Samstag, 16. Juni 2018

Ein Kinofilm und eine unerwartete Begegnung

Gestern war ich im Kino und habe mir den Film "Tully" angesehen. Darin geht es um eine Mutter, die ziemlich überfordert und unglücklich in ihrem Leben mit drei Kindern, darunter ein Neugeborenes und ein sehr herausforderndes Kind, ist und die mit Hilfe einer Nacht-Nanny, die sie nicht nur nachts mit dem Baby, sondern auch im Haushalt und auf psychischer Ebene unterstützt, wieder zu ihrem früheren Ich, ihrer Lebensfreude und Abenteuerlust zurückfindet. Der Film stellt Mutterschaft und Familienleben ungeschönt und realistisch dar und macht klar, dass das Kinderhaben nicht nur keinesfalls zum Lebensglück einer Frau führen muss, sondern sie im Gegenteil sogar unglaublich destabilisieren kann.

Ich war allein, das Kino war fast leer und der Film bewegte mich sehr, denn das Gefühl, mit der Mutterschaft zu hadern und unglücklich zu sein, kenne ich nur zu gut. Als ich anfing zu bloggen, war dieses Gefühl noch sehr präsent. Ebenso gut kenne ich die Sehnsucht nach dem früheren Ich und dem Leben vor den Kindern, was die Liebe zu ihnen aber in keinster Weise schmälert; deshalb spiegelte dieser Film gewissermaßen genau die Ambivalenz, die ich mit mir herumschleppe, seit ich Mutter bin. Schon in meinem allerersten Blogpost überhaupt (Ich sollte nicht ins Kino gehen) habe ich diese ambivalenten Gefühle beschrieben, bezeichnenderweise auch an einem Kino-Beispiel.

Als ich das Kino verließ, war ich ziemlich zerknautscht und verheult, erschöpft von der Arbeitswoche, müde wegen Kopfschmerzen und insgesamt emotional derangiert. Ich wollte nur noch nach Hause und diese Gefühle verarbeiten, bis ich wieder in meiner Mitte sein würde. In diesem Moment klopfte mir jemand von hinten auf die Schulter. Ich drehte mich um - und blickte ins Gesicht meines ersten Freundes, der ebenso überrascht war, mich an diesem Ort, in dieser Millionenstadt Berlin wiedergefunden zu haben. Unsere Beziehung ist 20 Jahre her und wir hatten uns bestimmt 10 Jahre nicht mehr gesehen, aber er sah noch fast genauso aus wie damals und ich hätte ihn auch sofort erkannt. Da er selbst in einen Film gehen wollte, hatten wir nur kurz Zeit zum Reden, aber das war vielleicht ganz gut, denn ich war ziemlich durcheinander.

Die Begegnung mit diesem Freund, der aus einem früheren, kinderlosen (wenn auch nicht problemlosen) Leben stammte, setzte quasi den Emotionen, die in mir waberten, die Spitze auf. Er verkörperte als kinderloser, ungebundener, selbstständig arbeitender Mann, der sich ein wenig unser damaliges Studentenleben bewahrt hatte, in diesem Moment die Sehnsucht nach dem früheren Leben, die durch den Film aufgebrochen war. Ich schämte mich dafür, dass ich so verhärmt, müde, ergraut, augenberingt und zusätzlich noch verheult aussah und ihm das Bild einer gealterten, erschöpften und zerrissenen Zweifach-Mutter darbot. Gleichzeitig war es total skurril, diesem ehemals vertrauten Menschen gegenüber zu stehen und zu sehen, dass dieser sich fast nicht verändert hat, weder äußerlich noch in der Lebensweise, wohingegen ich selbst mich im Vergleich zur damaligen Zeit durchaus verändert und durch die Mutterschaft in vielen Aspekten völlig neu kennengelernt habe.

Bildquelle: Pixabay

All diese Gedanken und Gefühle schwirrten durch meinen Kopf und parallel versuchte ich, in der Kürze der Zeit halbwegs sinnvolle Informationen auszutauschen. Es war wirklich merkwürdig, wie sich quasi der Film durch diese unerwartete Begegnung fortsetzte. Als wir auseinandergingen, hatte ich das Gefühl, gleich zwei bewegende Ereignisse verarbeiten zu müssen. Zum Glück hatte ich danach die nötige Zeit und Ruhe dazu. Als würde der Zufall dieser Begegnung nach so vielen Jahren noch nicht ausreichen, kam sie in einem Moment, der sowieso schon sehr emotional und labil war. Das war sehr verwirrend und hinterließ ein unabgeschlossenes Gefühl. Genau wie der Film "Tully", dessen oberflächlich betrachtetes Happy End für mich keines war.

Und um den Bogen zu meinen beiden wunderbaren Kindern zu schließen: besonders berührt hat mich in dem Film die Figur des (wahrscheinlich autistischen) Jungen Jonah, der mich in seinen Herausforderungen, seinen Ängsten, seinen Eigenarten, seiner Wut, seinen Problemen mit Übergängen und Neuem und seiner Starrheit sehr an meinen Großen erinnerte und mir gleichzeitig wieder einmal die riesengroße, verblüffende und wunderbare Entwicklung, die mein Großer gemacht hat, vor Augen führte. Denn mein Großer war einst ein ähnliches Kind wie Jonah, aber er hat sich unglaublich verändert. Nicht nur ist er stabiler, ausgeglichener, offener und flexibler geworden, sondern auch wir haben in den meisten Bereichen gute Wege für uns alle gefunden. Er ist fröhlich, beliebt, gemeinschaftskonform, anerkannt, anpassungsfähig und kein Außenstehender, der ihn kennt, würde ihn mit dem Jungen Jonah aus dem Film in Verbindung bringen.

Doch wir kennen ihn von Geburt an und wissen um seine (und unsere) Schwierigkeiten. Eine unglaublich tolle Entwicklung hat er gemacht, was wir auch durchaus bemerken und würdigen, aber dies nun so deutlich und bewegend im Vergleich zu Jonah zu sehen, war sozusagen die dritte emotionale Herausforderung an diesem Abend für mich. Und brachte das Thema der Kinder wieder mitten hinein in meine Gedanken, das Kreisen und Ringen um die Mutterschaft.

Denn das Eine gibt es bei mir nicht ohne das Andere. Es gibt nicht nur die Zerrissenheit und das Hadern, sondern auch die Liebe und die Freude über die Kinder. Es gibt den Freiheitsdrang und die Dankbarkeit. Es gibt Streit und Harmonie. Es gibt die unfassbar komische Situation, wenn du deinem Kind eines deiner absoluten und emotionalsten Lieblingsduetts, "One" von Bono und Mary J. Blige vorspielst und es dann sagt: "So, und jetzt bitte Biene Maja!". Das alles umfasst meine Mutterschaft. Dieser Abend, dieser Film und diese Begegnung brachten all dies wieder einmal zu Bewusstsein. Das ist schmerzhaft und schön zugleich, wie das Leben eben oft ist. Insofern war es weitaus mehr als:

Ein Kinofilm und eine unerwartete Begegnung.

Freitag, 8. Juni 2018

Die erste Kitareise der Kleinen im Mai 2018

Am vergangenen Freitag habe ich meine Kleine von ihrer ersten Kitafahrt abgeholt. Als der Bus kam und die Kinder ausstiegen, mussten viele Eltern ein Tränchen verdrücken. Sehr emotional ist das, wenn dein Kind wiederkommt, nachdem es 4 Tage allein mit den Kitafreunden und Erziehern verreist war. Bei der Kleinen kam hinzu, dass es das erste Mal für sie war und ihre allerengsten Freundinnen nicht mit von der Partie waren. Bisher verbrachte sie lediglich ein Mal 2 Tage und Nächte bei den Großeltern, aber mit dem Großen zusammen. Außerdem hängt sie emotional sehr stark an uns und braucht beispielsweise noch eine deutlich intensivere Einschlafbegleitung, als es beim Großen im gleichen Alter der Fall war. Aber sie wollte diese 4 Tage unbedingt schaffen und war unheimlich stolz, als sie wiederkam.

