Posts mit dem Label Beziehung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Beziehung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 16. Juni 2018

Ein Kinofilm und eine unerwartete Begegnung

Gestern war ich im Kino und habe mir den Film "Tully" angesehen. Darin geht es um eine Mutter, die ziemlich überfordert und unglücklich in ihrem Leben mit drei Kindern, darunter ein Neugeborenes und ein sehr herausforderndes Kind, ist und die mit Hilfe einer Nacht-Nanny, die sie nicht nur nachts mit dem Baby, sondern auch im Haushalt und auf psychischer Ebene unterstützt, wieder zu ihrem früheren Ich, ihrer Lebensfreude und Abenteuerlust zurückfindet. Der Film stellt Mutterschaft und Familienleben ungeschönt und realistisch dar und macht klar, dass das Kinderhaben nicht nur keinesfalls zum Lebensglück einer Frau führen muss, sondern sie im Gegenteil sogar unglaublich destabilisieren kann.

Ich war allein, das Kino war fast leer und der Film bewegte mich sehr, denn das Gefühl, mit der Mutterschaft zu hadern und unglücklich zu sein, kenne ich nur zu gut. Als ich anfing zu bloggen, war dieses Gefühl noch sehr präsent. Ebenso gut kenne ich die Sehnsucht nach dem früheren Ich und dem Leben vor den Kindern, was die Liebe zu ihnen aber in keinster Weise schmälert; deshalb spiegelte dieser Film gewissermaßen genau die Ambivalenz, die ich mit mir herumschleppe, seit ich Mutter bin. Schon in meinem allerersten Blogpost überhaupt (Ich sollte nicht ins Kino gehen) habe ich diese ambivalenten Gefühle beschrieben, bezeichnenderweise auch an einem Kino-Beispiel.

Als ich das Kino verließ, war ich ziemlich zerknautscht und verheult, erschöpft von der Arbeitswoche, müde wegen Kopfschmerzen und insgesamt emotional derangiert. Ich wollte nur noch nach Hause und diese Gefühle verarbeiten, bis ich wieder in meiner Mitte sein würde. In diesem Moment klopfte mir jemand von hinten auf die Schulter. Ich drehte mich um - und blickte ins Gesicht meines ersten Freundes, der ebenso überrascht war, mich an diesem Ort, in dieser Millionenstadt Berlin wiedergefunden zu haben. Unsere Beziehung ist 20 Jahre her und wir hatten uns bestimmt 10 Jahre nicht mehr gesehen, aber er sah noch fast genauso aus wie damals und ich hätte ihn auch sofort erkannt. Da er selbst in einen Film gehen wollte, hatten wir nur kurz Zeit zum Reden, aber das war vielleicht ganz gut, denn ich war ziemlich durcheinander.

Die Begegnung mit diesem Freund, der aus einem früheren, kinderlosen (wenn auch nicht problemlosen) Leben stammte, setzte quasi den Emotionen, die in mir waberten, die Spitze auf. Er verkörperte als kinderloser, ungebundener, selbstständig arbeitender Mann, der sich ein wenig unser damaliges Studentenleben bewahrt hatte, in diesem Moment die Sehnsucht nach dem früheren Leben, die durch den Film aufgebrochen war. Ich schämte mich dafür, dass ich so verhärmt, müde, ergraut, augenberingt und zusätzlich noch verheult aussah und ihm das Bild einer gealterten, erschöpften und zerrissenen Zweifach-Mutter darbot. Gleichzeitig war es total skurril, diesem ehemals vertrauten Menschen gegenüber zu stehen und zu sehen, dass dieser sich fast nicht verändert hat, weder äußerlich noch in der Lebensweise, wohingegen ich selbst mich im Vergleich zur damaligen Zeit durchaus verändert und durch die Mutterschaft in vielen Aspekten völlig neu kennengelernt habe.

Bildquelle: Pixabay

All diese Gedanken und Gefühle schwirrten durch meinen Kopf und parallel versuchte ich, in der Kürze der Zeit halbwegs sinnvolle Informationen auszutauschen. Es war wirklich merkwürdig, wie sich quasi der Film durch diese unerwartete Begegnung fortsetzte. Als wir auseinandergingen, hatte ich das Gefühl, gleich zwei bewegende Ereignisse verarbeiten zu müssen. Zum Glück hatte ich danach die nötige Zeit und Ruhe dazu. Als würde der Zufall dieser Begegnung nach so vielen Jahren noch nicht ausreichen, kam sie in einem Moment, der sowieso schon sehr emotional und labil war. Das war sehr verwirrend und hinterließ ein unabgeschlossenes Gefühl. Genau wie der Film "Tully", dessen oberflächlich betrachtetes Happy End für mich keines war.

Und um den Bogen zu meinen beiden wunderbaren Kindern zu schließen: besonders berührt hat mich in dem Film die Figur des (wahrscheinlich autistischen) Jungen Jonah, der mich in seinen Herausforderungen, seinen Ängsten, seinen Eigenarten, seiner Wut, seinen Problemen mit Übergängen und Neuem und seiner Starrheit sehr an meinen Großen erinnerte und mir gleichzeitig wieder einmal die riesengroße, verblüffende und wunderbare Entwicklung, die mein Großer gemacht hat, vor Augen führte. Denn mein Großer war einst ein ähnliches Kind wie Jonah, aber er hat sich unglaublich verändert. Nicht nur ist er stabiler, ausgeglichener, offener und flexibler geworden, sondern auch wir haben in den meisten Bereichen gute Wege für uns alle gefunden. Er ist fröhlich, beliebt, gemeinschaftskonform, anerkannt, anpassungsfähig und kein Außenstehender, der ihn kennt, würde ihn mit dem Jungen Jonah aus dem Film in Verbindung bringen.

Doch wir kennen ihn von Geburt an und wissen um seine (und unsere) Schwierigkeiten. Eine unglaublich tolle Entwicklung hat er gemacht, was wir auch durchaus bemerken und würdigen, aber dies nun so deutlich und bewegend im Vergleich zu Jonah zu sehen, war sozusagen die dritte emotionale Herausforderung an diesem Abend für mich. Und brachte das Thema der Kinder wieder mitten hinein in meine Gedanken, das Kreisen und Ringen um die Mutterschaft.

