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Donnerstag, 12. Juli 2018

Alleinerziehend mit zwei Kindern. Wie wir die ersten Monate allein geschafft und erlebt haben

Vor einigen Wochen hat Frida vom Blog 2KindChaos, deren Vorgängerblog "Herzmutter" einer der ersten Mamablogs überhaupt war, die ich gelesen habe, erzählt, dass sie nun alleinerziehend ist. Für die LeserInnen, mich eingeschlossen, war das eine große Überraschung, denn Außenstehende bekommen ja meist nicht mit, wie man monate- oder jahrelang hadert und kämpft. Und wenn die Entscheidung dann gefällt wurde und der Übergang geschafft ist, pendelt sich manchmal alles so schnell ein und man empfindet es schon als Normalität, so dass der Antrieb zum Darüber-Schreiben irgendwie fehlt. So war es jedenfalls bei mir. Doch jetzt habe ich mir einen Ruck gegeben und möchte euch erzählen, wie unsere neue Familienkonstellation aussieht.

Seit 5 Monaten lebe ich nun allein mit den Kindern. Alleinerziehend im klassischen Sinne fühle ich mich eigentlich nicht, denn der Papa kümmert sich und ist für seine Kinder da. Natürlich liegt die Hauptlast im Alltag bei mir, denn die Kinder wohnen bei mir. Aber ganz allein bin ich nicht. Beziehungsweise genauso allein wie vorher auch, nämlich ohne sonstige Unterstützung außer dem Papa der Kinder. Für mich hat sich in organisatorischer Hinsicht gar nicht soviel verändert, außer dass ich jetzt auch morgens und abends allein mit den Kindern bin und an einem Tag des Wochenendes. Wer sehr aufmerksam mitgelesen hat, wird dies vielleicht bemerkt haben. Dafür habe ich an dem anderen Wochenendtag kinderfrei und damit nun erstmals, seit ich Mutter bin, regelmäßige und zuverlässige Auszeiten, um mich zu regenerieren und Kraft zu tanken. Vor allem ohne schlechtes Gewissen und ohne das Gefühl, man verlange/ erwarte zuviel. Ich genieße das sehr, auch wenn es sich oft noch total unwirklich anfühlt und in diesen Stunden oft die Traurigkeit hochkommt.

Bild: Frühlingskindermama

Insgesamt komme ich ganz gut klar, unser Alltag ist mit Arbeit, Schule und Kita genauso durchgetaktet wie vorher und wir haben Wert darauf gelegt, so wenig wie möglich im Tages- und Wochenrhythmus für die Kinder zu verändern. Das heißt beispielsweise, dass der Mann wie früher die Kinder morgens wegbringt und ich sie nachmittags abhole. Zum Glück konnte ich mit den Kindern in unserer Wohnung bleiben, da sie durch die (noch) geförderte Miete sehr preiswert ist. Ich habe nun endlich wieder einen Rückzugsraum für mich, wo ich auch schlafe, nachdem ich fast 5 Jahre mehr oder weniger schlecht mit der Kleinen zusammen geschlafen habe und keinerlei Bereich für mich hatte, seit ich mein Schlafzimmer zugunsten eines eigenen Kinderzimmers für die Kleine aufgegeben hatte. Das genieße ich so sehr. Entgegen meiner Erwartungen, dass sie mein Allein-Schlafen nicht akzeptieren und jede Nacht zu mir rüberwandern würde, schläft sie allein in ihrem Zimmer durch. Und ich kann endlich wieder abends zum Einschlafen lesen und werde nicht mehr durch jede Bewegung neben mir geweckt. Ansonsten ist in unserer Wohnung alles beim Alten geblieben, bis auf einige wenige Möbel, die der Mann mitgenommen hat.

Der Papa der Kinder wohnt in der Nähe, nicht zu nahe, so dass sie nicht nach Lust und Laune zu ihm gehen können, aber nahe genug, dass die Umgebung für sie vertraut ist und er im Notfall (der gleich am 2. Tag nach dem Auszug eintrat) schnell bei uns ist. Die Entfernung zur Schule und zur Kita ist fast identisch mit unserer, die Kinder können bei ihm ein paar neue Ecken und Spielplätze entdecken, bewegen sich aber im Grunde im gleichen Kiez. Er hat nicht viel Platz in seiner Wohnung, aber sie können bei ihm übernachten und tun dies auch an einem Tag des Wochenendes und manchmal auch noch zwischendurch, teilweise allein wegen Exklusivzeit und so. Recht schnell haben sie Freundschaft mit einem Kind aus dem neuen Haus des Papas geschlossen, wodurch nochmal mehr ein Vertrautheitsgefühl entstanden ist.

Wie geht es den Kindern?

Die Kinder haben die Umstellung unterschiedlich gut verkraftet. Obwohl alles ziemlich schnell ging, nachdem der Mann eine Wohnung gefunden hatte, kam die räumliche Trennung für sie ja nicht ganz überraschend. Mit dem Großen hatte ich schon oft theoretisch darüber geredet und auch die Kleine kannte das Thema. Da sie in ihrem direkten Freundeskreis mehrere Kinder hat, bei denen vor kurzem das Gleiche passiert war, sind für sie solche Familienkonstellationen relativ vertraut. Natürlich flossen trotzdem vor und während des Umzugs des Papas viele Tränen, und auch im Alltag kommen immer mal wieder die Traurigkeit und das Vermissen bei ihnen hoch. Es gab auch schon sehr tränenreiche Abschiede und (nur bei der Kleinen) Aussagen wie "Ich will zu Papa resp. Mama!". Das ist völlig normal und verständlich. Sie akzeptieren zwar die Aufteilung, die Wohnsituation und überhaupt die Tatsache an sich, haben aber verschiedene Arten, mit der Trennung der Familie umzugehen.

Der Große, der eigentlich sehr an seinem Papa hängt und viel früher von mir als Mama unabhängig war als die Kleine, kommt gut zurecht. Er weint mittlerweile kaum noch und steckt die Abschiede und Tage ohne Papa gut weg. Er scheint den Papa auch nicht sehr zu vermissen, sondern freut sich einfach, wenn er ihn sieht und bei ihm ist. Der Große ist ein Charakter, der weniger an Menschen, sondern vielmehr an Strukturen hängt. Wenn wir also umziehen hätten müssen oder sich überhaupt sein Alltag, seine Umgebung stark verändert hätte, wäre die Situation vermutlich deutlich schwieriger für ihn. Solange sein gewohnter Rahmen gleich bleibt, kann er die schwierigen Emotionen, die mit Sicherheit vorhanden sind, gut verarbeiten. Er ist mir auch darin übrigens sehr ähnlich.

Die Kleine ist ganz anders und es bricht mir das Herz, wie sie unter der Situation leidet. Obwohl sie eine deutlich engere Beziehung zu mir als zum Papa hat und meine Abwesenheit (z.B. während der Mutter-Kind-Kur) so unerträglich für sie war, dass sie mit körperlichen Symptomen (Neurodermitis) darauf reagierte, obwohl der Papa bei ihr lange Zeit nichts machen durfte, obwohl sie mit solchen Familienkonstellationen aus ihrem Freundeskreis auf jeden Fall vertrauter ist als der Große und obwohl auch für sie die äußeren Strukturen gleich geblieben sind, ist ihre Welt aus den Angeln geflogen und sie leidet extrem. Sie hängt sehr stark an Menschen, weniger an Strukturen, und vermisst den Papa jeden Tag. Gleichzeitig vermisst sie mich, wenn sie beim Papa ist, und dieser Zwiespalt frisst sie manchmal fast auf. Sie hat große Verlustängste und kein Vertrauen mehr.

