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Freitag, 28. September 2018

Ratgeber für Eltern hochsensibler Kinder: "Alle Antennen auf Empfang" (Rezension)

Ich freue mich, euch ein brandneues Buch über hochsensible Kinder vorzustellen, das gerade im Humboldt Verlag erschienen ist. Es handelt sich um das Buch "Alle Antennen auf Empfang"* von der Bloggerin Mira Mondstein und dem Familien- und Paartherapeuten Deva Wallow. Da ich die meisten Bücher über hochsensible Kinder kenne und auch schon einige rezensiert habe, war ich sehr gespannt, ob das Buch neue Informationen für mich beinhalten würde. Es wird explizit als "der praktische Ratgeber" vorgestellt, und das ist es auch. Es ist also kein wissenschaftliches Grundlagenwerk über Hochsensibilität, sondern tatsächlich ein ausführlicher Ratgeber, mit vielen praktischen Tipps, Anregungen, Hilfestellungen und Strategien für den Alltag.

Nach dem Einführungskapitel über Hochsensibilität im Allgemeinen folgen drei umfangreiche Kapitel, die die Lebensphasen von kleinen Kindern behandeln und auf spezielle Herausforderungen in diesen Phasen eingehen. Es wird das Baby- und Kleinkindalter, das Kindergartenalter und das Grundschulalter beschrieben. Danach folgen "Überlebensstrategien im Alltag" sowie Kopiervorlagen für Pädagogen und Bezugspersonen hochsensibler Kinder und ein Test. Im ganzen Buch finden sich Fallgeschichten und Berichte von Eltern zu bestimmten Situationen, die im Leben mit einem hochsensiblen Kind auftreten und herausfordernd sein können, z.B. Urlaub, Kälte, Hunger etc. Die Autoren haben auch eine spezielle Webseite zum Informieren und Weiterlesen eingerichtet: https://www.hochsensibleskind.org/.

Wer ein Schreibaby hat, bei dem sich keinerlei körperliche Ursachen finden lassen, der findet in diesem Buch einige hilfreiche Anregungen, wie der aufreibende Alltag mit solch einem Kind entstresst und erleichtert wird. Wer ein Kleinkind hat, das sich mit der Kita-Eingewöhnung extrem schwer tut, der erhält Tipps für eine sanfte Eingewöhnung, die sich an den speziellen Bedürfnissen hochsensibler Kinder orientiert. Fast alle Herausforderungen, die mit hochsensiblen Kindern auftreten können, werden angesprochen, z.B. die Themen Schlaf, Essverhalten, Kleidung, Kranksein, Waschen, Medizin, Medienkonsum, Ängste, Sozialverhalten etc. In jedem Bereich liefern die Autoren kurze Erklärungen für bestimmte Schwierigkeiten und gleichzeitig auch Anregungen für einen konstruktiven Umgang der Eltern und Bezugspersonen damit. Besonders originell und hilfreich fand ich die kurzen Sequenzen zu Kindergeburtstagen, zu Gesellschaftsspielen und zum Zahnarztbesuch sowie zum Thema Brillenträger, wozu ich meiner Erinnerung nach noch nie etwas in Hinblick auf hochsensible Kinder gelesen hatte. Wirklich toll!


Danach geht es mit dem Thema Schule weiter, einem für alle, aber besonders für hochsensible Kinder heiklen Übergang, dessen Gelingen an vielen verschiedenen, oft nicht beeinflussbaren Faktoren hängt. Die Autoren plädieren nicht für eine bestimmte Schulform, regen aber an, sich im Vorfeld gründlich mit verschiedenen Schulen zu befassen und genau hinzuschauen, was das Kind speziell braucht und was ihm helfen würde. Möglicherweise ist eine alternative Schule besser geeignet als eine staatliche, aber vielleicht sind auch andere Umstände wichtiger:
"Nicht zuletzt kann es für einen guten Start eures Kindes in seine Schullaufbahn aber auch entscheidender sein, mit befreundeten Kindern aus dem Kindergarten in dieselbe Klasse zu gehen." (S. 111)
Letzteres war beispielsweise bei uns der Fall: für meinen Sohn waren die Kontinuität des äußeren Umfelds, die bekannten sozialen Kontakte und nicht zuletzt die klare Struktur an seiner Regelschule eine große Hilfe bei seinem erfolgreichen Schulstart. Für ein anderes hochsensibles Kind mögen sicherlich andere Kriterien entscheidend sein.