Denn das Eine gibt es bei mir nicht ohne das Andere. Es gibt nicht nur die Zerrissenheit und das Hadern, sondern auch die Liebe und die Freude über die Kinder. Es gibt den Freiheitsdrang und die Dankbarkeit. Es gibt Streit und Harmonie. Es gibt die unfassbar komische Situation, wenn du deinem Kind eines deiner absoluten und emotionalsten Lieblingsduetts, "One" von Bono und Mary J. Blige vorspielst und es dann sagt: "So, und jetzt bitte Biene Maja!". Das alles umfasst meine Mutterschaft. Dieser Abend, dieser Film und diese Begegnung brachten all dies wieder einmal zu Bewusstsein. Das ist schmerzhaft und schön zugleich, wie das Leben eben oft ist. Insofern war es weitaus mehr als:

Ein Kinofilm und eine unerwartete Begegnung.

Sonntag, 5. Februar 2017

Als Mutter anders als gedacht

Wie seid ihr als Eltern? Seid ihr solche Eltern wie in eurer Vorstellung geworden oder ganz andere? Kommt ihr mit der Elternrolle bzw. -aufgabe besser, schlechter oder genauso zurecht wie vorher gedacht? Konntet ihr euch überhaupt realistisch vorstellen, wie es ist, Mutter oder Vater zu sein? Hattet ihr viele Gelegenheiten zu üben, sei es durch deutlich jüngere Geschwister, Babys im Freundeskreis oder Babysittererfahrungen? Meint ihr, das hat überhaupt einen Einfluss darauf, wie man selbst als Mama/Papa wird bzw. klarkommt, oder spielen da noch viele andere Faktoren hinein, z.B. die hormonellen Veränderungen, der Charakter des Kindes und individuelle Faktoren wie die Unterstützung des Partners oder fehlende Entlastung? Ist eure Partnerin/ euer Partner vielleicht als Mutter/ Vater ganz anders geworden als vorher gedacht?

Es gibt mit Sicherheit alle möglichen Konstellationen: Eltern, die sich nie vorstellen konnten, ein Kind zu bekommen und sich als ungeeignet für die Elternschaft hielten, die aber die erfülltesten und liebevollsten Eltern für ihr Kind wurden, genauso wie diejenigen, bei denen sich ihre Vorahnung oder Selbsteinschätzung bewahrheitete, als sie (vielleicht ungewollt) Eltern wurden. Eltern, die sich sehnlichst ein Kind wünschten und, falls es schwierig war, enorme Mittel und Wege in Kauf nahmen, für die dann aber alles gar nicht so rosig war wie vorgestellt, genauso wie diejenigen, die nach der Erfüllung dieses möglicherweise langgehegten Wunsches ihr Lebensglück tatsächlich fanden. Einige werden sich sicherlich vorher kaum Gedanken gemacht haben und das setzt sich als Eltern fort, indem sie einfach ihren Weg gehen, sei dieser nun besonders reflektiert oder nicht.

Bei mir ist eigentlich alles anders gekommen, als ich es mir vorgestellt und ausgemalt habe. In beide Richtungen, das möchte ich gleich dazu sagen. Als Mama bin ich tausendmal empathischer, einfühlsamer, verständnisvoller, bindungs- und kindorientierter geworden als ich es je für möglich gehalten hätte. Ich hatte in diesem Text schon einmal beschrieben, dass ich früher eher eine "Erziehungs-Hardlinerin" war und den Charakter von Kindern größtenteils dem Erziehungs(un)vermögen der Eltern zugeschrieben habe. Meine eigenen Kinder, vor allem deren Gegensätzlichkeit, haben mich eines Besseren belehrt. Aber gleichzeitig war und bin ich als Mama, vor allem in den ersten sehr anstrengenden Jahren, auch deutlich ungeduldiger, genervter und stressanfälliger als in meiner früheren Vorstellung. Der Schlafmangel und die fehlende Entlastung trugen hier sicherlich einen großen Anteil. Und was noch gravierender ist: ich selbst und sicherlich auch mein Umfeld haben damit gerechnet, dass mich die Mutterrolle hundertprozentig aus- und erfüllen würde, dass ich eine überglückliche Mutter wäre und nichts anderes mehr als Mutter sein wöllte, gerade nach unserer langen und schmerzhaften Kinderwunsch-Vorgeschichte. Dass das anders gekommen ist, und zwar anfänglich extrem anders, hat nicht nur mich selbst aus der Bahn geworfen, sondern auch meine Umgebung überrascht und ratlos gemacht. Denn wenn ein Mensch plötzlich so ganz andere Emotionen zeigt als erwartet, dann erkennt man ihn erstmal gar nicht wieder. Und wenn man dann weder Zeit noch Gelegenheit hat (wie es oft im Babyjahr der Fall ist), um die völlig neue emotionale Situation intensiv zu besprechen und zu reflektieren, fühlt sich jede Seite allein gelassen und missverstanden.

Ich jedenfalls bin eine ganz andere Mutter geworden als ich gedacht hatte, sowohl was meine Beziehung zu meinen Kindern angeht als auch meine eigenen Gefühle, die Mutterrolle, das "Mutterglück" betreffend, und ich glaube, nicht nur ich selbst, sondern auch mein gesamtes Umfeld mussten sich erst einmal daran gewöhnen, dass vieles anders gekommen ist als erwartet, dass ich anders reagierte als erhofft, dass die Umstände insgesamt viel schwieriger waren und dass wir alle viel Zeit brauchten, um uns an das neue Leben zu gewöhnen. Ich habe sehr viel Unverständnis für meine heftigen Emotionen kassiert, denn damit, wie ich mich als Mutter und Mensch fühlte, was ich sagte und hinausschrie, was ich mir wünschte und wonach ich mich sehnte, hat keiner gerechnet, so kannte mich vorher keiner, das war völlig unerwartet. Und deshalb sage ich, man kann nie wissen, wie man als Mutter/ Vater wird, wie man mit der Elternrolle klarkommt und wie sich alles entwickelt.

