Posts mit dem Label Unterricht werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Unterricht werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Sonntag, 8. Juli 2018

Das erste Schuljahr des Großen

Wo ist die Zeit bloß hin? Vor einem Jahr quälte ich mich mit den Gedanken, Sorgen und Befürchtungen hinsichtlich der Einschulung meines Großen und fühlte mich wie das berühmte Kaninchen vor der Schlange. Dann kamen das Zuckertütenfest, sein letzter Kitatag, 4 Wochen Sommerferien für ihn und schließlich der Start im Ferienhort. Nach nur 4 Tagen erlitt er auf dem Schulhof, den er gerade erst kennengelernt hatte, einen Nasenbeinbruch, und schon eine Woche später fand seine Einschulung statt. Es war also eine sehr aufregende Zeit, in jeder Hinsicht, und so war ich trotz aller Ängste und Vorbehalte froh und erleichtert, als er endlich eingeschult und die für mich große Hürde erstmal überwunden war. Und nun hat er sein erstes Schuljahr schon geschafft und am Mittwoch sein erstes Zeugnis bekommen!

Er gewöhnte sich erstaunlicherweise sehr schnell ans System Schule und fand sich gut zurecht. Dass er vor Schulstart schon im Ferienhort war, erwies sich dabei als sehr hilfreich. Auch die Größe der Schule und der Lärmpegel schienen ihm nicht soviel auszumachen wie befürchtet. Anfangs bewegten sich die Erstklässler auch noch in einem geschützten Umfeld und wurden von der Horterzieherin liebevoll begleitet. In der ersten Schulwoche wurden die Kinder langsam daran gewöhnt, dass sie allein hoch in den Klassenraum gehen, denn die Eltern sollten dies explizit nicht übernehmen. Auch dies meisterte er gut. Seinen stark befahrenen Schulweg geht er morgens noch nicht allein, er wird die erste Hälfte der Strecke begleitet, bis wir zur Kita der Kleinen abbiegen. Oft trifft er dann Freunde und geht die restliche Strecke bis zur Schule mit ihnen zusammen.

Der straff durchstrukturierte Schulalltag liegt ihm sehr und kommt seiner Persönlichkeit, die viel äußere Struktur und einen festen vorhersehbaren Rhythmus braucht, entgegen. Alle an ihn gestellten Anforderungen konnte er erfüllen, ohne sich verbiegen oder besonders anstrengen zu müssen. Er ist kein Überflieger und es fehlt ihm oft an intrinsischer Motivation, sich selbst etwas beizubringen, aber er macht das, was verlangt wird, mit Freude und Leichtigkeit, ja, er ist dankbar darüber, wenn jemand ihm sagt, was er zu tun hat. Besonders freue ich mich darüber, dass er in seiner Klasse sehr beliebt ist und von seiner Lehrerin und Horterzieherin in seinem Wesen gesehen und wertgeschätzt wurde. Es ist sehr wichtig für seine Lernbereitschaft und Schulfreude, dass er sich wohlfühlt und in seinem vertrauten Umfeld ist.

Die Hausaufgaben erledigt er glücklicherweise täglich im Nachmittagshort, was mich sehr entlastet, weil ich Sorgen hatte, wie ich ihn dazu nach der Schule und mit der Kleinen an Bein motivieren sollte. Es macht bei ihm einen großen Unterschied, ob die Eltern oder Außenstehende etwas von ihm wollen. Zu den kleinen Leseübungen zuhause, die eigentlich nicht mehr als 5 Minuten kosten, kann ich ihn leider nur schwer überreden. Er windet sich und diskutiert herum, dabei wäre das so schnell erledigt. Er übt nicht selbstständig und hat auch nicht den Drang, noch mehr zu lernen als das, was gefordert ist, ja, er ist sogar oft genervt, wenn wir ihm etwas Neues beibringen wollen. Insofern bin ich dankbar, dass der Großteil der Arbeit noch in der Schule erledigt wird.

Das führte auch dazu, dass wir unsere Unternehmungen am Nachmittag weitestgehend beibehalten konnten, was ich vorher nicht für möglich gehalten hätte. Sicherlich braucht es mehr Zeit, die Kinder an zwei Stellen einzusammeln und unser Zeitfenster bis zum Abendbrot ist etwas kleiner als früher, aber im Großen und Ganzen können wir ins Cafè und auf den Spielplatz gehen oder Freunde treffen, so dass noch für Bewegung und frische Luft am Nachmittag gesorgt ist. Das ist schön und sehr wichtig! Im Winterhalbjahr habe ich deutlich gemerkt, dass der Große körperlich nicht ausgelastet war. 3 x 45 Minuten Sportunterricht pro Woche reichen für einen 7-jährigen Jungen eben nicht aus, zumal er aus der Kita sehr viel Draußensein gewohnt war. Deshalb bin ich sehr froh, dass wir nachmittags noch Zeit haben. Wir haben ihn auch bewusst für keinen einzigen Nachmittagskurs angemeldet, da er erstmal die ganzen Eindrücke und Veränderungen verarbeiten und mit seinem neuen Schulalltag zurechtkommen sollte.

