Das Buch, das ich heute vorstellen möchte, ist ganz neu auf dem Markt und im Herder Verlag erschienen: "Ist unser Sohn hochsensibel? Hochsensibilität bei Jungen erkennen und verstehen"*. Die Autorin Uta Reimann-Höhn ist Pädagogin, Mutter zweier Söhne und hat schon einige Ratgeber verfasst, u.a. zum Thema AD(H)S. Soweit mir bekannt ist, handelt es sich bei diesem neu erschienenen Buch um das erste und bisher einzige Werk, das sich speziell dem Thema "Hochsensible Jungen" widmet. Über hochsensible Männer gibt es seit kurzem das Buch Der sanfte Krieger von Oliver Domröse, doch die Hochsensibilität bei Jungen wird in den diversen Sachbüchern nur angeschnitten, z. B. in Hochsensibel ist mehr als zart besaitet von Sylvia Harke auf S. 222ff. Mich interessiert das Thema sehr, denn mein Großer ist vermutlich hochsensibel und seine in diesem Jahr bevorstehende Einschulung beschert mir viele Gedanken und Sorgen, die um sein spezielles Wesen und sein Klarkommen in diesem unindividualistischen System Schule kreisen. Dafür habe ich im Buch viele wertvolle Anregungen und Tipps bekommen. Es ist allerdings, und das habe ich fast erwartet, im Wesentlichen ein Buch über hochsensible Kinder, nicht nur Jungen.
Die Autorin startet mit einer kurzen Einführung anhand von Fallbeispielen und geht erfrischend schnell ins Detail, ohne sich an langen Erklärungen oder Diskussionen über das Phänomen der Hochsensibilität aufzuhalten. Man sollte also schon ein wenig Vorwissen zu dem Thema haben. Danach folgt das Kapitel "Positive Merkmale von hochsensiblen Jungen", in dem sie zum einen beschreibt, was hochsensible Kinder besonders gut können, zum anderen aber auch erwähnt, worunter solche Kinder gerade in der heutigen Zeit leiden. Und sie geht auf die speziellen Herausforderungen hochsensibler Jungen/ Männer ein, denn: "Besonders schwer haben es die Jungen, denn noch immer wird von ihnen erwartet, einem klassischen Rollenbild zu folgen. Ein Junge, der nicht tobt, kämpft und sich durchsetzt, wird häufig nicht ernst genommen." (S. 41f.) Und: "Hochsensible Jungen können ihre Gefühle und ihre Wahrnehmung der Welt selten mit anderen Männern teilen." (S. 139)
Spezielle Herausforderungen von hochsensiblen Jungen im Vergleich zu ihren nicht hochsensiblen Geschlechtsgenossen sind z.B.:
-
die Abneigung gegen Körperlichkeit und Konkurrenzkampf: "Gerangel
und Kämpfchen mögen sie nicht und vermeiden Auseinandersetzungen, wo
immer es geht. Streitereien und Konflikte - Alltag im Kindergarten und
für manche Jungen ein großer Spaß - sind ihnen verhasst." (S. 46)
- die Abneigung gegen Gruppen- und Wettkampfspiele
- die Abneigung gegen den Genuss von Fleisch bzw. überhaupt das selektive Essverhalten
- ihre Vorsichtigkeit, Ängstlichkeit und mangelnde Experimentierfreudigkeit, Abneigung gegen Höhe und Geschwindigkeit, fehlende Risikofreude
-
ihre Emotionalität, ihr Einfühlungsvermögen, ihre Tendenz zum
Vermittler und Nicht-Eignung zum "Anführer", ihre Entscheidungsscheu und Bedachtsamkeit
Nach der Einführung folgt ein Test mit 25 Fragen, der sich am bekannten Test von Elaine Aron orientiert und deren Fragen auf Jungen fokussiert. Die Fragen passen naturgemäß auf Kinder beides Geschlechts. Ich finde die diversen Tests zwar immer interessant, denke aber, dass es genau wie bei der Frage der eigenen Hochsensibilität genauso stark darauf ankommt, ob man sich selbst oder sein Kind in den Beschreibungen der Literatur bzw. den Erfahrungsberichten erkennt. Sucht man Antworten auf Fragen oder Hilfestellungen für Herausforderungen, dann beschäftigt man sich weiter mit dem Thema, unabhängig davon, wieviele Punkte man oder das Kind erreicht hat.
Danach geht die Autorin ausführlich auf die verschiedenen Lebensphasen eines Kindes ein: Baby- und Kleinkindzeit, Schuljahre und Pubertät. Sie bestätigt, dass man schon bei Säuglingen erste Anzeichen einer Hochsensibilität wie schnelle Überreizung, schlechtes Abschalten, unstillbares Schreien, starkes Fremdeln, Einforderung von Struktur und gewohnten Dingen etc. erkennen kann, konstatiert aber, dass "vielen Eltern [...] die Besonderheit dieses Verhaltens gar nicht auf[fällt], besonders wenn es sich um das erste Kind handelt" (S. 41). Das kann ich aus unserer Geschichte heraus nicht bestätigen, ich habe von Anfang an Erklärungen für das in meinen Augen auffällig ungewöhnliche und kräftezehrende Verhalten meines Großen gesucht. Auch in der Kleinkindzeit sieht man deutlich die Anzeichen für eine Hochsensibilität von Kindern, vor allem beim Thema Essen und Kleidung, Körperpflege (Waschen, Friseur, Nägelschneiden etc.), Fixierung auf wenige Bezugspersonen, Überforderung im Kindergartenalltag, Geräuschempfindlichkeit, Konfliktscheu usw. Eltern können hier durch viel Verständnis und Einfühlsamkeit großen Einfluss auf die Entwickung des Kindes nehmen.
Eine besondere Herausforderung für hochsensible Kinder ist die Schulzeit, die man gerade für diese Kinder sehr gut vorbereiten sollte. Aus diesem Kapitel habe ich angesichts der bei uns bald bevorstehenden Einschulung viele interessante Anregungen und Tipps mitgenommen. Die Umstellung auf diesen (wie auch auf jeden) neuen Lebensabschnitt kann bei hochsensiblen Kindern deutlich mehr Zeit einnehmen als bei anderen. Schule ist in fast allen Komponenten wesentlich anstrengender als der Kitaalltag. Das Kind braucht also noch mehr Regenerationsmöglichkeiten und Ruheoasen. Der Beziehung des Kindes und der Eltern zum Lehrer/zur Lehrerin kommt eine enorm große Bedeutung zu. Da hochsensible Kinder auf jegliche Art von Druck negativ reagieren, müssen bis dahin Strategien gefunden werden, um mit dem steigenden schulischen Druck umzugehen. Auch das Thema Freundschaften bringt nun besondere Herausforderungen mit sich, die Ansprüche an die Anpassungsfähigkeit an die Peergroup wachsen und Klassenfahrten sowie Teamsport sind nicht immer positive Erfahrungen für hochsensible Kinder. Perfektionismus, geringe Frustrationstoleranz, Kritikempfindlichkeit, Ruhebedürftigkeit, starkes Gerechtigkeitsempfinden, mangelndes Selbstbewusstsein machen sich während der Schulzeit noch deutlicher bemerkbar als vorher.
Besonders in der Pubertät, dieser extremsten Phase der Selbstfindung, hat die Veranlagung hochsensibler Jungen keinen Platz. Vieles, woran andere Jugendliche Freude haben, ist für Hochsensible Folter (Konzerte, Disko, Fußballspiele, Partys). Sie fühlen sich deshalb schnell ausgegrenzt und einsam, wenn sie bis dahin nicht einen oder mehrere Gleichgesinnte gefunden und diese Freundschaften auch gepflegt haben. Eine gute Methode nicht nur zum Finden von Gleichgesinnten, sondern auch zum Aufbau von Selbstbewusstsein ist das möglichst frühzeitige Aussuchen eines passenden Hobbys, wodurch sowohl Selbst- als auch Fremdbestätigung erlangt werden kann. Hierbei sollten gerade die Eltern unterstützend wirken und gemeinsam mit dem Kind/ Jugendlichen eine Leidenschaft/ ein Hobby suchen, was fordert, ohne zu überfordern, das den Kontakt zu Gleichgesinnten herstellt und Bestätigung gibt. Wenn dies nicht vorhanden ist, besteht gerade für hochsensible Jungen in der Pubertät das Risiko, an falsche Freunde zu geraten: "Werden sie von einer Gemeinschaft freundlich und ohne Bewertung ihrer Persönlichkeit aufgenommen, stellen sie deren Motive möglicherweise nicht mehr infrage." (S. 140) Deshalb ist es unabdingbar, das eigene Kind mit all seinen Facetten anzunehmen und ihm Wege zu zeigen, wie es Selbstbewusstsein und Resilienz erlangen kann. Bei der späteren Berufswahl sollten nicht nur die Interessen, sondern auch die Rahmenbedingungen (Großraumbüro, Außenkontakte, Flexibilität) berücksichtigt werden.
