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Samstag, 16. Juni 2018

Ein Kinofilm und eine unerwartete Begegnung

Gestern war ich im Kino und habe mir den Film "Tully" angesehen. Darin geht es um eine Mutter, die ziemlich überfordert und unglücklich in ihrem Leben mit drei Kindern, darunter ein Neugeborenes und ein sehr herausforderndes Kind, ist und die mit Hilfe einer Nacht-Nanny, die sie nicht nur nachts mit dem Baby, sondern auch im Haushalt und auf psychischer Ebene unterstützt, wieder zu ihrem früheren Ich, ihrer Lebensfreude und Abenteuerlust zurückfindet. Der Film stellt Mutterschaft und Familienleben ungeschönt und realistisch dar und macht klar, dass das Kinderhaben nicht nur keinesfalls zum Lebensglück einer Frau führen muss, sondern sie im Gegenteil sogar unglaublich destabilisieren kann.

Ich war allein, das Kino war fast leer und der Film bewegte mich sehr, denn das Gefühl, mit der Mutterschaft zu hadern und unglücklich zu sein, kenne ich nur zu gut. Als ich anfing zu bloggen, war dieses Gefühl noch sehr präsent. Ebenso gut kenne ich die Sehnsucht nach dem früheren Ich und dem Leben vor den Kindern, was die Liebe zu ihnen aber in keinster Weise schmälert; deshalb spiegelte dieser Film gewissermaßen genau die Ambivalenz, die ich mit mir herumschleppe, seit ich Mutter bin. Schon in meinem allerersten Blogpost überhaupt (Ich sollte nicht ins Kino gehen) habe ich diese ambivalenten Gefühle beschrieben, bezeichnenderweise auch an einem Kino-Beispiel.

Als ich das Kino verließ, war ich ziemlich zerknautscht und verheult, erschöpft von der Arbeitswoche, müde wegen Kopfschmerzen und insgesamt emotional derangiert. Ich wollte nur noch nach Hause und diese Gefühle verarbeiten, bis ich wieder in meiner Mitte sein würde. In diesem Moment klopfte mir jemand von hinten auf die Schulter. Ich drehte mich um - und blickte ins Gesicht meines ersten Freundes, der ebenso überrascht war, mich an diesem Ort, in dieser Millionenstadt Berlin wiedergefunden zu haben. Unsere Beziehung ist 20 Jahre her und wir hatten uns bestimmt 10 Jahre nicht mehr gesehen, aber er sah noch fast genauso aus wie damals und ich hätte ihn auch sofort erkannt. Da er selbst in einen Film gehen wollte, hatten wir nur kurz Zeit zum Reden, aber das war vielleicht ganz gut, denn ich war ziemlich durcheinander.

Die Begegnung mit diesem Freund, der aus einem früheren, kinderlosen (wenn auch nicht problemlosen) Leben stammte, setzte quasi den Emotionen, die in mir waberten, die Spitze auf. Er verkörperte als kinderloser, ungebundener, selbstständig arbeitender Mann, der sich ein wenig unser damaliges Studentenleben bewahrt hatte, in diesem Moment die Sehnsucht nach dem früheren Leben, die durch den Film aufgebrochen war. Ich schämte mich dafür, dass ich so verhärmt, müde, ergraut, augenberingt und zusätzlich noch verheult aussah und ihm das Bild einer gealterten, erschöpften und zerrissenen Zweifach-Mutter darbot. Gleichzeitig war es total skurril, diesem ehemals vertrauten Menschen gegenüber zu stehen und zu sehen, dass dieser sich fast nicht verändert hat, weder äußerlich noch in der Lebensweise, wohingegen ich selbst mich im Vergleich zur damaligen Zeit durchaus verändert und durch die Mutterschaft in vielen Aspekten völlig neu kennengelernt habe.