Er hat schnell Freunde gefunden und ist integriert in den Kreisen seiner Altersgenossen. Da seine Klasse jahrgangsübergreifend ist, hat er auch Kontakt zu den Zweitklässlern bekommen. Insgesamt ist er in diesem Jahr unglaublich offen und selbstbewusst geworden, es ist der Wahnsinn, wie schnell er jetzt auch mit fremden Kindern eine Beziehung aufbaut und wie angesehen er ist. Lange Zeit mussten sämtliche Kontaktaufnahmen über uns Eltern laufen, jetzt findet er auch im Urlaub und auf dem Spielplatz meist schnell Spielgefährten. Besonders rührend ist, wie er in der Kita empfangen wird, wenn wir die Kleine abholen kommen: er wird sofort ins Fußballspiel integriert und kaum wieder hergegeben.

Dass er jetzt schreiben kann und wie er diese neue Fähigkeit nutzt, darüber habe ich in meinem Text Kleine Botschaften geschrieben. Wahnsinnig faszinierend und bewegend für mich! Rechnen konnte er schon vorher ganz gut, lesen kann er mittlerweile langsam, aber recht sicher, macht das aber nur ungern. Laut seiner Aussage ist er der erst- oder zweitbeste Erstklässler seiner Klasse. Als Zeugnis erhielt er eine 4-seitige Einschätzung ohne Noten, aber mit Kreuzen bei "besonders aufgeprägt, "gut ausgeprägt" etc., sortiert nach Bereichen und Fähigkeiten. Leider gab es keine Beurteilung in Textform, es hätte mich interessiert, wie seine Lehrerin über ihn schreibt. Unser einmaliges Elterngespräch mit ihr verlief seinerzeit sehr positiv und wertschätzend.

Ich und die Schule
 
Und wie bin ich selbst im System Schule und im Alltag einer Schulkindmutter angekommen? Ich muss sagen, das Schreckgespenst Schule hat mittlerweile seinen Schrecken verloren und ich habe meinen Frieden damit geschlossen, dass nun meine Kinder eines nach dem anderen in diesem Kreislauf drin sein werden. Mit einigen Dingen hadere ich immer noch, z.B. mit dem Thema des frühen Förderunterrichts, das uns zum Glück nicht betraf, aber andere Erstklässler durchaus beeinträchtigte und demotivierte. Ich hadere mit dem späten Mittagessen und dem Essensangebot, ich war teilweise echt entsetzt, wie selten und kurz im Winter rausgegangen wurde, und die relativ kurzfristig angesetzten Schließtage wegen Weiterbildung stellen berufstätige Eltern auch immer wieder vor Herausforderungen. Ansonsten fühle ich mich mittlerweile heimisch in der Schulumgebung und auch im Schulalltag.

Ich bin froh, dass wir uns für die wohnortnahe Einzugsgrundschule entschieden haben. Es ist nicht nur eine logistische Erleichterung mit zwei Kindern in unterschiedlichen Einrichtungen, sondern auch für die Kinder sehr wichtig, ihre vertrauten Wege zu gehen, sich in der Umgebung auszukennen und überall bekannte Kinder zu treffen. Bauchschmerzen bereitet mir lediglich die verkehrsreiche Straße, die er noch nicht allein überqueren soll, und schade finde ich, dass sich trotz guter neuer Freundschaften bisher kein neues soziales Netz gefunden hat, mit einem regelmäßigen Kindertausch, so wie es vor dem Wegzug seines besten Freundes der Fall war.

Obwohl er sein erstes Schuljahr toll gemeistert hat und wirklich nicht besser hätte sein können, fehlt mir bei meinem Großen oft die intrinsische Motivation und der Ehrgeiz, der über das Geforderte hinausgeht. Er ist perfektionistisch und will alles gut hinkriegen, was Außenstehende von ihm erwarten, aber es kommt nicht aus ihm selbst heraus. Mir fehlt, dass er sich selbst mal mit dem tollen Grundschullexikon beschäftigt oder sich selbst neue Dinge beibringt. Mir fehlt, dass er freudig erzählt, was er gelernt hat. Mir fehlt, dass er seine Brotdose und Trinkflasche mal ohne zu Meckern rausholt. Mir fehlt, dass er nicht so schnell das Handtuch wirft, wenn etwas nicht gleich klappt. Aber vielleicht erwarte ich da auch im Moment zuviel. In Anbetracht seiner unglaublichen persönlichen Entwicklung in diesem Schuljahr und wenn man bedenkt, welche Ängste und Sorgen ich hinsichtlich seines Schulstarts hatte, bin ich mehr als zufrieden, um nicht zu sagen total glücklich damit, wie alles gelaufen ist.

Er ist in der Schule angekommen - ich bin in der Schule angekommen. Das erste Schuljahr ist geschafft, es ist sehr schnell vergangen, viel schneller als die Kitajahre. Er hat viel neues gelernt, nicht nur in schulischer, sondern auch in sozialer und emotionaler Hinsicht. Er hat sich in einer neuen Umgebung und komplett anderen Struktur zurechtgefunden und diese Veränderungen großartig gemeistert. Er ist in jeder Hinsicht gewachsen und sehr viel offener und aufgeschlossener geworden. Insgesamt ist das Schuljahr für uns alle deutlich positiver verlaufen als erwartet und darüber sind wir alle froh.