 Bildquelle: Pixabay

Ab und zu lese ich Bemerkungen wie "Du hast doch gewusst, wen du dir als Vater/ Mutter deiner Kinder aussuchst" etc., oft bezogen auf Männer, die sich aus ihrer Verantwortung als Väter zurückziehen, die nicht zugewandt mit ihren Kindern umgehen, die sich das Leben als Eltern anders vorgestellt hatten. Diese Fälle gibt es sicherlich zuhauf, aber darauf will ich gar nicht hinaus. Ich will eher an meinem eigenen Beispiel als Frau und Mutter zeigen, dass man eben vorher nicht weiß, "wen man sich als Vater/ Mutter seiner Kinder aussucht". Mein Mann, meine Eltern, meine Freunde hätten sicherlich niemals damit gerechnet, dass ich so eine unzufriedene, ja unglückliche Mutter werde, wie ich es die ersten Jahre war, dass mich die Mutterschaft eben nicht per se erfüllte, sondern ich stattdessen so einschneidend wie noch nie in meinem Leben geschwächt, überfordert und verzweifelt war. Das hätte ich ja selbst nie für möglich gehalten. Mein Umfeld war davon genauso überfordert wie ich. Und nein, das kann man vorher nicht wissen, woher auch. Weder von sich selbst noch vom Partner. Elternschaft ist für viele Menschen ein mehr oder weniger großer Einschnitt, für einige jedoch bedeutet sie eine radikale Neuorientierung, ein Neu-Erkennen der eigenen Persönlichkeit und damit viele Veränderungen für sich selbst und die Umgebung. Auch das persönliche Umfeld braucht Zeit dafür und es ist für beide Seiten nicht einfach. Ich/ wir haben das durchgemacht und dieser Prozess ist noch nicht beendet.

Gleichzeitig habe ich mich, was meine Überzeugungen und Werte als Mama betrifft, auch völlig neu orientiert. Ich bin keine strenge, regelbewusste, konsequente Mama geworden wie gedacht, sondern weich, bindungsorientiert, verständnisvoll, nachgiebig, empathisch. Das war auch keine bewusste Entscheidung, sondern es hat sich so ergeben und entwickelt im Leben mit meinen Kindern, vor allem mit meinem Großen, der von Anfang an ein bedingungsloses Eingehen auf seine Bedürfnisse einforderte. Die Lektüre von vielen Büchern und Blogs haben ebenso dazu beigetragen wie die Erinnerungen an eigene Kindheitserfahrungen. Nicht nur fühlt sich also das Muttersein für mich anders an als gedacht, sondern ich bin auch in der Beziehung zu meinen Kindern eine andere Mutter geworden als vorgestellt. Auch diese Entwicklung hat mein Umfeld sicherlich überrascht und bis heute habe ich immer noch ab und zu den Eindruck, dass mancher nicht wirklich verstanden hat, welchen Weg ich als Mutter gehe. Das ist schade, aber bei so krassen Veränderungen sicherlich auch verständlich. Umgekehrt würde mir das bestimmt genauso gehen.
 
Aus meiner eigenen Geschichte und vielen ähnlichen Erfahrungen heraus bin ich überzeugt davon, dass man vorher tatsächlich nicht wissen kann, wie man selbst oder der Partner als Mutter/ Vater wird und wie man bzw. der Partner mit der Elternrolle klarkommt. Es ist ein Weg, ein Prozess, der mehr oder weniger weitab von der früheren Persönlichkeit und den alten Überzeugungen führen kann. Und das ist weder für sich selbst noch für das Umfeld einfach. Deshalb bin ich vorsichtig mit solchen Aussagen, dass man doch gewusst hätte, wen man sich als Vater/ Mutter seiner Kinder aussucht. Nein, ich glaube, im Endeffekt kann man das nicht wissen. Elternschaft ist für jeden Menschen eine Überraschung, auf die sich keiner wirklich vorbereiten kann.

Was meint ihr dazu, könnt ihr das aus eurer Erfahrung bestätigen oder seid ihr als Mutter/ Vater genauso wie vorgestellt? Erzählt mal...

Freitag, 18. Dezember 2015

Autonome Kinder Teil 4 - Pubertät

Ich freue mich, dass ich noch ein paar Informationen zu autonomen Kindern, diesen besonders selbstbestimmten, unbestechlichen und nicht manipulierbaren Wesen, gefunden habe, die ja in diversen Büchern von Jesper Juul erwähnt werden. Und diesmal geht es sogar um ältere Kinder, über die es noch weniger Aussagen gibt. Mein vermutlich autonomes Kind ist ja noch nicht einmal 5 Jahre alt, aber trotzdem interessiert es mich sehr, wie sich solche Kinder weiterentwickeln und welche Herausforderungen später noch auf die Eltern zukommen. In meinem Interview mit Jesper Juul meinte er, dass sie oft sehr erfolgreich werden, aber im Privatleben einen unbequemen, steinigen Weg gehen müssen und ihre liebsten und engsten Menschen wegen ihres großen Autonomiebedürfnisses oft vor den Kopf stoßen.

In Jesper Juuls Buch Pubertät - wenn Erziehen nicht mehr geht werden nach einem theoretischen Teil mit Juuls Gedanken zur Pubertät, in der sich seiner Überzeugung nach vor allem die Eltern verändern müssen, Gespräche mit zehn Familien aus einem Workshop mit Juul notiert, der unter dem Titel "Pubertät ist eine Tatsache, keine Krankheit" stattfand. Ab S. 103 wird von einem 12-jährigen Jungen berichtet, dessen Verhalten zu vielen problematischen Situationen in der Familie führt. Es kommt sehr schnell zu Eskalationen durch eine Verweigerungshaltung des Sohnes, es gibt verbal und körperlich unangenehme Situationen mit seinem Bruder und die Eltern fühlen sich wirklich im Alltag oft hilflos und überfordert. Der Vater bezeichnet die Familie als "Gewitterfamilie" (S. 104), in der schnell Emotionen hochkochen, und hat Angst vor dem, was noch kommen mag. Juul tastet sich durch seine Fragen an die Perspektive des Jungen und die bisherige Erfahrung der Eltern heran. Besonders problematisch scheint die fehlende Akzeptanz von Autorität zu sein und die Eltern fragen sich, ob sie etwas versäumt oder falschgemacht haben. Die Mutter sagt:  

"Denn das hatte er schon immer, im Kindergarten mit den Erzieherinnen, in der Schule mit den Lehrern, auch innerhalb des Familienkreises herrscht die Meinung, dass er ganz große Schwierigkeiten hat, Autoritäten anzuerkennen." (S. 114)

Diese Tatsache, die also schon ganz früh erkennbar war, und seine weiteren Beobachtungen und Einschätzungen bringen Juul zu der Überzeugung, dass es sich bei dem Jungen um ein autonomes Kind handelt. Er fragt noch einmal zum Kleinkindalter nach und die Mutter berichtet:

"Ich weiß nur, das habe ich schon oft gedacht, das war schon früh so, dass ich mich provoziert gefühlt habe oder nicht wusste, was ich machen soll."

