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Freitag, 26. Januar 2018

Wenn mein Großer glücklich ist

Ich liebe es, mit dem Großen allein unterwegs zu sein. Etwas gemeinsam zu entdecken, Zeit zum Reden zu haben und mich ganz und gar auf ihn konzentrieren zu können. Ihm interessante Dinge aus der Geschichte und Gegenwart zu erzählen und seine Fragen zu beantworten. Ihm die Ruhe zum Überlegen geben zu können und selbst Muße zu haben, mich auf seine Gedanken einzulassen. Ihn anzuschauen und mich exklusiv um ihn kümmern zu können, ohne dass von der Seite jemand verbal oder physisch an mir zerrt. Mir bewusst zu werden, was für ein großer Junge er schon ist und wie toll man sich mit ihm schon austauschen kann. Das ist wunderbar und ich brauche das total.

Auch er liebt es unglaublich, die volle Aufmerksamkeit eines Erwachsenen zu haben. Er braucht die Gelegenheit, seine Gedanken ungestört entwickeln und auch äußern zu können. So oft wird dazwischengeredet, so oft muss er unterbrechen und warten, so oft hat er dann verständlicherweise keine Lust mehr zu erzählen. Wenn man sich ihm ganz und gar widmet, sich auf ihn einlässt und exklusiv für ihn da ist, ist er das glücklichste Kind. Dann hört er intensiv zu, wenn man ihm etwas Spannendes erzählt, saugt alles auf und kann Dinge reproduzieren die man ihm vor langer Zeit mal nahegebracht hat. Er ist kein aktives und exploratives Kind, nein, er hat bisher kaum den Drang, sich selbst Wissen anzueignen oder etwas Neues auszuprobieren. Aber er ist ein sehr freudiger und dankbarer Empfänger von Aufmerksamkeit und Zuwendung. Es tut ihm unheimlich gut, in der direkten Interaktion mit einem Erwachsenen im Mittelpunkt zu stehen, ja, eigentlich entfaltet er sein Potential erst dann so richtig.

An einem der letzten Wochenenden war die Kleine auf einem Kindergeburtstag eingeladen und wir mit dem Großen allein. Da das sehr selten vorkommt, wollte ich unbedingt etwas mit ihm unternehmen, was wir mit der Kleinen im Schlepptau keinesfalls machen können. Meine ursprünglichen Vorhaben scheiterten nach vorheriger Recherche am Alter (eine Unternehmung war ab 7 Jahre, er wird erst im März 7) und an den zu kurzen Öffnungszeiten nach Ablieferung der Kleinen beim Geburtstag. Da wir sowieso zu dritt erst in ein schwedisches Möbelhaus wollten, um ein neues Sofa für den Großen und einen Schreibtisch für die Kleine zu kaufen, suchte ich nach Zielen in der Umgebung. Und so verschlug es uns ins Stasi-Museum Berlin, der ehemaligen Zentrale des MfS der DDR.

Das ist ja nun für Kinder eigentlich ein völlig unattraktiver Ort, mit den alten, original belassenen Einrichtungsgegenständen, den textlastigen Ausstellungsräumen und dem "schweren", nicht greifbaren Thema. Mit der Kleinen könnte man dort keine 10 Minuten verbringen, bis sie die Flucht ergreifen würde. Mit dem Großen sind wir eine Stunde durch die Ausstellung gestreift, haben ihm altersgerecht ausgewählte Details aus unserer Geschichte erklärt und seine Fragen beantwortet. Er war sehr interessiert und hat alles aufgesaugt. Sicherlich versteht er die großen Zusammenhänge und das Ausmaß dieser Vorgänge noch nicht, aber das, was wir ihm erzählt und gezeigt haben, hat er schon gut verarbeitet. Für mich ist es total toll, so ein großes Kind neben mir zu haben und ihn ein wenig am Wissen über die Welt teilhaben zu lassen. Und für ihn war es endlich mal ein Nachmittag mit der vollen Aufmerksamkeit beider Elternteile, ohne Störungen, ohne Aufregung, ohne Nervpotential. Seine Augen glänzten und er war total glücklich, das merkte man deutlich. Es bedeutet mir unheimlich viel, ihn so zufrieden zu sehen, und ich weiß, was ihm im Alltag fehlt.

Er braucht keine kleine Schwester, er braucht Erwachsene, die für ihn da sind, die sich exklusiv um ihn kümmern, die ihn nicht als Kind sehen, sondern ernst nehmen. Er braucht keine Streitereien, kein Kämpfen um die Eltern, keine Eifersüchteleien, er braucht Aufmerksamkeit, Zuwendung und Ernsthaftigkeit. Exklusiv. Und genau das ist natürlich nur bedingt möglich, wenn es ein Geschwisterkind gibt, noch dazu ein jüngeres. Umso mehr genieße ich, genießt er die rare Zeit, wenn er mal allein mit uns ist. Er wirkt dann immer so selig. Und auch für mich sind diese Momente meist wunderschön und bleiben in Erinnerung. Die erste (kurze) Exklusivzeit nach der Geburt der Kleinen, Fahrradausflüge und Museumsbesuche zu zweit und vor allem unsere gemeinsame Mutter-Kind-Kur sind einige Beispiele für schöne Zeiten mit ihm allein. Diese haben wir ihm auch immer wieder ermöglicht. Ich konnte ihn sogar schon einmal 4 Stunden mit auf meine Arbeit nehmen, als die Schule geschlossen war. Das wäre mit der Kleinen noch undenkbar. Auf der Kur habe ich allerdings auch gemerkt, dass ihm gleichaltrige Freunde fehlen, wenn er nur eine erwachsene Bezugsperson hat. Als ich begann, das Zueinanderfinden der Vorschulkinder zu forcieren, ging es ihm gleich viel besser. Das war seinerzeit eine neue Erfahrung für mich, weil ich das von ihm noch nicht kannte.

Es kommt jedoch nur äußerst selten vor, dass er beide Eltern parallel für sich allein hat, da die Kleine bisher nur selten abwesend war. Da wundert es nicht, dass er sich schon jetzt auf die 4 Tage freut, wenn sie bald zum ersten Mal auf Kitafahrt sein wird. Denn während er schon früh seine Freunde besucht hat und zumindest in den letzten 3 Jahren mehrfach ein paar Tage verreist war, ist sie gefühlt für ihn immer da. Also immer, wenn er auch da ist. Deshalb freue ich mich für ihn, dass es nun so langsam losgeht und sie ab und zu weg ist. Denn dann kann man ihm genau das geben, was er so essentiell braucht: Konzentration, Aufmerksamkeit, Exklusivität.