In dem Kapitel Schule wird auf verschiedene Probleme wie Erschöpfung, psychosomatische Beschwerden, Leistungsdruck, Überreizung, Mobbing, Unverständnis, Perfektionismus etc. eingegangen, ebenso auf den Unterschied zwischen Hochsensibilität und ADHS. In sehr plastischen Fallgeschichten erkennt man sich und sein Kind oft wieder und erhält gleichzeitig Tipps für den Umgang mit Schwierigkeiten.

Zum Schluss folgen die "Überlebensstrategien im Alltag". Dort sind zum Beispiel Ratschläge zur geeigneten Kinderzimmereinrichtung für ein hochsensibles Kind, für Umzüge und deren Vorbereitung und Strategien zum Stressabbau zu finden. Viele Anregungen und Tipps sind aber auch schon in den vorhergehenden Kapiteln enthalten. Es gibt am Ende auch eine kurze Passage zum Thema "Was können Eltern für sich tun?", ein Bereich, den man keinesfalls ausklammern sollte, da es im Zusammenleben mit hochsensiblen Kindern essentiell wichtig ist, auch auf die eigenen Ressourcen zu achten.

Die Kopiervorlagen für Erzieher/ Betreuer/ Lehrer von hochsensiblen Kindern sowie ein Test für die Eltern, um einzuschätzen, ob ihr Kind hochsensibel sein könnte, runden das Buch ab.

Mein Fazit:

Die Autoren von "Alle Antennen auf Empfang"* haben sehr viele praktische Hilfestellungen und Geschichten von Eltern hochsensibler Kinder zusammengetragen und gebündelt. Das Buch ist wunderbar praxisnah, empathisch und mit einem liebevollen Blick geschrieben. Das Layout finde ich persönlich sehr ansprechend, es macht Freude, das Buch zur Hand zu nehmen und darin zu blättern.

Als ausführliche Einführung in das Thema Hochsensibilität ist das Buch nicht gedacht, die Einleitung fällt wirklich sehr knapp aus. Wenn man aber konkrete Hilfestellungen und Strategien für spezielle, immer wiederkehrende Schwierigkeiten im Zusammenleben mit hochsensiblen Kindern sucht, wird man hier fündig. Man erfährt, dass auch andere Eltern vor bestimmten Problemen stehen, die mit nicht hochsensiblen Kindern nicht existieren, und fühlt sich verstanden.

Ich selbst habe mir im Laufe der Jahre viele nützliche Strategien für den Umgang mit meinem Sohn selbst erarbeitet oder zufällig herausgefunden. Wir sind mittlerweile ein ganz gut aufeinander eingespieltes Team. Einige "Baustellen" gibt es zwar noch, bei denen auch keine der im Buch beschriebenen Strategien hilft, aber insgesamt weiß ich, worauf ich bei ihm achten muss. Das war aber ein jahrelanger Prozess des Suchens und Erkennens, den solch ein Buch hätte erleichtern können. Für Eltern, die sich gerade am Anfang des gemeinsamen Weges mit ihrem hochsensiblen Kind befinden, ist das Buch sehr bereichernd.

Ich empfehle das Buch deshalb sehr gern als - wie es im Untertitel steht - praktischen Ratgeber für Eltern hochsensibler Kinder.

Die Eckdaten:

Mondstein, Mira/ Wallow, Deva: Alle Antennen auf Empfang. Der praktische Ratgeber für Eltern von hochsensiblen Kindern*, Humboldt Verlag, August 2018, 184 Seiten, ISBN 978-3869106410, 19,99 €

Vielen Dank an den Humboldt Verlag für das Rezensionsexemplar.

Alle weiteren Rezensionen von mir findet ihr hier.



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Copyright Bilder: Humboldt Verlag, Frühlingskindermama

Mittwoch, 4. Oktober 2017

"Die entspannte Familie" - gibt es dafür ein Patentrezept? (Rezension)

Heute möchte ich euch ein Buch vorstellen, das mich sehr interessierte, weshalb ich es mir als Rezensionsexemplar bestellte, das aber insgesamt ein zwiespältiges Gefühl bei mir hinterlassen hat. Es handelt sich um "Die entspannte Familie"* von Simone Kriebs aus dem Gütersloher Verlagshaus, erschienen im Februar 2017. Da ich uns als Familie nicht unbedingt als entspannt bezeichnen würde, war und bin ich sehr erpicht darauf, vielleicht Tipps und Strategien zu bekommen, wie man das Familienleben entzerren und insgesamt harmonischer gestalten kann. Und vor allem dafür, wie wir Eltern vielleicht manchmal etwas weniger genervt und angespannt agieren können, wenn wir selbst am Limit sind. Denn bei uns schaukeln sich negative Gefühle schnell hoch und potenzieren sich, weil wir uns alle nicht gut abgrenzen und unsere Bedürfnisse nicht konstruktiv äußern können. Das ist ungut und ich würde gern einen anderen Weg finden, damit umzugehen.