"Und ich kann mich gut daran erinnern, als er noch wirklich klein war, unter einem Jahr, und keinen Mittagsschlaf mehr machen wollte."

"Es war einfach schon von Anfang an schwierig. In jeder Gruppe war sein Sozialverhalten schwierig. Also im Kindergarten, Grundschule oder das Problem jetzt mit seinem Bruder. Wo er noch mal provoziert und noch mal..." (S. 116)

Juul sagt im Buch Pubertät - wenn Erziehen nicht mehr geht dazu Folgendes und bietet Hilfestellungen:

"Ich hab mehr und mehr eine Idee, eine Vorstellung, dass euer Sohn von Anfang an viel autonomer war als die meisten Kinder. Was ich immer höre: er kann sich sehr gut abgrenzen, er kann sehr gut sagen, was er will und was er nicht will, auch von Anfang an, er ist auch sehr stark. Und das heißt ja, das meiste von dem, was wir als Eltern oder Erwachsene oder Pädagogen an Liebe, Fürsorge, Unterstützung anbieten, will er nicht haben. (...) 

Dann habe ich einen Vorschlag. (...) Mit ihm muss man reden, verhandeln, sprechen, in einer Art und Weise, wo man sich vorstellt, er ist nicht 12, sondern 32. Das heißt, nicht Vater und Mutter spielen. Wenn das passiert, reagiert er allergisch, das kann er nicht ertragen. Das ist schwierig für ihn, weil er sich oft einsam oder alleine fühlt, und das ist sehr schwierig für Eltern, manchmal auch für Pädagogen oder Lehrer, weil man sozusagen mit einem ganzen Korb oder Herz voll Geschenken dasteht, die man ihm gerne schenken möchte, und er will die nicht haben. Und was kann ich denn sonst anbieten? Das ist natürlich unheimlich schwierig, denn so viele Alternativen haben wir ja auch nicht im Kopf. Ich hab' schon ein bisschen darüber gesprochen, dass man mit Anfang der Pubertät als Sparringpartner fungieren muss, und das kann man mit autonomen Kindern eigentlich von Anfang an machen. (...) 

Normalerweise sage ich, den meisten Kindern kann man einen Teller servieren und sagen: 'Hier gibt's was zu essen', und dann essen die Kinder. Mit diesem Jungen ist das nicht so, da muss man ein Buffet haben. Dann kommt er, wenn er Hunger hat, und dann wählt er, was er will. (...) 

Dabei muss man sich aber wirklich vorstellen, dass er ein Erwachsener ist. Wenn ich sage, dass es im Allgemeinen mit zwölf für Erziehung zu spät ist, dann war es hier eigentlich immer zu spät. Als Eltern von anderen Kindern kann man weitermachen, und es wird nur für ein paar Jahre unangenehm werden. Aber hier muss es aufhören. (...) 

Er braucht dringend diese Beziehung, aber eine Beziehung, in der er nicht als schwieriges Kleinkind behandelt wird. Sondern als 32-Jähriger, ich kann es nicht besser sagen. Sich das vorzustellen ist schwierig, er ist ja noch klein. Man kann zu ihm wie zu einem Freund gehen und ihn um Feedback bitten. Als Vater kann man sagen: 'Mein Gefühl ist, ich sollte jetzt so und so mit Dir umgehen, was glaubst Du?' Man kann ihn als Berater benützen, für die Elternschaft, für die Elternrolle. Er weiß genau, was er braucht und was er nicht braucht. Das ist das Besondere an diesen Kindern, die wissen das ganz genau, aber sie wollen, wie alle anderen, nicht gerne einsam sein." (S. 116ff.)

Er spricht noch kurz das Thema Vererbung an und fragt die Mutter: "Man kann sich immer auch als Elternteil überlegen: War ich auch so ein Kind?" Und als die Mutter bejaht, fragt er weiter: "Und was haben deine Eltern gemacht? Ist es deinen Eltern gelungen, dich 'zu knicken'?" Darauf die Mutter: "Ich glaube nicht. Meine Mutter hat vor zwei, drei Jahren mal gesagt: 'Es war immer schwierig, dich in die Familie zu integrieren.'" Verstanden hat sie sie wohl bis heute nicht. Und genau das ist das Problem: "Aber als Eltern eines kleinen Kindes möchten wir das natürlich gerne. Und das ist genauso hier. Er lässt sich nur integrieren, wenn er spürt: 'Ich kann sein, wie ich bin, und man soll mir nicht sagen, ich soll anders sein. Man soll mich überhaupt nicht 'benennen'." (S. 119)

Er fasst mit diesen Aussagen und Einschätzungen noch einmal die verstreuten Informationen zu autonomen Kindern zusammen und bündelt diese in dem Gespräch mit einer Familie. Besonders interessant ist, dass es um Aspekte der Pubertät geht, in der sich beide Seiten, Eltern und Kinder, oft besonders hilflos fühlen. Man sieht jedoch auch in diesem Fall wieder, dass autonome Kinder schon von Anfang an als "schwierig" oder ungewöhnlich empfunden werden. In der Pubertät nimmt das wahrscheinlich ähnlich wie in der Autonomiephase zwischen 2 und 4 Jahren noch einmal völlig neue Ausmaße an. Leider gibt es zu diesem Gespräch keine Rückmeldung der involvierten Familie über die Folgen und Veränderungen des Gesprächs, wie zu einigen anderen der im Buch festgehaltenen Gespräche. Auch fehlen wieder konkrete praktische Tipps und Hilfestellungen im Umgang mit autonomen Kindern. Wahrscheinlich muss hier jeder, unter Berücksichtigung der zentralen, immer wieder erwähnten Punkte, ausprobieren, was am besten funktioniert. Ein autonomes Kind ist ja nicht nur ein solches, sondern bringt noch jede Menge anderer Eigenschaften und Wesenszüge mit. Insofern gibt es wohl keine Patentrezepte. Ich muss ehrlich sagen, dass ich etwas Angst vor der Pubertät mit meinem autonomen Kind habe, vor allem wenn ich mich an seine Autonomiephase zurückerinnere, die uns wirklich nicht nur an, sondern über unsere Grenzen brachte. Aber vielleicht verändert er sich bis dahin auch noch und andere Charakterzüge treten stärker hervor.