Zum Abschluss des Buches folgen in gebündelter Form wichtige Tipps für Eltern hochsensibler Kinder, eine Zusammenfassung und ein paar Anlaufstellen sowie Literaturvorschläge.
Zusammenfassung:
Das Buch liest sich sehr gut und flüssig, ist verständlich und praxisnah geschrieben. Ein paar Vorkenntnisse über Hochsensibilität sollte man schon besitzen. Die Fallbeispiele veranschaulichen die theoretischen Aspekte, man findet Situationen wieder, die jeder, der ein hochsensibles Kind hat, schon erlebt hat. Für mich war besonders die ausführliche Behandlung der Schulzeit unglaublich interessant und ich habe in diesem Kapitel viele sehr gute Ratschläge gefunden, die ich berücksichtigen werde. Vieles mache ich schon richtig und doch bleibt die Sorge vor den großen Herausforderungen der Schulzeit. Das Buch hat mir sehr geholfen, meinen diffusen Ängste etwas zu ordnen und zu beruhigen. Ich werde dezidiert auf die beschriebenen Punkte achten und hoffe, dadurch zu einer sicherlich nicht unanstrengenden, aber von Verständnis und Unterstützung getragenen Schulzeit für meinen Großen beizutragen.
Einige Äußerungen haben mir überhaupt nicht gefallen und mich sehr an veraltete pädagogische Muster erinnert, z.B.: "Achten Sie darauf, dass Ihr Kind solche Wutanfälle nicht dazu benutzt, seinen Willen durchzusetzen.[...] Diese Unterscheidung müssen Sie treffen, um Ihrem Kind klare Grenzen aufzuzeigen und sich nicht von ihm manipulieren zu lassen." (S. 43) oder auch "Vermeiden Sie es, gerade auch bei Schulkindern, bis zum Einschlafen am Bett sitzen zu bleiben." (S. 94) Solche pauschalen Aussagen kann ich nicht nachvollziehen, man sollte sich aber auch nicht zu sehr daran festbeißen.
Insgesamt kann ich die Lektüre dieses Buches jedem, der sich für das Thema hochsensible Kinder, speziell bei Jungen, interessiert, empfehlen. Viele der beschriebenen Aspekte passen auf beide Geschlechter und einige Bereiche sind für hochsensible Jungen besonders brisant. Sicherlich ist es für hochsensible Jungen noch schwieriger, ihren Weg zu finden, als für Mädchen. Der Rolle der Eltern bzw. Bezugspersonen kommt hier große Bedeutung zu. Im Buch finden sich äußerst wertvolle Tipps für das liebe- und verständnisvolle Navigieren durch die Kindheit und Jugend eines hochsensiblen Jungen.
Die Eckdaten:
Uta Reimann-Höhn: Ist unser Sohn hochsensibel? Hochsensibilität bei Jungen erkennen und verstehen*, Herder Verlag, Januar 2017, 192 Seiten, ISBN 978-3451614040, € 19,99
*Affiliate Link
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Donnerstag, 26. Januar 2017
Die Herausforderungen hochsensibler Jungen: "Ist unser Sohn hochsensibel?" (Rezension)
Montag, 23. Januar 2017
Was für ein schöner Sonntag!
Oft genug gab es hier von anstrengenden, nervenaufreibenden Wochenenden, Urlauben und Ferien zu lesen, ja selbst einzelne Schließtage brachten mich, genauso wie den Mann, manchmal an den Rand unserer Nerven. Deshalb möchte ich heute ganz bewusst mal von einem wunderschönen Tag mit den Kindern erzählen, als positiven Gegenpart zu manchem Negativbericht hier und für mich selbst als Erinnerung daran, dass diese Tage existieren, dass vieles jetzt möglich ist, was früher undenkbar war, dass ich mittlerweile viel mehr Dinge als früher ohne Nervenzusammenbrüche oder völlige Erschöpfung schaffe und dass es nicht nur anstrengend, sondern auch richtig toll mit den Kindern sein kann. Ich kam gestern so zufrieden, ausgeglichen, erfüllt, selig, vollgetankt mit frischer Luft, Kinderteamgeist und Stärke von meinem Ausflug mit den Kindern nach Hause und dachte, warum kann es nicht immer so sein? Nicht mal meine Erkältung hat gestört...
Als der Mann sich morgens mit Migräne ins Bett legte, spielten wir erst noch ein bisschen zuhause, aber mich zog es raus, denn das Wetter war grandios, Sonne, blauer Himmel, eiskalt, aber trocken und die Vögel zwitscherten, als wäre schon Frühling. Wir packten uns total dick ein, denn ich wollte mit den Kindern in den Zoo fahren. Erst fürchtete ich, dass der Große bei der Bekanntgabe des Ausflugsziels mosern würde, denn bekanntlich ist er nicht gerade tiervernarrt und hat noch vor wenigen Wochen kundgetan: "Boah nee, für Zoo bin ich zu alt!" Aber die Kleine war beim letzten Besuch eines Zoos in einer anderen Stadt (in unserem Weihnachtsurlaub) total traurig gewesen, dass sie keine Elefanten gesehen hatte (wir hatten ein Abendticket und keine Zeit mehr), so dass ich ihr versprochen hatte, bald Elefanten zu besuchen. Erstaunlicherweise kam der Große bereitwillig mit und so fuhren wir drei mit Bus und U-Bahn zum Zoo, wo wir um 11:30 Uhr ankamen. Ich war gespannt, wie lange die Kinder durchhalten würden (zwar schlafen sie nun mittags nicht mehr, aber wir machen immer eine Mittagspause zuhause) und besonders war ich auf die Laune des Großen gespannt, denn er hatte tatsächlich von Anfang an bei jedem Zoobesuch schlechte Laune gehabt. Früher fragten wir uns immer, was denn mit ihm los sei, immerhin begeisterten sich doch "ALLE" anderen Kinder für Tiere, nur er nicht und war im Gegenteil immer total motzig und mies drauf. Mittlerweile wissen wir, dass Tiere ihn eben nicht so superdoll interessieren und es ihm sicherlich auch oft alles zu viel und zu fremd war, die strengen Gerüche, das Gedrängel vor den Gehegen etc. Ehrlich gesagt, ging mir das auch oft so. Je älter er wird, umso mehr fragt er aber, wo bestimmte Tiere leben, wie alt sie werden etc., interessiert sich also mehr für die Fakten als die Lebewesen. Ich glaube, auch dies war bei mir früher ähnlich.
Die Kleine war selig, als sie ihre Elefanten sah, und auch der Große zeigte keine Ansätze seiner sonstigen Zoo-Aversion. Wir gingen zu den Giraffen und schauten lange zu; dass die eine Giraffe den Urin der anderen, gerade pullernden Giraffe mitten im Strahl mit der Zunge auffing, fanden sie natürlich zum Schießen und erzählten es dem Papa abends überschwänglich. Dann ging es an einigen anderen Freigehegen entlang zum Restaurant, denn wir hatten Hunger. Nach dem Mittagessen schwächelten beide Kinder etwas, der Große jammerte, die Beine täten ihm weh, obwohl wir gerade gesessen hatten, und die Kleine wollte immer öfter in den Buggy. Wir besuchten noch die Fütterung im Affenhaus...
und waren kurz im Raubtierhaus, aber dann ging erstmal nichts mehr - außer: Spielplatz! Auf dem (wirklich tollen Abenteuer-) Spielplatz war alle Müdigkeit vergessen und die Kinder turnten ausgelassen herum. Auch dieser Spielplatz hatte den Großen wegen seiner Größe und Vielfältigkeit lange Zeit überfordert. Man kann /muss sehr viel klettern, es gibt verschlungene Wege durch die Holztürme, wackelige Hängebrücken in luftiger Höhe und schnelle und hohe Rutschen, vor denen er immer Respekt hatte. Nun entfernt er sich sogar freiwillig von mir, probiert alles aus, traut sich Dinge zu und schaut, was die größeren Jungs machen. Immer mehr findet er die Herausforderungen klasse. Es ist so schön, solche Entwicklungen zu sehen. Naja, und die Kleine hat ja sowieso kaum Berührungsängste und klettert manchmal sogar dem Großen voran. Auch für mich war es total schön, denn ich musste zwar aufpassen und die Kinder im Auge behalten, aber hatte ansonsten mental Ruhe und konnte die Luft und Sonne genießen.