Doch nun stehen erstmal 6 Wochen Sommerferien an, von denen der Große 4 Wochen auch tatsächlich frei hat. Er besucht die Großeltern, dann fahren wir in den Urlaub und danach haben wir ihn in einem Fußballcamp angemeldet, was er gern wollte. Die letzten beiden Wochen geht er in den Ferienhort, und dann wird er schon ein Zweitklässler sein. Unfassbar!

Samstag, 23. September 2017

Die ersten beiden Schulwochen des Großen

Der Große hat nun schon die ersten beiden Schulwochen hinter sich und es lief erstaunlich und bemerkenswert gut. Ich hatte ja mit abendlichem Motzen und Durchdrehen oder mit völliger Apathie gerechnet, aber nichts davon trat ein. Beim Abholen wirkte er ausgeglichen und zufrieden, bewegte sich selbstsicher durch den Klassenraum, kommunizierte auch in meiner Gegenwart mit seiner Horterzieherin und zeigte mir manchmal, was die Kinder schon im Unterricht gemacht hatten. Er kennt die Abläufe und Wege, hat sich halbwegs an das Gewimmel der vielen vielen Schüler gewöhnt und zeigt kaum noch Scheu in der neuen Umgebung.

Zwar war er schon 2 Wochen vor der Einschulung im Ferienhort, damit er sich ein wenig eingewöhnen konnte, aber der Schulalltag ist natürlich doch nochmal ein ganz anderer. Seine Lehrerin ist neu, der Rhythmus ist anders, die Klasse ist nun vollständig, d.h. er hat viele neue Kinder kennengelernt, und wahnsinnig viele neue Anforderungen stürmen auf ihn ein. Ich kann mich leider nicht mehr an meine Einschulung erinnern, aber aus meiner Erwachsenenperspektive heraus stelle ich mir das als eine riesengroße Umstellung vor. Insofern hat er die ersten Tage erstaunlich gut gemeistert und wirkte nicht mal besonders erschöpft oder müde. Das war schön zu sehen.

Er ist auch schon genauso lange in der Schule wie seinerzeit in der Kita (7 1/2 Stunden). Der Unterricht startet um 8 Uhr, bis 13:30 Uhr geht die verlässliche Halbtagsgrundschule (VHG) und wir haben die anschließende Hortbetreuung bis 16 Uhr gebucht. Ab Tag 1 durften wir ihn nicht in den Klassenraum bringen, sondern seine Lehrerin wartete mit den Zweitklässlern vor der Schule und ging dann mit der ganzen Klasse nach oben. Ab Tag 4 standen nur noch die Zweitklässler unten und warteten auf die Schulanfänger, und bald sollen sie ganz allein den Weg nach oben gehen. Das war ein Aspekt, der mir vorher Bauchschmerzen bereitete, aber der Große macht das gut mit. Im Moment machen wir (bzw. der Papa, der ihn meist morgens zur Schule bringt) es noch so, dass wir auf einen Klassenkameraden warten, mit dem zusammen er hochgehen kann.

Am Nachmittag hole ich ihn meist als erstes ab und laufe dann mit ihm zur Kita, um die Kleine abzuholen. Auf diese tägliche kurze Exklusivzeit hatte ich mich total gefreut, weil ich es oft schwierig fand, mich nach der Kita auf die Bedürfnisse zweier Kinder zu konzentrieren. Nun laufen wir den kurzen Weg zusammen und es ist richtig schön, auch wenn er weniger aus sich heraussprudelt, als ich gehofft hatte. Vieles, was er erlebt hat oder was ihn beschäftigt, kommt tatsächlich erst abends zuhause zum Vorschein. Leider brauchen wir durch die Größe der Schule, notwendige Gespräche und das Einpacken seiner Sachen doch deutlich länger bis zur Kita, als ich gedacht hatte, obwohl ich den Großen aktuell noch etwas eher abhole. Das gefällt mir noch nicht, aber ich hoffe, dass das durch die zunehmende Routine besser wird.

Das Lernen erfolgt sehr spielerisch, die ersten Tage waren sowieso "Eingewöhnungstage", wo die Regeln (Toilette!) erklärt wurden und alle sich aneinander gewöhnten. Der Unterricht ist aufgelockert und abwechslungsreich. Vom Sportunterricht war er wegen seines Nasenbeinbruchs noch befreit, aber das war im Grunde auch ganz gut, denn so konnte er erstmal von der Bank zuschauen, wie das überhaupt abläuft. Ansonsten fließen die einzelnen Fächer ineinander und die Lehrerin entscheidet, ob sie nun gerade Schreiben oder Rechnen lehrt oder etwas ganz anderes macht. Für die Kinder ist das manchmal schwer nachvollziehbar, welcher Unterricht gerade stattfindet. So verneinte der Große beispielsweise auf meine Nachfrage, ob er am Lebenskunde-Unterricht teilgenommen habe. Es stellte sich aber heraus, dass er durchaus dabei war, nur eben die ganze Stunde gespielt wurde.

Die Hausaufgaben, ein weiteres meiner Bauchschmerzthemen, macht er bis jetzt nachmittags im Hort und schafft auch das, was vorgegeben ist. Zuhause mussten wir uns zum Glück noch nicht daran setzen. Ich hoffe, das bleibt so. Nachmittags konnten wir bisher unsere gewohnten Ziele wie Cafè und Spielplatz ansteuern, auch wenn ihm der Schulranzen am Nachmittag schnell zu schwer wird. Da die Kinder an einem Schultag doch deutlich weniger Zeit an der frischen Luft und in Bewegung verbringen als im Kitaalltag, finde ich es wichtig, nachmittags noch draußen unterwegs zu sein. Oft hole ich den Großen aus dem Klassenraum ab, frage ihn, ob er denn draußen war und er sagt, in der Hofpause. Ich hoffe, dass es nicht nur in der Hofpause war.