Gibt es unter euch Eltern von pubertierenden autonomen Kindern, die Erfahrungsberichte beisteuern können? Was funktioniert bei euch gut und was überhaupt nicht? Habt ihr Tipps und Ratschläge?

Meine anderen Texte zu autonomen Kindern findet ihr hier:
Autonome Kinder
Autonome Kinder Teil 2
Autonome Kinder Teil 3 -Interview mit Jesper Juul

In diesem Text sind Affiliate Links enthalten


Wenn euch meine Artikel über "Autonome Kinder" weitergeholfen haben, würde ich mich sehr über ein kleines Dankeschön freuen. Über diesen Button könnt ihr mir einen Kaffee "spendieren":

Donnerstag, 20. August 2015

Liebe fühlt sich sehr verschieden an

Schon länger will ich über ein Thema schreiben, was nicht leicht zu fassen und zu umreißen ist und leicht misinterpretiert werden kann. Es betrifft meinen unterschiedlichen Zugang zu meinen beiden Kindern. Also weniger die Ähnlichkeiten/ Unterschiede zu mir, die ich in den Kindern entdecke (worüber ich hier ausführlich geschrieben habe und die da natürlich mit hineinspielen), sondern vielmehr die damit verbundenen Gefühle bei mir und wie sich dies im Alltag bemerkbar macht. Viele sagen ja immer: "Ich liebe meine Kinder gleich." Dazu möchte ich sagen: "Aber diese Liebe fühlt sich bei mir völlig verschieden an." Verschieden leicht oder schwer, verschieden kompliziert oder unkompliziert, verschieden arbeitsintensiv oder fließend.

So, wie es auch zwischen Erwachsenen Beziehungen gibt, die von Grund auf leichtgängiger, symbiotischer und einträchtiger funktionieren und andere, deren Protagonisten sich aneinander reiben, miteinander Konflikte austragen und dadurch miteinander wachsen, existieren auch in der Eltern-Kind-Beziehung Konstellationen, die intuitiver und andere, die konfliktreicher und arbeitsintensiver sind. Es gibt einfach Menschen unter jenen, die man nett findet und gern hat, mit denen man sich intuitiv versteht, mit denen man eine gemeinsame Basis hat oder denen man sich nahe fühlt. Und andere wiederum, die man mag, wo aber irgendwie kein emotionaler Zugang entsteht oder dieser Zugang enormes Engagement erfordert oder ein Zugang da ist, dieser aber großen Schwankungen ausgesetzt ist und auch viel emotionale Arbeit braucht. Ich denke, das kann man genauso auf Eltern-Kind-Beziehungen übertragen.

In diesem Interview über ihre postnatalen Depressionen schreibt Christine von Villa Schaukelpferd:
"Ich kann heute fühlen, was für ein toller Junge mein Sohn ist, auch wenn sich die Mutter-Sohn-Beziehung zu meinem zweiten Sohn anders anfühlt. Es „fließt“ einfach besser zwischen meinem Jüngsten und mir. Vielleicht liegt das aber auch an den unterschiedlichen Charakteren und Temperamenten der Kinder. Trotzdem habe ich inzwischen beide Kinder „gleich lieb“ und wüsste (im Gegensatz zu früher) nicht mehr, wen ich aus dem brennenden Haus retten würde, wenn ich mich für Einen entscheiden müsste."

Der Ausdruck "es fließt einfach besser" beschreibt sehr schön, was ich meine. Vielleicht versteht man ein Kind besser, vielleicht fühlt man sich ihm wesensmäßig näher, vielleicht tritt das Kind einem anders entgegen als das Geschwisterkind. All dies spielt in so ein Gefühl mit hinein. Auf mich und meine Kinder bezogen, fühlt es sich so an, dass es zwischen der Kleinen und mir mehr "fließt" als zwischen dem Großen und mir, obwohl er mir in einigen Grundcharakteristika sehr ähnlich ist. Die Beziehung zu ihm ist ungleich anstrengender, konfliktreicher, arbeitsaufwendiger und oft auch schmerzhafter als die zur Kleinen. Außerdem hatten wir ja massive Anfangsschwierigkeiten mit ihm, so dass also auch noch eine als negativ erinnerte Geschichte in die Beziehung mit hineinspielt. Genau das schweißt uns aber auch zusammen. Andererseits muss ich auch feststellen, dass das Leben mit dem Großen mich weitaus mehr über mich gelehrt hat als es mit der Kleinen je möglich gewesen wäre. Durch ihn habe ich mich selbst besser kennengelernt, meine Grenzen, meine Hochsensibilität, meine Problembereiche. Er stellt mich immer wieder auf die Probe und fordert viel, manchmal zu viel, von mir. Die Beziehung zu ihm ist harte Arbeit für mich. Gerade der Widerspruch, dass er mir in einigen Bereichen wie seiner vermutlichen Hochsensibilität und seinem autonomen Wesen so ähnlich, in anderen Aspekten wie seinen kognitiven Fähigkeiten dagegen wiederum komplett gegensätzlich ist, bereitet mir oft Schwierigkeiten und Kopfzerbrechen. Über ihn denke ich sicherlich zehnmal mehr nach als über die Kleine. Wir sprechen viel öfter über ihn als über sie. Wir machen uns viel mehr Gedanken über seine Zukunft als über die der Kleinen. Auch hier auf dem Blog schreibe ich viel mehr über ihn als über sie. Das fühlt sich manchmal merkwürdig an, ist aber einfach der Tatsache geschuldet, dass er viel mehr mit sich und seinem Leben zu kämpfen hat als die Kleine. Ich will und muss ihn ja auch darin unterstützen, einen gesunden Weg zu finden.