Nach dem Spielplatz gingen wir noch einen Kakao trinken und anschließend nochmal in eine andere Ecke des Zoos, wo wir selten waren. Es gab kein Gemecker und Gejaule, sie machten alles super mit. Um 16:30 Uhr fuhren wir wieder nach Hause. Ich fürchtete, dass die Kleine in der U-Bahn einschläft, aber das war zu aufregend. Kurz nach 17 Uhr kamen wir zuhause an und waren über 6 Stunden unterwegs gewesen. Solche Ganztagesausflüge machen wir eigentlich sehr selten, wegen der (uns wichtigen) Mittagspause und weil das auch für die Kinder anstrengend ist, aber diesmal bot es sich aufgrund des grandiosen Wetters wirklich an und ich war begeistert, dass es so gut klappte.
Zuhause angekommen, hatten wir alle rote Wangen und glänzende Augen, auch die Kinder waren ausgeglichen, fröhlich und gar nicht überdreht, wie sonst manchmal, wenn alles zuviel war. Sie berichteten dem Papa ausgelassen von ihren Erlebnissen. Und ich selbst war so richtig glücklich und erfüllt. Dass so etwas jetzt geht, dass ich es genieße und dass ich nicht abends völlig erschöpft zusammenbreche, ist ein unglaublicher Fortschritt auf allen Ebenen. Nun nehme ich diese positive Energie mit in die Woche und wenn wiedermal ein Ausflug so richtig mies lief, die Kinder nur meckerten und nichts klappte, dann lese ich diesen Text und erinnere mich an diesen WUNDERSCHÖNEN SONNTAG, der wirklich so war, wie ich es mir immer wünschen würde.
Als der Mann sich morgens mit Migräne ins Bett legte, spielten wir erst noch ein bisschen zuhause, aber mich zog es raus, denn das Wetter war grandios, Sonne, blauer Himmel, eiskalt, aber trocken und die Vögel zwitscherten, als wäre schon Frühling. Wir packten uns total dick ein, denn ich wollte mit den Kindern in den Zoo fahren. Erst fürchtete ich, dass der Große bei der Bekanntgabe des Ausflugsziels mosern würde, denn bekanntlich ist er nicht gerade tiervernarrt und hat noch vor wenigen Wochen kundgetan: "Boah nee, für Zoo bin ich zu alt!" Aber die Kleine war beim letzten Besuch eines Zoos in einer anderen Stadt (in unserem Weihnachtsurlaub) total traurig gewesen, dass sie keine Elefanten gesehen hatte (wir hatten ein Abendticket und keine Zeit mehr), so dass ich ihr versprochen hatte, bald Elefanten zu besuchen. Erstaunlicherweise kam der Große bereitwillig mit und so fuhren wir drei mit Bus und U-Bahn zum Zoo, wo wir um 11:30 Uhr ankamen. Ich war gespannt, wie lange die Kinder durchhalten würden (zwar schlafen sie nun mittags nicht mehr, aber wir machen immer eine Mittagspause zuhause) und besonders war ich auf die Laune des Großen gespannt, denn er hatte tatsächlich von Anfang an bei jedem Zoobesuch schlechte Laune gehabt. Früher fragten wir uns immer, was denn mit ihm los sei, immerhin begeisterten sich doch "ALLE" anderen Kinder für Tiere, nur er nicht und war im Gegenteil immer total motzig und mies drauf. Mittlerweile wissen wir, dass Tiere ihn eben nicht so superdoll interessieren und es ihm sicherlich auch oft alles zu viel und zu fremd war, die strengen Gerüche, das Gedrängel vor den Gehegen etc. Ehrlich gesagt, ging mir das auch oft so. Je älter er wird, umso mehr fragt er aber, wo bestimmte Tiere leben, wie alt sie werden etc., interessiert sich also mehr für die Fakten als die Lebewesen. Ich glaube, auch dies war bei mir früher ähnlich.
Die Kleine war selig, als sie ihre Elefanten sah, und auch der Große zeigte keine Ansätze seiner sonstigen Zoo-Aversion. Wir gingen zu den Giraffen und schauten lange zu; dass die eine Giraffe den Urin der anderen, gerade pullernden Giraffe mitten im Strahl mit der Zunge auffing, fanden sie natürlich zum Schießen und erzählten es dem Papa abends überschwänglich. Dann ging es an einigen anderen Freigehegen entlang zum Restaurant, denn wir hatten Hunger. Nach dem Mittagessen schwächelten beide Kinder etwas, der Große jammerte, die Beine täten ihm weh, obwohl wir gerade gesessen hatten, und die Kleine wollte immer öfter in den Buggy. Wir besuchten noch die Fütterung im Affenhaus...
und waren kurz im Raubtierhaus, aber dann ging erstmal nichts mehr - außer: Spielplatz! Auf dem (wirklich tollen Abenteuer-) Spielplatz war alle Müdigkeit vergessen und die Kinder turnten ausgelassen herum. Auch dieser Spielplatz hatte den Großen wegen seiner Größe und Vielfältigkeit lange Zeit überfordert. Man kann /muss sehr viel klettern, es gibt verschlungene Wege durch die Holztürme, wackelige Hängebrücken in luftiger Höhe und schnelle und hohe Rutschen, vor denen er immer Respekt hatte. Nun entfernt er sich sogar freiwillig von mir, probiert alles aus, traut sich Dinge zu und schaut, was die größeren Jungs machen. Immer mehr findet er die Herausforderungen klasse. Es ist so schön, solche Entwicklungen zu sehen. Naja, und die Kleine hat ja sowieso kaum Berührungsängste und klettert manchmal sogar dem Großen voran. Auch für mich war es total schön, denn ich musste zwar aufpassen und die Kinder im Auge behalten, aber hatte ansonsten mental Ruhe und konnte die Luft und Sonne genießen.
Nach dem Spielplatz gingen wir noch einen Kakao trinken und anschließend nochmal in eine andere Ecke des Zoos, wo wir selten waren. Es gab kein Gemecker und Gejaule, sie machten alles super mit. Um 16:30 Uhr fuhren wir wieder nach Hause. Ich fürchtete, dass die Kleine in der U-Bahn einschläft, aber das war zu aufregend. Kurz nach 17 Uhr kamen wir zuhause an und waren über 6 Stunden unterwegs gewesen. Solche Ganztagesausflüge machen wir eigentlich sehr selten, wegen der (uns wichtigen) Mittagspause und weil das auch für die Kinder anstrengend ist, aber diesmal bot es sich aufgrund des grandiosen Wetters wirklich an und ich war begeistert, dass es so gut klappte.
Zuhause angekommen, hatten wir alle rote Wangen und glänzende Augen, auch die Kinder waren ausgeglichen, fröhlich und gar nicht überdreht, wie sonst manchmal, wenn alles zuviel war. Sie berichteten dem Papa ausgelassen von ihren Erlebnissen. Und ich selbst war so richtig glücklich und erfüllt. Dass so etwas jetzt geht, dass ich es genieße und dass ich nicht abends völlig erschöpft zusammenbreche, ist ein unglaublicher Fortschritt auf allen Ebenen. Nun nehme ich diese positive Energie mit in die Woche und wenn wiedermal ein Ausflug so richtig mies lief, die Kinder nur meckerten und nichts klappte, dann lese ich diesen Text und erinnere mich an diesen WUNDERSCHÖNEN SONNTAG, der wirklich so war, wie ich es mir immer wünschen würde.