Der Große war schon ein Jahr früher, nämlich mit 4 1/4 Jahren, zu seiner ersten Kitafahrt aufgebrochen, und wir empfanden damals zwar Vorfreude und Spannung, hegten aber auch viele Bedenken und Sorgen. Die Zeit ohne ihn war gleichzeitig erleichternd und aufwühlend, angenehm und sehr emotional zugleich. Er war damals noch sehr instabil und es war natürlich auch für uns als Eltern die erste solche Erfahrung, von kurzen Großeltern- und Kitaübernachtungen abgesehen. Er hat in den letzten Jahren 3 Kitafahrten mitgemacht und ist von Jahr zu Jahr daran gewachsen. Beim ersten Mal war er nach der Rückkehr ungenießbar und ließ alle unterdrückten Emotionen bei uns zuhause raus. Das war sehr anstrengend, aber es schien ihm trotzdem gefallen zu haben, er hatte Spaß, kein Heimweh und passte sich super in die Gruppe ein. Bei seiner zweiten Kitafahrt waren wir schon gelassener und die Fahrt im Vorschuljahr war emotional gesehen ein Spaziergang. In dieser Zeit seiner Abwesenheit (vor einem Jahr) hatten wir übrigens in der Wohnung umgeräumt und der Kleinen ein eigenes Kinderzimmer eingerichtet. Wir sind also durchaus mittlerweile erfahren, was solche Reisen und Abschiede angeht, aber wie wir alle wissen, sind Kinder verschieden und meine Kinder erst recht.

Die Kita hatte diesmal ein anderes Feriendorf ausgewählt, wo die Wohnverhältnisse etwas anders waren, wodurch pro Bungalow ca. 5 Kinder mit einem/r Erzieher/in untergebracht waren. Es war ebenfalls im Wald und an einem schönen See gelegen. Auch war es etwas näher als das andere Camp, so dass wir im Fall des Falles relativ schnell dort gewesen wären. Und ich rechnete durchaus damit, dass wir die Kleine eventuell abholen müssten. Die Abendsituation hielt ich für sehr labil, da sie das Einschlafen noch nicht ohne direkte Unterstützung schafft, und ich befürchtete auch, dass sie nach 2 Tagen nach Hause will, weil sie dann vielleicht genug gesehen und Sehnsucht nach uns gehabt hätte. Das wäre für uns auch völlig okay gewesen und ich stellte mich darauf ein. Ich wusste aber auch, dass ihr Wille, es zu schaffen, sehr stark war, und ahnte, wie stark diese beiden Pole miteinander ringen würden.

Im Gegensatz zu den Kitafahrten des Großen machte ich mir wenig Sorgen, was ihre Selbstständigkeit und vor allem Selbstfürsorge angeht. Ich wusste, dass sie sich ums Essen und Trinken kümmern würde, wenn sie Hunger und Durst hat, auf's Eincremen und auf Insekten achtet und ihre Bedürfnisse äußert. Sie hat einen guten Orientierungssinn und findet sich schnell in fremden Umgebungen zurecht. Sie sagt, wenn sie traurig ist und holt sich Kuscheleinheiten aktiv. Dass sie nicht klar kommen oder überfordert sein würde, glaubte ich nicht. Aber sie empfindet eine starke Sehnsucht nach ihren liebsten Menschen, braucht viel Körperkontakt und würde sich, denke ich, nicht scheuen, zu sagen, dass sie nach Hause will. Das einzige, was mir Sorgen bereitete, war, dass ihre engsten Freundinnen nicht mit dabei waren.

Am Montag, dem 28. Mai, brachte der Papa morgens die Kinder weg, zuerst den Großen in die Schule und dann die Kleine mit ihrem Koffer in die Kita, wo die Gruppe dann am Vormittag mit dem Bus aufbrach. Obwohl sie in den Tagen davor immer Probleme beim Abgeben hatte und oft weinte, biss sie diesmal die Zähne zusammen und marschierte in den Kitagarten hinein. Sie hatte sich ja auch gefreut und stand zuhause schon um 7 Uhr fertig angezogen in der Tür. Die Kitafahrer hatten in den 4 Tagen wunderbares, heißes Wetter und waren die meiste Zeit am See und im Feriendorf. Leider gab es anscheinend nicht so viel Programm wie auf den Kitafahrten des Großen (Kutschfahrt, "Nachtwanderung"), aber vielleicht ist das auch gar nicht nötig. Eine Kinderdisco fand viel Anklang und ansonsten war der See natürlich der Hit. In der Wochenmitte wurden die Postkarten der Eltern verlesen. Dazu erzählte mir die Kleine, dass sie da geweint hätte und Sehnsucht bekommen hat. Ja, das gehört auch dazu. Am letzten Tag wurde alles eingepackt und am Freitag Mittag stiegen knapp 40 fröhliche, stolze und geschaffte Kinder aus dem Bus aus.

Eine Erzieherin raunte mir noch am Bus zu, wie toll und selbstständig die Kleine gewesen sei und dass sie alles super mitgemacht habe. Natürlich habe ich mich einige Tage später auch mit anderen Erzieherinnen ausgetauscht und alle bestätigten mir, wie großartig sie diese Herausforderung gemeistert hat und wie sie über sich hinaus gewachsen ist. Insgesamt hat die Gruppe toll zusammengehalten und viel Spaß gehabt. Phantastisch und eine sehr bereichernde Erfahrung für alle (wenn auch in meinen Augen 1-2 Tage zu lang).

Der Große und ich spielten an einem Nachmittag ganz in Ruhe und ausgiebig Tischtennis im Park, was mit der Kleinen zusammen kaum möglich ist. Das genoss er sehr. An einem Nachmittag war er bei Freunden und an einem anderen Nachmittag holte ihn der Papa ab, so dass ich durchaus auch ungewöhnlichen Freiraum in dieser Woche hatte. Diesmal wurde auch nichts in der Wohnung umgeräumt;-). Ich genoss die Ruhe und Konfliktfreiheit der Ein-Kind-Situation, gleichzeitig dachte ich viel an die Kleine und wie es ihr wohl ergehen würde.

Als sie wieder bei uns war, wirkte sie zwar geschafft, aber durchaus zufrieden und unheimlich stolz. Sie erzählte von sich aus einige Begegebenheiten, nicht übermäßig viel, aber deutlich mehr als der Große seinerzeit. Der größte Unterschied war aber, dass keinerlei Verarbeitung oder Kompensation nötig schien. Weder ließ sie unterdrückte Emotionen an uns aus noch mussten wir sie auffangen und wieder in die Spur kriegen. Sie war fröhlich, ausgeglichen und mit sich und der ganzen Sache im Reinen. Lediglich, als der Papa kam und sich nicht sofort ausführlich um sie kümmerte, fing sie bitterlich an zu weinen. Aber auch hier ließ sie sich schnell wieder trösten, als ich ihr Problem verbalisierte. Sie hat wirklich ein ganz anderes Wesen als der Große und ihre Art, mit solchen Situationen umzugehen, ist sehr verschieden von seiner. Obwohl ihr Verhalten uns ja in den letzten anderthalb Jahren oft wahnsinnig herausgefordert hat, empfinde ich ihre Fortschritte, Veränderungen und Entwicklungen immer noch als "smoother" als beim Großen. Das ist sehr spannend.

Ich freue mich jedenfalls sehr, dass es ihr gefallen hat und sich ihre Überwindung (denn das war es mit Sicherheit) gelohnt hat. Im nächsten Jahr möchte sie wieder mitfahren - dann als Vorschulkind kurz vor ihrer Einschulung. Und hoffentlich mit ihren engsten Freundinnen zusammen. Denen sie dann alles zeigen wird. Als "alter Kitafahrt-Hase":-).

Dienstag, 29. Mai 2018

Wackelzahnpubertät und Grundschule: "Gelassen durch die Jahre 5 bis 10" (Rezension)

Gespannt haben alle ihre Fans auf das neue Buch der beiden Autorinnen des Blogs Das Gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn gewartet, Anfang März war es endlich soweit. Katja Seide und Danielle Graf haben nach ihrem Bestseller "Der entspannte Weg durch Trotzphasen"* nun ein Buch über die Vor- und Grundschuljahre geschrieben: "Gelassen durch die Jahre 5 bis 10"*. Über diese Lebensphase von Kindern gibt es nur wenig Literatur, die keinen Fachbuchcharakter hat. Deshalb schließt dieses Buch über die Vorschulpubertät und Grundschulzeit mit explizit bindungsorientiertem Ansatz eine Lücke auf dem Buchmarkt und wird sich mit Sicherheit in kurzer Zeit zu einem Standardwerk über diese herausfordernde Phase entwickeln, genau wie das Vorgängerbuch über die Trotzphase. Ich hatte schon vor Erscheinen des Buches ein Interview mit den beiden Buch-Autorinnen geführt, das ihr hier nachlesen könnt: Interview mit den Autorinnen des Wunschkind-Blogs über ihr zweites Buch.

Die Autorinnen halten den Lebensabschnitt zwischen 5 und 10 Jahren für eine immens wichtige Zeit, um Kindern elementare soziale und gesellschaftliche Regeln zu vermitteln, besonders in Hinblick auf die danach folgende Pubertät. Das Buch möchte dazu beitragen, Eltern durch diese Phase zu begleiten, die zugrunde liegenden Entwicklungen zu erklären und Lösungsansätze für verbreitete Konflikte zu bieten, die außerhalb der klassischen Erziehungsstrategien liegen. Viele Eltern kennen wohl die Auseinandersetzungen um Hausaufgaben, um Medienzeit, um Mithilfe im Haushalt, um vermeintlich unpassende Freunde, um mäkelige Esser, um Lügen und Ausreden, kennen die Ambivalenz zwischen Fürsorge und dem Fördern von Selbstständigkeit, kennen das Hin- und Herpendeln zwischen den beiden Polen "Schon groß und doch noch klein", wie die Überschrift des 2. Kapitels lautet.