Das Inhaltsverzeichnis mit den interessanten Kapitelüberschriften und die Einleitung wecken auf jeden Fall Interesse und lassen auf spannende Anregungen hoffen. Die Grundannahmen des Buches orientieren sich an Jesper Juul: Gleichwürdigkeit, Authentizität, Respekt, Integrität. Die Autorin hält dazu an, sich mit der eigenen inneren Haltung auseinanderzusetzen: "Ich glaube, dass ein respektvolles Miteinander in einer Familie sich nur entwickeln kann, wenn die Erwachsenen bereit sind, sich mit ihren unbewussten 'Programmen' zum Thema Erziehung auseinanderzusetzen." (S. 9) Dem stimme ich absolut zu, aber einfach ist das natürlich nicht und zwei verschiedene Elternteile werden das möglicherweise in sehr unterschiedlichem Maße bewerkstelligen. Doch ist es zu Recht einer der wichtigsten Ansatzpunkte für eine entspanntere Familie.

Dazu gehört beispielsweise, Verantwortung für die eigenen Gefühle zu übernehmen und dadurch unseren Kindern den konstruktiven Umgang mit Emotionen vorzuleben. Das stärkt sie und vermittelt Strategien, um Lösungen für Konflikte zu suchen und zu finden. Das Vorleben durch die Eltern ist dafür elementar. Allerdings weckten schon hier einige Aussagen meinen Widerstand, z.B.: "Jedoch hat die genetische Anlage der Gefühle wenig Einfluss darauf, wie wir mit unseren Emotionen umgehen. Wie Gefühle gezeigt werden, ist Teil unserer Sozialisation." (S. 41) Das halte ich nur bedingt für richtig, denn unterschiedliche Persönlichkeiten, die identisch sozialisiert wurden (wie Geschwister) äußern ihre Gefühle meist auch sehr verschieden. Der eine trägt sie auf der Zunge, der andere braucht lange, um aufzutauen, ein dritter sorgt sich mehr um die Gefühle anderer als um die eigenen.

Bei meinen Kindern und anderen Geschwistern sehe ich tagtäglich, dass das Vorbild der Eltern nur marginal Einfluss auf die Art und Weise hat, wie Gefühle geäußert und verarbeitet werden. Das ist mehr oder weniger Veranlagungssache, mit kleinen Einflussmöglichkeiten seitens der Eltern. Es stimmt meiner Meinung nach nicht, dass Kinder so reagieren werden, wie sie sich das von den Eltern abschauen. Solche verallgemeinerten Aussagen wecken immer Widerspruch in mir, und davon gibt es in dem Buch noch einige mehr. Dabei erwähnt die Autorin selbst auf S. 56f. die Unterschiedlichkeit und Individualität von Geschwistern. Generell habe ich des öfteren beim Lesen des Buches mit dem Kopf geschüttelt oder ein "Nein!" an den Rand geschrieben, besonders bei Aussagen wie: "Sind die Eltern entspannt, treffen wir auch auf entspannte Kinder!" (S. 142) Das ist nicht nur falsch, sondern triggert und weckt Schuldgefühle. Keiner, der einen Erziehungsratgeber schreibt, sollte mit solchen unreflektierten Aussagen um sich werfen.

Welches sind denn nun die Ansatzpunkte für eine entspannte Familie? Die Autorin nennt viele kleine Bausteine, die dazu beitragen können, dass sich Eltern und Kinder besser verstehen, Konflikte konstruktiv und liebevoll gelöst werden und jeder sich gesehen fühlt. Es geht um Respekt, Gefühle erkennen und benennen, Selbstvertrauen stärken, Autonomie und Verantwortung, Grenzen achten, Authentizität, Selbstfürsorge von Eltern, Gelassenheit und Zeit. Alles keine bahnbrechenden Ansätze, alles gut bekannt, wenn man einige Bücher von Jesper Juul und anderen gelesen hat. Sehr viel Wert legt die Autorin zu Recht auf das Erkennen alter erlernter Erziehungsmuster, die die Beziehung zu unseren Kindern erschweren: "In Momenten, in denen Eltern nicht weiterwissen, greifen sie gerne auf Verhaltensweisen zurück, die sie eigentlich für sich ablehnen." (S. 84) Es braucht Kraft, Disziplin und Selbsterkenntnis, aus solchen Mustern auszusteigen und neue Wege zu beschreiten, die nichts mit den erlernten oder selbst erfahrenen Wegen zu tun haben. Aber es lohnt sich und bringt Entspannung in der Familie mit sich (allerdings nur, wenn der andere Elternteil diesen Weg mitgeht; ansonsten gibt es eher noch mehr Konflikte. Anm. von mir).