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Dienstag, 27. September 2016
Was ich als Mama gerne besser machen würde (Blogparade #ichwürdegerne)
Ich glaube, fast jede/r von uns war eine perfekte Mama oder ein perfekter Papa, bevor er/sie selbst Kinder bekam und merkte, dass einiges (vieles) anders läuft als vorgestellt. Man hatte die Erziehungsweisheit mit Löffeln gefressen und war der Überzeugung, ein Drehen an Schräubchen A bringt den gewünschten Mechanismus in Gang. Und fragte sich, warum das denn bei anderen Eltern und deren Kindern nicht funktionierte. Nun ja, seit wir selbst Eltern sind, sind wir schlauer und demütiger. Wir wissen, dass Kinder Individuen sind, die nicht nach Schemata funktionieren. Wir wissen, dass ein bestimmtes Verhalten unsererseits nicht unbedingt das erhoffte Ergebnis bei unserem Kind ergibt. Manchmal sehen wir sogar das Gegenteil davon. Und trotzdem bemühen wir uns immer, gute, liebevolle, zugewandte Eltern zu sein, uns ständig zu reflektieren und zu korrigieren. Und haben immer noch gewisse Ansprüche an uns selbst im Kopf, an denen wir uns messen. Das ist manchmal destruktiv, wenn es sich um völlig überzogene, mit dem eigenen Charakter oder dem Wesen des Kindes nicht vereinbare Ansprüche handelt. Oft aber regt es dazu an, sich zu fragen, was man noch besser machen kann als Mutter/Vater. Dazu passt die aktuelle Blogparade von Leben & Erziehen: Was wir als Eltern gerne besser machen würden, an der ich mit diesem Beitrag teilnehme. Einige Eltern schreiben, dass sie gern mehr basteln würden oder ausgefeilte Brotdosen herrichten würden oder nicht so stark auf ihr Handy fixiert sein möchten. Bei mir sind es eher mentale und emotionale Dinge, die ich gern besser machen würde.
1.) Ich würde gern das Zusammenleben mit meinen Kindern mehr genießen. Ich bin oft unruhig, gestresst oder manchmal auch gelangweilt in Gegenwart meiner Kinder. Ich frage mich viel zu oft: "Was machst du da?" Ich stehe eigentlich unter einer permanenten Anspannung, wenn ich mit meinen Kindern zusammen bin, und kann das so gut wie nie abschütteln. Das liegt nicht daran, dass ich noch so viele Dinge im Hinterkopf habe, die erledigt werden müssten (manchmal auch daran), sondern eher an dem ständigen Funktionieren-Müssen, der Bereitschaft, dem Reagieren-Müssen. Das schlaucht mich wirklich unheimlich, legt sich wie ein schwerer Stein in meinen Magen und beeinträchtigt auch die allerschönsten Momente bzw. es gibt nur sehr wenige Augenblicke, wo sich der Stein auflöst. Das ist schade und ich weiß nicht, was man da machen kann. Ich hätte es gern anders und würde die Kinder gern mehr genießen, so wie ich früher die Natur, Reisen oder Musik genossen habe. Manchmal gelingt es mir, den Kopf bewusst auszuschalten oder durch tiefe Bauchatmung den Stein im Bauch etwas leichter zu machen. Oft genug leider nicht.
2.) Ich würde gern noch ruhiger und gelassener im Umgang mit meinen Kindern werden und den Stress oder Ärger, den ich habe, nicht an ihnen auslassen. Dazu muss ich sagen, dass ich schon tausendmal ruhiger geworden bin als früher (vor den Kindern), als ich wegen vielen Kleinigkeiten explodiert bin. Dies wurde leider in der Anfangszeit mit dem Großen noch extremer, da mein psychischer und physischer Stress in dieser Zeit enorm war. Mittlerweile habe ich realisiert, dass tatsächlich eine der wichtigsten Komponenten im Umgang mit Kindern die eigene Ruhe ist und arbeite täglich daran, meine Stressauslöser zu erkennen, bevor sich alles auf den Kindern entlädt. Das gelingt natürlich nicht immer, da meine Ausgangsbasis (hochsensibel, keine Stressresistenz und kaum Verarbeitungsstrategien) einfach sehr schlecht ist. Aber ich versuche es und bemerke oft ganz deutlich, wie eines zum anderen kommt und die Spirale sich dreht. Ich bin ein emotionaler Mensch und würde gern viel mehr Ruhe ausstrahlen, vor allem für meine Kinder, geduldiger sein und nicht alles so an mich rankommen lassen. Das ist zumindest ein Aspekt, an dem ich mehr arbeiten kann als an Punkt 1.
3.) Ich würde gern etwas mutiger sein und mir mehr mit den Kindern zutrauen. Also ALLEIN mit den Kindern. Ich bin ein sehr vorsichtiger und abwägender Mensch und durchdenke potentiell riskante Dinge so oft, dass ich mir selber manchmal im Weg stehe. Sicherlich hilft diese Vorsicht auch dabei, sich keinen Situationen auszusetzen, die mich überfordern oder allzu sehr stressen würden. Aber manchmal würde ich mich gern mehr trauen. Ich bewundere Menschen (bzw. halte sie für verrückt), die allein mit Baby und Kleinkind in den Urlaub fahren. Nie-niemals hätte ich so etwas gewagt, dazu waren meine Kinder, meine eigenen psychischen Kräfte und die fremden Umstände viel zu unberechenbar. Dagegen freue ich mich über jede kleine Herausforderung, die ich meistere. Ich war stolz, als ich zum ersten Mal beide Kinder allein ins Bett brachte. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als der Besuch bei meinen Eltern inklusive längerer Busfahrt mit beiden Kindern letztes Jahr gut klappte oder als ich im März dieses Jahres zusammen mit meinen Eltern und den Kindern im Kurzurlaub war. Das sind für mich echt Herausforderungen, weil ich nie wissen kann, wie sie laufen werden. Ich würde gern noch mehr solcher Erfolgserlebnisse haben, aber oft traue ich mich einfach nicht. Habe Angst, krank zu werden oder die Nerven überzustrapazieren. Wie gesagt, ich finde es gut, seine Kräfte korrekt einzuschätzen, aber etwas mehr Mut wäre sicherlich nicht verkehrt. Ich arbeite daran, mir in kleinen Schritten mehr zuzutrauen, ohne mich zu überfordern.
Rückschau:
Was die vergangenen 5 1/2 Jahre, seit ich Mama bin, angeht, gibt es natürlich auch so einiges, was ich aus der Rückschau gern anders gemacht hätte. Vor allem in der Babyzeit und in der sich direkt anschließenden Autonomiephase des Großen hätte ich gern besser reagiert, als ich es zu diesem Zeitpunkt konnte. Ich hätte weniger hadern und mich viel mehr auf ihn einlassen müssen. Ich hätte deutlicher Entlastung einfordern müssen, um dadurch wieder Kraft für ihn und mich zu haben. Ich hätte kreativer sein und schneller fernab der üblichen Erziehungsansichten schauen müssen, was helfen könnte. Und ich hätte nicht so viel zweifeln sollen. Das wäre für ihn und für mich gut gewesen. Leider wusste ich damals noch nicht viel über ihn und über mich und konnte vielfach nicht aus meiner Haut. Das bedauere ich unheimlich. Andererseits sehe ich auch, welche Entwicklung ich als Mama durch das Zusammenleben mit meinen Kindern gemacht habe und welche Wege ich beschritten habe. Wege der Gleichwürdigkeit und des Respekts vor Kindern, die mich weit weg von der eigenen Erziehung führen und die ich beibehalten und weiter ausbauen möchte. Ich tröste, wie ich selbst nie getröstet worden bin. Ich fange auf, wie ich nie aufgefangen worden bin. Ich ergreife Partei, wie für mich (als Kind) nie Partei ergriffen worden ist. All das ist das Produkt meines bisherigen Mamalebens und ich spüre, dass ich auf einem guten Weg bin. Das heißt aber eben nicht, dass man nicht immer noch etwas besser machen kann. Als Mama oder Papa ist man wahrscheinlich immer auf dem Weg und nie am Ziel.
Ich habe übrigens meinen Großen befragt, was ich besser machen könnte als Mama. Ihm fiel heute leider nichts sein. Naja, ich denke, spätestens in der Pubertät wird er mir die Frage beantworten können;-)
Und was würdet ihr als Mama oder Papa gern besser machen?
1.) Ich würde gern das Zusammenleben mit meinen Kindern mehr genießen. Ich bin oft unruhig, gestresst oder manchmal auch gelangweilt in Gegenwart meiner Kinder. Ich frage mich viel zu oft: "Was machst du da?" Ich stehe eigentlich unter einer permanenten Anspannung, wenn ich mit meinen Kindern zusammen bin, und kann das so gut wie nie abschütteln. Das liegt nicht daran, dass ich noch so viele Dinge im Hinterkopf habe, die erledigt werden müssten (manchmal auch daran), sondern eher an dem ständigen Funktionieren-Müssen, der Bereitschaft, dem Reagieren-Müssen. Das schlaucht mich wirklich unheimlich, legt sich wie ein schwerer Stein in meinen Magen und beeinträchtigt auch die allerschönsten Momente bzw. es gibt nur sehr wenige Augenblicke, wo sich der Stein auflöst. Das ist schade und ich weiß nicht, was man da machen kann. Ich hätte es gern anders und würde die Kinder gern mehr genießen, so wie ich früher die Natur, Reisen oder Musik genossen habe. Manchmal gelingt es mir, den Kopf bewusst auszuschalten oder durch tiefe Bauchatmung den Stein im Bauch etwas leichter zu machen. Oft genug leider nicht.