Bildquelle: Pixabay

All diese Gedanken und Gefühle schwirrten durch meinen Kopf und parallel versuchte ich, in der Kürze der Zeit halbwegs sinnvolle Informationen auszutauschen. Es war wirklich merkwürdig, wie sich quasi der Film durch diese unerwartete Begegnung fortsetzte. Als wir auseinandergingen, hatte ich das Gefühl, gleich zwei bewegende Ereignisse verarbeiten zu müssen. Zum Glück hatte ich danach die nötige Zeit und Ruhe dazu. Als würde der Zufall dieser Begegnung nach so vielen Jahren noch nicht ausreichen, kam sie in einem Moment, der sowieso schon sehr emotional und labil war. Das war sehr verwirrend und hinterließ ein unabgeschlossenes Gefühl. Genau wie der Film "Tully", dessen oberflächlich betrachtetes Happy End für mich keines war.

Und um den Bogen zu meinen beiden wunderbaren Kindern zu schließen: besonders berührt hat mich in dem Film die Figur des (wahrscheinlich autistischen) Jungen Jonah, der mich in seinen Herausforderungen, seinen Ängsten, seinen Eigenarten, seiner Wut, seinen Problemen mit Übergängen und Neuem und seiner Starrheit sehr an meinen Großen erinnerte und mir gleichzeitig wieder einmal die riesengroße, verblüffende und wunderbare Entwicklung, die mein Großer gemacht hat, vor Augen führte. Denn mein Großer war einst ein ähnliches Kind wie Jonah, aber er hat sich unglaublich verändert. Nicht nur ist er stabiler, ausgeglichener, offener und flexibler geworden, sondern auch wir haben in den meisten Bereichen gute Wege für uns alle gefunden. Er ist fröhlich, beliebt, gemeinschaftskonform, anerkannt, anpassungsfähig und kein Außenstehender, der ihn kennt, würde ihn mit dem Jungen Jonah aus dem Film in Verbindung bringen.

Doch wir kennen ihn von Geburt an und wissen um seine (und unsere) Schwierigkeiten. Eine unglaublich tolle Entwicklung hat er gemacht, was wir auch durchaus bemerken und würdigen, aber dies nun so deutlich und bewegend im Vergleich zu Jonah zu sehen, war sozusagen die dritte emotionale Herausforderung an diesem Abend für mich. Und brachte das Thema der Kinder wieder mitten hinein in meine Gedanken, das Kreisen und Ringen um die Mutterschaft.

Denn das Eine gibt es bei mir nicht ohne das Andere. Es gibt nicht nur die Zerrissenheit und das Hadern, sondern auch die Liebe und die Freude über die Kinder. Es gibt den Freiheitsdrang und die Dankbarkeit. Es gibt Streit und Harmonie. Es gibt die unfassbar komische Situation, wenn du deinem Kind eines deiner absoluten und emotionalsten Lieblingsduetts, "One" von Bono und Mary J. Blige vorspielst und es dann sagt: "So, und jetzt bitte Biene Maja!". Das alles umfasst meine Mutterschaft. Dieser Abend, dieser Film und diese Begegnung brachten all dies wieder einmal zu Bewusstsein. Das ist schmerzhaft und schön zugleich, wie das Leben eben oft ist. Insofern war es weitaus mehr als:

Ein Kinofilm und eine unerwartete Begegnung.