Ich mag es sehr, mich mit ihm zu unterhalten und ihm meine Gedankenwelt oder Themen aus Geschichte und Gegenwart nahezubringen. Ich mag es sehr, etwas mit ihm zu unternehmen und gemeinsame Erlebnisse zu sammeln. Ich staune, wie er überlegt und was er aufsaugt. Ich sehe gerührt seine glücklichen, strahlenden Augen und wie er den Moment auskosten will. Ich freue mich darüber, ihn ab und zu auch mal von dieser Seite kennenzulernen und zu erleben, so ausgeglichen und fröhlich. Ich genieße dann den Austausch mit ihm und merke, wie groß mein Großer nun schon ist, mit seinen fast 7 Jahren. Und wie glücklich er sein kann, wenn er mit Aufmerksamkeit bedacht und ernst genommen wird. Ich möchte ihm viele solcher Momente ermöglichen. Denn auch ich speichere mir diese Momente tief in meiner Erinnerung ab: wenn mein Großer glücklich ist!

Samstag, 4. März 2017

Ein glückliches kurzzeitiges Einzelkind

Hach, war die Kleine heute fröhlich und glücklich! Wir waren am Nachmittag allein mit ihr, weil der Große auf einem Kindergeburtstag verweilte. Wir fuhren in unseren Garten, werkelten, spielten, picknickten und genossen den ersten milden Frühlingstag in diesem Jahr. Dann spazierten wir noch auf die Felder hinter unserem Garten, spielten Fangen, trampelten auf Maulwurfshügeln herum und fuhren später zu einer Pferdekoppel, weil die Kleine sich das immer so sehr wünscht. Ist der Große dabei, gestaltet sich das meist schwierig, weil es für ihn "langweilig" ist. Zuhause angekommen, fuhr der Mann los, um den Großen vom Kindergeburtstag abzuholen und die Kleine wollte noch nicht hochgehen. Also fuhr sie noch ein wenig Laufrad um den Block und ich lief nebenher. Den ganzen Nachmittag über lachte sie total viel, schäkerte, es gab kein Geschrei und Gezeter, sie war super gut drauf und selig. Das war echt schön zu sehen und so entspannend für uns.


Wir stellen immer wieder fest, dass unsere Kinder aufblühen, wenn sie mit uns allein sind. Beim Großen war und ist das ganz deutlich zu bemerken, wobei er am liebsten mit nur einem Elternteil allein ist, der sich voll auf ihn konzentrieren kann. Er mag am liebsten die 1-zu-1-Situation. Bei der Kleinen ist mir das bisher noch nicht so extrem aufgefallen, aber heute sah man, wie glücklich sie dank unserer ungeteilten Aufmerksamkeit und Zuwendung war. Die vielen kleinen Scharmützel und Streitereien, die ihr Bruder und sie den ganzen Tag über ausfechten, die vielen Kämpfe um unsere Aufmerksamkeit, um Entscheidungen, die zu ihren Gunsten ausfallen sollen, um's Gewinnen, Mehr-Haben, Schneller-Sein, Recht-Haben, die fielen heute Nachmittag alle weg. Das tat ihr gut, das tat uns gut.

Keine Situation, wo ein Kind einen anderen (oder den gleichen) Wunsch hat als das andere und man sich irgendwie einen halbwegs fairen Kompromiss ausdenken muss (bei dem sich meist trotzdem ein Kind übervorteilt fühlt). Kein Zerren um Programmpunkte, um Elternteile, um Zeit, Nerven, Essen und Trinken, darum, wer zuerst ins Auto einsteigen darf oder das minimal größere Stück der Banane hatte. Keine Enttäuschung bei der Kleinen über einen Bruder, der nicht mit ihr Eisverkaufen im Garten spielt, obwohl sie das an ihrer kleinen Eistheke wirklich hingebungsvoll zelebriert. Keine Genervtheit beim Großen wegen seiner kleinen Schwester, die mit ihrer lauten, vehementen, direkten und klaren Art sicherlich oft schneller zu uns durchdringt als er. Keiner fühlte sich zurückgesetzt, weil der Papa gerade mal nur mit dem einen Kind spielte. Es war so dermaßen entspannend, ich sag's euch.

Es ist ja nicht so, dass wir nicht versuchen, jedem Kind Exklusivzeit zu geben. Der Mann beschäftigt sich viel mit dem Großen allein, ich gehe öfter mit der Kleinen allein raus, weil wir dies beide mögen. Aber die meiste Zeit sind sie natürlich zusammen, sie teilen sich ein Kinderzimmer (in dem die Kleine allerdings nicht schläft) und des Öfteren unternimmt auch ein Elternteil etwas mit beiden Kindern, um dem anderen Elternteil Freizeit zu ermöglichen, da dies unsere einzige Entlastungsmöglichkeit ist. Sind sie zusammen, gibt es fast permanent Streit, Auseinandersetzungen, Missverständnisse, Enttäuschungen, Frust. Und immer suchen sie eher den Kontakt zu den Eltern, als sich mit dem Geschwisterkind auseinanderzusetzen. Man hat das Gefühl, sie befinden sich in einer ständigen Konkurrenzsituation um unsere Zuwendung, was natürlich auch damit zusammen hängt, dass sie miteinander nicht viel anzufangen wissen. Die Kleine will ja immer mit dem Großen spielen, versucht ihn auch zu animieren, aber er hat meist keine Lust auf ihre Spiele oder will nicht, dass sie den Takt vorgibt oder weiß auch oft einfach gar nicht, wie und was er spielen soll. Das führt zu vielen Konflikten, die sehr nervenaufreibend für uns sind.

Umso entspannter war es heute, als wir mit der Kleinen allein waren und all das wegfiel. Umgekehrt wäre es mit dem Großen genauso. Man erholt sich mental richtig, das ist unglaublich. Wie sehr uns die ständigen Scharmützel der Kinder beeinträchtigen, merken wir besonders deutlich, wenn sie mal wegfallen, was meist nur bei Abwesenheit eines Kindes der Fall ist. Und wie entspannend es ist, nicht ständig vermitteln, schlichten, trösten und aufteilen zu müssen. Wie einfach es ist, wenn man sich nicht permanent zerreißen muss. Als der Große heimkam, saß ich mit der Kleinen auf dem Sofa und las ihr ein Buch vor. Ich wollte ihn eigentlich begrüßen und ausfragen, wie es gewesen ist. Mit ihm zusammen Abendbrot essen und ihm Aufmerksamkeit widmen. Gleichzeitig wollte ich aber auch nicht die Kleine verlassen und unser gemeinsames Buch-Vorlesen beenden. Das hätte ich gemein gefunden. Ich entschied mich, bei der Kleinen zu bleiben, was mir sofort ein schlechtes Gewissen wegen des Großen machte. Der Mann kümmerte sich um ihn. Nachdem der ganze Nachmittag so einfach und klar gewesen war, sah ich an diesem kleinen Beispiel gleich wieder deutlich die Schwierigkeiten und Herausforderungen im Umgang mit Geschwisterkindern. Und diese Situation war zum Glück ohne negative Emotionen abgelaufen, die man hätte ausgleichen müssen. Ohne Streit, Frust, Enttäuschung. Das ist selten. Aber so angenehm! Wie dieser Nachmittag mit einem glücklichen kurzzeitigen Einzelkind.