Ihr Sicherheitsgefühl, ihre Selbstverständlichkeit, ihre Leichtigkeit haben einen großen Knacks bekommen, sie ist verunsichert, viel scheuer als früher und macht leider gerade in einigen Bereichen einen Rückfall in die Babyzeit durch. Sie weint sehr oft bei den Abschieden und mag sich mit der neuen Situation nicht abfinden. Und wer jetzt meint, dass es für sie trotzdem besser sei, als mit unglücklichen Eltern zusammenzuleben, der irrt: sie würde lieber unsere Konflikte, unsere Anspannung und unser Unglücklichsein in Kauf nehmen, wenn sie dafür beide Eltern um sich hätte. Das hat sie explizit so gesagt und das spürt man auch. Deshalb tut mir ihr Leid besonders weh, es schürft bei allen sozusagen jedesmal die Wunden auf, die sich gerade oberflächlich geschlossen hatten.

Die Geschwisterkonstellation

Äußerlich, d.h. in ihren Betreuungseinrichtungen, verhalten sich beide Kinder genauso wie vorher und zeigen bis jetzt keine negativen oder problematischen Veränderungen. Auch ihre externen Bezugspersonen bestätigen das, worüber wir sehr erleichtert sind. Zuhause hatte ich mir, ehrlich gesagt, durch die Auflösung der Erwachsenen-Konfliktsituation auch mehr Ruhe in der Geschwisterkonstellation versprochen. Bekanntlich sind meine Kinder sehr verschieden, harmonierten nie besonders gut miteinander und produzieren durch ihre ständigen Scharmützel immensen Stress, sowohl für sich selbst als auch für uns. Diejenigen, die um unsere Probleme wussten, erklärten sich die permanenten Geschwisterstreitereien natürlich gern als gespiegelte Eltern- Konflikte, und obwohl ich eigentlich nicht daran glaubte, da meine Kinder schon vom Wesen her so unterschiedlich sind, war die Erklärung natürlich so schön simpel und einleuchtend.

Leider hat sich aber seit der Trennung, und es sind 5 Monate, also eine durchaus bewertbare Zeit, vergangen, nicht wirklich etwas an der Geschwisterbeziehung verändert. Es gab am Anfang eine ganz kurze harmonische Phase, die mir Hoffnung machte, aber danach lief alles wieder wie bisher ab, mit viel Ärgern, viel Streiten, viel Missgunst, sie lassen sich einfach nicht in Frieden, sondern kleben aneinander, aber immer konfliktreich. Die Hoffnung auf Geschwister-Harmonie und Zusammenhalt in solch einer Situation hat sich also nicht bestätigt und das zeigt mir, dass die beiden grundsätzlich vom Typ her nicht gut zusammenpassen, entlastet uns aber auch von Selbstzweifeln und externen Vorwürfen, ob wir nicht doch "schuld" an ihrem Verhalten gewesen seien.

Doch obwohl die Geschwistersituation im Grunde gleich geblieben ist, empfinde ich das Zusammenleben insgesamt als weniger anstrengend, da viele Auseinandersetzungen mit ihnen auch daraus entstanden sind, dass wir als Eltern kein gutes Team waren und beispielsweise ich als Mama viel Ärger und Frust auffangen musste, die bei den Kindern durch manche Reaktionen des Papas entstanden sind. Dieses ständige Vermitteln, Auffangen, Trösten und Partei ergreifen hat mich oft sehr ausgelaugt, vor allem, wenn es Konflikte betraf, die ich nicht selbst verursacht habe, aber klären sollte. Das ist im Alltagsleben jetzt deutlich einfacher geworden und entlastet mich.

Das Finanzielle

Finanziell gesehen ist die Situation schwierig und noch nicht in Gänze überschaubar. Wir haben beide minimal unsere Wochenarbeitszeit aufgestockt, aber im Grunde finanzieren wir mit fast den gleichen Gehältern einen kompletten Haushalt mehr. Der Mann zahlt natürlich Unterhalt und wir müssen nicht hungern, aber man rechnet viel mehr als früher, hat Angst vor unvorhersehbaren Anschaffungen und jede Ausgabe tut doppelt weh. Urlaube werden im Moment vom Ersparten finanziert und das mache ich auch nur deshalb, weil es mir so viel bedeutet, mal wegzufahren. Eine Dauerlösung ist das nicht. Da wir unsere Einnahmen nicht groß steigern können, bleibt nur, perspektivisch die Ausgaben zu reduzieren. Die Mieten beider Wohnungen sind sehr preiswert, das Auto wird gebraucht, also bleibt eigentlich nur unser Garten, in den wir in den letzten 8 Jahren soviel Arbeit und Liebe gesteckt haben und der uns zumindest im Sommer eine preiswerte Wochenendgestaltung ermöglicht. Noch haben wir dazu nichts entschieden, aber im Grunde ist der Garten das einzige Stellschräubchen.

Es belastet sehr, wenn man auf Dauer mehr ausgibt als einnimmt, und auch die Kinder bekommen das schon mit. Ich erfasse seit Februar jede Ausgabe und Einnahme in einer App und werde im Jahresverlauf sehen, wie ich dastehe. Außerdem mache ich mir große Sorgen um meine Rente und insgesamt meine finanzielle Situation in der Zukunft. Ich habe früher schon einmal über das Thema geschrieben. Zum Glück habe ich nie meine Arbeit zugunsten der Familie aufgegeben und ich kann nur dringend an alle Mamas, die zuhause sind, appellieren: verlasst euch nicht darauf, dass die Beziehung schon halten wird und jemand für euch einsteht. Ihr wisst nicht, was später kommt und wie sich Menschen entwickeln. Ich habe das Glück, dass Unterhaltszahlungen selbstverständlich sind und nicht erfochten werden müssen oder ganz ausbleiben. Aber es gibt auch ganz andere Fälle und Situationen nach Trennungen.

Getrennt und trotzdem Familie

Zu den Gründen der Trennung möchte ich mich hier nicht äußern. Nur soviel vielleicht: wir waren schon 10 Jahre zusammen, als wir unseren Großen bekamen, hatten eine sehr schmerzhafte Fehlgeburt und sehr schwierige Kinderwunschjahre, also schon viele Höhen und Tiefen, hinter uns, aber unsere Beziehung, unsere Ehe hat leider den Belastungen, die das Leben mit Kindern mit sich bringt, trotz aller Anstrengungen nicht stand gehalten. Wir haben es uns nicht leicht gemacht und vieles versucht. Niemals hätte ich mir träumen lassen, mal in dieser Situation zu stecken. Unser Familientraum ist gescheitert, unsere Pläne und Vorhaben beerdigt, unsere Kinder haben ihre kleine Welt verloren, und das ist auf der Meta-Ebene ein ganz schreckliches Gefühl, auch wenn der Alltag jetzt einfacher ist.

Wir versuchen aber, trotzdem Dinge gemeinsam als Familie zu erleben, weil wir das ja sind und bleiben. Am Zeugnistag des Großen wurde selbstverständlich gemeinsam mit Pizza gefeiert, die Abschlussfeier seiner Klasse besuchten wir zu viert, die Geburtstagsausflüge fanden zusammen statt und sogar zwei Wochenendtrips, auf denen wir getestet haben, ob das funktioniert. Für die Kinder ist das schön und wertvoll und auch wichtig, finde ich. Ursprünglich hatten wir auch ein regelmäßiges gemeinsames Abendessen unter der Woche geplant, aber das hat sich eher als stressig erwiesen und wird im Moment nicht praktiziert. Wir müssen halt nach und nach ausprobieren, was funktioniert und was nicht. Auf jeden Fall lasse ich den Mann am Alltag der Kinder teilhaben, indem ich Fotos und Nachrichten schicke, Situationen erzähle und mich mit ihm austausche. Nun steht unser Sommerurlaub an, der zweigeteilt sein wird: die erste Woche urlaube ich mit den Kindern allein an der Ostsee und hoffe auf etwas Entspannung und gutes Wetter, die zweite Woche verbringen wir alle zusammen an drei verschiedenen Orten, darunter zwei Tage in Hamburg, mit Abwechslung und vielen Unternehmungen, so dass es sich für die Kinder und uns sicherlich nicht wie der klassische "alte" Familienurlaub anfühlen wird. Ich bin gespannt, ob das funktioniert und welche Schlüsse wir für's nächste Mal daraus ziehen werden.