Besonders rührend ist es für mich, zu sehen, wie er jedesmal in der Kita begrüßt wird, wenn wir die Kleine abholen. Einige der jüngeren Kinder rennen zu ihm, umarmen ihn, begutachten seinen Ranzen und fragen ihn über die Schule aus. Das ist echt süß und ich kann mich nicht erinnern, dass sich der Große für die Einschulungskinder ein Jahr vor ihm interessiert hat, wenn diese ihre kleinen Geschwister abholten. Auch die Erzieher befragen ihn zu seinem Schulalltag. Das muss ein komisches Gefühl für ihn sein, täglich in das jahrelang vertraute Umfeld zu kommen, aber nun aus seiner neuen Welt der Schule heraus.

Insgesamt bin ich nicht nur sehr glücklich, sondern wirklich überrascht über diesen reibungslosen Start. Er wirkt schon total angekommen und zufrieden, überhaupt nicht verwirrt, überfordert oder haltlos. Was mich sehr erstaunt, ist die bisher fehlende Erschöpfung und Müdigkeit, hatte ich doch von allen Seiten gehört, dass die Kinder in den ersten Wochen völlig erledigt abends ins Bett fallen. Das ist bei ihm bisher nicht der Fall, kann aber natürlich noch kommen. Die 4 Wochen Ferien zwischen Kitaende und Ferienhortbeginn haben ihm sicherlich Kraft und Erholung gegeben, von der er noch zehren kann. Er wirkt sehr ausgeglichen, es gibt kaum Stimmungsschwankungen, er ist nicht aggressiv, verschlossen oder apathisch. Schön!

Ich erinnere mich nur zu gut an die Folgen seines Wechsels in den großen Elementarbereich der Kita, mit dem er eine Zeitlang arg zu kämpfen hatte - und wir mit ihm. Das ist kein Vergleich jetzt, im Gegenteil, man merkt ihm fast gar nichts an. Vielleicht geht es ihm ähnlich wie mir, dass er mit der konkreten Situation besser umgehen kann als mit der Ungewissheit vorher. In jedem Fall ist es toll, dass er soviel Stabilität und Reife gewonnen hat, um sich von solch einer großen Veränderung nicht aus der Bahn werfen zu lassen. Hoffentlich geht es so weiter. Bisher sind wir insgesamt zufrieden und positiv überrascht. Und der Große meistert das ganz toll!

Freitag, 2. September 2016

Erinnerungen an mein Jahr als Au Pair in London

Ich kann es kaum glauben, aber meine Kleine ist jetzt mit 3 1/4 Jahren so alt wie das Mädchen, das ich als Au Pair vor 22 Jahren betreute. Sie sieht fast genauso aus wie sie. Und ich selbst bin schon deutlich älter als meine damaligen Au Pair-Gasteltern. Unfassbar! Das und die aktuellen Erfahrungsberichte in der Elternbloggerszene (Links siehe unten) nehme ich mal zum Anlass, um euch ein wenig über mein Au Pair-Jahr zu erzählen. Es war aufregend, bereichernd, emotional anstrengend und in jedem Fall eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte und die mich erwachsen gemacht hat.

Ich betreute nach dem Abitur (1993/94) zwei Kinder im Alter von 6 (Junge) und 3 Jahren (Mädchen) und lebte 10 Monate in einer lieben Familie in London, die mich über eine Agentur gefunden hatte. Ich muss ehrlich sagen, dass ich kaum Erfahrung mit kleinen Kindern hatte. Weder babysittete ich noch hatten wir Kleinkinder in der Familie. Ich half ab und zu bei der Kinderbetreuung unserer Kirchengemeinde, hatte im Schulhort gearbeitet und mal Nachhilfe in der Schule gegeben. Das war's. Ich wollte einfach nach der Schule ins Ausland, aber nicht völlig auf mich allein gestellt sein, und da bot sich das Konzept des Au Pair-Mädchens an. Das ist meiner Meinung nach eines der grundlegenden potentiellen Missverständnisse zwischen Au Pair-unerfahrenen Familien und Au Pairs. Die Familien wollen Hilfe, Entlastung und ein erfahrenes und engagiertes Kindermädchen, die Au Pairs dagegen Auslandserfahrung sammeln im Rahmen eines sicheren Umfelds. So war es bei mir auch.