Donnerstag, 31. Dezember 2015

Über mich, meine Reiselust und das Bloggen

Ich mag die monatliche Linkparty des Blogs Verflixter Alltag sehr gern und beteilige mich auch im Dezember wieder. Das Thema ist: "Wer bin ich?". Wir, die Personen hinter den Blogs, sollen sich einmal ausführlicher vorstellen und dadurch vielleicht begreifbarer machen, warum wir bloggen, welche Themen uns am Herzen liegen und was uns ausmacht. Anfangs wollte ich einfach die Über mich-Seite meines Blogs ein wenig ausschmücken, doch irgendetwas trieb mich, mal ausführlicher über mich als reiselustige Weltentdeckerin mit durch ein Studium untermauertem Interesse an fremden Kulturen, Sprachen, Orten, an Geschichte und Archäologie zu schreiben, damit vielleicht deutlicher wird, was ich für ein Mensch bin, was mich in meinem Leben vor den Kindern ausgemacht hat und was ich seitdem manchmal stärker, manchmal weniger vermisse. Insgesamt war ich immer ein vielseitig interessierter, aktiver Mensch, der Anregungen und Input brauchte, gleichzeitig aber auch die Ruhe und den Rückzug, um die Eindrücke zu verarbeiten. Diese Balance zu finden, war schon immer meine wichtigste Aufgabe und das ist mit den Kindern noch bedeutsamer geworden.

Nach dem Abitur (1993) ging ich als Au Pair-Mädchen nach London und verlebte dort zehn anfangs anstrengende und fremdartige, später wunderschöne, glückliche Monate in einer tollen, unheimlich gastfreundlichen Familie, in denen ich erwachsen geworden bin. Ich habe mir in London unglaublich viel angeschaut und war oft am Wochenende unterwegs. Je nach finanzieller Lage bin ich auch in die Umgebung Londons gefahren und habe viele Städte Südenglands besucht. Wochenendtrips nach Edinburgh und nach Paris waren auch dabei, das meiste davon habe ich allein durchgezogen. Während die meisten anderen Au Pairs nur "Just-for-Fun"-Sprachkurse belegten, habe ich Kurse an einer renommierten Sprachschule absolviert und zwei Prüfungen abgelegt. Ich habe das Gefühl, dass ich diese Zeit wirklich in jeglicher Hinsicht intensiv genutzt habe und denke noch heute gern daran zurück.

Dann bin ich zum Studium zweier geisteswissenschaftlicher Fächer nach Berlin gegangen, dort mehrfach umgezogen, habe viel unternommen und an der Uni auch zusätzliche Kurse an fremden Instituten belegt. Auch in die zweite große Uni der Stadt habe ich reingeschnuppert. Ich habe ein Praktikum absolviert und bis über das Ende meines Studiums hinaus in einer Buchhandlung gearbeitet. Mein Studium hat zwar lange gedauert, aber ich habe immer gearbeitet und mich intensiv mit den Themen beschäftigt, die mich interessierten (davon ist leider nicht so viel übrig geblieben, aber es war mir ein Bedürfnis). Ich besuchte viele Museen und Ausstellungen, hörte Vorträge, ging ins Kino, entdeckte die Stadt und zog mich dann in mein kleines Refugium zurück. Im Jahr 1997 (mit 22) fuhr ich als Erfüllung eines Traums ganz allein für 2,5 Wochen nach Israel und streifte durch das Land. Eine aufregende, mit Kultur und Geschichte gespickte Zeit - und es ist alles gut gegangen. Liebend gern wäre ich später mal durch die anderen Länder des Nahen Ostens gereist, aber es hat sich leider nie ergeben, was ich jetzt sehr bedauere.


Ich war schon immer sehr reiselustig. Ein paar kleinere Reisen machte ich mit meinem damaligen Freund, der aber leider kein Reisefreund war. Auch mit meinen Eltern fuhr ich damals noch ab und zu weg. Im Jahr 1999 (ich war 25) bekniete ich meine Mutter, mit mir eine Reise durch's Baltikum bis nach Russland zu machen. Sie fuhr mit, wir machten das allerdings mit einer Reisegruppe. Es war eine superspannende Reise, auf der wir alle drei baltischen Staaten ausführlich besichtigten und am Ende in St. Petersburg ankamen, wo ich laut Familienüberlieferung entstanden bin;). Danach war ich aber immer wieder froh, allein in meiner Studentenbude zu sein und die viele Eindrücke zu verarbeiten.