Dienstag, 1. November 2016

Helfende Eltern - unselbstständige Kinder?

Neulich gab es eine kleine Diskussion mit dem Großen, in der es darum ging, dass die Kinder uns so wenig bei alltäglichen Tätigkeiten mithelfen. Es war überhaupt nicht als Vorwurf formuliert, sondern lediglich als Feststellung. Darauf sagte der Große: "Aber ihr fragt uns ja auch gar nicht, ob wir euch mal helfen könnten!" Da musste ich ihm Recht geben, und das ist eines der Dinge, die ich mir schon länger vorgenommen habe zu ändern und nicht so richtig schaffe. Also die Kinder in praktische Alltagsaufgaben einzubeziehen, ihnen Verantwortung zu übertragen und sie mithelfen zu lassen. Damit sie ein Gefühl dafür kriegen, was hier im Haushalt alles zu tun ist und nicht alles für selbstverständlich nehmen. Damit sie sehen, wieviel Zeit und Mühe manche Tätigkeiten kosten. Damit sie merken, dass sie einen kleinen, aber wertvollen Beitrag zum Familienleben leisten können und lernen, wie Abläufe funktionieren. Damit sie selbstständig und eigenverantwortlich werden.

Mein Mann und ich, wir sind Menschen, die Dinge am liebsten selbst und allein machen, anstatt im Team zusammenzuarbeiten. Wir bitten nicht gern um Hilfe, sondern sind froh, wenn wir in Ruhe etwas abarbeiten können. Ich kann es z.B. nicht haben, wenn jemand in der Küche herumwuselt, wenn ich koche. Ich räume den Geschirrspüler lieber selbst aus, anstatt jemandem zu erklären, wo das Geschirr hinkommt. Ich habe gern selbst die Kontrolle, anstatt hinterher kontrollieren zu müssen, ob eine Tätigkeit korrekt und vollständig erledigt wurde. Ich arbeite gern Aufgaben schnell, effektiv und hintereinander ab, möglichst störungsfrei. Ich bin kein Prokrastinator, nicht bei Haushaltstätigkeiten und sonst eigentlich auch kaum. Mein Motto ist: Mach es selbst, dann weißt du, dass alles in deinem Sinne geschieht. Das führte dazu, dass wir unsere Kinder immer in recht wenige Haushaltstätigkeiten eingebunden haben und sie wahrscheinlich fast das Gefühl haben, "das bisschen Haushalt macht sich von allein...";-)

Daneben bin ich auch eine Mama, die tendenziell gern bemuttert, die Kinder umsorgt und lieber ein Mal mehr hilft, als sie zu überfordern. Ich nehme ihnen viele Kleinigkeiten und manchmal auch Herausforderungen ab, die sie schon selbst schaffen könnten. Ich mag sie gern noch ein wenig in ihrer unbeschwerten Kindheitsblase lassen und die Anforderungen der Umwelt von ihnen fern halten. Ich helfe ihnen beim Anziehen, ich räume lieber selbst schnell auf, ich schmiere ihre Brote und schneide ihr Essen. Das hat sowohl den Grund, dass ich allein schneller, gründlicher und fehlerfreier bin, als auch, dass ich sie gern umsorge und ihnen u.a. dadurch meine Zuwendung und Nähe gebe. Manche Dinge sind auch schlicht nicht möglich oder sehr stressig. Staubsaugen geht zum Beispiel nicht, wenn die Kinder da sind, weil die Kleine Angst vor der Lautstärke hat und weint. Beim Wäsche aufhängen haben sie früher für jedes Kleidungsstück, das ich aufhängte, eins wieder runtergezogen. Beim Obst schneiden ist es mühsam, auf 20 Finger zu achten, wenn beide mit scharfen Messern hantieren. Vor allem, wenn man selbst auch vorankommen will. Und so weiter. Das ist alles effizienter, schneller und nervenschonender als mit den beiden zusammen. Vielleicht wäre es mit nur einem Kind anders, aber zwei Kinder bringen einfach soviel durcheinander, man kann sie nicht in jeder Sekunde im Auge behalten und sie stecken sich gegenseitig mit "Blödsinn" an. Das einzige, wo ich sie immer gern eingespannt habe, war und ist das Putzen ihres Spielzeugs. Wenn ich sie im Kinderzimmer still beschäftigen musste, weil beispielsweise mein Mann krank war, habe ich ihnen Putzlappen gegeben und wir haben zu dritt das Spielzeug gesäubert. Das haben sie meist gut und ausdauernd mitgemacht. Insgesamt aber haben wir ihnen viel abgenommen, viel geholfen und unsererseits viel selbst gemacht.

Irgendwann, als sie etwas älter waren, wollte ich nicht mehr alle Haushaltstätigkeiten in meiner Freizeit machen und habe angefangen, in der Anwesenheit der Kinder kleinere Dinge abzuarbeiten. Ich habe auch mehrfach den Papa dazu angehalten, vor oder nach dem Spielen mit den Kindern Aufgaben zu erledigen, um ihnen zu zeigen, was es alles zu tun gibt. Es fiel und fällt ihm schwer, und auch ich erledige bis heute meine Aufgaben am liebsten in Ruhe, ohne Unterbrechungen, ohne Anliegen und Fragen der Kinder. Das mag gut für uns sein, aber die Kinder lehrt es nichts. Wir haben uns jetzt also vorgenommen, einerseits die Kinder mehr in leichtere Tätigkeiten mit einzubeziehen als auch unsere Arbeiten in ihrer Anwesenheit zu erledigen. Dann müssen sie warten oder sich selbst beschäftigen.

Die Kleine hilft sehr gern, z.B. beim Tischdecken und -abräumen, Geschirrspüler ausräumen, Einkäufe verstauen etc. Statt dass ich mich ärgere, wenn sie mir in der Küche zwischen den Beinen herumwuselt, frage ich sie lieber, ob sie mir helfen will. Das ist zwar manchmal nervenaufreibend, aber irgendwie auch befriedigend und es macht Spaß, gemeinsam abzuarbeiten. Der Große ist da unwilliger, er hilft nur, wenn er selbst bereit dazu ist, nicht aus Gemeinschaftssinn oder weil er uns eine Freude machen will. Das tangiert ihn nicht. Er war nie ein Kind, was gern im Hauhalt geholfen oder sich für Haushaltsdinge interessiert hat. Ihn muss man also ganz freilassend anfragen und es, wenn er nicht will (wie meist), akzeptieren. Vielleicht ist die Erfahrung seiner Unwilligkeit auch einer der Gründe dafür, dass wir die Kinder tendenziell kaum in Alltagsarbeiten einbeziehen? Die Kleine ist jedenfalls ein anderer Charakter und wir müssen nun erst wieder lernen, dass ein Kind auch gern und bereitwillig hilft. Das ist ein Prozess, den wir erst begonnen haben. Und jedesmal muss ich mich selbst ermahnen und erinnern, es anders zu machen als bisher.