Mein Glück war, dass meine Familie die Tätigkeiten ihres Au Pairs eher im haushalterischen als im Babysitter-Bereich erwartete. Im Haushalt kann man schließlich nicht soviel falsch machen wie mit Kindern, die man nicht kennt, und die Arbeiten sind auch geregelter und besser abgrenzbar. Ein weiterer Vorteil war, dass meine Au Pair-Mutter keiner angestellten Tätigkeit nachging (sie machte eine Weiterbildung und gab Coaching-Sitzungen) und somit weniger gestresst war als eine Mutter, die täglich von 8-15 Uhr im Büro sitzt und danach Kinder und Haushalt wuppen muss. So hatte sie selbst nicht nur Zeit zum Einkaufen und Erledigen von Besorgungen, sondern auch Tagfreizeit, was man deutlich an ihrer Entspanntheit mit den Kindern merkte. Gleichzeitig hatte sie aber durch die Weiterbildung auch intellektuelle Herausforderungen und war somit nicht unzufrieden wie vielleicht reine Stay-at-home-Moms. Ihre Ausgeglichenheit merkte ich schon damals und sehe rückwirkend aus meiner jetzigen Perspektive als Working Mom, wie zufrieden sie mit dieser Aufteilung gewesen sein muss. Der Vater arbeitete Vollzeit als praktizierender und lehrender Arzt, die Kleine ging in den Kindergarten und der Große in die Schule. Die Mutter war übrigens selbst Au Pair in Paris gewesen, kannte somit auch die andere Seite der Medaille und wollte ihren Kindern die Offenheit gegenüber anderen Kulturen mitgeben.

Das war unser Haus in London

Ich hatte einen festen, schriftlich fixierten Wochenplan an Haushaltstätigkeiten zu erfüllen, der die Vormittage ausfüllte, die ich sonst ja untätig zuhause gesessen hätte. Das fand ich gut und hat mich auch nicht gestresst. Nachmittags hatte ich meist frei. Außerdem hatte ich einen Abend pro Woche (meist Samstags) zu babysitten und zwei Morgende pro Woche früh mit den Kindern aufzustehen und sie fertigzumachen. Ansonsten ging ich erst runter, wenn alle das Haus verlassen hatten. Das war sehr komfortabel. Aus meiner heutigen eigenen Kindererfahrung heraus kann ich sagen, dass der Morgen umso stressfreier abläuft, je weniger Personen herumwuseln. Insofern hatte das schon seinen Sinn. Freitags musste ich die Kleine mittags aus ihrem Kindergarten abholen, was ein längerer Fußmarsch hin und zurück, aber eine willkommene Abwechslung war, und sie nachmittags allein betreuen, bis der Rest der Familie eintrudelte. Freitags hatte ich somit den ganzen Tag zu arbeiten, während ich dienstags und samstags viel Tagfreizeit sowie sonntags komplett frei hatte. Der 6-Jährige wurde immer von der Mutter zur Schule gebracht und nach Hause geholt, der Schulweg betrug 2 Minuten. Nach meiner vormittäglichen Tätigkeit im Haushalt hatte ich von Mittag bis gegen 17 Uhr Freizeit. Dann gab es Abendessen (ohne den Vater) und ich räumte in der Küche auf, während die Mutter die Kinder bettfertig machte. Auch hier wieder die klare Trennung Au Pair = Haushalt und Mutter = Kinder. Klar half ich auch mal beim Baden und spielte mit den Kindern, aber die Aufteilung war erstmal festgelegt. Ab 19:30 Uhr hatte ich frei, die Kinder wurden bis auf wenige Ausnahmen von den Eltern ins Bett gebracht, auch wenn ich babysittete.

Für mich war das optimal, denn ich war anfangs sehr unsicher, mit den Kindern und überhaupt. Erstens ist es sprachlich schwer, selbst wenn man die Sprache gelernt hat. Viele Alltagsbegriffe kennt man einfach nicht und man kann sich gar nicht alles merken, was man fragen oder später nachschlagen müsste. Zweitens versteht man so kleine Kinder sowieso noch schwer, da sie undeutlich oder grammatikalisch fehlerhaft sprechen. Drittens muss man sich in der fremden Umgebung einleben, die Rituale und Bräuche der Familie kennenlernen und verinnerlichen und tritt in einige Fettnäpfchen. Zum Beispiel setzte ich mich anfangs abends immer ins Wohnzimmer, weil ich es von zuhause so gewohnt war, ohne zu bedenken, dass die Gasteltern auch mal ihre Ruhe haben wollten. Das wäre für mich heute ein No Go, wenn jemand abends auf meiner Couch sitzen würde, und ich habe das nach einer Woche sein lassen. Man muss sich Unmengen an Namen, Informationen und Besonderheiten merken und lernen, wie, was und wann die Familie gemacht haben möchte.

Daneben möchte man noch für sich selbst ein soziales Leben aufbauen, sprich möglichst einen Sprachkurs besuchen und dort vielleicht andere Au Pairs kennenlernen, die Stadt durchstreifen und Freizeitmöglichkeiten auftun. Es ist gerade in den ersten Wochen sehr viel Neues, und einige Au Pairs schaffen es nicht über die Anfangszeit hinweg. Oder die Chemie passt nicht oder die Vorstellungen sind zu unterschiedlich. Da gibt es tausend Gründe und es ist auch nicht schlimm, sich einvernehmlich zu trennen. Schlimm finde ich nur, wenn es Ausnutzung auf einer Seite gibt, also z.B. ein Au Pair sich nur ausruhen will und um nichts kümmert oder die Familie das Au Pair ausnutzt, indem es 100% eingesetzt wird, was ganz klar keine Grundlage für das Au Pair-Leben ist, weil es auch die Möglichkeit haben soll, Sprache und Land kennenzulernen. Letzteres hat meine damalige beste Freundin in London erlebt und die Familie von sich aus gewechselt.