Nachdem die Autorinnen einige theoretische Überlegungen über die Grundlagen von bedürfnisorientierter und autoritativer Erziehung, zur erlernten Hilflosigkeit sowie über den Unterschied zwischen Wünschen und Bedürfnissen angeführt haben, schildern sie anhand von konkreten Fallbeispielen die Probleme, die in der besagten Lebensphase auftreten können, erklären uns, wie und warum sie zustande kommen und zeigen Wege und Strategien auf, wie solche Konflikte im Rahmen von bedürfnisorientierter Erziehung überwunden werden können. Besonders schwierig ist für die heutige Elterngeneration, dass sie vieles anders als ihre Vorgänger machen will, aber noch nicht genau weiß, wie dieser Weg konkret aussieht. Das führt zum Beispiel dazu, dass manchmal zuviel Verantwortung übernommen wird, wo es gar nicht nötig wäre, dagegen an anderer Stelle eine Selbstständigkeit vom Kind erwartet wird, die es noch gar nicht leisten kann. Deshalb plädieren sie dafür, den Kindern mehr Eigenverantwortung in bestimmten Bereichen wie den körperlichen Bedürfnissen zu geben - "echte Verantwortung" - und sie dafür in anderen Bereichen intensiver zu unterstützen, z.B. darin, den Überblick über ihre Sachen und Angelegenheiten zu behalten.

Die Autorinnen führen wie im Vorgängerbuch viele praktische Beispiele an und schildern klassische Konfliktsituationen, die mit Kindern in dieser Lebensphase auftreten können. Besonders rührend fand ich das Beispiel vom Stressabbau einer Erstklässlerin, die ihre Eltern jeden Abend so lange provoziert, bis sie ausgeschimpft wird und weinen kann. Ja, kann, denn die Autorinnen sind davon überzeugt, dass es sich um eine Strategie der Psychohygiene des Mädchens handelt, denn sie baut dadurch den Stress, die Anspannung ihres anstrengenden Schultages ab. Eltern sollten also unbedingt hinter störendes oder inakzeptables Verhalten schauen und versuchen, gemeinsam einen anderen Weg zu finden. Gleiches gilt für all die anderen beschriebenen Probleme.

Speziell im Vorschuljahr entwickeln sich Kinder so stark, dass vieles aus den Fugen geraten kann. Hier ist man mit Geduld, Empathie, aktivem Zuhören, dem Zeigen echter Gefühle, dem Aufzeigen eigener Grenzen und Verlässlichkeit gut beraten, um durch die Stürme hindurch zu navigieren. Nicht bei jedem Kind ist die sog. Wackelzahnpubertät ausgeprägt, aber alle Kinder durchlaufen große Veränderungen, die sich mehr oder weniger emotional äußern können. Manchen Eltern fällt es schwer, Schritt zu halten mit dieser enormen Entwicklung, und sie trauen ihren Kindern zu wenig zu. Interessant fand ich dazu die Liste, die Kinder in diesem Alter dürfen sollten (S. 141f.). Ich bin mir sicher, dass vielen Eltern nicht bewusst ist, was Kinder eigentlich schon alles ausprobieren sollten. Durch das Vertrauen in ihre Fähigkeiten wachsen das Selbstvertrauen und die Kompetenzen unserer Kinder. Diese Erfahrung macht die Autorin Katja Seide in ihrer Arbeit als Sonderpädagogin immer wieder. Sie plädiert für viel Eigenverantwortung, viel Freiheit, viel Empathie, viel Vertrauen, um Kinder in ihrer Selbstwirksamkeit zu unterstützen. Denn Selbstwirksamkeit ist das Gefühl, was Kinder in dieser umstürzenden, aber entscheidenden Phase am meisten brauchen.

Fazit

Das Buch trifft mit seiner Bedürfnisorientierung, Feinfühligkeit und Praxisnähe sicherlich den Nerv vieler moderner Eltern, bietet machbare Ansätze und Strategien und will dazu beitragen, dass die Jahre zwischen 5 und 10 gelassen gemeistert werden können. Es wird sich auf jeden Fall zu einem Standardwerk über diese Phase entwickeln. Besonders schön finde ich, dass die Autorinnen immer wieder Beispiele aus ihrem eigenen Familienleben schildern, zum Beispiel die Geschichte mit der Brotdose der einen Tochter nach dem Schulstart (S. 146f.).

Und um nun den Bogen zu meiner persönlichen Perspektive zu schlagen: ich habe gemerkt, dass wir mit unserem 7-jährigen Großen ganz andere Herausforderungen haben, als im Buch beschrieben sind, und die Tipps und Strategien deshalb nur bedingt umsetzbar sind. Dies wurde besonders deutlich anhand der Dinge aus der beschriebenen Liste, die er größtenteils machen dürfte, aber gar nicht will. Ich übrigens als Kind dieses Alters auch nicht gewollt hätte. Oder auch aus der Schilderung der Anziehproblematik, die laut den Autorinnen immer nur eine temporär schwierige Phase ist: "... Keines der Kinder, deren Eltern wir befragt haben, zog das morgendliche Anziehdrama mehr als ein paar - zugegeben sehr lang erscheinende - Wochen durch." (S. 312) Das mag bei den meisten Kindern so sein, bei meinem Großen jedoch ist das ein grundlegendes, schon seit vielen Jahren existierendes Problem, das mit seinem speziellen Wesen zusammenhängt und bei dem keinerlei Besserung eintritt. Auch ist aus unserer Erfahrung heraus bei ihm (und anderen hochsensiblen, gefühlsstarken Kindern) die Co-Regulation durch die Bezugspersonen mindestens genauso wichtig wie die Eigenverantwortung. Insofern beschreibt das Buch die Herausforderungen mit der großen Mehrheit der Kinder in diesem Alter, aber eine kleine Minderheit tickt ein wenig anders, auch wenn sicherlich ähnliche Verhaltensweisen zutage treten.

Unabhängig von diesen persönlichen Anmerkungen ist das Buch ein sehr wertvoller Wegweiser durch die Vorschulpubertät und Grundschuljahre und ich denke, dass ich es im Umgang mit meiner Tochter, die gerade 5 Jahre alt geworden ist, noch oft zu Rate ziehen werde. In Anbetracht der mangelnden Literatur zu diesem Thema und vor dem Hintergrund der Bedürfnisorientierung der Autorinnen des gleichnamigen Blogs kommt dem Buch eine große Bedeutung zu. Es liest sich flüssig und angenehm, und wer sein 5- bis 10-jähriges Kind besser verstehen will, sollte auf jeden Fall darauf zurückgreifen, damit die beschriebene Lebensphase mit Kindern tatsächlich gelassen und entspannt abläuft. Dann kann man gut gerüstet in die Pubertät starten.


Mein Interview mit den beiden Buch-Autorinnen:
Interview mit den Autorinnen des Wunschkind-Blogs über ihr zweites Buch

Vielen Dank an den Beltz Verlag für das Rezensionsexemplar.

Die Eckdaten:
Danielle Graf, Katja Seide: "Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn. Gelassen durch die Jahre 5 bis 10"*, Beltz Verlag, März 2018, 360 Seiten, ISBN 978-3407865045, 16,95 €

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Freitag, 25. Mai 2018

Der 5. Geburtstag der Kleinen

Als Montagskind wurde sie am 6. Mai 2013 geboren, und in diesem Jahr fiel ihr Geburtstag auf einen Sonntag. 5 Jahre alt ist die Kleine vor kurzem geworden und am Pfingstmontag haben wir nun ihren Kindergeburtstag nachgefeiert, da die Kita direkt nach ihrem Geburtstag geschlossen hatte. Das war etwas doof für sie, aber es ließ sich nicht ändern und ich denke, nach der wirklich schönen Feier mit ihren Freundinnen ist sie damit versöhnt.