Die Liebe zu solch einem Menschen/ Kind ist nicht einfach, nicht geradlinig, nicht unbeschwert, sondern Schwankungen unterworfen, kräftezehrend und sehr arbeitsintensiv. An Tagen, an denen man sich als Fußabtreter benutzt fühlt (von der Kleinen habe ich mich noch nicht einen Tag ihres Lebens als Fußabtreter benutzt gefühlt), ist es schwerer, eine unkritische Liebe zu fühlen. An Tagen, wo er zugänglich, ausgeglichen und anschmiegsam ist, ist dies einfacher. Und ich meine weiß Gott keine simple Rechnung wie "Ist er lieb und kooperativ, habe ich ihn gern", nein nein, aber ich vermisse oft, dass er zumindest emotional anerkennt, wieviel von meiner Seele ich für ihn hergebe. Mein Mitfühlen und Mitleiden ist für ihn noch ausgeprägter als für die Kleine. Ich fühle seine Zerrissenheit, ich fühle seine Verzweiflung, ich fühle sein Aufbegehren und zeige ihm das auch. Ich gebe ihm alles, was ich geben kann, aber es scheint nie genug zu sein. Mitfühlen und Mitleiden ist auch ein großer Bestandteil von Liebe, genauso wie Erkenntnis des anderen und Hilfe beim Finden des eigenen Weges. Das sehe ich als meine Aufgabe an. Ich denke tatsächlich, dass er meine größte Lebensaufgabe ist, die ich angenommen habe, mit der ich aber auch oft hadere. All das macht meine Liebe für ihn aus. Es ist keine simple, intuitiv funktionierende Beziehung, auch wenn man dies aufgrund der Ähnlichkeiten vielleicht erwarten würde. Auch ich selbst muss mich von dieser Erwartungshaltung immer wieder lösen.

Meine Beziehung zur Kleinen ist ganz anders. Für mich ist es eine intuitive Beziehung. Wir hatten einen wunderschönen gemeinsamen Start, sie hat also unbelastet und nicht traumatisch begonnen. Die Kleine hat von Anfang an in Symbiose mit mir gelebt. Sie ist unheimlich anschmiegsam, zeigt ihre Zuneigung und macht es uns leicht, sie zu lieben. Sie ist mir in ihrer Fröhlichkeit, ihrer Unbeschwertheit, ihrem Schelm, ihrem unkomplizierten Wesen eigentlich überhaupt nicht ähnlich. Und dennoch ähnelt sie mir in vielen Aspekten, die erst auf den zweiten Blick zu erkennen sind bzw. erst durch den Erwerb der Sprache zum Vorschein traten. Ich sage immer, ihr Gehirn funktioniert wie meins, sie denkt wie ich, sie erkennt Zusammenhänge, sie ist vorausschauend, sie ist schnell, sie ist unglaublich empathisch und einfühlsam und willensstark, aber umgänglich. Die Beziehung zu ihr ist keine harte Arbeit, kein täglicher Kampf, im Gegenteil: es "fließt" zwischen uns, um die Worte vom Anfang wieder aufzugreifen. Sie zeigt und sagt mir, dass ich eine tolle Mama bin und dass sie mich lieb hat, und ich im Gegenzug ebenfalls. Wir reiben uns nicht aneinander, wir schwingen miteinander. So einfach und wunderschön ist es mit ihr. Ich bin gespannt, ob und wie sich das im Laufe der nächsten Jahre verändern wird. Hätte ich nur sie gehabt, hätte ich wohl niemals die Dinge über mich herausgefunden, die mir jetzt mein eigenes Dasein erleichtern. Es wäre aber deutlich weniger schmerzhaft gewesen.

Insofern fühlt sich die Liebe zu meinen beiden Kindern durchaus sehr unterschiedlich an. Das heißt nicht, dass die Liebe zu einem Kind stärker ist. Aber ich fühle sie anders. Das eine ist eine klare, gleichbleibende, intuitive, unbeschwerte und auf Gegenseitigkeit beruhende Liebe, die auch deutlich gezeigt wird. Das andere ist eine schwierige, Schwankungen unterworfene und herausfordernde Liebe, die hart erarbeitet werden muss, aber mich unheimlich viel lernen lässt. Ich kann sagen, dass die Liebe und die intuitive Beziehung zur Kleinen mir die Kraft gibt, die ich für die kräftezehrende und herausfordernde Beziehung zum Großen benötige. Insofern hat doch alles seinen Sinn. Und vielleicht kehrt sich alles ja noch einmal um.

Nachtrag 1: 
Für diesen Text wurde ich von der Lernplattform Scoyo als einer der Blogger-Lieblinge des Monats August 2015 ausgewählt. Näheres hier.

Nachtrag 2: 
Ich nehme mit diesem Text am Eltern! Blog Award von Scoyo 2016 teil. Näheres hier .

Samstag, 14. Februar 2015

Hochsensible in der Partnerschaft (Buchrezension)

Nachdem ich vor einiger Zeit das Buch Hochsensible Mütter von Brigitte Schorr gelesen habe, was die einzige deutsche Lektüre zum schwierigen Thema Hochsensibilität und Mutterschaft ist, werde ich im Folgenden ihr neues Buch Hochsensible in der Partnerschaft vorstellen, welches mir der Hänssler Verlag freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte. Zu diesem Thema existieren auf deutsch ansonsten, soweit mir bekannt ist, nur noch die Bücher Hochsensibilität in der Liebe der Pionierin in der Erforschung der Hochsensibilität, Elaine N. Aron. und Sensibilität und Partnerschaft.

Grundsätzlich denke ich, dass das Thema nicht nur im begrenzten Rahmen der an Hochsensibilität Interessierten, sondern auch gerade für Nicht-Hochsensible sehr interessant sein müsste. Da der Anteil der Hochsensiblen ja oft mit ca. 15% angegeben wird, heißt das zwangsläufig, dass viele Hochsensible mit Nicht-Hochsensiblen in Partnerschaften sein müssten bzw. sind. Daraus ergeben sich schon mal per se Verständnisschwierigkeiten, unterschiedliche Erwartungshaltungen, verschiedene Belastbarkeiten, die zu Konflikten in Beziehungen führen können. Aber auch Partnerschaften zwischen zwei hochsensiblen Menschen bergen Konfliktpotential, wenn auch viele Möglichkeiten eines wunderbaren, verständnisvollen und erfüllten Miteinanders. Für beide Seiten kann also die Beschäftigung mit dem Thema von Nutzen sein, besonders, wenn man seinen hochsensiblen Partner nicht verändern, sondern wirklich aus tiefster Seele verstehen möchte und dieser auch bereit ist, sich ganz zu öffnen.