Insofern hatte ich Glück, dass ich meine fehlende Kindererfahrung ausgleichen konnte durch gewissenhafte und ordentliche Haushaltsarbeiten. Ich hielt das ganze Haus in Schuss, es gab keine separate Putzfrau. Das war aber völlig okay, denn ich hatte ja viel Zeit. Bis zum Nachmittag war die Familie außer Haus (bis auf die Mutter). Nachmittags war ich dann da und half ihr beim Abendbrot. Jetzt als Mutter kann ich mir gut vorstellen, wie sehr es entstresst, wenn man weiß, es räumt jemand die Küche und Kinderzimmer auf, kehrt und wischt, und ich könnte mich entspannt an die Badewanne der Kinder setzen. Bei ihr hat man kaum Gereiztheit oder Anspannung gemerkt, sie war sehr geduldig und liebevoll mit den Kindern. Ich glaube, es war ihr auch lieber, dass sie die Arbeit mit den Kindern selbst macht, weil sie einen (aus meiner heutigen Sicht) sehr bedürfnisorientierten Weg mit ihren Kindern ging und wenig Interesse daran hatte, dass eine unbedarfte jugendliche Fremde (Au Pair) da ungewollte Ansichten oder Praktiken hineinbrachte. Die Erziehungsarbeit leistete sie fast allein und das auch gern. Sie mochte es auch eher weniger, wenn der Familienvater seine Erziehungsansichten ins Spiel brachte. Insofern machte es Sinn, dass das Au Pair meist nur zusammen mit ihr und den Kindern agierte, selten allein. Denn sie wusste ja nie, was kommt da für ein Mensch, was hat sie für Voraussetzungen, Erfahrungen, Anschauungen. Ich musste die Kinder nicht ins Bett bringen, ich musste sie nicht zu Kindergeburtstagen begleiten, ich musste keine Hausaufgaben machen und sie bis auf 2-mal nicht von Freunden abholen. Das machte alles die Gastmutter, die ja auch die zeitlichen Möglichkeiten dazu hatte. Das sieht in einer Familie mit einer regulär arbeitenden Mutter sicherlich anders aus.

Ich glaube, sie wollte nicht, dass ihre Kinder mit dem Au Pair mehr Zeit verbringen als mit ihr und mehr von fremden Menschen geprägt und erzogen werden als von den eigenen Eltern. Sie hat sich eindeutig immer in der Verantwortung gesehen und mich behutsam einbezogen, mich aber nie mit der Verantwortung allein gelassen. Ganz zum Schluss verbrachte ich mal einen ganzen Tag allein mit den Kindern und machte mit ihnen einen Ausflug. Das war aber erst, nachdem ich schon knapp 10 Monate da war. Auf diesem eigentlich schönen Ausflug ärgerten mich die Kinder auf der Rückfahrt so sehr, dass ich mit dem Wegfall des Abendbrots drohte. Natürlich völliger Blödsinn, aber was hatte ich denn für Erfahrungen und auch für Möglichkeiten an Konsequenzen? Fast keine. Selbstverständlich machte ich ihnen Abendbrot, aber der Junge erzählte das dem Papa, als dieser kam. Das war mir sehr unangenehm, ich wusste mir aber auch nicht anders zu helfen und ich glaube, der Papa war sich auch unsicher, wie er mit der Situation umgehen sollte (also meine Autorität nicht zu untergraben und andererseits loyal zu seinen Kindern zu sein). Meine Gastmutter war da zwei Tage verreist, die sonst in solchen Situationen wunderbar vermittelte.

Sie hat mich auch nie gebeten, mich um die Kleine zu kümmern, während sie Hausaufgaben mit dem Großen machte. War ich nachmittags zuhause, konnte sich schon manchmal meine Freizeit mit der Kinderspielzeit vermischen. Meist war ich aber unterwegs, entweder in der Sprachschule, in der Bibliothek, im Park, bummeln, traf mich mit einer Freundin oder machte einen kleinen Ausflug. Mir war es sehr wichtig, nicht zu sehr fixiert auf die Gastfamilie zu sein. Da die Familie schon Au Pair-Erfahrung hatte, denke ich auch, dass sie gut wussten, was genau sie brauchten und was nicht. Die konkrete Anleitungs- und Aufgabenliste war sehr hilfreich und wichtig und alles andere musste sich einspielen. Ich erledigte meine Arbeiten immer zuverlässig, kam pünktlich zurück, war selten krank und machte keine Probleme. Ich diskutierte nicht, sondern respektierte die Gasteltern und die Familienorganisation.Wenn ich Freizeit hatte, dann nutzte ich diese aber auch meist für mich, anstatt mich noch mehr ins Familienleben einzuklinken. Das handhabt sicherlich jedes Au Pair unterschiedlich, meine Vorgängerin (ein Sommer-Au-Pair) war da anders und verbrachte auch oft die Wochenenden mit der Familie. Sie war aber auch nur 6 Wochen da. Ich wollte das nicht und dachte, dass es auch für die Familie schön ist, unter sich zu sein.