Quelle: Pixabay
2.) Ich würde gern noch ruhiger und gelassener im Umgang mit meinen Kindern werden und den Stress oder Ärger, den ich habe, nicht an ihnen auslassen. Dazu muss ich sagen, dass ich schon tausendmal ruhiger geworden bin als früher (vor den Kindern), als ich wegen vielen Kleinigkeiten explodiert bin. Dies wurde leider in der Anfangszeit mit dem Großen noch extremer, da mein psychischer und physischer Stress in dieser Zeit enorm war. Mittlerweile habe ich realisiert, dass tatsächlich eine der wichtigsten Komponenten im Umgang mit Kindern die eigene Ruhe ist und arbeite täglich daran, meine Stressauslöser zu erkennen, bevor sich alles auf den Kindern entlädt. Das gelingt natürlich nicht immer, da meine Ausgangsbasis (hochsensibel, keine Stressresistenz und kaum Verarbeitungsstrategien) einfach sehr schlecht ist. Aber ich versuche es und bemerke oft ganz deutlich, wie eines zum anderen kommt und die Spirale sich dreht. Ich bin ein emotionaler Mensch und würde gern viel mehr Ruhe ausstrahlen, vor allem für meine Kinder, geduldiger sein und nicht alles so an mich rankommen lassen. Das ist zumindest ein Aspekt, an dem ich mehr arbeiten kann als an Punkt 1.
3.) Ich würde gern etwas mutiger sein und mir mehr mit den Kindern zutrauen. Also ALLEIN mit den Kindern. Ich bin ein sehr vorsichtiger und abwägender Mensch und durchdenke potentiell riskante Dinge so oft, dass ich mir selber manchmal im Weg stehe. Sicherlich hilft diese Vorsicht auch dabei, sich keinen Situationen auszusetzen, die mich überfordern oder allzu sehr stressen würden. Aber manchmal würde ich mich gern mehr trauen. Ich bewundere Menschen (bzw. halte sie für verrückt), die allein mit Baby und Kleinkind in den Urlaub fahren. Nie-niemals hätte ich so etwas gewagt, dazu waren meine Kinder, meine eigenen psychischen Kräfte und die fremden Umstände viel zu unberechenbar. Dagegen freue ich mich über jede kleine Herausforderung, die ich meistere. Ich war stolz, als ich zum ersten Mal beide Kinder allein ins Bett brachte. Mir fiel ein Stein vom Herzen, als der Besuch bei meinen Eltern inklusive längerer Busfahrt mit beiden Kindern letztes Jahr gut klappte oder als ich im März dieses Jahres zusammen mit meinen Eltern und den Kindern im Kurzurlaub war. Das sind für mich echt Herausforderungen, weil ich nie wissen kann, wie sie laufen werden. Ich würde gern noch mehr solcher Erfolgserlebnisse haben, aber oft traue ich mich einfach nicht. Habe Angst, krank zu werden oder die Nerven überzustrapazieren. Wie gesagt, ich finde es gut, seine Kräfte korrekt einzuschätzen, aber etwas mehr Mut wäre sicherlich nicht verkehrt. Ich arbeite daran, mir in kleinen Schritten mehr zuzutrauen, ohne mich zu überfordern.
Rückschau:
Was die vergangenen 5 1/2 Jahre, seit ich Mama bin, angeht, gibt es natürlich auch so einiges, was ich aus der Rückschau gern anders gemacht hätte. Vor allem in der Babyzeit und in der sich direkt anschließenden Autonomiephase des Großen hätte ich gern besser reagiert, als ich es zu diesem Zeitpunkt konnte. Ich hätte weniger hadern und mich viel mehr auf ihn einlassen müssen. Ich hätte deutlicher Entlastung einfordern müssen, um dadurch wieder Kraft für ihn und mich zu haben. Ich hätte kreativer sein und schneller fernab der üblichen Erziehungsansichten schauen müssen, was helfen könnte. Und ich hätte nicht so viel zweifeln sollen. Das wäre für ihn und für mich gut gewesen. Leider wusste ich damals noch nicht viel über ihn und über mich und konnte vielfach nicht aus meiner Haut. Das bedauere ich unheimlich. Andererseits sehe ich auch, welche Entwicklung ich als Mama durch das Zusammenleben mit meinen Kindern gemacht habe und welche Wege ich beschritten habe. Wege der Gleichwürdigkeit und des Respekts vor Kindern, die mich weit weg von der eigenen Erziehung führen und die ich beibehalten und weiter ausbauen möchte. Ich tröste, wie ich selbst nie getröstet worden bin. Ich fange auf, wie ich nie aufgefangen worden bin. Ich ergreife Partei, wie für mich (als Kind) nie Partei ergriffen worden ist. All das ist das Produkt meines bisherigen Mamalebens und ich spüre, dass ich auf einem guten Weg bin. Das heißt aber eben nicht, dass man nicht immer noch etwas besser machen kann. Als Mama oder Papa ist man wahrscheinlich immer auf dem Weg und nie am Ziel.
Ich habe übrigens meinen Großen befragt, was ich besser machen könnte als Mama. Ihm fiel heute leider nichts sein. Naja, ich denke, spätestens in der Pubertät wird er mir die Frage beantworten können;-)
Und was würdet ihr als Mama oder Papa gern besser machen?
Sonntag, 1. Mai 2016
Erinnerungsfetzen IV - Familienachterbahn
Hier kommt wiedermal ein aufwühlendes Erinnerungsschnipsel, diesmal nicht aus der Babyzeit meiner Kinder, sondern noch gar nicht allzu lange zurückliegend, das sowohl die emotionale Verbindung zwischen dem Großen und mir beinhaltet als auch die Zerrissenheit zwischen den Bedürfnissen meiner beiden Kinder. Da wir gerade am gleichen Ort Urlaub machen wie damals, ist die Erinnerung daran jetzt sehr präsent. Ich habe sie seinerzeit im Urlaubsbericht nicht festgehalten, wie ich jetzt bemerkte, wahrscheinlich, weil ich selbst noch zu aufgewühlt war. Deshalb hole ich das nun nach.
Wir reisen sehr gern in einen vertrauten Ferienpark und steuern uns bekannte Ziele an. In unserem Urlaub im September 2015 besuchten wir von dort aus wiedermal den riesigen, nahegelegenen Freizeitpark. Diesmal waren die Großeltern dabei. Ich wusste aus dem vorherigen Besuch, dass eine sogenannte Familienachterbahn neu eröffnet hatte, die für Kinder ab 4 Jahren freigegeben war. Ich stellte mir das altersangemessen als etwas größere Eisenbahn vor, die leicht auf und ab fuhr. Nichts Verrücktes also. Der Große war auch schon ganz aufgeregt, war er doch im März 2015 4 Jahre alt geworden und konnte sie also schon nutzen. Nach einigen Kleinkindattraktionen kamen wir bei der Familienachterbahn an. Ich wollte erstmal an der Seite schauen, ob sie etwas für den Großen ist. 4-Jähriger ist nicht gleich 4-Jähriger und ich bin immer sehr darauf bedacht, ihn zwar Herausforderungen auszusetzen, aber nicht zu überfordern. Die Strecke sah schon ziemlich heftig aus. Es kam aber nicht gleich eine Achterbahn und der Große und der Papa wurden ungeduldig. Als dann noch eine Gruppe nahte, eilten sie mit dem Opa zum Eingang, ohne eine Achterbahnfahrt beobachtet zu haben. Dagegen konnte ich es gleich darauf erleben und wusste sofort, dass das nichts für den Großen ist. Ich rannte in Panik zum Eingang, aber zu spät, die Männer waren schon fast am Einstieg. Ich konnte sie nicht mehr zurückhalten.