Am Geburtstag selbst hielt sie sich zum ersten Mal an die Bitte, in ihrem Zimmer zu bleiben, bis wir sie holen würden. Dann aber war kein Halten mehr, und sie stürmte ins Wohnzimmer, um ihre Geschenke in Beschlag zu nehmen. Ihr großes Geschenk war diesmal das Puppenhaus Chelsea* von KidKraft, das ich schon mindestens 2 Jahre im Hinterkopf hatte. Wir hatten noch ein bisschen mehr Zubehör gekauft, wie z.B. eine Puppenfamilie*. Sehr gefreut hat sie sich außerdem über die CD "Lieder für Mädchen"*, die seitdem fast täglich bei uns läuft und auch beim Stoptanz beim Kindergeburtstag zum Einsatz kam. Außerdem bekam sie den Baby Born Sister Styling Kopf*, den ich bei Mom's Favorites & More gewonnen hatte, einen Geschichten-Sammelband "Freche Feen, zauberhafte Elfen und mutige Prinzessinnen"* (über dessen mangelhaften Zeilenumbruch ich mich allerdings jedes Mal beim Vorlesen ärgere), ein Eiskönigin-Stickerbuch*, ein Notizbuch, eine Waschtasche für ihre baldige erste Kitafahrt und den Kosmos Experimentierkasten "Mein erstes Gewächshaus"*. Der Große half beim Auspacken der Geschenke, nicht zuletzt weil er selbst so gespannt war;-)

Nach dem Frühstück war ein Ausflug zu Karl's Erdbeerhof geplant. Das ist mittlerweile schon Tradition zu ihrem Geburtstag, weil sie den Erdbeerhof liebt und immer wieder dorthin fahren möchte. Das Wetter war traumhaft und das Gelände um einige Neuerungen erweitert worden. Wir verbrachten mehrere Stunden dort und fuhren am späten Nachmittag nach Hause.




Abends machten wir zu dritt noch ein Pizza-Pickick zuhause, das finden die Kinder immer klasse, und dann war der Geburtstag schon wieder vorbei.

Über ihre bzw. unsere gemeinsame Entwicklung habe ich bei Instagram Folgendes geschrieben:
Ihre Geburt war total schön, die ersten Tage mit ihr allein im Krankenhaus paradiesisch und überhaupt empfand ich sie die ersten 3 Jahre als leicht zu händeln. Dann hab ich sie irgendwie verloren und seitdem haben wir ziemlich viele Konflikte. Sie ist gleichzeitig sehr selbstständig und in manchem noch total kindlich. Sie ist sehr liebevoll und gleichzeitig bringt sie mich so sehr auf die Palme, wie es der Große selten geschafft hat, vor allem nicht mehr in dem Alter. Ihr Wesen ist so anders als meines und trotzdem ist sie mir in manchem auch ähnlicher als der Große. Mein liebes kleines Mädchen, ich hoffe, dass wir ganz bald wieder zu dem innigen, selbstverständlichen Verhältnis wie früher zurück finden.
Nach dem Geburtstag am 6. Mai folgten die Kitaferien, zuerst ein Montag allein mit ihr zuhause, an dem wir die Geschenke der Großeltern, den Eiskönigin Spielplatz* und ein 3D-Puzzle Pferde als Stifteköcher von Ravensburger*, auspackten und bespielten, und danach zwei Tage, an denen ich mit ihr eine kleine Reise nach Potsdam mit Übernachtung im Hotel machte. Über Himmelfahrt waren wir für 4 Tage an der Müritz und dann startete die Kita wieder.

Am Pfingstmontag stand dann endlich ihre Kindergeburtstagsfeier an. Sie hatte vier Mädchen eingeladen, darunter ihre besten Zwillingsfreundinnen. Da der Große in diesem Jahr (erstmalig) in einem Indoorspielplatz feierte, wollte sie das natürlich auch gern für sich in Anspruch nehmen. Aber für die 4-5-Jährigen war uns das zu früh und sie willigte etwas widerstrebend ein, zuhause zu feiern. Dafür hatte ich Gipsfiguren zum Bemalen besorgt, das macht sie nämlich total gern. Und das Motto war Pferde, wie könnte es anders sein. Die Kleine war sehr aufgeregt und freute sich sehr.


Als die Mädchen eintrafen, war sie zuerst sehr scheu und zurückhaltend. Glücklicherweise die anderen nicht, und auch der Große legte sich ins Zeug. Wir packten die Geschenke aus, aßen Papageienkuchen, Donuts und Obst, dann führte der Große eine Schatzsuche an, wir machten Stoptanz, bemalten die Gipsfiguren,...


... tanzten in Kostümen, bauten Höhlen und zwischendurch spielten die Kinder auch frei. Es war total lustig und angenehm, die Gäste waren alle fröhlich und zugänglich, es gab so gut wie keine Zickereien und Auseinandersetzungen und die Mädchen fühlten sich wie ein tolles Team an. Einzig die Kleine hatte zwei Situationen, wo sie aus Frust weinte. Naja, das kennen wir ja schon von unseren Kindern bei Geburtstagsfeiern, ist auch nachvollziehbar, denn sie stehen ja durchaus unter Druck bzw. es ist alles aufregend. Sie ließ sich aber ganz gut beruhigen und steckte auch kein anderes Kind an. Die Stimmung war super, alle hatten Spaß und gingen am Abend freudig nach Hause. Alles in allem war es, fand ich, der entspannteste Kindergeburtstag von allen, die wir bisher mit beiden Kindern gefeiert haben. Die eingeladenen Gäste passten gut zusammen und der Große übertraf sich als Entertainer selbst. Irgendwie hat diesmal alles gestimmt. Trotzdem bin ich froh, dass wir nun erstmal wieder 10 Monate Pause bis zum nächsten Kindergeburtstag haben;-)

Und zwei Tage vor ihrem Kindergeburtstag stieg die Kleine, die zu ihrem 4. Geburtstag vor einem Jahr ein Fahrrad bekam, sich aber nur mit Stützrädern zu fahren traute, auf ihr Fahrrad auf und fuhr problemlos ohne Stützräder los. Toll! So ein großes Mädchen!



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Mittwoch, 16. Mai 2018

Exklusivzeit und Sightseeing: Die Kleine und ich im Kurzurlaub

Unsere Kita hat traditionell in der "Himmelfahrts-Woche" geschlossen, was ich immer toll fand, weil der Mai einfach meist so eine wunderschöne Zeit für Urlaub ist. Zwar sind dann keine Schulferien, aber ich finde es auch mal ganz nett, wenn die Kleine Ferien hat und der Große nicht, denn sonst ist es meist umgekehrt. Ich hatte mir die Tage freigenommen und wollte gern mit der Kleinen etwas Besonderes erleben, denn die Zeit zuhause mit den üblichen Dingen zu verbringen, finde ich immer etwas schade. Das liebe ich nur, wenn ich ganz allein zuhause bin...

Da sie am Sonntag (6. Mai) Geburtstag hatte und wir am Feiertag sowieso wegfahren würden, war die potentielle Zeitspanne klein und es sollte auch nicht zu weit weg gehen. So kam ich auf einen Kurzurlaub in Potsdam, von dem die Kinder bisher nur die Biosphäre kannten. Ich war früher, als ich im Südwesten von Berlin lebte und studierte, oft in Potsdam gewesen, aber nun schon lange nicht mehr, was ich sehr bedauerte. Ich hatte große Lust, mir die Stadt wiedermal anzuschauen und der Kleinen einige "Königsschlösser" zu zeigen. Die Vorteile: wir konnten mit der S-Bahn hinfahren und ich kannte mich soweit aus, dass mir die fremde Stadt keinen Stress verursachen würde. Ich buchte ein Hotel-Schnäppchen für eine Nacht und freute mich, wiedermal mit der Kleinen Exklusivzeit zu verbringen und ihr eine neue Stadt zeigen zu können. Ich finde es schön und wichtig, Exklusivzeit mit jedem Kind einzeln zu haben und das Kind möglicherweise anders als sonst zu erleben. Auch die Kinder genießen das meist sehr, und es ist für sie natürlich auch ein kleines Abenteuer. Bei der Kleinen, die ja seit nun schon mehr als 1,5 Jahren ein sehr herausforderndes Verhalten an den Tag legt, erhoffe ich mir durch gemeinsame Unternehmungen immer irgendwie eine Verbesserung der Situation. Deshalb hatte ich das im vergangenen Sommer zum ersten Mal mit ihr ausprobiert, als sie 4 1/4 Jahre alt war. Dieser erste gemeinsame Städtetrip war etwas merkwürdig gewesen, sie wirkte überfordert und verstört, ich konnte nicht wirklich viel mit ihr machen und hatte mir mehr davon versprochen. Nun war sie 5 Jahre alt geworden und wirkte begeistert, als ich ihr erzählte, dass wir wiedermal allein einen kurzen Urlaub, diesmal in Berlins Nachbarstadt Potsdam, machen würden.