Ich lebe jetzt also allein mit den Kindern und bin "getrennt gemeinsam erziehend", wie die Kleinstadtlöwenmama so passend über ihre Situation geschrieben hat. Alleinerziehend ist nicht gleich alleinerziehend, das finde ich sehr wichtig zu betonen. Wir sind beide für unsere Kinder da und wollen ihnen Sicherheit und Liebe geben, obwohl die Kernfamilie zerbrochen ist. Da wir keinerlei familiäres Netz hier haben, bleibt uns auch nichts anderes übrig, als uns gegenseitig zu unterstützen. Mittlerweile hat sich alles soweit gut eingespielt, auch wenn es natürlich immer wieder neue Situationen und Herausforderungen gibt. Diese müssen und wollen wir gut und einvernehmlich lösen, denn wir sind und bleiben Mama und Papa unserer beiden Kinder. Für immer.

Bildquelle: Pixabay

Samstag, 26. August 2017

"Ich hab sie aber nicht vermisst!"

Ich tausche mich sehr gern über Situationen im Zusammenleben mit meinen Kindern aus, bei denen ich entweder nicht wusste, wie ich reagieren sollte, oder eindeutig falsch reagiert habe oder spontan irgendwie agierte und hinterher ins Grübeln kam, ob das denn nun so angemessen war. Durch den Austausch und die Gedanken, die andere äußern, werde ich mir oft selbst klarer und kann bestenfalls beim nächsten Mal zufriedenstellender reagieren. Heute ergab sich nun eine Situation, zu der ich mal ein wenig Gedankenaustausch brauche.

Der Große kam heute von 6 Tagen Urlaub bei den Großeltern wieder zurück bzw. wir übernahmen ihn auf halber Strecke. Wir hatten eine wunderbar ruhige Woche zu dritt und er verbrachte schöne Tage mit voller Aufmerksamkeit bei Oma und Opa. Die Kleine vermisste ihn von Zeit zu Zeit, er selbst hatte wohl kaum Heimweh. Bei der Übergabe und dann auch zuhause gab es natürlich schon wieder die ersten Geschwisterscharmützel. Er ärgerte sich über irgendwas und grummelte auf seinem Bett. Ich setzte mich dazu und redete ein wenig mit ihm. Die Kleine war auch im Zimmer und versuchte sich anzunähern. Er wollte aber nichts mit ihr zu tun haben.
 
Ich fand es herzzerreißend, wie sie sich um ihn bemühte, und sagte irgendwann zu ihm: "Sie hat dich so sehr vermisst!" Darauf meinte er: "Aber ich hab sie nicht vermisst!" Hätte sie nicht direkt daneben gesessen, hätte ich vermutlich gar nicht weiter reagiert, sondern das einfach zur Kenntnis genommen. Denn wenn seine Empfindung so ist, dann ist das so und es hilft nichts, ihm dies irgendwie auszureden. So aber fühlte ich mich bemüßigt, zu reagieren, um ihre Traurigkeit abzumildern und Partei zu ergreifen. Ich sagte also etwas Kurzes, aber Wertendes, und ärgerte mich im gleichen Moment über mich selbst. Gleichzeitig tat mir die Kleine leid, denn sie hatte sich wirklich total auf ihn gefreut und schaute mich nun mit traurigen Augen an. Sie hatte es einfach nicht verdient, so etwas hören zu müssen, selbst wenn es der Wahrheit entsprach.

Die Situation war relativ schnell wieder vorbei, aber ich grübelte noch länger darüber nach. Was wäre eine angemessene Reaktion gewesen, die die Empfindungen beider Kinder berücksichtigt? Weder möchte ich dem Großen seine Empfindungen absprechen noch zulassen, dass die Kleine durch solche Aussagen verletzt wird. Ich finde das richtig schwierig, denn mit einer wie auch immer gearteten Reaktion schlägt man sich automatisch auf die eine oder andere Seite. So unharmonisch wie die Beziehung der beiden zueinander ist (wie hier beschrieben), birgt das sehr viel Brisanz in sich.

Dazu kommt, dass ich ihn verstehen kann, wenn er sagt, er hätte die Kleine nicht vermisst. Ich bin auch ein Mensch, der eher selten Menschen vermisst, sondern mehr Umgebungen, Landschaften, Komfort, bestimmte Speisen usw. Das ist schon so, solange ich zurückdenken kann. Trotzdem war ich früher ein Heimweh-Kind. Das ist der Große eigentlich nicht, wenn er verreist, obwohl er im Alltag nicht gern die Wohnung und uns verlässt. Eine interessante Kombination. Würde er mich fragen, ob ich ihn vermisst habe, müsste ich auch mit "nein" antworten. Ich freue mich, wenn er woanders eine schöne Zeit verlebt. Er ist ja sonst immer da, so dass es auch mal schön ist, wenn er nicht da ist. Denn auch die liebsten Menschen brauchen ab und zu eine Pause voneinander. Der Abstand tat uns, glaube ich, allen gut.

Dass er die Kleine nicht vermisst hat, ist also sein durchaus legitimes Empfinden, was ich sogar nachfühlen kann. Ich möchte und darf das eigentlich nicht bewerten, denn sonst zweifelt er entweder irgendwann an seinen Gefühlen oder traut sich nichts mehr zu sagen. Andererseits ist da ein anderer Mensch, die Kleine, die wegen solch einer Aussage verletzt ist, da sie ganz anders empfindet und sich unheimlich auf das Wiedersehen gefreut hat. Sollte ich da eingreifen, um ihre Gefühle zu schützen? Sollte ich stumm bleiben, um seine Empfindungen nicht zu werten? Ich finde es sehr schwierig, da im Bruchteil einer Sekunde zu entscheiden, was eine angemessene Reaktion wäre. Ich habe mich in dem Moment auf die Seite der verletzten Gefühle, die Seite der Kleinen geschlagen, hatte damit aber hinterher Bauchschmerzen, weil ich es selbst unglaublich hasse, wenn Gefühle, in dem Fall das Nicht-Vermissen, negiert oder tabuisiert werden. Sie gehen davon ja nicht weg. Ich selbst habe sehr darunter gelitten, in meiner Kindheit und Jugend. Ich möchte das eigentlich in meiner Familie nicht. Andererseits möchte ich aber auch nicht sanktionieren, dass jeder alles sagen kann, was er denkt, auf Kosten der Gefühle anderer Familienmitglieder.

Ihr seht meinen Zwiespalt und nun, wo ich das niedergeschrieben habe, ist er noch eklatanter geworden, denn die Situation ist prototypisch für so viele andere Momente im Familienleben, mit Geschwistern bzw. mehreren Kindern. Sicherlich kann man hinterher im Gespräch einen Weg finden, Kindern eine bestimmte Sichtweise zu vermitteln. Das ändert aber nichts daran, dass man immer wieder spontan reagieren muss. Und wenn verschiedene Werte gleich viel wiegen, ist es schier unmöglich, sich "richtig" zu entscheiden. Denn es gibt dann kein "richtig" und "falsch". Mir sind Harmonie und Rücksichtnahme sehr wichtig. Dazu gehört, sich zu bemühen, nicht die Gefühle anderer zu verletzen. Mir ist aber auch das Wahrnehmen und Aussprechen der eigenen Gefühle sehr wichtig. Das geht manchmal nur auf Kosten anderer. Heute wusste ich nicht, wie ich das lösen sollte, bzw. war ich mit meiner Reaktion hinterher nicht im Reinen.