Da ich in Litauen auf den Geschmack gekommen war und noch eine Feldforschung für mein Zweitfach Ethnologie absolvieren musste, entschied ich mich, über eine ethnische Minderheit Litauens zu forschen. Dafür verbrachte ich im Sommer 2000 (mit 26) fünf Wochen in Litauen, wohnte bei Freunden meiner Litauisch-Lehrerin aus Berlin, besuchte Bibliotheken und Archive und reiste in die Städte, wo noch Angehörige der Minderheit lebten. Danach erfolgte die Auswertung und das Verschriftlichen der Feldforschungsarbeit. Alles Erfahrungen, die nicht immer einfach waren, die ich aber keinesfalls missen möchte und mich sehr weitergebracht haben.


In der Zeit hatte ich auch meinen Mann kennengelernt, der ähnlich reisefreudig wie ich war und sogar schon Fernziele wie Australien und USA besucht hatte. Wir verreisten ab dann zusammen, besonders gern in den Mittelmeerraum, und machten jede Ausgrabungsstätte unsicher. Wir fuhren mit dem Auto 16 Stunden nach Italien und nach Südfrankreich, lebten im Urlaub so billig, wie es ging, und ich gönnte uns kaum einen Ruhetag. Ich weiß noch, wie wir völlig fertig aus einem zweiwöchigen Sizilien-Urlaub nach Hause kamen, weil wir jeden Tag Monsterausflüge gemacht hatten. Im Languedoc kraxelten wir auf drei Burgen am Tag hoch, was selbst meinem Mann zuviel war. Auf Rhodos, Kreta, Zypern, in der Südtürkei inspizierten wir bei Höllenhitze jede Ausgrabungsstätte. In Andalusien, auf Mallorca, Sardinien und Teneriffa saßen wir für lange Touren viel im Auto, sahen aber unglaublich viel. In Rom stiefelten wir durch jede Kirche und waren von früh bis spät unterwegs. Urlaube waren nicht zum Erholen, sondern zum Entdecken da, oft anstrengend, aber wir, zumindest ich, waren glücklich.

Nach Abschluss meines Studiums (2004) erfüllten mir meine Eltern einen großen Traum und ich konnte endlich die langersehnte Kaukasus-Reise antreten, die ich mir allein nicht hätte leisten können. So fuhren mein Mann und ich mit einer Reisegruppe für 2 Wochen durch Armenien und Georgien. Dem auf türkischem Gebiet befindlichen Berg Ararat von der armenischen Seite so nahe wie möglich zu kommen, durch den Hohen Kaukasus in Georgien zu fahren und die uralte, beeindruckende Kultur der Kaukasusvölker zu sehen, war eine unvergessliche Erfahrung. Das sind Erinnerungen, von denen ich noch heute zehre. Gern hätte ich auch noch eine Ostanatolien-Reise gemacht und an den Flanken des Berges Ararat gestanden. (Hätte ich das mal gemacht!)


Dazwischen machten wir viele kleinere Reisen, preiswerte Wochenendtrips und Pauschalreisen, wo wir meist nur am letzten Tag dem Strand einen obligatorischen Besuch abstatteten, weil es überall soviel zu sehen gab. Im Jahr 2007 reisten wir das erste Mal nach Gran Canaria, das wir beide lieben lernten, seitdem öfter besuchten und nach dem ich eigentlich - neben einer Kulturreise - die meiste Sehnsucht habe. Mit dem Großen waren wir einmal, Anfang 2013 (schwanger mit der Kleinen) auf Gran Canaria und das war wunderschön, wenn man vom Flug absieht. Natürlich konnten wir mit dem knapp 2-Jährigen kaum etwas von unseren früheren Ausflügen wiederholen. Ansonsten haben wir mit den Kindern keine weitere Flugreise gemacht, sondern uns nicht weiter als max. 2,5 Stunden im Auto von zuhause weg bewegen können.