Ich stand also mit der Kleinen und der Oma seitlich neben der Strecke und beobachtete, wie die nächste Achterbahn Fahrt aufnahm. Es gab nur Zweiersitze, d.h. der Große saß nicht einmal in der Mitte zwischen Opa und Papa, sondern wie jeder am Außenrand. Ich hatte gehofft, dass der Papa wenigstens den Arm um ihn legen würde, zum Schutz und zur Stabilisierung, aber das ging wohl gar nicht, wie ich danach erfuhr. Er war mit Abstand der Jüngste in den Waggons. Die Achterbahn wurde sofort schneller und schoss um die Kurven sowie von den Höhen hinunter. Es war schwindelerregend und definitiv noch nicht geeignet für ein 4-jähriges Kind. Ich sah sein Gesicht, sah, wie sein Kopf hin und her geschleudert wurde, fühlte seine Angst und Verwirrung und gleichzeitig den Willen, stark zu sein. Ich konnte ihm nicht helfen. Es war eine furchtbar hilflose, emotional abgründige Situation, ich geriet in Panik, fing an zu weinen und zu schreien. Es war für mich definitiv die falsche Entscheidung, den Großen da mitfahren zu lassen, ohne dass er vorher gesehen hatte, was ihn erwartet, und ich hielt den Papa in dem Moment für sehr verantwortungslos und uneinfühlsam. Er wusste ja selbst nicht, wie schnell und rasant die Achterbahn sein würde. Gerade deshalb hätte man wenigstens einmal zuschauen müssen. Für den Großen wie auch für mich ist das sehr wichtig. Wir stürzen uns nicht in Abenteuer, wir beobachten vorher und entscheiden dann. Genau das war nicht möglich gewesen.
Glücklicherweise war die Fahrt schnell vorbei. Ich rannte zum Ausgang, ließ die Kleine im Buggy einfach stehen (die Oma kümmerte sich um sie) und als der Papa mit einem komplett verwirrten Großen auf dem Arm herauskam, streckte er die Arme nach mir aus und ich übernahm ihn wortlos. Er war weiß im Gesicht und sein ganzer Körper total schlaff. Ich trug ihn lange herum, hielt ihn ganz fest, redete ihm beruhigend zu. Mir gelang in diesem Moment der schwierige Spagat, selbst innerlich total aufgelöst zu sein und trotzdem dem Großen Ruhe und Sicherheit zu vermitteln. In dem Moment, wo ich ihm Halt geben konnte und musste, weil kein anderer dazu fähig gewesen wäre, fiel die Panik von mir ab und ich war ganz stark. Die Oma sagte hinterher zu mir, dass sie es toll fand, wieviel Ruhe und Besonnenheit ich ausstrahlte. Er wurde schnell ruhiger und fühlte sich bald wohler. Leider schrie sich die Kleine ab dem Zeitpunkt, als ich den Großen auf den Arm nahm, wirklich die ganze Zeit in ihrem Buggy die Seele aus dem Leib. Weder der Papa noch die Großeltern konnten bei ihr etwas ausrichten, niemand durfte sie schieben oder herausnehmen. Sie tat mir unheimlich leid, aber ich musste das in dem Moment ausblenden. Ich musste für meinen Großen da sein, exklusiv. Deutlich spürt man in solchen Momenten die Zerrissenheit zwischen den Bedürfnissen der Kinder und das Unvermögen bzw. die Unmöglichkeit, für beide gleichzeitig da zu sein. Der Große brauchte mich in dem Moment und der Kleinen gefiel das nicht.
Es dauerte vielleicht eine Viertelstunde, in der ich den Großen herumtrug und die Kleine (damals 2 1/2) schrie und weinte. Als ich ihn für stabil genug hielt, übergab ich ihn wieder dem Papa und Opa. Sie kümmerten sich weiter gut um ihn und sorgten für etwas Ruhe. Ich tröstete die Kleine, die sehr aufgebracht war. Sie beruhigte sich relativ schnell, als sie bei mir war, aber ich musste sie danach noch eine Weile herumtragen, bis sie wieder richtig ausgeglichen war. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass mich die ganze Situation ziemlich ausgelaugt hatte. Ich brauchte erstmal eine Weile, um mich wieder zu sammeln und all die für den Großen mitgefühlten Emotionen wieder abzuschütteln. Er hatte im weiteren Verlauf des Tages noch wunderbare Erlebnisse im Freizeitpark und war wieder gefestigt. Es war wirklich noch ein sehr schöner Tag und man hatte nicht das Gefühl, dass ihm etwas nachhing. Bis heute Morgen.
Beim Frühstück sagten wir den Kindern, dass wir heute wieder in den besagten Freizeitpark fahren wollten. Der Große zeterte wie üblich beim Anziehen und als er in Schluchzen ausbrach, kuschelten wir auf dem Sofa zusammen. Irgendwie kamen wir auf das Achterbahnerlebnis zu sprechen und er sagte von sich aus, dass er das nicht wieder machen wolle, weil ihm das zu wild war und der Wind im Gesicht wehgetan hatte. Und der Kopf so hin und hergeworfen wurde, dass ihm ganz schwindlig wurde. Er habe sich damals nicht getraut, es Papa zu sagen und hatte ja auch nicht gewusst, was auf ihn zukommt, erinnerte sich aber noch sehr gut, dass ich ihn danach lange getröstet hatte. Wir hatten in der ganzen Zwischenzeit nie wieder davon gesprochen. Ich sagte ihm, dass mein "Trick" bei unbekannten Sachen ist, ein paarmal vorher zu beobachten und dann zu entscheiden, ob es was für mich ist oder nicht. Ich weiß aber auch, dass es schwer für ihn ist, sein Gefühl durchzusetzen, wenn ihm eine andere Erwartungshaltung entgegenkommt. Das ist ein lebenslanger Lernprozess, auch für mich. Und in dem Fall hatte er ja nicht mal die Chance, zu beobachten, was ihn erwartet.
Als wir dann heute im Freizeitpark waren und zur "Familienachterbahn" kamen, schauten wir an der Seite zwei Fahrten zu. Der Große rekapitulierte nochmal kurz seine Erinnerungen und sagte deutlich, dass er aktuell nicht damit fahren wolle. Vielleicht, "wenn ich viel größer bin". Es gibt dort andere, altersangepasstere Attraktionen und wir hatten viel Spaß. Aber ich war wirklich erstaunt, wie präsent ihm selbst das Erlebnis noch war, obwohl er es nie angesprochen hatte. Für mich ist es ein weiterer Erinnerungsfetzen, den ich nie vergessen werde.
Und hier die bisherigen Erinnerungsfetzen:
Erinnerungsfetzen I
Erinnerungsfetzen II
Erinnerungsfetzen III
Wir reisen sehr gern in einen vertrauten Ferienpark und steuern uns bekannte Ziele an. In unserem Urlaub im September 2015 besuchten wir von dort aus wiedermal den riesigen, nahegelegenen Freizeitpark. Diesmal waren die Großeltern dabei. Ich wusste aus dem vorherigen Besuch, dass eine sogenannte Familienachterbahn neu eröffnet hatte, die für Kinder ab 4 Jahren freigegeben war. Ich stellte mir das altersangemessen als etwas größere Eisenbahn vor, die leicht auf und ab fuhr. Nichts Verrücktes also. Der Große war auch schon ganz aufgeregt, war er doch im März 2015 4 Jahre alt geworden und konnte sie also schon nutzen. Nach einigen Kleinkindattraktionen kamen wir bei der Familienachterbahn an. Ich wollte erstmal an der Seite schauen, ob sie etwas für den Großen ist. 4-Jähriger ist nicht gleich 4-Jähriger und ich bin immer sehr darauf bedacht, ihn zwar Herausforderungen auszusetzen, aber nicht zu überfordern. Die Strecke sah schon ziemlich heftig aus. Es kam aber nicht gleich eine Achterbahn und der Große und der Papa wurden ungeduldig. Als dann noch eine Gruppe nahte, eilten sie mit dem Opa zum Eingang, ohne eine Achterbahnfahrt beobachtet zu haben. Dagegen konnte ich es gleich darauf erleben und wusste sofort, dass das nichts für den Großen ist. Ich rannte in Panik zum Eingang, aber zu spät, die Männer waren schon fast am Einstieg. Ich konnte sie nicht mehr zurückhalten.