So, und jetzt bitte ich um eure Gedanken und Ansichten. Vielleicht nochmal kurz zur Erinnerung: der Große ist jetzt 6 1/2 und die Kleine 4 1/4. Wie würdet ihr so eine Situation lösen? Was ist euch wichtig? Was würdet ihr mir raten, für's nächste Mal?

Freitag, 23. Juni 2017

Die dritte Kitareise des Großen im Juni 2017

Zum dritten und letzten Mal vor seiner Einschulung war der Große nun für 4,5 Tage auf Kitafahrt, und diesmal waren wir alle schon so erfahren und sicher, dass wir keine Bedenken hegten und wussten, dass alles klappen würde. Bei seiner ersten Kitafahrt war er 4 1/4 Jahre alt gewesen, also ungefähr so alt wie die Kleine jetzt, und ich hatte damals große Bauchschmerzen, sowohl vorher als auch während dieser Woche. Bei seiner zweiten Fahrt war er ein Jahr älter, und nun ist er 6 1/4. Ursprünglich hatten wir gehofft, dass die Kleine schon mitfahren würde, was ich super gefunden hätte, aber da sie erst im August in den großen Elementarbereich wechselt, wird ihre erste Kitafahrt erst nächstes Jahr sein, wenn der Bruder schon in der Schule ist. Der Große hatte zwar vorher ein Mal kurz gesagt, dass er nicht mitfahren wolle, weil sein bester Freund nicht mit dabei war, der im gleichen Zeitraum mit seinen Großeltern in den Urlaub geflogen ist. Aber mit Verweis auf seine anderen Freunde verflog das schnell wieder.

Am Montag 12. Juni 2017 verabschiedeten wir ihn morgens in der Kita, wo die Gruppe der teilnehmenden Kinder gegen 9 Uhr mit einem großen Bus losfuhr. Es ging wieder in das schon vertraute Ferienlager an einen See südöstlich von Berlin. Diesmal schlief der Große in einem Zimmer mit 8 Jungen zusammen, da will ich mir gar nicht vorstellen, was da manchmal los war. Sie machten wieder eine Waldwanderung, eine Kinderdisco, einen Kinoabend und eine Nachtwanderung. Den wärmsten Tag verbrachten sie komplett am und im See. Die Eltern hatten vorher wieder eine Karte abgegeben, die den Kindern in der Mitte der Woche vorgelesen wurde. Leider verschwand diese Karte diesmal, was noch nie vorkam. Auch gab es diesmal so gut wie gar keine Fotos und Informationen über die WhatsApp-Gruppe, was die Erzieher schon vorher angekündigt hatten, da es im letzten Jahr Beschwerden von Eltern gegeben hatte, weil einige Kinder oft und andere gar nicht zu sehen waren. Da kann man nur mit dem Kopf schütteln...

Wir hatten eine ziemlich arbeitsintensive Woche, da wir in der Wohnung umräumten und der Kleinen ein eigenes Kinderzimmer einrichteten. So vergingen die Tage wie im Flug. Morgens waren die Kleine und ich allein, das war total entspannt und eine herrliche Abwechslung zum sonstigen Morgenterror, zu dem der Große nicht unwesentlich beiträgt. Auch nachmittags und abends war es erholsam mit nur einem Kind. Ich muss immer wieder sagen, ich mag es sehr gern und es bekommt mir besser, Ein-Kind-Mama zu sein, und es ist egal, mit welchem Kind ich zusammen bin, es ist immer deutlich entspannter in der 1:1-Situation. Das war auf der Mutter-Kind-Kur mit dem Großen so, und diesmal mit der Kleinen auch wieder.

Am Freitag gegen 12 Uhr holte der Mann den Großen wieder vom Bus ab. Er wirkte fröhlich und gut gelaunt und staunte zuhause über das neue Kinderzimmer der Kleinen. Als ich am Nachmittag nach Hause kam, begrüßte er mich kurz und holte dann mit dem Mann die Kleine von der Kita ab. Wie in den letzten Jahren erzählte er in den folgenden Tagen kaum etwas von sich aus, ich musste ihm alles aus der Nase ziehen. Aber er wirkte zufrieden und ausgeglichen und das freute mich sehr. Nach seiner ersten Kitafahrt war er ja sehr motzig wiedergekommen und musste viel kompensieren. Man sieht also deutlich, dass er eine gute Entwicklung gemacht hat. Allerdings kennt er seine Freunde und Erzieher nun schon viele Jahre, ist gut integriert und beliebt und fühlt sich sicher. Ich denke, seine erste Klassenfahrt in der Schule wird erstmal wieder schwieriger werden.

Am Samstag Vormittag haben der Große und die Kleine relativ lange und störungsfrei im neuen Kinderzimmer der Kleinen gespielt, zwar nicht wirklich zusammen, sondern nebeneinander, aber immerhin. Leider blieb es bisher bei diesem einen Mal und spätestens ab Sonntag war alles beim Alten, inkl. ständigen Streitereien, Ärger und Frust im Garten. In der neuen Woche wollte er noch weniger als sonst in die Kita gehen, was mich wunderte, denn wenn die Kitafahrt so schön war, müsste er doch gern seine Freunde und Erzieher wiedersehen wollen. Aber er meinte, es sei wie Urlaub gewesen und nach dem Urlaub geht er eben nicht gern wieder in die Kita (er verlässt generell nicht gern die Wohnung).

Ich muss sagen, dass ich diesmal wirklich tiefenentspannt und nicht so emotional beteiligt war wie die letzten beiden Male. Sorgen habe ich mir keine mehr gemacht, ich hatte nur Angst vor der Rückkehr und der erneuten konfliktreichen Geschwisterkonstellation, die einen sehr negativen Einfluss auf mein Wohlbefinden hat. Ich war sehr froh, dass er ausgeglichen wiederkam und es ihm gefallen hat. Während in anderen Kitas die Vorschulkinder erstmals auf Kitareise fahren, war es für ihn die dritte - und letzte - Kitafahrt. Nun, wo er und wir uns gerade sicher genug fühlen, endet es wieder. Als nächstes kommt dann eine Klassenfahrt. Hoffentlich erst, wenn er sich in der neuen Schulumgebung eingelebt hat.

Mit seiner Bezugserzieherin habe ich auch nochmal unter vier Augen gesprochen und sie bestätigte mir, dass der Große sich wohlgefühlt hat, fröhlich und ausgeglichen war und alles gut mitgemacht hat. Und keine seiner derzeitigen Vorschulpubertäts-Anwandlungen gezeigt hat, unter denen wir zuhause im Moment, z.B. in unserem Frühlingsurlaub, manchmal arg leiden. Nun geht es wirklich unaufhaltsam und mit großen Schritten auf die Schule zu. Und im nächsten Jahr wird die Kleine (hoffentlich) auf Kitafahrt gehen. Ich bin gespannt!

Mittwoch, 6. April 2016

Aufmerksamkeitstypen und Geschwisterrivalität

Manchmal tun mir meine Kinder leid. Wenn ich sie aus der Kita abhole und sie mich teilen müssen. Wenn der Papa mit ihnen spielt und sie ihn teilen müssen. Wenn sie mich einen ganzen Tag nicht gesehen haben und Mama tanken wollen. Dann bräuchte jeder von beiden ungeteilte Aufmerksamkeit und Zuwendung, statt geteilte Liebe und halbe Konzentration. Der Große war schon immer sehr aufmerksamkeitsbedürftig, das ist bis heute so geblieben. Er möchte am liebsten konzentriert allein mit einem Erwachsenen spielen oder beschäftigt werden. Er benötigt den Aufmerksamkeitstypus der "ungeteilten Zuwendung" (in Kombination mit dem "Hilfe-Typus"), wie in diesem Text des Blogs Gewünschtestes Wunschkind beschrieben. Die Kleine ist total liebesbedürftig und will kuscheln, vorlesen, tanzen oder singen. Sie benötigt den Körperkontakt als wichtigste Aufmerksamkeitsform, in Kombination mit der ungeteilten Zuwendung.