Brigitte Schorr schreibt in ihrem gut lesbaren Stil ein nicht zu umfangreiches und mit praktischen Beispielen aus ihrer Erfahrung als psychologische Beraterin untermauertes Buch, welches übersichtlich strukturiert ist. Im ersten Teil stellt sie prägnant zusammengefasst das Phänomen der Hochsensibilität vor und lässt schon daraus entstehende potentielle Probleme in Partnerschaften anklingen. Sie schreibt, dass "diese Eigenschaft Beziehungen so sehr prägt wie kaum eine andere" (S. 11). Deshalb müsse man sie unbedingt berücksichtigen, wenn es um Beziehungen mit mindestens einem hochsensiblen Partner geht.

Sie umreißt kurz die verschiedenen Theorien zur Vererbung bzw. Entstehung von Hochsensibilität und resümiert für sich: "Aufgrund dieser Beobachtungen neige ich zu der Ansicht, dass Hochsensibilität ein Produkt aus einer angeborenen Veranlagung und aus Lebenserfahrungen ist." (S. 30). Ihre 4 wichtigsten Kriterien der Hochsensibilität, die ich sehr hilfreich zusammengefasst finde, sind:

1. Die schmale Komfortzone (Wohlfühlbereich) sowie die Anstrengung, diese immer wieder herzustellen bzw. zu halten
2. Die schnelle Überreizbarkeit (Überstimulation), die enorme Erschöpfung auslöst
3. Das lange Nachhallen (langsame und intensive Verarbeitung)
4. Die individuelle Wahrnehmungsfähigkeit (sensorisch, empathisch, kognitiv)

Diese ersten 40 Seiten fassen so gut und verständlich zusammen, was Hochsensibilität bedeutet, dass sie sich auch als Einstiegslektüre für interessierte Nicht-Hochsensible eignen, die nicht gleich in die Tiefe der Bücher von Elaine N. Aron gehen wollen.

Im zweiten, längsten Teil geht sie ausführlich darauf ein, wie Hochsensibilität die Partnerschaft beeinflusst, und stellt gleich zu Beginn grundsätzlich fest: "Allein die Tatsache, eine Partnerschaft oder eine Ehe zu führen, kann sich für Hochsensible sehr krisenhaft anfühlen. Schon die räumliche Anwesenheit des anderen (...) kann sehr überstimulierend sein." (S. 45). Das kann ich aus meiner persönlichen Erfahrung nur bestätigen. Eine hochsensible Person, die meist unter einer permanenten Grundanspannung steht, kann sich nur erholsam entspannen, wenn sie allein ist. Das mag für eine nähebedürftigere Person schwer nachzuvollziehen sein. Es ist aber wichtig, dass beide Partner das akzeptieren, immer wieder ins Gespräch darüber gehen und für Möglichkeiten zum Alleinsein für den hochsensiblen Teil sorgen. Der hochsensible Partner wiederum sollte selbst noch mehr auf seinen inneren Stresspegel achten und entsprechende Auszeiten einfordern. Das Alleinsein muss nicht unbedingt zuhause stattfinden. Gerade Hochsensible können sich sehr gut in der Natur entspannen, bei Spaziergängen oder Gartenarbeit. Oft ist sogar diese "aktive Entspannung" besser, weil das Gedankenkarussell andere Eindrücke erhält. Essentiell ist auch ein gesunder Wechsel aus An- und Entspannung. Ein ganz wichtiger Aspekt in der Partnerschaft mit einem Hochsensiblen, speziell was das Ruhebedürfnis angeht, ist meiner Erfahrung nach: "Wenn man selbst nicht mehr in der Lage ist, sich selbst zu managen, dann kann es der Partner oder die Partnerin tun." (S. 77) Das kann ein nicht-hochsensibler Mensch, wenn er den Partner gut kennt, genauso übernehmen wie ein hochsensibler Partner, dessen Belastungsgrenze aber mit Sicherheit nicht identisch ist. Das ist für mich ein entscheidender Aspekt einer guten Partnerschaft: wenn einer nicht mehr kann oder nicht merkt, dass er eine Auszeit bräuchte, springt der Partner ein, stützt und leitet alles in die Wege, damit es dem anderen Teil wieder besser geht. Notfalls auch mit sanftem Druck.

Im Gegenzug können Hochsensible durch die "täglichen Sorgenszenarien und Gedankenspiralen in ihren Köpfen" (S. 80) sehr gutes Krisenmanagement in einem akuten Ernstfall betreiben, wovon auch der normalsensible Partner profitieren kann. Sie können in solchen Situationen sehr effektiv und pragmatisch handeln, weil sie alles, was passieren könnte, schon hundertmal im Kopf durchgespielt haben. Nach der Krise allerdings sollte es die Aufgabe des nicht hochsensiblen Partners sein, den zu erwartenden Erschöpfungszusammenbruch des Hochsensiblen aufzufangen und das normale Alltagsmanagement wieder zu übernehmen, damit dieser sich regenerieren kann. Diese Empfehlung ist in meinen Augen sehr wertvoll und sollte von beiden Seiten verinnerlicht werden. Schwierig wird es allerdings, wenn die Partnerschaft aus zwei hochsensiblen Personen besteht. Zu dieser Konstellation, die viele schöne Erfahrungen beinhalten kann, aber auch Schwierigkeiten mit sich bringt, erwähnt Schorr leider nur am Rande einige verstreute Gedanken.

Missverständnisse und Enttäuschungen können auch ausgelöst werden durch ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis, eine große Erwartungshaltung an den Partner und das tief verankerte Bedürfnis Hochsensibler, verstanden zu werden. Dazu schreibt Schorr: "Die meisten Hochsensiblen, die ich kenne, verfügen über eine Grundnervosität und eine hohe Grundanspannung. (...) Eine Person mit hoher Grundanspannung benötigt besonders viel Sicherheit. (...) Machen Sie  sich bewusst, dass Sie an der Basis Ihrer Beziehung arbeiten, wenn Sie den Zugang zu Ihrer inneren Sicherheit stärken." (S. 59f.)