Manchmal hat man keine Nerven dafür. Wir haben im Sommer den Zaun unserer Gartenterrasse gestrichen und beide Kinder wollten helfen. Immer und immer wieder haben sie sich trotz mehrfacher Erinnerung an den frischgestrichenen Zaun gelehnt, haben sich mit Farbe bekleckst und Farbpaletten umgeworfen. Normal für Kinder, aber da sagt man sich dann schon, mach es lieber allein, warum tust du dir den Stress an. Ähnlich ist es beim Plätzchen backen und anderen Dingen. Kommt dann noch der eine oder andere Wutanfall dazu, ist es schnell vorbei mit dem Spaß. Trotzdem sollten wir es immer wieder versuchen, gerade bei dem bereitwilligen unserer Kinder. Ich selbst war als Kind und Jugendliche ziemlich unselbstständig und hilflos, wahrscheinlich, weil meine Eltern mir auch vieles abgenommen und mich wenig einbezogen haben. Ich sehe einige Aspekte davon schon jetzt beim Großen. Das kann nicht gut sein und ich möchte das bewusst anders machen.

Der andere Punkt ist das elterliche Helfen. Ich helfe meinen Kindern gern und viel, einige würden sagen, zu viel. Manchmal bemuttere ich sie. Klar können sie sich schon allein die Schuhe anziehen und die Jacke zumachen, aber ich übernehme das trotzdem oft für sie. Besonders wenn sie das Bedürfnis nach Zuwendung und Anlehnen haben, wie z.B. nach der Kita oder morgens, wenn sie mit dem Papa das Haus verlassen. Dann helfe ich ihnen, weil ich weiß, dass ihnen diese Situationen eh' schon schwer genug fallen. Es ist aber manchmal schwierig, zu entscheiden, ob ein Bedürfnis nach Zuwendung dahinter steckt oder schlicht Bequemlichkeit. Letzteres möchte ich nicht fördern, ein Bedürfnis aber gern erfüllen. Ich will aber auch nicht, wie manche Eltern das gern tun, sie auf Teufel komm raus dazu anhalten, Dinge selbst zu machen, von denen ich weiß, dass sie sie schon allein können. Ich sehe das oft, dass Eltern dann einfach ihr Ding durchziehen wollen. Ich habe das auch schon versucht, aber es widerspricht mir und fühlt sich für mich und die Kinder natürlich nicht gut an. Es ist aber tatsächlich eine Gratwanderung, zu entscheiden, wann dieser oder jener Beweggrund für Verweigerung vorhanden ist.

Der Große ist z.B. ein Kind, das sich gern helfen lässt und darüber seinen Aufmerksamkeitstank füllt (siehe dieser Text "Warum Kinder ständig unsere Aufmerksamkeit verlangen"). Dem bin ich meist nachgekommen, als ich verstanden hatte, warum er das braucht. Manchmal ist er aber auch bequem und ruht sich auf meiner Hilfe aus. Was ist wann der Fall? Einmal hat er auf dem Heimweg von der Kita alles verweigert und boykottiert, ich wusste nicht warum, und bin laut und ungeduldig geworden. Zuhause merkte ich dann, dass er Fieber hat und es ihm nicht gut geht. Das hat mich sehr betroffen gemacht und ich habe mich geschämt. Also lieber doch ein Mal zuviel helfen und die Gefahr der Unselbstständigkeit oder Bequemlichkeit des Kindes in Kauf nehmen, wie ich es meist mache? Sehr schwierig! Ich glaube, es gibt dafür keine Lösung und auch meine beiden Kinder werden sich sehr unterschiedlich entwickeln, bei gleichen häuslichen Bedingungen. Das ist ja jetzt schon der Fall. Die Kleine zieht sich viel bereitwilliger allein an und entwickelt tendenziell mehr Ehrgeiz darin, Dinge allein und selbstständig zu schaffen, als der Große. Was das Mithelfen unserer Kinder betrifft, können wir bewusst etwas mehr Hilfe von ihnen bei alltäglichen Aufgaben anfragen, aber völlig freilassend, und dabei auch die unterschiedliche Bereitschaft der Kinder berücksichtigen. Was unser Umsorgen angeht, ist das nicht so eindeutig, weil sie sehr unterschiedliche Bedürfnisse haben und es schwierig ist, ihre "Hilfsbedürftigkeit" einzuschätzen. Brauchen Sie Unterstützung, weil sie etwas noch nicht können, zu bequem sind oder weil sie Zuwendung und Nähe benötigen? Oder sollten wir mehr ihre Selbstständigkeit fördern? Ich lerne noch...

Wie handhabt ihr das, seid ihr auch so, dass ihr Dinge am liebsten allein macht? Bemuttert ihr eure Kinder gern? Helfen sie bereitwillig oder haben sie kein Interesse an alltäglichen Aufgaben? Oder wollt ihr eure Kinder um jeden Preis zur Selbstständigkeit und Unabhängigkeit anhalten? Müssen eure Kinder schon bestimmte Aufgaben übernehmen? Schildert mal eure Erfahrungen mit dem Thema.

Bildquelle: Pixabay

Mittwoch, 6. April 2016

Aufmerksamkeitstypen und Geschwisterrivalität

Manchmal tun mir meine Kinder leid. Wenn ich sie aus der Kita abhole und sie mich teilen müssen. Wenn der Papa mit ihnen spielt und sie ihn teilen müssen. Wenn sie mich einen ganzen Tag nicht gesehen haben und Mama tanken wollen. Dann bräuchte jeder von beiden ungeteilte Aufmerksamkeit und Zuwendung, statt geteilte Liebe und halbe Konzentration. Der Große war schon immer sehr aufmerksamkeitsbedürftig, das ist bis heute so geblieben. Er möchte am liebsten konzentriert allein mit einem Erwachsenen spielen oder beschäftigt werden. Er benötigt den Aufmerksamkeitstypus der "ungeteilten Zuwendung" (in Kombination mit dem "Hilfe-Typus"), wie in diesem Text des Blogs Gewünschtestes Wunschkind beschrieben. Die Kleine ist total liebesbedürftig und will kuscheln, vorlesen, tanzen oder singen. Sie benötigt den Körperkontakt als wichtigste Aufmerksamkeitsform, in Kombination mit der ungeteilten Zuwendung.