Die Aufmerksamkeitsbedürfnisse beider Kinder gleichzeitig zu erfüllen ist oft ein Ding der Unmöglichkeit. Manchmal, wenn ihre Speicher aufgefüllt sind, schafft es eines der Kinder, zurückzustecken und zu warten, bis ich oder der Papa wieder exklusiv für es da ist. Dann kann man sich ihnen abwechselnd oder sogar gleichzeitig zuwenden und eine gute Balance wahren. Das sind schöne, ruhige Situationen, wo beide rechts und links vom Elternteil einem vorgelesenen Buch zuhören. Meist jedoch herrscht große Konkurrenz um Aufmerksamkeit zwischen ihnen, besonders, wenn sie "ausgehungert" nach Zuwendung sind. Dann denke ich immer, sie wären als Einzel-, als Exklusivkinder besser dran, würden nicht soviel Frustration erfahren und könnten ihre Speicher deshalb auch besser füllen. In solchen Momenten sehe ich viele Nachteile des Daseins als Geschwisterkind und es tut mir in der Seele weh, wie sie dann leiden und sich zurückgesetzt fühlen.

Diese Situationen kommen im Alltag immer wieder vor und kosten viel Kraft. Besonders auffällig ist es immer, wenn sie mich (normalerweise nur 1x pro Woche) erst abends wiedersehen. Dann möchten mich beide (respektive den Papa an den anderen Abenden) ganz für sich haben und sind verständlicherweise frustriert, beleidigt, enttäuscht, wenn das nicht funktioniert, weil das Geschwisterkind dazwischenfunkt und auch Bedürfnisse anmeldet. Sie können dann auch beide nicht kurz in weiser Voraussicht warten, damit jeder abwechselnd die volle Zuwendung erhält, sondern fauchen und keifen sich an wie Löwen bei der Fütterung. Im schlimmsten Fall sieht das so aus, dass ich verzweifelt versuche, es beiden irgendwie recht zu machen, mich zu zerreißen und zu vermitteln, aber dennoch beide weinen, weil sie sich nicht genügend beachtet fühlen. Kümmere ich mich um eines der Kinder, ist das andere tödlich beleidigt. Versuche ich, mich gleichzeitig um beide zu kümmern, fühlen sich beide zurückgesetzt und protestieren lautstark. Sehr schwierig und nervenaufreibend.

Quelle: Pixabay

Letztens hatten wir die Situation, dass die Kinder mit dem Papa erst um 18 Uhr nach Hause kamen und, kaum hatten sie Kontakt mit mir, fürchterlich zu weinen anfingen. Beide wollten ihre jeweils benötigte Art der Aufmerksamkeit von mir nach der langen Trennung (10 h) und stattdessen mussten sie wieder einmal teilen. Als ich dann noch mit dem Großen schimpfte, weil er sich nicht ordentlich die Hände gewaschen hatte, brachen seine Dämme und er weinte untröstlich und aufgebracht. Dem Papa gelang es nicht, ihn zu trösten, und ich selbst brauchte bestimmt 20 Minuten und viel Kraft dafür, ihn wieder zu besänftigen. Nachdem er sich beruhigt hatte, war er wieder offen für das, was er brauchte: meine ungeteilte Zuwendung. Das hieß für mich, mich noch einmal ein wenig nur mit ihm zu beschäftigen. Danach war es für ihn okay und wir konnten endlich Abendbrot essen. Glücklicherweise hatte sich die Kleine in dieser Zeit mit meinem Handy als Mama-Ersatz vergnügt. Oft genug war aber auch schon der Fall eingetreten, dass sie parallel untröstlich weinte, weil sie Mama-Kuscheln wollte. Der Papa hat dann absolut keine Chance und fällt als Tröster weg. Ich weiß dann oft nicht, wo mir der Kopf steht und wie ich die beiden Kinder wieder beruhigen soll. Früher, als die Kleine noch stillte, konnte ich mich dann mit ihr auf's Sofa kuscheln und sie stillen, während ich dem Großen parallel vorgelesen habe. Oder ich habe sie nach der Kita einfach auf dem Arm herumgetragen, während ich dem Großen auf dem Spielplatz volle Aufmerksamkeit gab. Das reichte ihr früher. So konnte ich beiden ihre verschiedenen Aufmerksamkeitsbedürfnisse erfüllen. Jetzt ist das schwieriger. Natürlich sind sie auch älter und anspruchsvoller bzw. bewusster geworden.

Es ist auffällig, dass der Große sich meist von einer ganz anderen Seite zeigt, wenn er mit einem von uns Eltern allein ist. Er also die von ihm benötigte ungeteilte Zuwendung erhält. Er wirkt dann richtig reif und erwachsen, ist viel zugänglicher und offener und genießt die Exklusivität. Wenn man ihn nachmittags nach der Kita allein abholt, wie gestern wegen Krankheit der Kleinen geschehen, läuft man mit einem großen, verständigen und umgänglichen Jungen neben sich durch die Straßen. Es ist selten, dass er dann so motzig ist wie sonst meist. Er ist auch sehr gern mit einem von uns allein zuhause. Er benötigt, glaube ich, den Familienverbund am wenigsten von uns allen, und wäre als Einzelkind sicherlich zufriedener. Er ist super glücklich, wenn er mit seinem Opa zusammen ist, da dieser ihm am meisten von allen Menschen das gibt, was er braucht. Die Kleine genießt auch mal gern ungeteilte Aufmerksamkeit, liebt allerdings auch den Familientrubel, vermisst ihren Bruder schnell und hat gern alle um sich herum. Umso mehr Kuschelpartner hat sie zur Verfügung :-)

Wir würden den Kindern ja gern mehr ungeteilte Zuwendung geben, aber das Problem ist, dass durch die fehlende Entlastung für uns oberste Priorität hat, dass wir Eltern uns gegenseitig entlasten, d.h. dass so oft wie möglich ein Elternteil beide Kinder nimmt und der andere mal ein Stündchen frei hat. Das kollidiert mit den Interessen und Bedürfnissen der Kinder, ist aber leider im Moment nicht zu ändern. Ich habe keine Ahnung, wie man dafür eine Lösung findet, die alle Bedürfnisse berücksichtigt. Die den Aufmerksamkeitstank der Kinder entsprechend ihrem Wunsch auffüllt und gleichzeitig die Regeneration der Eltern ermöglichkeit. Denn das ist mindestens genauso wichtig.

Was meint ihr? Welcher Aufmerksamkeitstypus ist euer Kind und könnt ihr das Bedürfnis immer erfüllen? Wie kommen Eltern noch zu MeTime, wenn beide Kinder so zuwendungsbedürftig sind?

Hier nochmal der entsprechende Text des Blogs Gewünschtestes Wunschkind allgemein zum Thema "Aufmerksamkeit":
Warum Kinder ständig unsere Aufmerksamkeit verlangen

Donnerstag, 31. Dezember 2015

Über mich, meine Reiselust und das Bloggen

Ich mag die monatliche Linkparty des Blogs Verflixter Alltag sehr gern und beteilige mich auch im Dezember wieder. Das Thema ist: "Wer bin ich?". Wir, die Personen hinter den Blogs, sollen sich einmal ausführlicher vorstellen und dadurch vielleicht begreifbarer machen, warum wir bloggen, welche Themen uns am Herzen liegen und was uns ausmacht. Anfangs wollte ich einfach die Über mich-Seite meines Blogs ein wenig ausschmücken, doch irgendetwas trieb mich, mal ausführlicher über mich als reiselustige Weltentdeckerin mit durch ein Studium untermauertem Interesse an fremden Kulturen, Sprachen, Orten, an Geschichte und Archäologie zu schreiben, damit vielleicht deutlicher wird, was ich für ein Mensch bin, was mich in meinem Leben vor den Kindern ausgemacht hat und was ich seitdem manchmal stärker, manchmal weniger vermisse. Insgesamt war ich immer ein vielseitig interessierter, aktiver Mensch, der Anregungen und Input brauchte, gleichzeitig aber auch die Ruhe und den Rückzug, um die Eindrücke zu verarbeiten. Diese Balance zu finden, war schon immer meine wichtigste Aufgabe und das ist mit den Kindern noch bedeutsamer geworden.