Auch zuhause unternahmen wir vor den Kindern viel, machten oft Tagesausflüge in unsere Umgebung, Wochenendtrips, besuchten Eltern und Schwiegereltern. Wir waren aktiv und viel unterwegs. Schließlich konnten wir uns ja danach zuhause wieder ausruhen. Ich habe das wirklich genossen und hätte noch viele, sowohl nahe als auch ferne Reiseziele auf meiner Agenda gehabt. Das Reisen war ein Symbol meiner Interessen, die praktische Fortsetzung meines Studiums und damit ein Ausdruck meiner Persönlichkeit.

Vielleicht werden einige meiner Texte, die ja implizit immer wieder davon handeln, dass ich mein Leben vor den Kindern doch vermisse, durch diesen Bericht verständlicher. Dass es beileibe nicht nur ums Verreisen geht, sondern das nur ein, wenn auch charakteristischer Teil dessen ist, was mich ausgemacht hat (Kultur, Geschichte, Unternehmungen, Ruhe, Rückzug, Flexibilität etc.), wird sicher verständlich. Der Kontrast von so einem aktiven, interessierten Leben zu jetzt ist enorm. Ich merke leider auch, wie vieles in Vergessenheit gerät und das macht mich traurig. Ich weiß, dass das irgendwann wiederkommen kann. Aber ob ich dann noch derselbe Mensch bin und mich das alles noch berührt, ist die Frage. Jedenfalls habt ihr mich nun ein wenig näher kennengelernt und könnt vielleicht einiges besser nachempfinden.

Möglicherweise ist das Bloggen für mich der Versuch, meinen seit den Kindern ziemlich eingeschränkten Radius zu erweitern und nicht mehr körperlich, sondern vielmehr geistig zu reisen. Andere Auffassungen kennenzulernen, sich über Orte und Grenzen hinweg auszutauschen und dazuzulernen. Insofern hat das Reisen und Weltentdecken vielleicht mehr mit dem Blog und mir als Bloggerin zu tun, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Und deshalb habe ich es als Thema meines Beitrags zur Linkparty "Wer bin ich?" gewählt.


Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, 
welche die Welt nie angeschaut haben.
Alexander von Humboldt

Montag, 19. Oktober 2015

Der Verlust meines ersten Kindes und die Zeit danach

Meine Kinder sind jetzt 4 1/2 und knapp 2 1/2 Jahre alt. Mein Sternenkind wäre im Monat Oktober 11 Jahre alt geworden. ET war der 20. Oktober 2004. Das Datum vergesse ich nicht. Genauso wenig wie das Datum des Verlustes. Das war der 1. März 2004. Der 1. März wiederum war dann 7 Jahre später der ET meines Großen (geboren am 6. März 2011). So schloss sich der Kreis.

Im kalten Januar 2004, ich war 29 Jahre alt, wurde ich zum ersten Mal schwanger, nicht unbedingt geplant, aber sehr willkommen. Es passte perfekt in unsere Lebenssituation, wir waren 3 Jahre zusammen, hatten eine gemeinsame Wohnung und ich war in der Endphase meines Studiums, d.h. schrieb gerade meine Magisterarbeit. Wir freuten uns unbändig und stellten uns sofort darauf ein. Nicht eine Sekunde zweifelte ich daran, dass etwas schief gehen könnte. Ehrlich gesagt, wusste ich damals auch gar nicht, wie häufig Fehlgeburten tatsächlich vorkommen. Wir hatten gar nicht diese Phase, dass man sich erst langsam an den Gedanken gewöhnen muss, sondern waren sofort Feuer und Flamme und mit Herz und Seele bei diesem Kind.