Die Aufmerksamkeitsbedürfnisse beider Kinder gleichzeitig zu erfüllen ist oft ein Ding der Unmöglichkeit. Manchmal, wenn ihre Speicher aufgefüllt sind, schafft es eines der Kinder, zurückzustecken und zu warten, bis ich oder der Papa wieder exklusiv für es da ist. Dann kann man sich ihnen abwechselnd oder sogar gleichzeitig zuwenden und eine gute Balance wahren. Das sind schöne, ruhige Situationen, wo beide rechts und links vom Elternteil einem vorgelesenen Buch zuhören. Meist jedoch herrscht große Konkurrenz um Aufmerksamkeit zwischen ihnen, besonders, wenn sie "ausgehungert" nach Zuwendung sind. Dann denke ich immer, sie wären als Einzel-, als Exklusivkinder besser dran, würden nicht soviel Frustration erfahren und könnten ihre Speicher deshalb auch besser füllen. In solchen Momenten sehe ich viele Nachteile des Daseins als Geschwisterkind und es tut mir in der Seele weh, wie sie dann leiden und sich zurückgesetzt fühlen.

Diese Situationen kommen im Alltag immer wieder vor und kosten viel Kraft. Besonders auffällig ist es immer, wenn sie mich (normalerweise nur 1x pro Woche) erst abends wiedersehen. Dann möchten mich beide (respektive den Papa an den anderen Abenden) ganz für sich haben und sind verständlicherweise frustriert, beleidigt, enttäuscht, wenn das nicht funktioniert, weil das Geschwisterkind dazwischenfunkt und auch Bedürfnisse anmeldet. Sie können dann auch beide nicht kurz in weiser Voraussicht warten, damit jeder abwechselnd die volle Zuwendung erhält, sondern fauchen und keifen sich an wie Löwen bei der Fütterung. Im schlimmsten Fall sieht das so aus, dass ich verzweifelt versuche, es beiden irgendwie recht zu machen, mich zu zerreißen und zu vermitteln, aber dennoch beide weinen, weil sie sich nicht genügend beachtet fühlen. Kümmere ich mich um eines der Kinder, ist das andere tödlich beleidigt. Versuche ich, mich gleichzeitig um beide zu kümmern, fühlen sich beide zurückgesetzt und protestieren lautstark. Sehr schwierig und nervenaufreibend.

Quelle: Pixabay

Letztens hatten wir die Situation, dass die Kinder mit dem Papa erst um 18 Uhr nach Hause kamen und, kaum hatten sie Kontakt mit mir, fürchterlich zu weinen anfingen. Beide wollten ihre jeweils benötigte Art der Aufmerksamkeit von mir nach der langen Trennung (10 h) und stattdessen mussten sie wieder einmal teilen. Als ich dann noch mit dem Großen schimpfte, weil er sich nicht ordentlich die Hände gewaschen hatte, brachen seine Dämme und er weinte untröstlich und aufgebracht. Dem Papa gelang es nicht, ihn zu trösten, und ich selbst brauchte bestimmt 20 Minuten und viel Kraft dafür, ihn wieder zu besänftigen. Nachdem er sich beruhigt hatte, war er wieder offen für das, was er brauchte: meine ungeteilte Zuwendung. Das hieß für mich, mich noch einmal ein wenig nur mit ihm zu beschäftigen. Danach war es für ihn okay und wir konnten endlich Abendbrot essen. Glücklicherweise hatte sich die Kleine in dieser Zeit mit meinem Handy als Mama-Ersatz vergnügt. Oft genug war aber auch schon der Fall eingetreten, dass sie parallel untröstlich weinte, weil sie Mama-Kuscheln wollte. Der Papa hat dann absolut keine Chance und fällt als Tröster weg. Ich weiß dann oft nicht, wo mir der Kopf steht und wie ich die beiden Kinder wieder beruhigen soll. Früher, als die Kleine noch stillte, konnte ich mich dann mit ihr auf's Sofa kuscheln und sie stillen, während ich dem Großen parallel vorgelesen habe. Oder ich habe sie nach der Kita einfach auf dem Arm herumgetragen, während ich dem Großen auf dem Spielplatz volle Aufmerksamkeit gab. Das reichte ihr früher. So konnte ich beiden ihre verschiedenen Aufmerksamkeitsbedürfnisse erfüllen. Jetzt ist das schwieriger. Natürlich sind sie auch älter und anspruchsvoller bzw. bewusster geworden.

Es ist auffällig, dass der Große sich meist von einer ganz anderen Seite zeigt, wenn er mit einem von uns Eltern allein ist. Er also die von ihm benötigte ungeteilte Zuwendung erhält. Er wirkt dann richtig reif und erwachsen, ist viel zugänglicher und offener und genießt die Exklusivität. Wenn man ihn nachmittags nach der Kita allein abholt, wie gestern wegen Krankheit der Kleinen geschehen, läuft man mit einem großen, verständigen und umgänglichen Jungen neben sich durch die Straßen. Es ist selten, dass er dann so motzig ist wie sonst meist. Er ist auch sehr gern mit einem von uns allein zuhause. Er benötigt, glaube ich, den Familienverbund am wenigsten von uns allen, und wäre als Einzelkind sicherlich zufriedener. Er ist super glücklich, wenn er mit seinem Opa zusammen ist, da dieser ihm am meisten von allen Menschen das gibt, was er braucht. Die Kleine genießt auch mal gern ungeteilte Aufmerksamkeit, liebt allerdings auch den Familientrubel, vermisst ihren Bruder schnell und hat gern alle um sich herum. Umso mehr Kuschelpartner hat sie zur Verfügung :-)

Wir würden den Kindern ja gern mehr ungeteilte Zuwendung geben, aber das Problem ist, dass durch die fehlende Entlastung für uns oberste Priorität hat, dass wir Eltern uns gegenseitig entlasten, d.h. dass so oft wie möglich ein Elternteil beide Kinder nimmt und der andere mal ein Stündchen frei hat. Das kollidiert mit den Interessen und Bedürfnissen der Kinder, ist aber leider im Moment nicht zu ändern. Ich habe keine Ahnung, wie man dafür eine Lösung findet, die alle Bedürfnisse berücksichtigt. Die den Aufmerksamkeitstank der Kinder entsprechend ihrem Wunsch auffüllt und gleichzeitig die Regeneration der Eltern ermöglichkeit. Denn das ist mindestens genauso wichtig.

Was meint ihr? Welcher Aufmerksamkeitstypus ist euer Kind und könnt ihr das Bedürfnis immer erfüllen? Wie kommen Eltern noch zu MeTime, wenn beide Kinder so zuwendungsbedürftig sind?