Nach dem Abitur (1993) ging ich als Au Pair-Mädchen nach London und verlebte dort zehn anfangs anstrengende und fremdartige, später wunderschöne, glückliche Monate in einer tollen, unheimlich gastfreundlichen Familie, in denen ich erwachsen geworden bin. Ich habe mir in London unglaublich viel angeschaut und war oft am Wochenende unterwegs. Je nach finanzieller Lage bin ich auch in die Umgebung Londons gefahren und habe viele Städte Südenglands besucht. Wochenendtrips nach Edinburgh und nach Paris waren auch dabei, das meiste davon habe ich allein durchgezogen. Während die meisten anderen Au Pairs nur "Just-for-Fun"-Sprachkurse belegten, habe ich Kurse an einer renommierten Sprachschule absolviert und zwei Prüfungen abgelegt. Ich habe das Gefühl, dass ich diese Zeit wirklich in jeglicher Hinsicht intensiv genutzt habe und denke noch heute gern daran zurück.

Dann bin ich zum Studium zweier geisteswissenschaftlicher Fächer nach Berlin gegangen, dort mehrfach umgezogen, habe viel unternommen und an der Uni auch zusätzliche Kurse an fremden Instituten belegt. Auch in die zweite große Uni der Stadt habe ich reingeschnuppert. Ich habe ein Praktikum absolviert und bis über das Ende meines Studiums hinaus in einer Buchhandlung gearbeitet. Mein Studium hat zwar lange gedauert, aber ich habe immer gearbeitet und mich intensiv mit den Themen beschäftigt, die mich interessierten (davon ist leider nicht so viel übrig geblieben, aber es war mir ein Bedürfnis). Ich besuchte viele Museen und Ausstellungen, hörte Vorträge, ging ins Kino, entdeckte die Stadt und zog mich dann in mein kleines Refugium zurück. Im Jahr 1997 (mit 22) fuhr ich als Erfüllung eines Traums ganz allein für 2,5 Wochen nach Israel und streifte durch das Land. Eine aufregende, mit Kultur und Geschichte gespickte Zeit - und es ist alles gut gegangen. Liebend gern wäre ich später mal durch die anderen Länder des Nahen Ostens gereist, aber es hat sich leider nie ergeben, was ich jetzt sehr bedauere.


Ich war schon immer sehr reiselustig. Ein paar kleinere Reisen machte ich mit meinem damaligen Freund, der aber leider kein Reisefreund war. Auch mit meinen Eltern fuhr ich damals noch ab und zu weg. Im Jahr 1999 (ich war 25) bekniete ich meine Mutter, mit mir eine Reise durch's Baltikum bis nach Russland zu machen. Sie fuhr mit, wir machten das allerdings mit einer Reisegruppe. Es war eine superspannende Reise, auf der wir alle drei baltischen Staaten ausführlich besichtigten und am Ende in St. Petersburg ankamen, wo ich laut Familienüberlieferung entstanden bin;). Danach war ich aber immer wieder froh, allein in meiner Studentenbude zu sein und die viele Eindrücke zu verarbeiten.

Da ich in Litauen auf den Geschmack gekommen war und noch eine Feldforschung für mein Zweitfach Ethnologie absolvieren musste, entschied ich mich, über eine ethnische Minderheit Litauens zu forschen. Dafür verbrachte ich im Sommer 2000 (mit 26) fünf Wochen in Litauen, wohnte bei Freunden meiner Litauisch-Lehrerin aus Berlin, besuchte Bibliotheken und Archive und reiste in die Städte, wo noch Angehörige der Minderheit lebten. Danach erfolgte die Auswertung und das Verschriftlichen der Feldforschungsarbeit. Alles Erfahrungen, die nicht immer einfach waren, die ich aber keinesfalls missen möchte und mich sehr weitergebracht haben.


In der Zeit hatte ich auch meinen Mann kennengelernt, der ähnlich reisefreudig wie ich war und sogar schon Fernziele wie Australien und USA besucht hatte. Wir verreisten ab dann zusammen, besonders gern in den Mittelmeerraum, und machten jede Ausgrabungsstätte unsicher. Wir fuhren mit dem Auto 16 Stunden nach Italien und nach Südfrankreich, lebten im Urlaub so billig, wie es ging, und ich gönnte uns kaum einen Ruhetag. Ich weiß noch, wie wir völlig fertig aus einem zweiwöchigen Sizilien-Urlaub nach Hause kamen, weil wir jeden Tag Monsterausflüge gemacht hatten. Im Languedoc kraxelten wir auf drei Burgen am Tag hoch, was selbst meinem Mann zuviel war. Auf Rhodos, Kreta, Zypern, in der Südtürkei inspizierten wir bei Höllenhitze jede Ausgrabungsstätte. In Andalusien, auf Mallorca, Sardinien und Teneriffa saßen wir für lange Touren viel im Auto, sahen aber unglaublich viel. In Rom stiefelten wir durch jede Kirche und waren von früh bis spät unterwegs. Urlaube waren nicht zum Erholen, sondern zum Entdecken da, oft anstrengend, aber wir, zumindest ich, waren glücklich.

Nach Abschluss meines Studiums (2004) erfüllten mir meine Eltern einen großen Traum und ich konnte endlich die langersehnte Kaukasus-Reise antreten, die ich mir allein nicht hätte leisten können. So fuhren mein Mann und ich mit einer Reisegruppe für 2 Wochen durch Armenien und Georgien. Dem auf türkischem Gebiet befindlichen Berg Ararat von der armenischen Seite so nahe wie möglich zu kommen, durch den Hohen Kaukasus in Georgien zu fahren und die uralte, beeindruckende Kultur der Kaukasusvölker zu sehen, war eine unvergessliche Erfahrung. Das sind Erinnerungen, von denen ich noch heute zehre. Gern hätte ich auch noch eine Ostanatolien-Reise gemacht und an den Flanken des Berges Ararat gestanden. (Hätte ich das mal gemacht!)


Dazwischen machten wir viele kleinere Reisen, preiswerte Wochenendtrips und Pauschalreisen, wo wir meist nur am letzten Tag dem Strand einen obligatorischen Besuch abstatteten, weil es überall soviel zu sehen gab. Im Jahr 2007 reisten wir das erste Mal nach Gran Canaria, das wir beide lieben lernten, seitdem öfter besuchten und nach dem ich eigentlich - neben einer Kulturreise - die meiste Sehnsucht habe. Mit dem Großen waren wir einmal, Anfang 2013 (schwanger mit der Kleinen) auf Gran Canaria und das war wunderschön, wenn man vom Flug absieht. Natürlich konnten wir mit dem knapp 2-Jährigen kaum etwas von unseren früheren Ausflügen wiederholen. Ansonsten haben wir mit den Kindern keine weitere Flugreise gemacht, sondern uns nicht weiter als max. 2,5 Stunden im Auto von zuhause weg bewegen können.

Auch zuhause unternahmen wir vor den Kindern viel, machten oft Tagesausflüge in unsere Umgebung, Wochenendtrips, besuchten Eltern und Schwiegereltern. Wir waren aktiv und viel unterwegs. Schließlich konnten wir uns ja danach zuhause wieder ausruhen. Ich habe das wirklich genossen und hätte noch viele, sowohl nahe als auch ferne Reiseziele auf meiner Agenda gehabt. Das Reisen war ein Symbol meiner Interessen, die praktische Fortsetzung meines Studiums und damit ein Ausdruck meiner Persönlichkeit.