Ich war in der 6. Woche, als ich die Schwangerschaft feststellte, und erhielt ein paar Tage darauf einen Frauenarzttermin. Das Herz konnte man da noch nicht schlagen sehen und irgendwie war der Embryo auch etwas zu klein für sein Alter, aber auch dies bereitete mir keine Sorgen. Es war einfach jenseits meiner Vorstellungskraft, dass etwas nicht in Ordnung sein könnte. Beim nächsten Termin sollte ich schon den Mutterpass bekommen, ich konnte es kaum erwarten. Wir besprachen sogar schon erste Gedanken, wie wir unser Leben mit dem Baby gestalten wollten. Es gehörte wirklich sofort dazu und war mitten in unserem Kopf und Herzen. Leider kam es anders.

Am Sonntag, 29. Februar 2004, musste ich vormittags arbeiten und einen Büchertisch bestreiten. Am Abend vorher erhielt ich einen Anruf, dass die andere Kollegin leider erkrankt sei und ich deshalb allein die schwere Bücherkiste mit der Sackkarre zum Ort der Lesung fahren sollte. Ich ärgerte mich fürchterlich, hatte aber noch nichts von der Schwangerschaft erzählt und es gab auch keine andere Lösung. So karrte ich die Bücherkiste durch die Straßen und verfluchte in dem Moment meinen Job. Die Lesung war nett und ich war mittags zuhause. Am Nachmittag merkte ich gar nichts.

Am Montag, 1. März (SSW 7+5), hatte ich sofort eine Schmierblutung, als ich auf die Toilette ging. Ich war total panisch und wusste, dass etwas Fürchterliches passiert war. Mein Mann (damals Freund) musste zur Arbeit fahren und briefte mich noch, am Vormittag zur Frauenärztin zu gehen. Das machte ich auch, schilderte die Umstände und musste trotzdem heulend und blutend über eine Stunde im Wartezimmer sitzen. Das war für mich ein absolutes Unding! Klar gibt es festgelegte Termine, aber eine Frau, die gerade eine Fehlgeburt erleidet, ewig im Wartezimmer sitzen zu lassen, grenzt an Böswilligkeit. Als ich dran kam, blutete ich schon sehr und bekam nur zu hören: "Tja, da ist leider nichts mehr zu sehen." Ich war völlig aufgelöst und wusste überhaupt nicht, wie ich mit der Situation umgehen sollte. Ganz mechanisch hinter einem Schleier hörte ich mir an, wie es weitergehen und wohin ich mich wenden sollte.

Wie in Trance lief ich nach Hause, tränenüberströmt und völlig verzweifelt. Das konnte einfach nicht sein! Mein Baby war weg, von dem ich doch erst seit einer Woche wusste, das aber schon ein nicht wegzudenkender Teil von mir geworden war. Ich informierte meinen Mann und kappte dann alle Verbindungen. Am Nachmittag musste ich in die Tagesklinik fahren und mich persönlich für die Ausschabung anmelden. Warum das nicht telefonisch reichte, weiß ich nicht mehr. Es war jedenfalls eine Tortur, allein durch die Stadt zu fahren und die Welt nicht mehr zu verstehen. An meine Arbeitsstelle schrieb ich eine Mail, ich konnte nicht telefonieren. Am Abend weinten wir gemeinsam, bis ich ganz plötzlich vor Schmerzen vom Stuhl kippte. Ich sank auf dem Boden zusammen und konnte nicht mehr aufstehen. Mein Mann holte mir Kissen und Decken und ich blieb Ewigkeiten dort so liegen. Mir war wirklich wie Sterben zumute. Irgendwann wankte ich ins Bett und fragte mich nur noch, wie ich am Morgen den Weg zum Auto schaffen sollte, mit dem mein Mann mich in die Tagesklinik fahren wollte.