Nikolaikirche

Freilich wusste ich, dass ich mit ihr weder Besichtigungen noch lange Spaziergänge durchführen könnte. Deshalb plante ich die Zeit so, dass meine Wünsche mit ihren Möglichkeiten halbwegs konform gingen. Ich wollte möglichst viele der Sehenswürdigkeiten "abklappern", wobei mir Vorbeifahren und Sehen völlig reichte. Ich hatte nicht im Geringsten den Anspruch, mir ein Museum/ Schloss o.ä. von innen anzuschauen. Ich wollte, dass sie Spielplatzzeit hat und wir gemütlich irgendwo im Freien essen konnten. Ich wollte mich am Wasser aufhalten, vielleicht sogar eine Schifffahrt erleben. Da sie sehr lauffaul ist, hatte ich mir überlegt, dass wir eine Hop On-Hop Off-Bustour machen, damit wir an den Sehenswürdigkeiten nach Belieben aus- und wieder einsteigen könnten. Außerdem nahm ich ihren Roller mit, den ich zusammengeklappt problemlos transportieren konnte. Immerhin hatte ich ja auch unser Gepäck zu tragen. Sie fand alle Ideen gut und freute sich.

Filmmuseum

Den Tag nach ihrem Geburtstag verbrachten wir noch zuhause, zumal es mir seit einer Woche überhaupt nicht gut ging, mit mehrmaliger Migräne, permanenten Kopfschmerzen, Übelkeit und Schlappheit. Ich fürchtete sogar, alles absagen zu müssen, aber am Dienstag ging es dann halbwegs und wir fuhren nach dem Frühstück los. Nach 1 Stunde Fahrzeit kamen wir in Potsdam an und gingen erst einmal auf die Freundschaftsinsel in der Havel hinter dem Bahnhof, um Wasser und Grün zu tanken und uns zu bewegen. Einen schönen Spielplatz gibt es dort auch im hinteren Teil, aber die Kleine war sehr verhalten. Sie wollte gern ein Tretboot ausleihen, aber das war mir wiederum zu teuer und auch zu lange. Der erste Konflikt eine halbe Stunde nach unserer Ankunft;-)

Bei der Alten Meierei

Dann bestiegen wir unseren Hop On-Hop Off-Bus und nahmen am ersten Teil der Stadtrundfahrt teil. Dieser führte durch die Innenstadt zur Glienicker Brücke und weiter zum Schloss Cecilienhof. Dort stiegen wir aus und gingen zur Alten Meierei, wo es einen schönen Biergarten direkt am Jungfernsee gibt. Diesen kannte ich noch von früher. Wir stärkten uns, genossen das traumhafte Wetter, die Lage und die Sonne und die Kleine spielte ein wenig auf dem Mini-Spielplatz. Nun wollte ich den kurzen Weg zum Schloss Cecilienhof gehen. Da fing sie schon an zu schwächeln. Hilfe, es war erst Mittag...

Cecilienhof

Ich zeigte ihr Cecilienhof von außen, es war auch einiges los, da es der 8. Mai, der Tag der Befreiung war. Allerdings interessierte sie sich überhaupt nicht für die Geschichte hinter dem Ort, die ich ihr wirklich kindgerecht und einfach erzählte. Da war der Große im gleichen Alter tatsächlich anders gewesen, ihn konnte man dann schon wohldosiert mit ausgewählten Informationen füttern. Mit einem solchen Kind macht das dann natürlich auch mehr Spaß. Wir machten nochmal eine Eis-Pause. Danach fuhren wir weiter mit dem Bus, durch die Alexandrowka, die russische Siedlung, am Schloss Sanssouci vorbei bis zum Neuen Palais am anderen Ende des Parks Sanssouci. Das war sehr interessant für mich, ich sah vom Bus aus einige Sehenswürdigkeiten, die ich noch nicht kannte (Drachenhaus etc.) und war froh, diese Fahrt ausgesucht zu haben, da ich so auch auf meine Kosten kam. Allerdings interessierte sich die Kleine schon nicht mehr für die Informationen aus dem Kopfhörer und wirkte müde. Auf der Busfahrt konnte sie sich etwas ausruhen.

Sanssouci

Park Sanssouci

Zurück am Schloss Sanssouci stiegen wir aus und ich wollte etwas um das Schloss und im Park herumlaufen. Aber sie konnte nicht mehr, klagte immer wieder, wie anstrengend es sei (wir waren wirklich noch nicht viel gelaufen!) und dass sie ausruhen wolle. Also legten wir uns auf eine schattige Parkbank und machten Picknick. Es war sehr warm, aber total schön, und besser als Regenwetter allemal. Ich freute mich, Sanssouci endlich wieder zu sehen, fühlte mich aber ein wenig ausgebremst und hätte ich es noch gar nicht gekannt, wäre ich ziemlich frustriert gewesen. Dabei hatte ich so gut wie nichts erwartet. Natürlich erzählte ich kindgerecht etwas zur Geschichte, wir schauten dem verkleideten Friedrich zu, gingen in den Souvenirshop und machten immer wieder kleine Pausen. Aber sie konnte nicht mehr und so stiegen wir wieder in den Bus und fuhren zurück zum Bahnhof. Unser Hotel befand sich nämlich am 2 S-Bahn-Stationen entfernt gelegenen Griebnitzsee, also außerhalb des städtischen Trubels. Das war super und als wir in Griebnitzsee ausstiegen, genossen wir augenblicklich die Ruhe des Vororts.

Griebnitzsee

Das Hotel lag direkt am See und nach einer Ausruhzeit im Zimmer sogen wir noch gemeinsam die Abendstimmung am See auf. Die Kleine wirkte wieder fit, wollte zum Spielplatz und freundete sich dort gleich mit einem Mädchen an, so dass wir erst spät wieder im Zimmer waren. Ich war dann auch recht erschöpft und schlief früh, aber schlecht. Die Kleine war leider sehr früh wach, warum schlafen denn Kinder nicht länger nach so einem anstrengenden Tag?! Das leckere Frühstück auf einer sonnigen Terrasse direkt am Griebnitzsee entschädigte für die Nacht und wir genossen den Blick auf das Wasser, die Boote, das Grün und die Ruhe. Es war so schön, dass ich ihr nach dem Frühstück Malzeug holte und wir noch ein wenig länger sitzen blieben. Danach ging es kurz auf den Spielplatz und Getränke kaufen, wir checkten aus und warteten auf unser Schiff, das direkt am Hotel anlegen sollte. Ich hatte die Kleine gefragt, ob sie Lust auf eine Schifffahrt rund um Potsdam hatte, und sie hatte bejaht. Na mal sehen, bisher waren Schifffahrten mit ihr immer sehr unruhig und nervig gewesen.


Das Wetter war wieder klasse, wir bestiegen unser Schiff der 7-Seen-Rundfahrt und bekamen u.a. die Villen von Griebnitzsee und Babelsberg, den Park Babelsberg, die Glienicker Brücke, die Sacrower Kirche, die Pfaueninsel und den Wannsee zu sehen, eine total schöne und abwechslungsreiche Tour, die ich früher schon mal, aber nun ewig nicht mehr gemacht hatte. Die Kleine bekam ein Eis, ich erzählte ihr, was ich an dieser oder jener Stelle früher erlebt habe und wir gingen auf dem Schiff herum, damit es ihr nicht langweilig wurde.

 Glienicker Brücke

 Sacrower Kirche

Wannsee

In Wannsee stiegen wir nach ca. 1 h 20 min aus, sie kletterte auf dem tollen Spielplatz herum, wir aßen etwas, suchten uns eine Stelle, wo wir die Füße ins Wasser tauchen konnten und sangen "Pack die Badehose ein...". Das war echt schön, ich hatte viel gesehen und  Erinnerungen aufgefrischt, die Kleine war auch fröhlich und ausgeglichen und direkt am Wasser ist es sowieso immer herrlich. Gegen 14 Uhr fuhren wir mit der S-Bahn zurück nach Hause und unser Mädelskurztrip war beendet.

Am Wannsee

Fazit

Für mich war das Verhältnis diesmal ausgeglichen, was die Befriedigung ihrer und meiner Bedürfnisse anbelangt. Ich habe in der kurzen Zeit sehr viel gesehen und erlebt und bin ein Stück weit in meine Vergangenheit eingetaucht. Die Umgebung war vertraut und das Programm entspannt, das Wetter war super und die Kleine verschonte mich zum Glück weitestgehend von ihren üblichen Aussetzern, Kreischanfällen und Aggressionen. Wie auf unserer ersten gemeinsamen Reise war sie unerwartet still, zurückhaltend und scheu, dabei trotzdem wie gewohnt unruhig und hibbelig. Mit ihr kann man nicht lange an einer Stelle verharren oder sich auf eine Sache konzentrieren. Mit ihr kann man leider auch noch keine tiefergehenden Gespräche, z.B. über historische Anekdoten, führen. Sie interessiert sich noch nicht wirklich für die Dinge, für die ich mich begeistere. Trotzdem ist sie unternehmungslustig und freut sich generell darauf, etwas zu erleben.