Ich stand also mit der Kleinen und der Oma seitlich neben der Strecke und beobachtete, wie die nächste Achterbahn Fahrt aufnahm. Es gab nur Zweiersitze, d.h. der Große saß nicht einmal in der Mitte zwischen Opa und Papa, sondern wie jeder am Außenrand. Ich hatte gehofft, dass der Papa wenigstens den Arm um ihn legen würde, zum Schutz und zur Stabilisierung, aber das ging wohl gar nicht, wie ich danach erfuhr. Er war mit Abstand der Jüngste in den Waggons. Die Achterbahn wurde sofort schneller und schoss um die Kurven sowie von den Höhen hinunter. Es war schwindelerregend und definitiv noch nicht geeignet für ein 4-jähriges Kind. Ich sah sein Gesicht, sah, wie sein Kopf hin und her geschleudert wurde, fühlte seine Angst und Verwirrung und gleichzeitig den Willen, stark zu sein. Ich konnte ihm nicht helfen. Es war eine furchtbar hilflose, emotional abgründige Situation, ich geriet in Panik, fing an zu weinen und zu schreien. Es war für mich definitiv die falsche Entscheidung, den Großen da mitfahren zu lassen, ohne dass er vorher gesehen hatte, was ihn erwartet, und ich hielt den Papa in dem Moment für sehr verantwortungslos und uneinfühlsam. Er wusste ja selbst nicht, wie schnell und rasant die Achterbahn sein würde. Gerade deshalb hätte man wenigstens einmal zuschauen müssen. Für den Großen wie auch für mich ist das sehr wichtig. Wir stürzen uns nicht in Abenteuer, wir beobachten vorher und entscheiden dann. Genau das war nicht möglich gewesen.
Glücklicherweise war die Fahrt schnell vorbei. Ich rannte zum Ausgang, ließ die Kleine im Buggy einfach stehen (die Oma kümmerte sich um sie) und als der Papa mit einem komplett verwirrten Großen auf dem Arm herauskam, streckte er die Arme nach mir aus und ich übernahm ihn wortlos. Er war weiß im Gesicht und sein ganzer Körper total schlaff. Ich trug ihn lange herum, hielt ihn ganz fest, redete ihm beruhigend zu. Mir gelang in diesem Moment der schwierige Spagat, selbst innerlich total aufgelöst zu sein und trotzdem dem Großen Ruhe und Sicherheit zu vermitteln. In dem Moment, wo ich ihm Halt geben konnte und musste, weil kein anderer dazu fähig gewesen wäre, fiel die Panik von mir ab und ich war ganz stark. Die Oma sagte hinterher zu mir, dass sie es toll fand, wieviel Ruhe und Besonnenheit ich ausstrahlte. Er wurde schnell ruhiger und fühlte sich bald wohler. Leider schrie sich die Kleine ab dem Zeitpunkt, als ich den Großen auf den Arm nahm, wirklich die ganze Zeit in ihrem Buggy die Seele aus dem Leib. Weder der Papa noch die Großeltern konnten bei ihr etwas ausrichten, niemand durfte sie schieben oder herausnehmen. Sie tat mir unheimlich leid, aber ich musste das in dem Moment ausblenden. Ich musste für meinen Großen da sein, exklusiv. Deutlich spürt man in solchen Momenten die Zerrissenheit zwischen den Bedürfnissen der Kinder und das Unvermögen bzw. die Unmöglichkeit, für beide gleichzeitig da zu sein. Der Große brauchte mich in dem Moment und der Kleinen gefiel das nicht.
Es dauerte vielleicht eine Viertelstunde, in der ich den Großen herumtrug und die Kleine (damals 2 1/2) schrie und weinte. Als ich ihn für stabil genug hielt, übergab ich ihn wieder dem Papa und Opa. Sie kümmerten sich weiter gut um ihn und sorgten für etwas Ruhe. Ich tröstete die Kleine, die sehr aufgebracht war. Sie beruhigte sich relativ schnell, als sie bei mir war, aber ich musste sie danach noch eine Weile herumtragen, bis sie wieder richtig ausgeglichen war. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass mich die ganze Situation ziemlich ausgelaugt hatte. Ich brauchte erstmal eine Weile, um mich wieder zu sammeln und all die für den Großen mitgefühlten Emotionen wieder abzuschütteln. Er hatte im weiteren Verlauf des Tages noch wunderbare Erlebnisse im Freizeitpark und war wieder gefestigt. Es war wirklich noch ein sehr schöner Tag und man hatte nicht das Gefühl, dass ihm etwas nachhing. Bis heute Morgen.
Beim Frühstück sagten wir den Kindern, dass wir heute wieder in den besagten Freizeitpark fahren wollten. Der Große zeterte wie üblich beim Anziehen und als er in Schluchzen ausbrach, kuschelten wir auf dem Sofa zusammen. Irgendwie kamen wir auf das Achterbahnerlebnis zu sprechen und er sagte von sich aus, dass er das nicht wieder machen wolle, weil ihm das zu wild war und der Wind im Gesicht wehgetan hatte. Und der Kopf so hin und hergeworfen wurde, dass ihm ganz schwindlig wurde. Er habe sich damals nicht getraut, es Papa zu sagen und hatte ja auch nicht gewusst, was auf ihn zukommt, erinnerte sich aber noch sehr gut, dass ich ihn danach lange getröstet hatte. Wir hatten in der ganzen Zwischenzeit nie wieder davon gesprochen. Ich sagte ihm, dass mein "Trick" bei unbekannten Sachen ist, ein paarmal vorher zu beobachten und dann zu entscheiden, ob es was für mich ist oder nicht. Ich weiß aber auch, dass es schwer für ihn ist, sein Gefühl durchzusetzen, wenn ihm eine andere Erwartungshaltung entgegenkommt. Das ist ein lebenslanger Lernprozess, auch für mich. Und in dem Fall hatte er ja nicht mal die Chance, zu beobachten, was ihn erwartet.
Als wir dann heute im Freizeitpark waren und zur "Familienachterbahn" kamen, schauten wir an der Seite zwei Fahrten zu. Der Große rekapitulierte nochmal kurz seine Erinnerungen und sagte deutlich, dass er aktuell nicht damit fahren wolle. Vielleicht, "wenn ich viel größer bin". Es gibt dort andere, altersangepasstere Attraktionen und wir hatten viel Spaß. Aber ich war wirklich erstaunt, wie präsent ihm selbst das Erlebnis noch war, obwohl er es nie angesprochen hatte. Für mich ist es ein weiterer Erinnerungsfetzen, den ich nie vergessen werde.
Und hier die bisherigen Erinnerungsfetzen:
Erinnerungsfetzen I
Erinnerungsfetzen II
Erinnerungsfetzen III
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Freitag, 23. Oktober 2015
Erinnerungsfetzen I - Spieleparadies im Möbelhaus
Da mein Blog ja gleichzeitig so etwas wie mein Erinnerungsalbum ist, will ich in unregelmäßigen Abständen einige Erinnerungsfetzen niederschreiben. Manche Erlebnisse haben sich so ins Gehirn eingebrannt, dass ich sie mir einfach auch hier bewahren will. Vielleicht kann ich die Bilder aus meinem Kopf dadurch irgendwie festhalten.
Seit wir Kinder haben, fieberten wir dem Tag entgegen, an dem wir den Großen mal ins Spieleparadies in einem großen Möbelhaus geben konnten. 3 Jahre alt musste er dafür werden und kurz nach seinem 3. Geburtstag, um genau zu sein 11 Tage danach, am 17. März 2014, fuhren wir an einem Regennachmittag nach der Kita ins besagte, nicht weit entfernte Möbelhaus (nicht Ikea!) und machten den Großen schon im Auto neugierig. Es war auch komplett leer, als wir ankamen, also optimale Voraussetzungen. Er zeigte sich interessiert und wir meldeten ihn am Eingang an. Der erste Schock für mich war, dass kein Elternteil mit hinein durfte. Ich versuchte noch mit der Dame am Eingang zu feilschen, da er ja gerade erst 3 geworden ist und noch nie dort war, aber es war nichts zu machen. Wir mussten mit der 10 Monate alten Kleinen draußen bleiben. Dabei wollten wir gar nicht in Ruhe einkaufen gehen, sondern ihm einfach eine neue Erfahrung und Herausforderung bieten, ihn dabei aber selbstverständlich begleiten. Sicherlich gibt es Dreijährige, die sich problemlos in einer fremden Umgebung abgeben lassen. Aber dazu gehörte unser Großer nie und das muss er auch nicht.