Hier nochmal der entsprechende Text des Blogs Gewünschtestes Wunschkind allgemein zum Thema "Aufmerksamkeit":
Warum Kinder ständig unsere Aufmerksamkeit verlangen

Montag, 27. Juli 2015

Autonome Kinder Teil 3 - Interview mit Jesper Juul

In meinen beiden Beiträgen Autonome Kinder und Autonome Kinder Teil 2 habe ich das Phänomen der autonomen Kinder anhand von Ausschnitten aus Büchern von Jesper Juul sowie diversen Webseiten umrissen. Er erwähnt das Thema mehrfach am Rande und meine Zusammenfassungen sind auf reges Interesse gestoßen. Da es bisher an weiteren Erkenntnissen mangelt, habe ich mich entschlossen, ein Interview mit Jesper Juul zu führen und ihm die Fragen zu stellen, die mich und viele andere Leser dieser Texte interessierten. Die Grundlagen zum Thema autonome Kinder können in meinen beiden erwähnten Texten nachgelesen werden, ebenso die Bücher, in denen Juul es anschneidet.

Interview mit Jesper Juul vom 20. Juli 2015

Herr Juul, in einigen Ihrer Bücher schneiden Sie das Phänomen der autonomen Kinder an. Das sind besonders unabhängige, kompromisslose, nicht manipulierbare Kinder, die man nicht nach gängigen Maßstäben erziehen kann. Ich stelle das Thema auf meinem Blog vor und habe große Resonanz dazu bekommen. Es scheint viele solcher Kinder zu geben, auch wenn das Thema nicht sehr bekannt ist. Wie sind Sie selbst auf das Thema aufmerksam geworden?

Juul:
Ich entdeckte diese Kinder vor vielen Jahren, als ich in einem Institut für „Verhaltensauffällige Kinder“ (9-16) arbeitete. Sie werden oft als „jenseits pädagogischer Erreichbarkeit“ beschrieben und ich fand heraus, dass sie sehr wohl erreicht werden können, wenn man ihre Autonomie respektierte. Wenn ihre Eltern dazu auch in der Lage waren, waren alle zufrieden und manchmal waren wir auch erfolgreich darin, ihre Lehrer oder Pflegeeltern anzuleiten.

Warum gibt es bisher so wenig Forschung dazu? Werden Sie sich darüber zukünftig mal ausführlicher äußern?

Juul:
Die meisten Untersuchungen arbeiten nach dem alten Paradigma, das sich nicht daran orientiert, wie Kinder ihre eigenen Lebenswirklichkeiten und Beziehungen wahrnehmen, sondern sich auf die Schwierigkeiten konzentriert, die Erwachsene haben, wenn sie versuchen, mit ihnen in Beziehung zu treten oder sie zu erziehen. Im Allgemeinen wird das Verhalten von Eltern und Pädagogen nicht in Frage gestellt. Stattdessen werden Erziehungsmethoden erdacht.

Kennen Sie persönlich autonome Kinder? Wenn ja, wie kommen Sie mit ihnen klar, wie begegnen Sie ihnen, was machen Sie, wenn Sie nicht mehr weiter wissen?

Juul:
Ich kenne Hunderte, darunter meinen Enkel, der jetzt 10 Jahre alt ist. Mein Glück ist, dass ich mich nie darauf fokussiert habe, mit Kindern in einer kindangepassten Weise umzugehen. Deshalb bin ich ihnen einfach wie Erwachsenen begegnet. Als Ergebnis waren diese Kinder nie „schwierig“, wenn sie mit mir allein waren. Es dauerte allerdings fast 30 Jahre, bis ich mir dessen bewusst wurde. Deshalb rate ich oft Erwachsenen, die „alles versucht“ haben, einfach die Wahrheit auszudrücken, zum Beispiel: „Ich weiß jetzt einfach nicht mehr weiter mit Dir, kannst Du mir helfen?“


Viele Eltern berichten, dass die Autonomiephase mit solchen Kindern eine ungeheuerliche Herausforderung ist. Wie kommen beide Seiten unbeschadet hindurch?

Juul:
Für wahre autonome Kinder ist es nicht nur eine Phase, sondern eine lebenslange Existenzweise. Es stimmt, dass alle Kinder eine Phase wie diese durchmachen – im Alter von ca. 2 Jahren (was die Amerikaner „The Terrible Two“ nennen), und es ist auch wahr, dass viel zu viele Eltern sich in dieser Phase destruktiv verhalten, weil sie das natürliche und gesunde Verhalten ihrer Kinder als „Trotz“ interpretieren.

Der beste Weg, um schädliches Verhalten gegenüber beiden Arten von Kindern zu vermeiden, ist, ihr Bedürfnis nach Autonomie anzuerkennen und ehrlich und offen zuzugeben, welche Schwierigkeiten die Eltern haben. Es schadet einem Kind nicht, wenn seine Eltern den adäquaten Umgang mit ihm schwierig finden, so lange sie dem Kind nicht die Schuld dafür geben – d.h. „Ich finde es schwierig/ unmöglich, mit Dir angemessen umzugehen“ anstatt „Du bist unmöglich…“. Letzteres gibt dem Kind die Schuld, anstatt dass der Erwachsene die Verantwortung für seine erfolglose Anleitung übernimmt.

Haben Sie schon einmal ein autonomes Kind über viele Jahre hinweg begleitet und gesehen, wie es sich weiterentwickelt? Haben Sie spezielle Tipps für die Schulzeit und die Pubertät?

Juul:
Ja, viele, und sie werden oft sehr erfolgreich. Viele von ihnen müssen einen unbequemen Weg gehen, wenn sie Liebesbeziehungen eingehen, weil ihre Partner ihre Autonomie als Mangel an Liebe interpretieren.

Der Tipp ist immer derselbe: wahrhaftig zu sein und die Autonomie der anderen Person zu respektieren. Auf diese Weise können wir eine Menge mit und von diesen Kindern lernen, und je bereitwilliger wir uns auf diese Regel einlassen, umso erfolgreicher werden wir als Eltern und Lehrer sein.

Viele Rückmeldungen zu meinen Texten handeln davon, dass die Eltern sich rückblickend auch als autonome Kinder erkennen, wenn auch durch Erziehung gedeckelt. Was meinen Sie dazu, ist diese Wesensausprägung vererbt?

Juul:
Ich habe die gleiche Erfahrung, aber ich weiß nicht, ob die Veranlagung vererbt wird.

Was viele Eltern als schwierig im Umgang mit einem autonomen Kind empfinden, ist die Zurückweisung der elterlichen Liebe. Haben Sie dafür eine Strategie oder einen Trostgedanken, damit man das nicht zu persönlich nimmt?

Juul:
Es ist wichtig, dass diese Eltern realisieren, dass ihr Kind nicht die Liebe zurückweist, sondern lediglich die Art und Weise, wie sie sie ausdrücken. Was von ihren Geschwistern höchst geschätzt werden mag, lehnt das autonome Kind ab. Das ist ähnlich wie bei erwachsenen Partnern: die Art und Weise, wie wir unseren zweiten Partner zu lieben lernen müssen, ist anders als beim ersten.