Durch die übergroße lebenslange Sehnsucht Hochsensibler danach, verstanden zu werden, entsteht oft eine hohe Erwartungshaltung und ein Idealbild von einem Partner, der das erfüllen soll. Die meisten Hochsensiblen sind seit ihrer Kindheit immer wieder missverstanden und nicht akzeptiert worden, was verständlicherweise Einsamkeit hervorruft. Deshalb sehnen sie sich inständig nach dem einen Menschen, der sie versteht und so annimmt, wie sie sind. Wenn dies nicht wie erhofft erfüllt wird, kann es passieren, dass manche Hochsensible nach und nach das Verständnis für ihr Gegenüber verweigern. Nicht bewusst und nicht böswillig, sondern "wegen eines empfundenen Ungleichgewichts" (S. 66). Dessen sollte sich der nicht-hochsensible Partner bewusst sein und seinerseits wieder den ersten Schritt auf den anderen zugehen. Andererseits kann aber ein Hochsensibler in Beziehungen auch eine übergroße Empathie entwickeln, weil er oder sie genau spürt, wie es dem Partner geht, dessen Gefühle übernimmt und aus einem großen Harmoniebedürfnis heraus die eigenen Gefühle und Bedürfnisse hintenan stellt.

Häufig wirken Hochsensible (oder sind tatsächlich) ungeduldig und kompromisslos, was leicht zu Konflikten in Beziehungen führen kann. Beide Seiten sollten sich bewusst werden, dass das vor allem daran liegt, weil sie alles x-fach durchdenken und vorausplanen. Auch diese Eigenschaft sollte der nicht-hochsensible Partner schätzen und nutzen, dafür aber seinerseits eher Entscheidungen übernehmen, die Hochsensiblen aufgrund des intensiven Abwägens schwer fallen. Andere in einer Partnerschaft möglicherweise zweischneidige Aspekte sind die hohen Ansprüche und der Perfektionismus hochsensibler Menschen, die eine gewisse Gnadenlosigkeit und Kompromisslosigkeit bedingen. Denn. "Sie können regelrecht an dem Dilettantismus, der sie umgibt, leiden. Diesem Leiden liegt aber eine Fähigkeit zurunde: nämlich die Begabung, Unstimmigkeiten schnell zu erfassen und Lösungen dafür zu finden. (...) Um dieses Instrument aber nutzen zu können, braucht es die grundsätzliche Annahme gerade auch durch den nicht-hochsensiblen Partner, dass die Wahrnehmung des oder der anderen seinen Grund hat, auch wenn man selbst nichts dergleichen wahrnimmt." (S. 127f)

Enorm wichtig ist ein permanentes und unvoreingenommenes Im-Gespräch-Bleiben und Reflektieren von Gefühlen, Erwartungen, prägenden Erfahrungen. Dabei müssen besonders Hochsensible ihre oft aus Verletzungen resultierende Zurückhaltung überwinden und in Resonanz treten: "Es erscheint mir fundamental wichtig für gelingende Ehen Hochsensibler, die Wahrnehmungen von den Interpretationen zu trennen. Die Kunst ist, einen bewussten Filter zwischen der Wahrnehmung und dem Handeln einzurichten." (S. 114) Vor allem, weil Hochsensible Wahrnehmungen schnell zu ihren Ungunsten interpretieren.

Im letzten Teil folgen Anstöße für Hochsensible, um sich selbst besser kennenzulernen, mehr zu schätzen und damit zufriedenerer in der Partnerschaft zu werden. Beispielsweise neben den oben erwähnten Tipps darauf zu achten, sich ihren schwankenden Seelenzuständen nicht passiv auszuliefern, sondern sie selbst zu steuern. Die wichtigste Anregung des Buches für eine Partnerschaft zwischen zwei verschieden sensiblen Menschen ist meiner Meinung nach: "Nutzen Sie Ihre gegenseitigen Kompetenzen!" (S. 141) Das erfordert Erkennen, Akzeptanz, Verständnis und Einfühlen in den anderen, ggf. Kompromisse und vor allem immer wieder Gespräche und Reflektion.

Was mir als eigenes Thema in dem Buch (bis auf eine kleine Passage) komplett fehlt, ist der Aspekt der Elternschaft. Da Beziehungen meistens in die Elternschaft bzw. Familie münden und dies mit einem oder zwei hochsensiblen Partnern nochmal neue Probleme aufwirft, wäre das ein eigenes Kapitel wert gewesen. Als Eltern lernen sich die Partner völlig neu und in einer extremen Belastungssituation kennen, müssen ihr Leben und ihre Beziehung hinterfragen und oft grundlegend überarbeiten. Die Elternschaft kann die schwerste Krise für eine Partnerschaft bedeuten. Gerade für ein hochsensibles Elternteil stellt die Freiheitsberaubung und Fremdbestimmung durch ein Kind oftmals eine riesengroße Herausforderung dar. Die Aufgabe des anderen Partners wäre es, durch Verständnis, Kommunikation, Verschaffen von Ruheinseln und Übernehmen schwieriger Aufgaben einen Ausgleich zu schaffen und den hochsensiblen Partner zu entlasten. Das funktioniert aber nur, wenn beide um die problematischen Aspekte der Hochsensibilität wissen, diese akzeptieren und immer im Gespräch bleiben. Meist ist dafür mit einem Baby oder Kleinkind weder Zeit noch Kraft vorhanden. Es wäre also wichtig, wenn in einem Buch wie diesem Strategien aufgezeigt würden, wie beide Elternteile, das hochsensible wie das "normal-sensible", mit einer speziellen Ausnahmesituation wie der Geburt eines Kindes besser umgehen können, ebenso wie mit einem Partner, der sich dadurch vielleicht verändert oder andere Seiten zeigt. Viele Tipps und Anregungen des Buches kann man nur bedingt auf die ersten Jahre mit einem Kind anwenden, da die äußeren Bedingungen sich wie eine permanente Krise und Überforderung anfühlen können. Dazu hätte ich persönlich mir also noch ausführlichere Gedanken gewünscht. Ansonsten ist das Buch für alle an dem Thema Interessierte sehr empfehlenswert. Und ich hoffe, dass es viele nicht-hochsensible Partner lesen!