Ob sie sich vielleicht was anderes unter unseren Ausflügen vorstellt, weiß ich nicht. Ich hatte ihr vorher mehrfach erzählt, was wir machen würden, und sie auch gefragt, ob sie darauf Lust habe. Im Zoo auf unserem ersten Kurztrip war sie ja auch so verhalten gewesen, obwohl sie Zoos liebt. Diesmal wollte ich ihr mal was anderes präsentieren. Und ich möchte sie auch ganz langsam und behutsam an diese Art des Reisens heranführen. Ich meine, die Urlaube mit kinderspezifischen Aktivitäten wie Buddeln am Strand, langen Spielplatz- oder Tierparkbesuchen, Schwimmbad, Kinderhaus etc. sind ja absolut in der Mehrzahl und das ist auch völlig okay. Dennoch soll sie (wie auch der Große) erleben, was Reisen auch bedeutet und dass man, wenn man mit einem Elternteil allein unterwegs ist, vielleicht ganz andere Dinge erleben kann als sonst. Man muss ja dann auch weniger Kompromisse schließen und kann spontaner sein. Ich finde es soviel einfacher, mit einem Kind allein unterwegs zu sein. Die Kinder genießen die Exklusivzeit meist auch sehr. Und es ist immer wieder spannend, eines meiner Kinder in solch einer Konstellation zu erleben.

Zwar ist die Kleine noch nicht so ein entspannter und reifer Reisepartner wie der Große, aber mir ist es wichtig, dass wir ihr etwas zutrauen und auch mal Dinge mit ihr machen, die der Große noch nicht kennt. Dann gewinnt sie mehr Selbstvertrauen, fühlt sich ernst genommen oder lernt vielleicht auch ihre Grenzen kennen. Für mich war das jedenfalls wieder ein spannendes Experiment, das ich sicherlich wiederholen werde. Und diesmal hatte ich wirklich selbst auch etwas davon, das war schön.

Fahrt ihr mit einem eurer Kinder allein in den Urlaub oder macht Kurztrips? Welche Erfahrungen habt ihr dabei gemacht?

Freitag, 27. April 2018

Kleine Botschaften

Ich habe vor kurzem eine neue Mappe angelegt. Darin sammle ich beschriebene Zettel, Botschaften, Notizen, Anweisungen, Nachrichten meines Großen. Mein Großer geht seit einem dreiviertel Jahr in die Schule. Er konnte vorher nur einzelne Buchstaben und wenige Wörter schreiben, aber niemals zusammenhängende Sätze oder Botschaften. Es ist wirklich toll zu sehen, was er in dieser kurzen Zeit gelernt hat. Und ich finde es total rührend, wie er die neuen Fähigkeiten anwendet.

Als er das erste Mal mit so einem Zettel ankam, musste ich mehrere Tränchen verdrücken. Es war so überraschend, dass er sich hingesetzt und einen kleinen Text für mich überlegt hatte. Keine Geschichte, sondern eine Botschaft an mich, die er vielleicht nicht so aussprechen konnte, wie er sie geschrieben hatte. Ich kann mich nicht erinnern, dass er jemals "Mama, ich hab dich so lieb!" zu mir gesagt hätte. Er kann Gefühle nur schwer mitteilen. Er war auch selbst ganz stolz und ein bisschen perplex über sein Geschriebenes. Ich glaube, er realisierte in diesem Moment, wieviel man mit geschriebener Sprache anfangen und erreichen kann. Und er konnte an meiner Reaktion sehen, wie es andere berührt.


Auch ist er, wie ich, ein Typ, der sich damit schwer tut, Gefühlsdinge mündlich zu äußern oder auch die richtigen Worte zu finden. Zwar ist er ein Kind, das oft stark von seinen Emotionen gebeutelt wird, aber er kann diese immer noch sehr schlecht ausdrücken und konkret mitteilen. Dafür ist das Schreiben natürlich toll. Sich ausdrücken zu können, ohne etwas sagen zu müssen, was ihm vielleicht peinlich ist, passt zu seinem Wesen. Seine Gedanken purzeln oft durcheinander, gleichzeitig braucht er recht lange, um Gedankenkonstrukte zu entwickeln, und wenn er redet, kann er nicht gleichzeitig überlegen, was er als nächstes sagen will. Beim Schreiben kann man ja gut die Gedanken sortieren, das merke ich beim Bloggen oft. Vielleicht hilft ihm diese Möglichkeit, sich auszudrücken und in Ruhe Überlegungen entwickeln zu können.


Für mich als Mama ist es total faszinierend, dass mein Großer jetzt kleine "Texte" schreiben kann. Das Rechnen und Lesen empfinde ich persönlich als nicht ganz so spektakulär. Er kann beides schon gut, wobei man beim Lesen merkt, dass er "mechanisch" vorliest, d.h. Texte meist nicht inhaltlich versteht. Auch dies geht mir übrigens ähnlich, weshalb das Vorlesen nicht unbedingt zu meinen liebsten Beschäftigungen gehört: ich bekomme nicht viel vom Inhalt einer Geschichte mit, wenn ich vorlese. Ich muss still lesen. Das macht er noch nicht.

Natürlich ist noch nicht alles orthographisch korrekt, was er schreibt, er schreibt nach Gehör und so, wie er es sich eben denkt. Das stört mich, der grobe Rechtschreibfehler eigentlich immer unangenehm aufstoßen, nicht im Geringsten, denn man versteht, was er meint und ich finde es toll, dass er sich traut, das aufzuschreiben, was ihn umtreibt, obwohl er sonst ein totaler Perfektionist ist und Dinge nur macht, wenn er sie beherrscht. Insofern ein großer Schritt für ihn.


Letztens habe ich zufällig auf Twitter in eine Diskussion hineingelesen, wo sich Menschen über die Fehler in solchen Botschaften von Kindern (eines ebenfalls 7-Jährigen in diesem Falle) aufregten. Der Tenor war: "Die lernen ja heute nichts mehr!" oder "Solche Fehler zeigen das Niveau der Schule!" etc. Ich war ehrlich schockiert. Jeder zweite Tweet, viele Texte im Netz, in Printmedien, viele Statements in sozialen Medien und privaten Nachrichten von Erwachsenen strotzen vor Rechtschreibfehlern. Viele Erwachsene können nicht "Das" und "Dass" unterscheiden, beachten keine Zeichensetzung oder scheinen den Akkusativ nicht zu kennen. Besonders lustig war, dass in dem ersten Aufreg-Tweet schon ein Rechtschreibfehler enthalten war. Ich finde solche Reaktionen wirklich unmöglich. Die Kinder haben gerade erst das Alphabet gelernt und sollen schon eine perfekte Orthographie beherrschen? Nein, also das ist doch fernab jeglicher Realität. Sie wenden einfach an, was sie bisher in der Schule gelernt haben, nämlich Buchstaben und Silben aneinanderzureihen und zu überlegen, wie ein Wort geschrieben wird. In Diktaten werden die Wörter, die bis jetzt bereits gelernt wurden, abgefragt. Da hatte mein Großer zuletzt null Fehler. Alles Weitere kommt im Laufe der Jahre (oder bei manchen nie;-)).


Neulich zeigte mir mein Großer bei Ebay ein paar Dinge, für die er sich interessierte. Da wir nicht eingeloggt sind, wenn er "recherchiert", konnte er nichts speichern. Er war kurz frustriert, weil er sich nicht alles merken konnte, bis ich zu ihm meinte: "Schreib die Sachen doch auf!" Dann schien ihm selbst erst wieder einzufallen, dass er ja jetzt schreiben kann und nicht mehr von uns abhängig ist. Das war echt süß!

Ich finde es großartig und sehr rührend, dass er neuerdings kleine Texte selbstständig, nämlich ohne bei jedem Wort zu fragen, wie es geschrieben wird, verfasst und sich traut, seine Gefühle und Gedanken niederzuschreiben. Ich freue mich über jedes Zettelchen, über jede Botschaft und sammle diese akribischer als die "Kunstwerke". Und ich merke daran, dass die geschriebene Sprache für mich einen ganz besonderen Wert hat. Dass nun mein erstes Kind damit beginnt, finde ich toll. Und manchmal sind diese Botschaften ganz besonders berührend, wie diese an seine kleine Schwester:



Sonntag, 15. April 2018

"Mein Schreibaby verstehen und begleiten. Der geborgene Weg für High-Need-Babys" (Rezension mit Verlosung)

Ein halbes Jahr nach ihrem letzten Buch "Ich! Will! Aber! Nicht!"* über die Trotzphase hat Susanne Mierau, Kleinkindpädagogin und Autorin des Blogs Geborgen Wachsen, zusammen mit Anja Constance Gaca, Hebamme und Autorin des Blogs Von Guten Eltern, ein neues Buch vorgelegt, mit dem sie sich wieder der Babyzeit zuwendet: "Mein Schreibaby verstehen und begleiten. Der geborgene Weg für High-Need-Babys"*, erschienen im GU Verlag am 10. April 2018.