Wie stehen Sie zu dem Gedanken, es handle sich bei autonomen Kindern eigentlich um ADHS-Kinder?

Juul:
Das ist kompletter Unsinn. Autonome Kinder haben kein Aufmerksamkeitsdefizit. Es ist aber dennoch interessant, dass ADHS-Kinder auch positiv reagieren, wenn sie würdevoll behandelt werden.

Herr Juul, ich danke Ihnen sehr für die Beantwortung der Fragen und hoffe, dass die Forschung zu diesem Thema voranschreitet.

Ich möchte weiterhin auf meinem Blog Erfahrungsberichte über autonome Kinder sammeln und rufe ausdrücklich dazu auf, diese hier zu teilen. Sollte ich auf neue Forschungsergebnisse stoßen, werde ich diese ebenfalls hier vorstellen. Wer die auf Englisch gegebenen Original-Antworten nachlesen möchte, kann sich gern bei mir melden. Mit diesem Interview habe ich mir übrigens meinen eigenen, in diesem Text vom April 2015 geäußerten Wunsch erfüllt.

Ich danke Herrn Jacob Hochrein vom Beltz Verlag für die Vermittlung des Interviews und die freundliche Betreuung. Gern verweise ich in diesem Zusammenhang auf ein neu aufgelegtes Buch von Jesper Juul im Beltz Verlag: Das Familienhaus: Wie Große und Kleine gut miteinander auskommen.

Hier die Vorgängertexte:
Autonome Kinder
Autonome Kinder Teil 2

Hier der Verweis auf Teil 4 zur Pubertät:
Autonome Kinder Teil 4 - Pubertät

Und hier ein Link zum Erfahrungsaustausch in einem Babyforum:
https://www.rund-ums-baby.de/erziehung_elternforum/Autonome-Kinder-suche-Erfahrungsaustausch_81648.htm

Wenn euch meine Artikel über "Autonome Kinder" weitergeholfen haben, würde ich mich sehr über ein kleines Dankeschön freuen. Über diesen Button könnt ihr mir einen Kaffee "spendieren":

Sonntag, 12. Juli 2015

Über das Spielverhalten meiner Kinder

Das Spielverhalten unserer Kinder, besonders des Großen, treibt uns regelmäßig in den Wahnsinn. Ich muss wirklich sagen, dass sie sich so gut wie nie allein beschäftigen. Ob zuhause, im Garten oder anderswo: überall sind viele Beschäftigungsmöglichkeiten vorhanden, die aber kaum bzw. nicht selbstständig genutzt werden. Immer wird ein Anstoß benötigt, immer wird Beschäftigung eingefordert und gejammert, wenn wir verlangen, mal allein zu spielen. Obwohl zumindest mein Mann ganz gern mit den Kindern spielt, ist das generell wahnsinnig anstrengend und kräftezehrend, vor allem an Tagen, wo es uns selbst nicht gut geht oder wir wirklich viel Anderes zu tun haben. Es ist eben leider auch nicht so, dass eine Anregung und ein Vorspielen ausreichen, damit die Kinder sich danach selbst weiter mit der Sache beschäftigen.

Besonders der Große hat keinerlei eigene Spielideen. Schon als er ein Baby war, fiel mir auf, dass er sich überhaupt nicht für Spielsachen interessierte und nichts von selbst in die Hand nahm. Er probierte nichts aus und hatte keinerlei Ideen, was er mit Dingen anstellen könnte. Bis zu seinem Kitastart mit 13 Monaten war es unglaublich zäh, öde und anstrengend, sich den ganzen Tag mit ihm zu beschäftigen. Man musste ihm wirklich rund um die Uhr etwas vorspielen. Er schaute zu, versuchte aber nichts selbst. Ich habe hundertmal am Tag den gleichen Turm aus Bechern gebaut, ihm vorgerasselt, ihm Autos zugeschoben und alles Mögliche ausprobiert, damit er anbeißt. Meistens vergeblich. Er hat nichts aufgegriffen, nachgeahmt oder umgewandelt. Ich bin fast wahnsinnig geworden. Auch draußen, auf dem Spielplatz, im Kinderbauernhof oder Kindercafè, hat er keine Initative ergriffen. Das wurde selbst bei wiederholten Besuchen nicht besser.

Damals dachten wir noch, das würde schon kommen, je älter er wird und mehr ausprobiert sowie sich etwas von anderen Kindern abschaut. Aber das war ein Trugschluss. Es gibt andere Kinder in unserem Bekanntenkreis, die sich über Stunden (was wir ja gar nicht erwarten) wunderbar selbst beschäftigen können und die ab und zu bei uns zu Besuch sind. Diesen Kindern beim Spielen zuzuschauen, ist für uns jedesmal sehr aufschlussreich und gleichzeitig frustrierend. Da wird vor Ideen gesprüht, werden Rollenspiele gemacht und Alltagsszenen nachgespielt. Wir hoffen dann immer, dass ein bisschen was davon auf den Großen abfärbt. Meist schaut er wie paralysiert zu und steigt irgendwann ein bisschen ins Spiel ein. Sobald die Anregung aber wieder wegfällt, ist alles beim Alten. Er vergisst auch tatsächlich immer wieder, welche Spielsachen er eigentlich hat und ist jedesmal überrascht, wenn er ein altes Auto oder Spiel neu entdeckt. Dazu muss man sagen, dass bei uns fast alle Spielsachen offen und sichtbar in Regalen oder auf dem Boden im Kinderzimmer stehen oder liegen, also jederzeit greifbar sind. Das, was in Schubläden oder Kisten verstaut ist, er also nicht sieht, gerät sofort in Vergessenheit.

Wenn er mal allein "spielt", dann meist nur für uns nicht nachvollziehbare Dinge wie Sachen irgendwo anbinden, Knöpfe sortieren, Spielzeugkisten wahllos ausschütten oder andere, immer wiederkehrende Tätigkeiten ohne Variation. Er macht überhaupt gar keine Rollen- oder Fantasiespiele allein, spricht kaum beim Spielen und hat nicht schon während des Spiels die nächste Idee, wie ich es bei anderen Kindern beobachte. Selbst Spielsachen, die ihn eigentlich interessieren, greift er sich nicht von selbst. Sein "Spielverhalten" unterscheidet sich deutlich von dem anderer Kinder und hat schon teilweise autistische Züge. Es fehlt aber völlig das für Autisten typische lange und vertiefte Allein-"Spielen". Auch in der Kita beobachtet er eher oder hängt sich an das Spiel anderer Kinder ran, lässt sich aber von aktiven, kreativen Kindern durchaus begeistern und ahmt dann in dem Moment auch Ideen nach (merkt sie sich allerdings nicht). Trifft er aber mit einem ähnlich passiven, unkreativen Kind zusammen, dann ist es für uns immer eine Qual, dem Treiben zweier Kinder, die nichts mit sich anzufangen wissen, zuzusehen. Wenn er von einer Reise nach Hause oder wir aus dem Urlaub kommen, stürzt er sich nicht als erstes auf seine Spielsachen im Kinderzimmer, sondern scheint sich überhaupt nicht dafür zu interessieren.