Morgens fühlte ich mich wie ausgeleert und ausgekotzt, zog mich mechanisch an und wir fuhren zur Tagesklinik. Mein Mann verabschiedete sich von mir und wollte mich am Nachmittag wieder abholen. Aus heutiger Sicht finde ich es unerklärlich, wieso er sich nicht einfach krankmeldete und bei mir blieb. Aber auf diese Idee kamen wir irgendwie nicht. Der untersuchende Arzt sagte vor der Ausschabung, dass schon fast alles "abgegangen" sei und nur noch der Rest ausgeschabt würde. Daher die unsäglichen Schmerzen am Abend und in der Nacht. Nach dem Eingriff verbrachten wir, 2 andere Frauen und ich, noch einige Stunden auf dem Zimmer, bis unsere Männer uns abholten. Eine Frau war schon sehr viel weiter als ich, ich glaube, in der 12. Woche, die andere ähnlich weit wie ich (7./8. Woche). Sie redeten schon wieder wie Wasserfälle und ich - ich wusste nicht, in welchem falschen Film ich mich befand, an welcher Kreuzung ich falsch abgebogen war, was mit meinem Leben passiert war, das ich so schön vor mir gesehen hatte. Es war einfach alles nur schrecklich.

Die nächsten Tage verbrachte ich eingeigelt in unserer Wohnung. Ich war 2 Wochen krankgeschrieben, der Mann musste arbeiten und ich wollte niemanden sehen und hören. Körperlich erholte ich mich ziemlich schnell, aber ich weinte ständig und war völlig leer. Etwas zu verlieren, was zu einem gehört und was man nie wieder bekommen kann, ist genauso unvorstellbar wie der eigene Tod. Es war nicht einfach nur ein Embryo, ein Zellhaufen oder sonst was, es war mein Kind, dessen und unser gemeinsames Leben ich schon vor mir gesehen habe. Mein erstes, überraschendes, aber völlig willkommenes Kind! Ich konnte es nicht glauben, dass unser gemeinsamer Weg schon zu Ende war und nie mehr gelebt werden kann. Ich hatte keinerlei Erinnerungsstücke, keinen Mutterpass, kein Ultraschallbild, lediglich die Schwangerschaftstests hebe ich bis heute auf, damit es überhaupt etwas Greifbares gibt.


Bildquelle: Pixabay

An dem darauffolgenden Wochenende besuchten uns wie geplant meine Eltern. Wir hatten bis dahin noch nichts erzählt und sie waren natürlich überrascht, als sie hörten, weswegen ich krankgeschrieben war. Die Reaktion war nicht so, wie ich es mir gewünscht und vorgestellt hätte, und ich kann nur hoffen, dass ich selbst einfühlsamer sein werde, sollte meine Tochter ihr Kind verlieren. Ich glaube, sie haben bis heute nicht verstanden, dass es ihr erstes Enkelkind war, was da starb. Auf einem eigentlich schönen Ausflug mit ihnen fühlte ich mich völlig falsch und es schrie in mir, dass die Erde sich doch nicht einfach so weiterdrehen konnte! Ich stand wie neben mir, noch sehr viele Monate. Ich funktionierte, nahm am Leben teil, erfüllte meine Pflichten, schrieb meine Magisterarbeit weiter, beendete mein Studium und feierte meinen 30. Geburtstag. Aber ich litt wie ein Hund. Der erste Arbeitstag nach der Krankschreibung fühlte sich so verlogen an. Alles ging weiter wie bisher, nur ich war zerbrochen. Ich weinte auch oft auf der Arbeit, im Bus und beim Spazieren.