Wir standen also in der Eingangstür, ermutigten ihn und hielten Blickkontakt zu ihm, dessen er sich auch immer wieder vergewisserte. Er ging vorsichtig ein paar Schritte, traute sich aber erstmal nicht so richtig, ins Bällebad zu hüpfen. Er wollte gern, das sah man und hätte sich mit einem von uns zusammen auch gewagt, aber allein war es schwierig. Er sah so klein und verloren aus. Das Bild habe ich bis heute vor Augen und ich sehe ihn vor mir, wie er mit sich kämpft, uns mit großen Augen anschaut und nicht genau weiß, was er machen soll. Es lag soviel in diesem Blick, ein wenig Angst, weil er allein war, aber auch der Wille, die Herausforderung anzunehmen, Vertrauen zu uns und Rückversicherung. Wir gingen dann ein Stück zur Seite und sahen ihm durch eine Glaswand zu, wie er sich Schritt für Schritt durch die Bälle zum Kletterschiff vortastete. Dort angelangt, schaute er sich alles an und überlegte wohl, was er ausprobieren könnte. Hätte er Ruhe und Muße gehabt, hätte er sich sicherlich langsam getraut, zu klettern. Leider kamen dann die ersten anderen Kinder hereingestürmt, und ich stellte mich wohlweislich wieder an den Eingang, um so nah wie möglich bei ihm zu sein. Er zog sich aus dem Bällebad zurück und beobachtete, was die anderen, größeren Kinder machten. Sein Unwohlsein stieg und ich sah, dass er nicht mehr lange aushalten würde. Es wurde immer wilder und lauter, bis er von einem größeren Jungen angerempelt wurde. Da war es natürlich aus. Er fing an zu weinen, ich winkte ihn zu mir und brauchte lange, um das aufgebrachte kleine Menschlein zu trösten. Es war alles zuviel gewesen, die erzwungene Trennung von uns direkt nach der Kita, sein zusammengekratzter Mut und dann der Rückschlag. Er zitterte richtig am ganzen Körper. Ich konnte ihn aus tiefstem Inneren verstehen und gab alles, was ich geben konnte, um ihn aufzufangen. Langsam beruhigte er sich und der weitere Nachmittag verlief ruhig und harmonisch.
An diesem Nachmittag habe ich gedacht, wie es wäre, wenn er Eltern hätte, die ihn abhärten und stählen wollen, die sagen "Stell dich doch nicht so an!", die einfach weggegangen wären und ihn alleingelassen hätten. Manche von euch werden sagen, vielleicht hätte er dann mehr Mut aufgebracht oder sich nicht von den lauten Kindern aus dem Konzept bringen lassen. Ich glaube das nicht und ich denke auch nicht, dass ihm das gutgetan hätte. Ich möchte ihn langsam an Herausforderungen heranführen und ihn nicht ins kalte Wasser schmeißen. Dafür ist er viel zu verletzlich. Ich habe mich in dieser Situation völlig im seelischen Einklang mit ihm gefühlt und gespürt, dass er exakt mein absolutes, vorwurfsloses Verständnis gebraucht hat. Und genau da habe ich auch gedacht, dass ich die richtige Mama für ihn bin, woran ich ja ab und zu zweifle. Das war so ein inniglicher Moment und mir kommen jedesmal die Tränen, wenn ich daran denke und das Bild vor mir sehe. Ein Erinnerungsfetzen, der sich eingebrannt hat aus einer Situation, wo unsere Seelen ganz tief und fest miteinander verbunden waren.
Ich habe übrigens am nächsten Tag eine Mail an das Möbelhaus geschrieben mit der Bitte, die strenge Regelung, dass keine Eltern mit ins Spieleparadies dürfen, doch zumindest bei den kleinsten Kindern etwas aufzulockern, aber leider nie eine Antwort erhalten.
Erinnerungsfetzen II
Erinnerungsfetzen III
Seit wir Kinder haben, fieberten wir dem Tag entgegen, an dem wir den Großen mal ins Spieleparadies in einem großen Möbelhaus geben konnten. 3 Jahre alt musste er dafür werden und kurz nach seinem 3. Geburtstag, um genau zu sein 11 Tage danach, am 17. März 2014, fuhren wir an einem Regennachmittag nach der Kita ins besagte, nicht weit entfernte Möbelhaus (nicht Ikea!) und machten den Großen schon im Auto neugierig. Es war auch komplett leer, als wir ankamen, also optimale Voraussetzungen. Er zeigte sich interessiert und wir meldeten ihn am Eingang an. Der erste Schock für mich war, dass kein Elternteil mit hinein durfte. Ich versuchte noch mit der Dame am Eingang zu feilschen, da er ja gerade erst 3 geworden ist und noch nie dort war, aber es war nichts zu machen. Wir mussten mit der 10 Monate alten Kleinen draußen bleiben. Dabei wollten wir gar nicht in Ruhe einkaufen gehen, sondern ihm einfach eine neue Erfahrung und Herausforderung bieten, ihn dabei aber selbstverständlich begleiten. Sicherlich gibt es Dreijährige, die sich problemlos in einer fremden Umgebung abgeben lassen. Aber dazu gehörte unser Großer nie und das muss er auch nicht.
Wir standen also in der Eingangstür, ermutigten ihn und hielten Blickkontakt zu ihm, dessen er sich auch immer wieder vergewisserte. Er ging vorsichtig ein paar Schritte, traute sich aber erstmal nicht so richtig, ins Bällebad zu hüpfen. Er wollte gern, das sah man und hätte sich mit einem von uns zusammen auch gewagt, aber allein war es schwierig. Er sah so klein und verloren aus. Das Bild habe ich bis heute vor Augen und ich sehe ihn vor mir, wie er mit sich kämpft, uns mit großen Augen anschaut und nicht genau weiß, was er machen soll. Es lag soviel in diesem Blick, ein wenig Angst, weil er allein war, aber auch der Wille, die Herausforderung anzunehmen, Vertrauen zu uns und Rückversicherung. Wir gingen dann ein Stück zur Seite und sahen ihm durch eine Glaswand zu, wie er sich Schritt für Schritt durch die Bälle zum Kletterschiff vortastete. Dort angelangt, schaute er sich alles an und überlegte wohl, was er ausprobieren könnte. Hätte er Ruhe und Muße gehabt, hätte er sich sicherlich langsam getraut, zu klettern. Leider kamen dann die ersten anderen Kinder hereingestürmt, und ich stellte mich wohlweislich wieder an den Eingang, um so nah wie möglich bei ihm zu sein. Er zog sich aus dem Bällebad zurück und beobachtete, was die anderen, größeren Kinder machten. Sein Unwohlsein stieg und ich sah, dass er nicht mehr lange aushalten würde. Es wurde immer wilder und lauter, bis er von einem größeren Jungen angerempelt wurde. Da war es natürlich aus. Er fing an zu weinen, ich winkte ihn zu mir und brauchte lange, um das aufgebrachte kleine Menschlein zu trösten. Es war alles zuviel gewesen, die erzwungene Trennung von uns direkt nach der Kita, sein zusammengekratzter Mut und dann der Rückschlag. Er zitterte richtig am ganzen Körper. Ich konnte ihn aus tiefstem Inneren verstehen und gab alles, was ich geben konnte, um ihn aufzufangen. Langsam beruhigte er sich und der weitere Nachmittag verlief ruhig und harmonisch.
An diesem Nachmittag habe ich gedacht, wie es wäre, wenn er Eltern hätte, die ihn abhärten und stählen wollen, die sagen "Stell dich doch nicht so an!", die einfach weggegangen wären und ihn alleingelassen hätten. Manche von euch werden sagen, vielleicht hätte er dann mehr Mut aufgebracht oder sich nicht von den lauten Kindern aus dem Konzept bringen lassen. Ich glaube das nicht und ich denke auch nicht, dass ihm das gutgetan hätte. Ich möchte ihn langsam an Herausforderungen heranführen und ihn nicht ins kalte Wasser schmeißen. Dafür ist er viel zu verletzlich. Ich habe mich in dieser Situation völlig im seelischen Einklang mit ihm gefühlt und gespürt, dass er exakt mein absolutes, vorwurfsloses Verständnis gebraucht hat. Und genau da habe ich auch gedacht, dass ich die richtige Mama für ihn bin, woran ich ja ab und zu zweifle. Das war so ein inniglicher Moment und mir kommen jedesmal die Tränen, wenn ich daran denke und das Bild vor mir sehe. Ein Erinnerungsfetzen, der sich eingebrannt hat aus einer Situation, wo unsere Seelen ganz tief und fest miteinander verbunden waren.
Ich habe übrigens am nächsten Tag eine Mail an das Möbelhaus geschrieben mit der Bitte, die strenge Regelung, dass keine Eltern mit ins Spieleparadies dürfen, doch zumindest bei den kleinsten Kindern etwas aufzulockern, aber leider nie eine Antwort erhalten.
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