An dem Begriff Schreibaby, der bei vielen Eltern einen unangenehmen und stigmatisierenden Beigeschmack hat und das Phänomen nur unzureichend beschreibt, sollte man sich dabei nicht stören; er wurde vom Verlag vorgeschlagen, damit das Buch von betroffenen Eltern besser gefunden werden kann (siehe hier). Es geht um Babys, die nicht nur mehr schreien als andere, sondern insgesamt höhere Bedürfnisse haben, ihre Eltern stark fordern und an ihre Grenzen bringen. Bekannt sind auch die Begriffe High-Need-Babys, 24-Stunden-Babys, untröstlich weinende Babys oder bedürfnisstarke Kinder. Diese Babys schreien viel, ausdauernd und schrill, lassen sich nur schwer beruhigen, schlafen wenig, sind schnell überreizt, können schlecht abschalten, sind unruhig ("hyperactive" nach William Sears, der die 12 Kriterien für High-Need-Babys aufstellte, siehe hier) und von unzufriedenem Temperament, sehr empfindsam und sensibel, trennungsängstlich und schreckhaft und insgesamt sehr anspruchsvoll. Während man früher die starre Dreier-Regel (Schreien über einen Zeitraum von mindestens drei Wochen an mindestens drei Tagen pro Woche mehr als drei Stunden pro Tag) heranzog, um festzulegen, wann ein Kind als Schreibaby zu bezeichnen ist, wird heute eher "das Ausmaß der Beeinträchtigung der Eltern als Grundlage für Behandlungsbedürftigkeit angesehen" (S. 30). Die subjektiv erlebte Belastung ist nun entscheidender als das bloße Zutreffen der alten Dreier-Regel. Genau da setzt das Buch an und möchte nicht das Problem, sondern die Lösung in den Mittelpunkt stellen.

Ich selbst habe das Buch aus der Perspektive einer ehemals betroffenen Mama gelesen, denn mein Sohn, jetzt 7 Jahre alt, war ein solches Baby, und zwar nicht nur in den ersten 12 Wochen, sondern sein gesamtes erstes Lebensjahr hindurch. Es war die härteste Zeit meines Lebens, sie hat mich dauerhaft über meine Grenzen gehen lassen und viele Wunden geschlagen, die teilweise bis heute nicht verheilt sind. Ich erinnere mich sehr genau an die Probleme und Herausforderungen, vor denen wir damals standen, an unsere Überforderung und Hilflosigkeit, an Verzweiflung, an Aggressionen und Wut. Und ich reagiere bis heute allergisch auf Menschen, die das Problem bagatellisieren, nivellieren oder betroffenen Eltern sogar Schuldgefühle einreden wollen. All dies spielte in meine Lektüre dieses Buches hinein, und ich muss sagen, ich hatte fast ein wenig Angst davor. Denn allzu oft trifft man auch in der Fachliteratur noch auf die Auffassung Entspannte Eltern - entspanntes Baby und Ansätze, die besagen, wenn du Folgendes tust und beachtest, schreit kein Baby unstillbar bzw. es beruhigt sich schnell. So einfach ist es eben nicht, auch wenn man gewisse Dinge wissen und beachten sollte, wenn man ein solches Kind hat. Auf diese Dinge geht das Buch ausführlich ein, ohne Schuldzuweisungen oder allzu einfache Erklärungen vorzulegen.

Das Temperament

Gleich zu Anfang betonen die Autorinnen, dass sich Babys von Geburt an unterscheiden und es Kinder mit einem angeborenen besonders empfindsamen Temperament gibt, deren Verhalten nicht so einfach zu deuten ist wie normalerweise oder die nicht auf die üblichen Beruhigungsstrategien ansprechen, ohne dass die Eltern deshalb etwas falsch machen. "Sie haben [...] besondere Bedürfnisse und stellen an Eltern andere Anforderungen als 'easy' Babys." (S. 9) Sie schlagen für den Umgang mit solchen Babys einen dreistufigen Weg vor: Beobachten - Verstehen - Handeln (S. 12). Besonders der Punkt des Verstehens ist bei diesen Babys sehr wichtig, da diese Babys eine andere Sprache sprechen als die Babys in der Umgebung, die wiederum von den Eltern andere Handlungsmuster verlangt als bei etwaigen Geschwister- oder Nachbarskindern.

Ursachen

Natürlich beschreibt das Buch mögliche Ursachen für exzessives Schreien, z. B. das Gebärmutterheimweh, Unreife, Frühgeburten, traumatische Geburten, stressige Schwangerschaften, Schmerzen, Stillprobleme, Regulationsstörungen o.ä. Betroffene Eltern sollten keinesfalls zögern, ärztliche Hilfe zu Rate zu ziehen, um körperliche oder sonstige Probleme auszuschließen. Oft dient gerade unstillbares Weinen von Babys auch dem Stressabbau, so dass man dies lediglich begleiten soll und aushalten muss (siehe Aletha J. Solter: "Warum Babys weinen"*). Im Grunde geht es aber bei High-Need-Babys um die Ausprägung eines bestimmten Temperaments, das sich eben nicht verändern, behandeln oder abstellen lässt. So mussten wir nach dem Ansprechen unserer Probleme bei der Kinderärztin, die überhaupt keine Hilfe war, nach zwei osteopathischen Sitzungen und mehreren (erfolglosen) Terminen mit der Schreibabyambulanz akzeptieren, dass keine Ursache für das Verhalten unseres Babys zu finden war, sondern wir die Tatsache, dass er ist, wie er ist, hin- und annehmen müssen. Auch im familiären Umfeld und Freundeskreis stand man dem Phänomen und vor allem unserer Überforderung hilflos gegenüber und pendelte zwischen der Aussage, das Kind würde sich doch so verhalten wie alle anderen Babys, und impliziten Schuldzuweisungen hin und her. Das einzige Buch, was mir damals wirklich half, war von Harvey Karp: "Das glücklichste Baby der Welt"*, ein Buch, das viele wertvolle und nützliche Ansätze jenseits der üblichen Ratschläge für mich bot. Ich denke, das hier vorgestellte Buch würde ich damals ebenfalls als sehr hilfreich empfunden haben.

Strategien

Genau wie auf mögliche Ursachen gehen die Autorinnen auch auf konkrete Strategien und Hilfestellungen ein, die den Alltag mit einem High-Need-Baby erleichtern können. Es geht um Körperkontakt und Hüllen (Pucken), um bequeme Babylagerung, ums Tragen und Wiegen, um eine bestimmte Schritttechnik ("Elefantenschritte", siehe S. 99), ums Stillen und Füttern, um Reizminderung und ums Schlafen. Mit dem Elefantenschritt (rhythmisch in die Knie gehen) haben wir gute Erfahrungen gemacht. Doch diese Methode hat uns damals niemand nahegebracht, sondern wir haben sie durch Ausprobieren gefunden. Die Autorinnen betonen aber auch, dass Eltern solcher Babys ganz individuell schauen müssen, was gut angenommen wird oder was vielleicht sogar noch zusätzlichen Stress auslöst.

Genauso wichtig wie die Bedürfnisse des Babys sind jedoch die Bedürfnisse der Eltern in einer solchen Ausnahmesituation. Besonders diese Eltern sollten sehr gut auf ihre Ressourcen achten und ihre Belastungsgrenzen ganz klar kommunizieren. Dass dies als Schreibaby-Eltern schier unmöglich scheint, weiß ich selbst aus eigener Erfahrung, und dennoch kann man es nicht genug betonen. Mit dem heutigen Wissen hätte ich damals auch einiges anders gemacht bzw. mich schneller von der Vorstellung, wie es doch eigentlich sein müsste, verabschiedet. Oft genug entsteht ja auch ein Stress-Kreislauf, der sich wiederum auf das sowieso schon leicht erregbare Baby auswirkt und eigentlich durchbrochen werden müsste, was aber ohne konkrete Entlastung kaum möglich ist. Deshalb finde ich besonders den ersten Punkt in der Sechs-Punkte-Liste für Schreisituationen (S. 109), nämlich sich zuerst kurz auf sich selbst zu konzentrieren, um sich selbst zu beruhigen, unheimlich wichtig. Denn man kann einen anderen Menschen nur beruhigen, wenn man selbst halbwegs ruhig bleibt. Dass dies in solchen Situationen, die sich über Monate hinweg aufbauen, wo alle Sinne angespannt und gereizt sind, sehr schwer ist, steht außer Frage.