Vielleicht werden einige meiner Texte, die ja implizit immer wieder davon handeln, dass ich mein Leben vor den Kindern doch vermisse, durch diesen Bericht verständlicher. Dass es beileibe nicht nur ums Verreisen geht, sondern das nur ein, wenn auch charakteristischer Teil dessen ist, was mich ausgemacht hat (Kultur, Geschichte, Unternehmungen, Ruhe, Rückzug, Flexibilität etc.), wird sicher verständlich. Der Kontrast von so einem aktiven, interessierten Leben zu jetzt ist enorm. Ich merke leider auch, wie vieles in Vergessenheit gerät und das macht mich traurig. Ich weiß, dass das irgendwann wiederkommen kann. Aber ob ich dann noch derselbe Mensch bin und mich das alles noch berührt, ist die Frage. Jedenfalls habt ihr mich nun ein wenig näher kennengelernt und könnt vielleicht einiges besser nachempfinden.

Möglicherweise ist das Bloggen für mich der Versuch, meinen seit den Kindern ziemlich eingeschränkten Radius zu erweitern und nicht mehr körperlich, sondern vielmehr geistig zu reisen. Andere Auffassungen kennenzulernen, sich über Orte und Grenzen hinweg auszutauschen und dazuzulernen. Insofern hat das Reisen und Weltentdecken vielleicht mehr mit dem Blog und mir als Bloggerin zu tun, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Und deshalb habe ich es als Thema meines Beitrags zur Linkparty "Wer bin ich?" gewählt.


Die gefährlichste aller Weltanschauungen ist die der Leute, 
welche die Welt nie angeschaut haben.
Alexander von Humboldt

Montag, 21. Dezember 2015

Wenn ich das vor dem ersten Kind gewusst hätte... (Blogparade)

Den Anlass zu diesem Text hat nicht nur der Ursprungsbeitrag der Blogparade Wenn ich das vor dem ersten Kind gewusst hätte... gegeben, sondern besonders der allererste Beitrag von Klaudia bloggt, der in mir einigen Widerstand hervorrief. Im Rahmen der Blogparade fragt die Rubbelmama, was wir vor der Geburt des ersten Kindes anders gemacht hätten, wenn wir gewusst hätten, wie das Kinderhaben wirklich ist. Sie erwähnt einige Beispiele der Dinge, die ihr früher wichtig waren (Reisen, Feiern) und die sie lieber noch mehr ausgekostet hätte. Gleichzeitig bringt sie auch Aspekte an, die sie gar nicht berücksichtigt hatte und die sie, hätte sie es besser gewusst, vorher intensiver betrieben hätte (Beispiel Trageberatung). Man liest aus ihrem Text heraus, dass sie sich wie die meisten Eltern nicht vorstellen konnte, wie verändernd das Leben mit einem Kind tatsächlich ist.

Das geht auch aus dem Text von Klaudia bloggt hervor, die bestätigt, dass sich mit Kind vor allem für die Mamas vieles verändert, aber behauptet, dass man nach der ersten unbestreitbar anstrengenden Zeit vieles selbst in der Hand hat, man selber "Herr, oder in diesem Fall Frau über sein Schicksal" ist und meint, mit der entsprechenden Organisation und einer gesunden Portion Egoismus, um "sich nicht im Mamasein zu verlieren" könne man zumindest teilweise sein altes Leben wieder aufnehmen. Ihr Kind ist ein halbes Jahr alt, sie hat schon eine "babyfreie Partynacht" hinter sich und wird bald über Nacht wegfahren. Die Oma wohnt in unmittelbarer Nähe und fungiert problemlos als Babysitterin. Dies kumuliert in der Aussage: "Mein Rat also an alle kinderlosen: Lasst euch nicht abschrecken, in erster Linie entscheidet ihr, wie weit ihr euch einschränken müsst, zumindest über die “normalen” Einschränkungen hinaus." Sie impliziert damit, dass man vor dem ersten Kind eigentlich nichts besonders auskosten muss, weil man es sich alles selbst wieder ermöglichen kann, wenn man nur möchte. Ähnliches klingt auch aus dem Blogparadentext von Mami und Ich heraus, die sagt: "Ich glaube das funktioniert bei jeder Mama, die es auch will."

Ich muss ehrlich sagen, als Kinderlose und auch mit einem pflegeleichten Kind hätte ich das geglaubt und genauso gesehen. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass das Leben tatsächlich auf Jahre hinaus fremdbestimmt ist und man daran, so sehr man es vielleicht will, nicht viel ändern kann, entweder weil die Umstände ungünstig sind oder die Kinder das einfach nicht mitmachen. Ich war auch der Meinung, dass man nur genügend wollen muss, um sich sein Leben neben dem Mamasein zu erhalten. Sicherlich gehört der eigene Wille dazu, aber man unterschätzt völlig, dass Kinder auch ihren eigenen Willen, ihre Bedürfnisse und Eigenheiten haben, gegen die man manchmal nicht viel ausrichten kann, selbst wenn man es wöllte. Man unterschätzt auch, dass das Wohlergehen des Kindes plötzlich wichtiger ist als die eigenen Wünsche, auch wenn man unter der Tatsache leidet, und dass man es nicht mit sich vereinbaren kann, sich über diese hinwegzusetzen und das Unglück des Kindes für die eigene Zufriedenheit in Kauf zu nehmen. Und dass man kämpfen muss, um überhaupt ein paar Mama-Bedürfnisse durchsetzen zu können.

Ich bin ein sehr freiheitsliebender, selbstbestimmter Mensch und leide immer noch, mal mehr, mal weniger unter der Tatsache, dass ich nicht mehr über alles in meinem Leben frei bestimmen kann, seit ich Kinder habe. Ich bin eigentlich kein aufopferungsvoller Mensch und vor allem verbiege ich mich nicht gern, damit jemand anderes zufrieden ist. Für meine Kinder mache ich dies aber seit fast 5 Jahren, und zwar nicht unbedingt aus freien Stücken, zwar durchaus aus Überzeugung, aber auch weil es notwendig ist, weil es nicht anders geht, weil sie manches nicht akzeptieren, was andere Kinder vielleicht problemlos mitmachen. Beide haben beispielsweise keine Flasche akzeptiert, d.h. solange ich vollstillte, musste ich immer parat stehen. Ich habe auch beide Kinder lange einschlafgestillt und deshalb auch keine Möglichkeit zum abendlichen Weggehen gehabt. Seit dem Wegfallen des Einschlafstillens bei der Kleinen vor einem Jahr will sie trotzdem nur von mir ins Bett gebracht werden und wehrt sich mit Händen und Füßen gegen unsere Versuche, dass der Papa das mal übernimmt. Ich bin seit nunmehr fast 5 Jahren nicht ein einziges Mal über Nacht weggefahren, nicht weil ich nicht will (ich will unbedingt), sondern weil es mit meinen Kindern nicht geht. Mein Großer hatte im gesamten ersten Lebensjahr mehrstündige nächtliche Wachphasen und war tagsüber sehr unzufrieden und schwierig. Man konnte ihn einfach an niemanden übergeben, ohne Eskalation. Wir haben ihn mit wenigen Monaten mal für 1,5 h meinen Eltern anvertraut, um ins Museum zu gehen. Er war gestillt, er war müde und sollte im Wagen schlafen. Stattdessen hat er die ganze Zeit geschrien, bis kurz vor unserem Rauskommen. Meine Eltern haben ihn getragen, herumgefahren, alles versucht, erfolglos. So ein Kind kann man einfach niemandem "zumuten". Von den Nächten ganz zu schweigen. Meine Kleine braucht mich abends und nachts bis heute, ob ich das will oder nicht. Sie hat sich sogar gesträubt mitzukommen, als die Großeltern sie und ihren Bruder einmal von der Kita abholten. Mag sein, dass das in den Augen anderer Eltern mit pflegeleichteren Kindern ungewöhnlich, übertrieben, marottenhaft oder hausgemacht ist, aber so ist unsere Realität und es bleibt uns nichts übrig, als sie zu akzeptieren. Zumindest wenn wir nicht über die Kinder hinweggehen wollen. Das sind die Faktoren, die vom Kind und seinen Bedürfnissen und Eigenheiten abhängen, vom Trennungsverhalten, der Anhänglichkeit und Ausgeglichenheit. Auch das Reisen ist nicht mit allen Kindern einfach. Mein Großer hat bis kurz vor seinem 2. Geburtstag hysterisch im Auto geschrien. Auch die Kleine war und ist keine gute Autofahrerin. Der Große hatte schon immer große Umstellungsprobleme und Schwierigkeiten in fremden Umgebungen. Deshalb fahren wir bevorzugt in vertraute Gefilde, damit sich die Kinder und damit auch wir wohlfühlen, und behalten genau den Rhythmus wie zuhause bei. Schön für die Eltern, wenn sie schreiben können: "Aber es war wunderbar, Zoe war dort genauso wie zuhause, kein Fremdeln oder sonstiges." Aber das ist nicht allgemeingültig und vor allem nicht allein von den Eltern abhängig. Genau das wird aber in solchen Texten suggeriert.

