parallel versuchte ich, in der Kürze der Zeit halbwegs sinnvolle Informationen auszutauschen. Es war wirklich merkwürdig, wie sich quasi der Film durch diese unerwartete Begegnung fortsetzte. Als wir auseinandergingen, hatte ich das Gefühl, gleich zwei bewegende Ereignisse verarbeiten zu müssen. Zum Glück hatte ich danach die nötige Zeit und Ruhe dazu. Als würde der Zufall dieser Begegnung nach so vielen Jahren noch nicht ausreichen, kam sie in einem Moment, der sowieso schon sehr emotional und labil war. Das war sehr verwirrend und hinterließ ein unabgeschlossenes Gefühl. Genau wie der Film "Tully", dessen oberflächlich betrachtetes Happy End für mich keines war.

Und um den Bogen zu meinen beiden wunderbaren Kindern zu schließen: besonders berührt hat mich in dem Film die Figur des (wahrscheinlich autistischen) Jungen Jonah, der mich in seinen Herausforderungen, seinen Ängsten, seinen Eigenarten, seiner Wut, seinen Problemen mit Übergängen und Neuem und seiner Starrheit sehr an meinen Großen erinnerte und mir gleichzeitig wieder einmal die riesengroße, verblüffende und wunderbare Entwicklung, die mein Großer gemacht hat, vor Augen führte. Denn mein Großer war einst ein ähnliches Kind wie Jonah, aber er hat sich unglaublich verändert. Nicht nur ist er stabiler, ausgeglichener, offener und flexibler geworden, sondern auch wir haben in den meisten Bereichen gute Wege für uns alle gefunden. Er ist fröhlich, beliebt, gemeinschaftskonform, anerkannt, anpassungsfähig und kein Außenstehender, der ihn kennt, würde ihn mit dem Jungen Jonah aus dem Film in Verbindung bringen.

Doch wir kennen ihn von Geburt an und wissen um seine (und unsere) Schwierigkeiten. Eine unglaublich tolle Entwicklung hat er gemacht, was wir auch durchaus bemerken und würdigen, aber dies nun so deutlich und bewegend im Vergleich zu Jonah zu sehen, war sozusagen die dritte emotionale Herausforderung an diesem Abend für mich. Und brachte das Thema der Kinder wieder mitten hinein in meine Gedanken, das Kreisen und Ringen um die Mutterschaft.

Denn das Eine gibt es bei mir nicht ohne das Andere. Es gibt nicht nur die Zerrissenheit und das Hadern, sondern auch die Liebe und die Freude über die Kinder. Es gibt den Freiheitsdrang und die Dankbarkeit. Es gibt Streit und Harmonie. Es gibt die unfassbar komische Situation, wenn du deinem Kind eines deiner absoluten und emotionalsten Lieblingsduetts, "One" von Bono und Mary J. Blige vorspielst und es dann sagt: "So, und jetzt bitte Biene Maja!". Das alles umfasst meine Mutterschaft. Dieser Abend, dieser Film und diese Begegnung brachten all dies wieder einmal zu Bewusstsein. Das ist schmerzhaft und schön zugleich, wie das Leben eben oft ist. Insofern war es weitaus mehr als:

Ein Kinofilm und eine unerwartete Begegnung.