Die ersten Wochen waren schon irgendwie schwierig und merkwürdig. Die Kinder mussten sich an mich gewöhnen, was dem Jungen schwerer fiel als der Kleinen. Ich war ein eher zurückhaltender Mensch und hatte, wie gesagt, kaum Erfahrung. Der Junge akzeptierte mich erst, als ich anfing, mich für seine Lego-Bauwerke zu interessieren. Mit ihm hatte ich ja auch kaum Zeit allein. Mit der Kleinen wuchs ich schneller zusammen, obwohl ihr Charakter mich mehr herausforderte; wir verbrachten ja auch jede Woche den Freitagnachmittag miteinander. Mit dem Haushalt kam ich ganz gut klar, einige Dinge sagte mir die Gastmutter, wenn sie etwas anders haben wollte, ansonsten schien sie damit zufrieden zu sein oder meinte sogar, ich mache zuviel (jeden Abend die Küche wischen). Freitagabends gab es meist eine gemeinsame Familienmahlzeit, oft mit Verwandten oder Freunden. Daran nahm ich auch teil, das war ungewohnt, aber schön. Besonders freute ich mich, wenn der deutsche Schwager mit zu Gast war. Das war ein Stück Heimat. Auf Reisen oder in Urlaube fuhr ich nicht mit, ich hatte dann frei und fuhr meist selbst weg. An den Wochenenden hätte ich sicherlich einige Unternehmungen mitmachen können, aber ich wollte lieber selbst die Stadt entdecken und machte auch oft Bustouren oder besuchte Museen und  Ausstellungen.


Richtig angekommen war ich wohl erst, nachdem ich zu Weihnachten nach Hause geflogen war und im neuen Jahr wiederkam. Ich merkte, wie wohl ich mich fühlte, dass ich nun sicherer war und noch viel erleben wollte. Ich war sprachlich weiter und konnte auf die Kinder besser reagieren. Aber es dauerte eben seine Zeit. Zum Glück fand ich relativ schnell ein paar Kontakte, durch die Sprachschule lernte ich meine dortige beste Freundin und andere Au Pairs kennen, in einem Museum einen jungen Engländer, bei dem ich ein Mal übernachtete, ohne mich bei meiner Au Pair-Familie abgemeldet zu haben (ein No Go aus heutiger Sicht, sie müssen vor Angst gestorben sein, immerhin hatten sie die Verantwortung für mich), und durch einen Wechsel der Sprachschule nochmal ganz andere Leute aus verschiedenen Nationen, die oft regulär arbeiteten oder studierten. So war ich nicht ganz so sehr auf die Familie fixiert.

Ich hatte ein winzig kleines, spartanisches Zimmer von ca. 9qm, mit einer Ausziehcouch, einem Schrank, einem TV und einem ausklappbaren Schreibtisch. Daran musste ich mich wirklich erst gewöhnen, habe es mir aber mit der Zeit gemütlich gemacht. Die Platzverhältnisse des Hauses gaben auch nichts anderes her. Meine Arbeitszeit betrug ca. 30 Stunden pro Woche, fühlte sich aber für mich nicht so viel an. Ich bekam damals ein Taschengeld von 35 Pfund pro Woche, das waren ca. 90 DM, also ca. 360 DM im Monat. Klingt viel, wenn man bedenkt, dass ich voll verpflegt wurde und theoretisch kaum Ausgaben haben sollte. Allerdings waren die Londoner Preise für Fahrscheine, Eintritte usw. schon damals enorm hoch, so dass für mich, die ich am Wochenende immer unterwegs war, nicht nur nichts vom Taschengeld übrig blieb, sondern ich für das ganze Jahr noch einen größeren Betrag von meinem Ersparten zubuttern musste. Die Aussage "Ohne finanzielle Unterstützung der [eigenen] Eltern lässt sich ein Au Pair-Aufenthalt in den meisten Fällen nicht verwirklichen" hielt ich vorher für übertrieben, aber sie bewahrheitete sich. Die Sprachkurse, Lehrmaterialien und Prüfungsgebühren mussten selbst bezahlt werden, den freiwilligen Heimflug über Weihnachten bezahlte ich selbst und natürlich kaufte ich mir auch CDs, Klamotten, Bücher etc. Von der Gastfamilie wurden die Versicherungen, die Vermittlungsgebühr an die Agentur und der Hin- und Rückflug übernommen, Fahrtkosten, Sprachkurse etc. nicht. Zu Weihnachten bekam ich ein kleines Radio geschenkt, da ich oft das Radio aus der Küche stibitzt hatte. Ich kaufte mir auch ab und zu Lebensmittel, auf die ich Appetit hatte und die es in meiner Gastfamilie nicht gab. Ich liebte es, bei Tesco einkaufen zu gehen!

Über einen Urlaubsanspruch wurde nie gesprochen, ich wusste darüber nichts. Über Weihnachten war ich 2 Wochen auf Heimaturlaub, im Frühjahr war die Gastfamilie 3 Wochen verreist und ein paar freie Wochenenden kamen dazu, also hatte ich insgesamt ca. 6 Wochen frei. Ich weiß nicht mehr, ob ich für diese Zeiten das Taschengeld weitergezahlt bekam. Als ich mal eine Woche richtig schlimm krank war und nichts machen konnte, erhielt ich trotzdem mein Taschengeld. Das überraschte mich sehr, obwohl es eigentlich selbstverständlich ist. Aber ich hatte ein schlechtes Gewissen. In den 3 Wochen Abwesenheit im Frühjahr durfte ich Besuch in unser Haus einladen. Erst kam eine Freundin und danach meine Familie, jeweils für 10 Tage. Das war schon sehr großzügig. Ebenso durfte ich zweimal nach meiner Rückkehr (1995 und 1998) jeweils im Sommer mit meinem damaligen Freund Urlaub im Haus machen. Auch dies fand ich sehr nett und nicht selbstverständlich.