Daneben gibt es die äußeren Faktoren wie das Vorhandensein von Babysittern, die Nähe der Großeltern und die Zuverlässigkeit des sozialen Netzwerkes. Nicht jeder hat Großeltern in unmittelbarer Nähe wohnen, die auch noch freudig bereit sind, Babysitterdienste zu übernehmen und den Eltern freie Abende und Nächte zu ermöglichen. Bei uns wohnen die Großeltern 300 km entfernt und wir sehen uns ca. 5-6x im Jahr, wovon ca. 3x wir unsererseits in ihre Umgebung reisen. Dass die Kinder keine verlässliche Beziehung zu ihnen aufbauen können, liegt auf der Hand. Wir haben das Glück, dass unser Großer einen sehr guten Draht zu seinem Opa hat und sich dadurch relativ problemlos von uns löst. Das ist wirklich ein absoluter Glücksfall, denn er war lange Zeit ein Kind mit enormen Trennungsschwierigkeiten. Wäre diese Chemie zwischen den beiden nicht vorhanden, wäre es mit Sicherheit bis heute schwer, ihn bei den Großeltern übernachten zu lassen. Das ist eine Tatsache und kein Punkt, den man irgendwie beeinflussen könnte. Trotzdem hat er erst mit 3 Jahren bei ihnen übernachtet. Bei der Kleinen wird das noch schwieriger werden. Nach einem Babysitter haben wir mal ein dreiviertel Jahr lang gesucht, bis wir entnervt aufgaben. Es passte einfach nicht. Für ein pflegeleichtes Kind nimmt man vielleicht einfach die erstbeste Schülerin zum Babysitten und das klappt dann auch gut, aber für anspruchsvolle Kinder schaut man schon genauer hin. Auch dies konnte ich mir, bevor ich Kinder hatte, nicht vorstellen.

Ich wehre mich dagegen, wenn andere Eltern behaupten, es wäre alles nur eine Frage des Wollens und dann könnte man sich Freiheit und Freizeit auch als Eltern schaffen. Dem ist nicht so oder nur sehr eingeschränkt, zumindest bei einigen speziellen Kindern, und wer so ein Kind nicht hat, sollte nicht über andere urteilen oder Kinderlose in ihrer Naivität bestärken, dass das Leben mit Kindern fast genauso weitergeht wie vorher. Ich bin jetzt mal radikal und sage, bei uns ist kein Stein auf dem anderen geblieben und nichts ist mehr so wie vorher. Und ich kenne aus der Online-Welt einige andere Eltern, wo dies genauso ist. Natürlich ist auch dies nicht allgemeingültig und auf alle anderen Eltern und Kinder anwendbar, was wir erlebt haben, aber es kann passieren und man sollte darauf vorbereitet sein. Das ist in jedem Fall besser als Blauäugigkeit, die durch die o.g. Blogposts noch unterstützt wird.

So, und um nun noch konkret etwas zum eigentlichen Thema der Blogparade zu schreiben: Hätte ich gewusst, was wirklich auf mich zukommt, ich wäre vorher noch um die Welt gereist, ich hätte fast mein ganzes Erspartes für Reisen draufgegeben, weil es das ist, was ich wirklich sehr vermisse und was auch auf lange Sicht nicht mehr in der Form wie früher möglich sein wird. Alles andere habe ich mir häppchenweise zurück erkämpft, mal ins Kino, Museum oder essen zu gehen ist mittlerweile möglich, wenn auch zu anderen Zeiten und gehetzter als früher. Und allein, denn der andere Elternteil muss ja die Kinder hüten. Im ersten Babyjahr allerdings waren selbst solche Vergnügungen fast ein Ding der Unmöglichkeit. Also rate ich allen, die Dinge, die einem wichtig sind und fehlen würden, auszukosten und auszuleben. Was das ist, ist individuell verschieden. Aber geht nicht davon aus, dass ihr es mit Kindern genauso weitermachen könnt. Sicherlich gibt es Kinder, mit denen das geht, mit denen man reisen und essen gehen kann und die alles problemlos mitmachen. Aber es kann auch anders sein. Und darauf sollte man sich vorbereiten.

Und noch einen anderen Rat hätte ich: wartet mit dem Geschwisterkind lieber etwas länger, falls eines geplant ist, und lasst euch zwischen zwei Kindern Zeit, um wieder ein wenig Freiheit und Selbstbestimmung auszukosten. Es macht, denke ich, viel aus, in eine erneute Babyzeit zu gehen mit dem Wissen, zwischendurch wieder mehr für sich gemacht zu haben. Ich hatte das nicht und bin nun sozusagen seit fast 5 Jahren ununterbrochen in diesem Kreislauf. Das zerrt schon manchmal an den Nerven, auch wenn mit zunehmendem Alter der Kinder vieles besser wird.

Was hättet ihr anders gemacht, wenn ihr gewusst hättet, wie das Leben mit Kindern wirklich ist?

Und hier habe ich darüber geschrieben, was ich als Mama vermisse.

Mittwoch, 25. November 2015

Was ich als Mama vermisse - anfangs und heute

Die Linkparty des Blogs Verflixter Alltag hat im November das Thema Was ich manchmal vermisse (seit ich Kinder habe). Zwar habe ich zu diesem Thema noch einen unvollendeten Beitrag in meinen Entwürfen (kommt zu einem späteren Zeitpunkt), aber da es in diesem vor allem ums Verreisen und Welt entdecken, zwei meiner elementarsten Sehnsüchte, geht, fasse ich mich hier mal allgemeiner.

Ich glaube, es gibt kaum eine Mutter/einen Vater, der nicht hin und wieder ihr/sein altes Leben vor den Kindern vermisst. Ich denke aber und habe die Erfahrung gemacht, dass die Aspekte, die jeder vermisst, unglaublich unterschiedlich und teilweise für andere nicht nachvollziehbar sind. Manche vermissen Zeit für sich, manche vermissen eine gewisse Grundordnung, manche das abendliche Ausgehen, manches verändert sich im Laufe der Zeit, bei manchem hätte man nicht vermutet, dass man es vermissen würde etc. Ich finde, man kann ganz ehrlich darüber sprechen, ohne deshalb als egoistische oder schlechte Mutter/Vater angesehen zu werden.