Wenn man mit ihm zusammen (und möglichst noch exklusiv, also ohne Störung durch die Kleine) spielt, kann man sehr konzentriert, intensiv und lange spielen, muss aber auch hier immer wieder die Initiative ergreifen und anregen/vorspielen. Stellt man ihm die Kiste mit den Eisenbahnbauteilen hin und fügt die ersten Schienen aneinander, setzt er das nur fort, wenn man selbst auch weiterbaut. Sobald man aufhört, macht er dasselbe. Knetet man mit ihm zusammen die lustigsten Dinge, erhofft man sich, dass er das fortsetzt. Für ihn ist aber sofort die Luft raus, wenn keine Anregung mehr vorhanden ist. Er hilft auch gern bei bestimmten Haushaltstätigkeiten mit, was wir immer unterstützt haben. Er ist dann sehr glücklich, wenn er solch eine ausschließliche Zuwendung bekommt. Allerdings heißt das leider nicht, dass er sich nach einer gemeinsamen Aktivität allein weiter beschäftigt, weil die Erwachsenen etwas anderes zu tun haben. Nein, er ist dann tödlich beleidigt und stoppt das Spiel sofort, wenn man ihm erklärt, dass man sich jetzt Anderem zuwenden muss. Dann jammert er, wälzt sich vor Langeweile auf dem Boden und sagt undankbare Dinge zu uns, die wir uns vorher lange mit ihm beschäftigt haben. Das ist so schade.

Was mir Sorgen macht, ist, dass sein Spielverhalten auf die Kleine abfärbt, die eigentlich andere Anlagen hat. Sie konnte sich schon als Baby besser als er beschäftigen, auch nicht sehr lange, aber sie hat sich wenigstens für Spielzeug interessiert. Sie hat selber Dinge ausprobiert und man konnte auch öfter neben ihr sitzen, während sie vor sich hin gespielt hat, was beim Großen undenkbar war. Wenn sie nicht gerade eine super anhängliche Phase hat, kann man eigene Tätigkeiten erledigen und sie nebenbei versorgen, wie hier beschrieben. Sie bewegt sich auch selbstständig von uns Eltern weg und kann sich eine Zeitlang allein im Kinderzimmer aufhalten, holt sich selber Sachen runter und "erfindet" neue Spielweisen. Als der Große den Tiptoi-Stift mit dem Feuerwehr-Buch bekam, riss sie ihn eine ganze Weile an sich, während sich der Große kaum dafür interessierte. In letzter Zeit allerdings merkt man, wie sie immer anspruchsvoller wird und noch mehr Beschäftigung als ohnehin schon einfordert. Da sie von ihrem Bruder kaum kreative Spielanregungen bekommt, erwartet sie dies von uns Eltern. Ich weiß aber, dass sie das Potential dazu hat, selbstständig (z. B. kleine Rollenspiele) zu spielen und bin immer ziemlich frustriert, dass ihr Bruder dabei so gar keine Anleitung gibt, weil er es eben selbst nicht kann.

Ich habe meine Eltern befragt, wie mein Spielverhalten als Kind war, weil wir uns nicht erklären können, wieso der Große so unkreativ und einfallslos ist. Nach ihren Aussagen war ich schon früh sehr selbstständig und habe mich viel allein beschäftigt, vor allem Bücher angeschaut und mit Tieren, Figuren, Puppen, später Kaufladen etc. gespielt. Meinen jüngeren Bruder, der ein ähnlich unkreativer Spieler war wie mein Großer, habe ich so immer unterhalten und abgelenkt, was meine Eltern entlastete. Ich kann mich aber erinnern, dass mir viele Spielsachen kindisch erschienen. Mein Mann berichtet ebenfalls, dass er immer eine Beschäftigung für sich wusste. Die fehlende Selbstbeschäftigung des Großen finden die Großeltern übrigens auch sehr anstrengend; sie ist einer der Gründe dafür, dass sie ihn nicht mehr als 3-4 Tage zu sich nehmen. Er kann wie gesagt sehr ausdauernd spielen, mit Puzzles, mit Lego, mit Rittern, lässt sich gern Bücher vorlesen und in handwerkliche und Haushalts-Tätigkeiten einbeziehen. Aber alles nur mit exklusiver Zuwendung und Beschäftigung. Dann ist er der dankbarste, willigste und angenehmste Spielpartner (ausgenommen Gesellschafts-/Wettbewerbsspiele). Aber allein geht nicht viel. Und die Kleine kann sich in dieser Hinsicht nichts von ihm abschauen, obwohl sie so wissbegierig ist. Leider schwindet ihre ursprüngliche Selbstständigkeit beim Spielen immer mehr, weil sie sieht, dass der Große fast permanent Aufmerksamkeit erhält. Das ist eine ungute Entwicklung.

Dass unsere Kinder eine enge Beziehung zu uns haben und gern und am liebsten mit uns spielen, ist ja grundsätzlich in Ordnung. Dass die Grundveranlagung zum selbstständigen, kreativen Spielen vorhanden oder nicht vorhanden sein kann, ist nicht änderbar. Dass der Große sich am liebsten mit Erwachsenen beschäftigt, ist auch eine Tatsache. Wenn ein Spielen ohne uns aber gar nicht (wie im Falle des Großen) oder fast nicht mehr (wie bei der Kleinen) möglich ist, dann müssen wir gegensteuern. In unserem eigenen Interesse. Nur ist das nicht so einfach, vor allem für meinen Mann, der die Kinder unter der Woche nur morgens und abends sieht und die wenige Zeit selbstverständlich ihnen widmen möchte. Wir haben uns jetzt erstmal für die Wochenenden kleine bewusste Auszeiten vorgenommen, die wir den Kindern auch so kommunizieren wollen. Heute lief das so, dass in dieser Zeit mehrere Spielzeuge kaputt gemacht wurden, die Kleine die Wohnzimmerwand anmalte und der Große alle paar Minuten zu einem von uns kam und fragte, ob es uns schon reichte. Naja. Neuer Versuch. Übrigens: wenn einer von uns Eltern mit beiden Kindern spielt und der andere Elternteil in der Wohnung ist, wird dieser sofort von demjenigen Kind, das vermeintlich zuwenig Aufmerksamkeit bekommt, gesucht. Laut und konfliktreich geht es sowieso immer ab, da keiner der beiden nachgiebig ist und sie sich permanent um die Ressourcen streiten. Eine schwierige Angelegenheit also.

Habt ihr auch Kinder, die sich schlecht beschäftigen können? Was macht ihr da?