Auch auf die Arbeit der Schreibabyambulanz wird kurz eingegangen. Mit einem guten, verständnisvollen Therapeuten kann hier sicherlich vieles erreicht werden. Bei uns war es eher so, dass die Haltung und die Aussagen unserer Therapeutin eher noch unsere Schuldgefühle verstärkten, so dass wir die (kostenpflichtige) Therapie nach der 3. Sitzung beendeten. Auch unsere Hebamme strotzte vor Unverständnis: sie habe noch nie ein Baby erlebt, was so war, wie wir unseren Sohn beschrieben. Und (ein Mal!) auf ihrem Arm war er ja ruhig. Es müsse also an unserer Unentspanntheit liegen. Unsere Kinderärztin traf ähnliche Aussagen. Zu diesem Thema raten die Autorinnen, sich von verständnislosen Menschen, die die Situation nicht nachvollziehen können und eher eine Be- als eine Entlastung sind, bewusst zu lösen. Dies ist jedoch nicht so einfach, denn dann steht man ganz schnell komplett allein da. Und die gefühlte Isolation ist ein weiterer tragischer Aspekt am Schreibaby-Elterndasein.

Schlafen

Für mich als Mama wurde im Laufe der Monate übrigens der Umgang mit dem Schlafproblem meines Großen zentral. High-Need-Babys wollen nämlich schlafen und benötigen zur Verarbeitung der vielen ungefilterten Reize, die auf sie einströmen, sogar mehr Schlaf als "normale" Babys, können aber nicht einschlafen. Sie finden nicht von allein in den Schlaf bzw. wehren sich mit aller Kraft dagegen, Letzteres bei uns sehr ausgeprägt. Der wichtigste Punkt, den wir lernten zu beachten, war, unseren Sohn regelmäßig zum Schlafen zu bringen, um Überreizung und unstillbare Schreiattacken zu vermeiden. Als das Einschlafen beim Stillen nicht mehr funktionierte, haben wir nach spätestens 3 Stunden Wachzeit darauf geachtet, ihm zum Schlafen zu verhelfen, immer gegen seinen Widerstand, aber im Grunde alternativlos. Ich habe solch eine nervenaufreibende und sehr belastende Situation, die wir täglich mehrmals hatten, mal in meinem Text Spießrutenlauf beschrieben. Da waren schon mehrere Monate vergangen, in denen ich meine Vorstellung, alle Babys schliefen allein, an jedem Ort und problemlos ein, verabschiedet hatte. Hatte mein Großer lange genug geschlafen, war er ausgeglichener und zufriedener, bis der Kreislauf der Überreizung wieder begann. Das Regulieren seines permanenten Schlafdefizites und das Zum-Schlafen-Bringen war elementar für uns in seinem Babyjahr, und so ist es bis heute geblieben, wenn er unter Stress steht. Das Thema kommt mir im Buch etwas zu kurz, weil es wirklich zentral im Umgang mit einem Schreibaby ist.

Übrigens wird im Buch auch auf Hochsensibilität kurz Bezug genommen (S. 55f. und S. 85), sowohl auf Kindes- als auch auf Elternseite, was mich freut, da ich mich mit diesem Thema ja schon lange beschäftige. Alle diese Begriffe sollen aber Kinder weder in Schubladen stecken noch stigmatisieren, sondern einfach Verständnis wecken für gewisse Besonderheiten. Für viele Menschen, mich eingeschlossen, ist es hilfreich, einen Namen für bestimmte Phänomene zu haben. Und gerade die Kombination hochsensible Mutter - hochsensibles Kind birgt tatsächlich nochmal besondere Herausforderungen.

Fazit

Das Buch von Susanne Mierau und Anja Constance Gaca stellt weder das Schreibaby als Problemfall in den Vordergrund, noch reproduziert es Schuldzuweisungen an die Eltern, die das Baby vermeintlich nur "falsch behandeln". Es fokussiert sich weniger auf mögliche Ursachen, sondern zeigt Strategien auf, um das Leben mit solch einem herausfordernden Baby zu meistern und Schwierigkeiten etwas abzumildern. Dass es kein Patentrezept gibt, sollte klar sein, und da oft (nicht immer; siehe hier) ein angeborenes Temperament die Bedürfnisstärke dieser Babys verursacht oder bedingt, ist dies auch nicht grundlegend änderbar: "Das Kind ist, wie es ist, und wir begleiten es auf diesem Weg, so gut wir eben können." (S. 9)

Ausführlich werden die Belastungen für die Psyche betroffener Eltern beschrieben, was ich persönlich sehr wichtig und hilfreich finde, da die Eltern sich oftmals alleingelassen und unverstanden fühlen. Versagensgefühle, Selbstvorwürfe, Stressreaktionen, Depressionen oder Aggressivität bis hin zum Eltern-Burnout sind nicht zu vernachlässigende Begleiterscheinungen einer solch herausfordernden Situation. Nicht selten kommt es auch zu Konflikten im Familienleben, die nicht gerade zur Beruhigung der angespannten Nerven beitragen. Insofern ist es essentiell wichtig, dass Eltern mit einem bedürfnisstarken Baby in besonderem Maße auf sich achten. Und ich finde es toll, dass ein Buch über Schreibabys viel Augenmerk darauf legt.

Wenn man ein Schreibaby hat, das nur herumgetragen werden will, kaum schläft und im wachen Zustand ständig unzufrieden und unruhig ist, bleibt nicht viel Zeit zum Lesen. Deshalb ist ein nicht zu umfangreiches, gut gegliedertes und auch häppchenweise lesbares Buch sehr angenehm. Das Werk von Susanne Mierau und Anja Constance Gaca ist da genau das Richtige. Es eignet sich nicht nur zum Durchlesen, sondern auch zum Nachschlagen. Und es gibt betroffenen Eltern an keiner Stelle ein schlechtes Gefühl, sondern hilft dabei, die Situation so zu akzeptieren, wie sie ist.

Ich hoffe, dass dieses Buch Neu-Eltern hilft, ihr Baby, das vielleicht viel schreit, mehr als andere fordert und starke Bedürfnisse zeigt, einerseits besser zu verstehen, andererseits aber auch sich selbst in dieser Ausnahmesituation nicht zu verlieren. Ich hoffe auch, dass das Wissen um solche Babys sich noch weiter verbreitet und damit Falschinformationen und Schuldzuweisungen der Umgebung aufhören. Ich wünsche dem Buch viele Leser: Eltern, Großeltern, Hebammen, Kinderärzte, Krankenschwestern und vielleicht auch Menschen, die ein entspanntes Baby hatten, damit sie verstehen, wie verschieden Babys sind und das Leben mit ihnen sein sein kann. Und sollte mein Sohn dereinst ebenfalls ein High-Need-Baby bekommen, würde ich ihm dieses Buch mit Sicherheit ans Herz legen.

Klare Leseempfehlung!


Verlosung:

Ich möchte gern mein Rezensionsexemplar an euch verlosen, denn ich selbst benötige es nicht mehr für meine Kinder. Es ist in gelesenem, aber so gut wie neuwertigem Zustand und kann bestimmt einem/r von euch noch weiterhelfen. Um in den Lostopf zu hüpfen, hinterlasst mir bitte hier einen Kommentar darüber, was euch an dem Thema interessiert, beispielsweise ob ihr ein Schreibaby habt oder hattet oder vielleicht betroffenen Eltern im Bekanntenkreis helfen wollt usw. Zusätzlich würde ich mich freuen, wenn ihr mir auf Facebook folgt und vielleicht sogar die Verlosung teilt. Ist aber keine Bedingung. Bitte gebt euren Namen im Kommentar an, sonst kann ich euch nicht berücksichtigen!

Die Verlosung läuft bis zum 22.04.2018, 23:59 Uhr. Unter allen bis dahin eingehenden Kommentaren wird der Gewinner/die Gewinnerin ausgelost und hier sowie auf Facebook bekanntgegeben. Da ich keine Mailadressen angezeigt bekomme, müsst ihr bitte die Folgekommentare abonnieren, um eine Benachrichtigung zu erhalten, oder nach der Auslosung am 23.04.2018 nochmal vorbeischauen. Die Verlosung steht in keinem Zusammenhang zu Facebook. Versand nur innerhalb Deutschlands. Mindestalter 18 Jahre. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Viel Glück!


Die Eckdaten:

Anja Constance Gaca, Susanne Mierau: Mein Schreibaby verstehen und begleiten. Der geborgene Weg für High-Need-Babys*, GU Verlag, April 2018, 128 Seiten, ISBN 978-3833865589, 14,99 €


Vielen Dank an den GU Verlag und Susanne Mierau für das Rezensionsexemplar.

*Affiliate Link
Bilder: GU Verlag, Frühlingskindermama 


Auslosung am 23.04.18: Gewonnen hat Irin, die letzte Kommentatorin. Herzlichen Glückwunsch! Danke an alle für's Mitmachen!