Ab und zu schickten sie noch Fotos und im Jahr 2010 traf ich mich mit den Gasteltern, als sie Berlin besuchten. Das war merkwürdig-schön. Bei diesem Treffen merkte ich auch wieder, welches Glück ich mit ihnen gehabt hatte. Und ich glaube, insgesamt waren sie auch mit mir zufrieden, obwohl ich nicht die große Kinderbespaßungsmaschine gewesen war (und auch als Mama jetzt nicht bin). Wenn sie allerdings naiver, unerfahrener oder unstrukturierter an das Thema Au Pair herangegangen wären, so hätte das vielleicht anders ausgesehen und sie hätten von mir mehr Entlastung in Bezug auf die Kinder erwartet. Arbeit mit den Kindern habe ich ihnen kaum abgenommen, sondern eher das Drumherum, also Haushalt, Babysitten, morgens zweimal ausschlafen können etc. Und stand eben immer für den Notfall zur Verfügung. Genauso war es halt von der Familie auch geplant und gewünscht gewesen.

Die Situation war komfortabel für alle, weil die Gastmutter nicht angestellt arbeitete. Kranke Kinder betreute sie selbst, die Familienorganisation machte sie fast allein und hielt ihrem Mann den Rücken frei, ohne aber die zweite Geige zu spielen. Sie bildete sich weiter, baute ihre selbstständige Tätigkeit aus, war kulturell sehr aktiv und managte das Sozialleben ihrer Kinder. Wenn es Terminverschiebungen gab, war ich jederzeit bereit, an einem anderen Abend zu babysitten oder auch mehrmals pro Woche. Dafür hatte ich ein andermal frei und gleichzeitig wurden mir auch meine Termine ermöglicht (z. B. Prüfungstermine). Das ging problemlos und wurde nie aufgerechnet. Sie wussten, dass ich bereitwillig zur Verfügung stehe, nicht über die Stränge schlage, sorgfältig und verantwortungsbewusst bin. Sie wussten aber auch, dass ich erst 19 und ein Mädchen, das zum ersten Mal von zuhause weg ist, bin. Es gab damals ja weder Smartphones noch Skype noch Emails. Es gab Briefe und sehr teure Festnetz-Telefonate. Man war wirklich allein, und manchmal war man natürlich auch einsam und traurig. Man hatte nicht immer gute Laune oder Lust auf die Arbeit oder die Kinder. Das geht uns Müttern ja nicht anders. Ein Au Pair hat allerdings eine etwas schwammige Position zwischen Familienmitglied und Angestellter, das macht es manchmal schwierig, für beide Seiten. Man muss sich als Gasteltern ab und zu auch um das seelische Wohl des Au Pairs kümmern, denn es hat ja sonst niemanden. Das muss ein normaler Arbeitgeber im Regelfall nicht. Dessen sollte man sich bewusst sein, wenn man ein Au Pair (vor allem ein junges) aufnimmt.

Wenn man als Familie kein Problem damit hat, einen fremden Menschen zu beherbergen und sich auf diesen individuell einzustellen, sei es ein Familienmensch oder eher ein unabhängiger Geist, ein lauter oder leiser, ein selbstbewusster oder zurückhaltender Mensch; wenn man die nötigen Platzverhältnisse hat und sich bewusst ist, dass die Verantwortung für die Kinder immer bei den Eltern verbleiben sollte; wenn man genaue Arbeitsaufgaben und -bedingungen fixiert und akzeptiert, dass ein Au Pair nicht nur zum Babysitten und Putzen kommt, sondern Land und Leute kennenlernen, die Sprache lernen und selbst Kontakte knüpfen möchte, dann ist das Konzept des Au Pairs eine super Sache. Weder die Familie noch das Au Pair wissen, was sie bekommen; die Familie befindet sich aber wenigstens in ihrer vertrauten häuslichen Struktur, während für das Au Pair ALLES neu und ungewohnt ist. Es erfordert deshalb ein großes Maß an Toleranz und das Relativieren von eigenen Vorstellungen und Erwartungen (auf beiden Seiten), um ein gutes Zusammenleben zu erreichen. Wir haben uns nach einer Eingewöhnungszeit, glaube ich, gut aufeinander eingestellt, so dass die 10 Monate eine schöne, einvernehmliche und konfliktfreie Zeit waren, die ich wirklich nicht missen möchte und an die ich mich noch heute, 2 Jahrzehnte später, überwiegend positiv erinnere.

Im zweiten Teil möchte ich dann mehr von meinen Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen aus diesen 10 Monaten berichten. Aber dazu muss ich erst noch die zweite Hälfte meiner vielen Briefe und Tagebucheinträge sichten;-). Eine Reise in die Vergangenheit.

Hier noch einige Beiträge aus der Arbeitgeber-Perspektive, nämlich von anderen Mama-Bloggerinnen, die Au Pairs beschäftig(t)en:

Mama Mia: Was kostet ein Au Pair?
Heikeland: Au Pair, die Zweite
Heikeland: Au Pair - einfach mal laut gedacht
Heikeland: Au Pair - hin oder her
Me Working Mom: Kategorie Au Pair
BerlOndon-Mama