Mein Mann schien das alles besser wegzustecken und wir sprachen, je mehr Zeit verging, immer weniger über den Verlust. Dabei wollte ich eigentlich über nichts anderes mehr sprechen. Mir ging es schlecht und immer, wenn es mir schlecht ging, schlug sich das enorm auf die Beziehung nieder. Wir hatten Kommunikationsprobleme und in den darauffolgenden Monaten eine schwere Krise. Verständlich, mein Leben lag in Scherben, so fühlte es sich für mich noch lange an. Ich beendete mein Studium, wir unternahmen weiterhin viel und machten schöne Urlaube, in denen ich mein Leid etwas vergessen konnte. Ich hatte allerdings einige körperliche Probleme, in denen ich den Schmerz um mein Baby erkannte. Da gab es viel Nasenbluten (nie zuvor und nie danach hatte ich jemals Nasenbluten). Da zerbrachen kurz vor dem ET zwei gesunde Zähne zeitlich ganz knapp nacheinander. Einer der beiden Zähne ist bis heute mein einziger Problemzahn. Ich hatte eine Röschenflechte (sonst so gut wie nie Hautprobleme) und starke Blutungen. Ich stürzte im Schwimmbad und brach mir einen Zeh, woraufhin ich wochenlang schlecht laufen konnte. Wie von Geisterhand hörte der ganze Mist im März 2005, also 1 Jahr nach der Fehlgeburt auf. Das war schon merkwürdig. Mein persönliches Trauerjahr, was mir mein Körper auch deutlich zeigte.

Ich weinte noch weiterhin sehr viel, schrieb kleine Briefe an mein verlorenes Kind, recherchierte viel über Fehlgeburten und stellte bis nach der Geburt des Großen jedes Jahr am Todestag und am ET eine Kerze und ein kleines Blümchen auf. Das war ich mir und dem Baby schuldig. Sonst sprach niemand groß darüber. Das war eigentlich das Allerschlimmste in den Monaten nach dem Verlust. Zwar hörte ich in dieser Zeit zum ersten Mal von Fehlgeburten im Familienkreis, aber es schien für alle etwas "Normales", zum Leben Dazugehörendes zu sein. Als ich zu Weihnachten 2004 bei meinen Eltern zu Besuch war und wir zusammen die Christmette besuchten, heulte ich Rotz und Wasser, als vom Kindelein in der Krippe und vom gerechten Gott die Rede war. Angebrüllt habe ich diesen Gott, an den ich sowieso nicht mehr glaubte. Ich habe jeden, wirklich jeden Tag an mein Mäuschen gedacht. Ein Jahr nach dem ET schenkte mir mein Mann einen Stern, der nach dem Baby benannt war. Das war sehr rührend. Es gibt ein Lied, was ich mit dem Baby verbinde und dessen Instrumentalteil sowas wie sein Wiegenlied ist: "That I would be good" von Alanis Morissette, der tollen, übrigens hochsensiblen Künstlerin, die auch an heftigsten postnatalen Depressionen litt, was ich damals natürlich alles noch nicht wusste, sich aber wunderbar in mein Lebensbild fügt.

Wenn ich damals gewusst hätte, was für emotional und körperlich aufzehrende Jahre noch vor uns liegen würden, bis ich wieder schwanger werden und zwei gesunde Kinder bekommen würde, ich wäre vollends verzweifelt. Eigentlich wollte ich gar kein neues, anderes Baby, ich wollte nur unser Sternenkind zurück. Es folgten viele Jahre des unerfüllten Kinderwunsches, bis ich endlich im Sommer 2010 wieder schwanger war. Zum 6. ET (20.10.2010) legten wir auf den Geburtstagstisch für unser Sternenkind daneben die ersten Klamotten für das neue Baby, das jetzt unser Großer ist. Und dann kam er und stellte alles auf den Kopf. Der letzte Eintrag im Erinnerungsbüchlein datiert vom 21.10.2011, etwas mehr als ein halbes Jahr nach der Geburt des Großen. Und schaut mal, was ich da über unseren Großen schon schrieb:

Eintrag vom 21.10.2011

Und jetzt, endlich, kann ich diese Geschichte hier niederschreiben und damit für immer bewahren. Ich habe 3 Kinder, wie ich in diesem Text schon einmal schrieb: eines im Herzen und zwei gehen den Lebensweg mit mir. Das ist unglaublich traurig und schön zugleich.