Bereichernd fand ich folgende Aussage, die direkt damit zu tun hat: "Dagegen kann es für die ganze Familie entspannend wirken, wenn die Erwachsenen ihre eigenen Muster erkennen, mit denen sie bestimmte Verhaltensweisen beim Kind stabilisieren." (S. 87) Sie schlägt vor, in angespannten Situationen bewusst anders zu reagieren bzw. zu handeln als bisher (als es die Kinder kennen) und dadurch eine unerwartete Gegenreaktion oder bestenfalls Befriedung der Situation auszulösen. "Denn wenn einer das Muster verändert, passt auch nicht mehr das Muster der anderen." (S. 88) Auch sollten Eltern ihren Kindern die Möglichkeit geben, Selbstregulierung und Stressresistenz zu lernen, anstatt alles Unbequeme für sie aus dem Weg zu räumen. Dass aber auch dies von individuellen Voraussetzungen abhängt und in sehr unterschiedlichem Maße und Tempo voranschreiten kann, wird nicht erwähnt. Stattdessen kam mir das Buch streckenweise wie ein Ratgeber der Sorte "Drücke Knöpfchen A, dann passiert folgendes...!" vor. Auf solche Vereinfachungen reagiere ich nicht nur grundsätzlich, sondern auch aus meiner Erfahrung heraus allergisch.

Im letzten Teil gibt es noch einige Gedanken zum Thema Schule, das ja für mich seit der Einschulung meines Großen nun auch relevant ist. Durch den zunehmenden Leistungs- und Zeitdruck können neue und stärkere Konflikte in Familien aufbrechen und zum Teil somatische Beschwerden bei Kindern entstehen, wenn sie ihre Gefühle unterdrücken müssen. Es ist wichtig, Kinder einfühlsam und verständnisvoll durch schwierige Phasen zu begleiten. Manchmal muss man auch unkonventionelle Wege gehen, zum Wohle des Kindes. So berichtet die Autorin, dass eine Mutter, deren Sohn immer wieder über Bauchschmerzen klagte, wenn der schulische Druck zu hoch wurde, einen Weg fand, ihrem Sohn entgegenzukommen, ohne dass er eine körperliche Symptomatik entwickeln musste: sie schenkte ihm Gutscheine für 3 Zuhause-Tage pro Halbjahr, die er unter bestimmten Bedingungen einlösen konnte. Manchmal muss man auch solche unkonventionellen Lösungen finden, wenn es dem Wohlbefinden eines Familienmitgliedes und damit einer entspannten Familie dient.

Insgesamt hatte ich beim Lesen des Buches sehr zwiespältige Gefühle. Mit den Juulschen Grundannahmen stimme ich absolut überein, aber viele pauschalisierende Aussagen des Buches riefen Widerstand in mir hervor. Erziehung bzw. Beziehung zu Kindern ist eine komplexe Aufgabe, an der alle beteiligten Seiten arbeiten und wachsen müssen. Es gibt kein Schema F, was bei allen funktioniert, es gibt immer wieder Überraschungen, neue komplexe Situationen und vor allem individuell verschiedene Voraussetzungen. Dessen wird mir zu wenig Rechnung getragen. Ansonsten gibt es hilfreiche Ansätze, die besonders für Eltern interessant sein können, die sich noch wenig mit Prinzipien wie Gleichwürdigkeit, Authentizität und Integrität beschäftigt haben.

Fazit: Eine entspannte Familie möchte sicherlich jeder haben, aber es gibt dafür kein Patentrezept!

Die Eckdaten:
Simone Kriebs: Die entspannte Familie. Wie man aus einer Mücke keinen Elefanten macht*, Gütersloher Verlagshaus, Februar 2017, 224 Seiten, ISBN 978-3579086668, € 17,99


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Mittwoch, 29. März 2017

Zur Mutter-Kind-Kur mit dem Großen: Zwischenstand nach einer Woche

Heute sind wir genau eine Woche auf unserer Mutter-Kind-Kur und, so wie ich heute eine kleine Zwischenvisite hatte, möchte ich auch einen kleinen Zwischenbericht schreiben. Die ersten Tage waren wir mit der Umstellung und dem Einleben beschäftigt, lernten die Umgebung kennen und mussten schauen, wie der Hase läuft. Ich hatte ärztliche und psychologische Termine, der Große schnupperte in seiner Kinderbetreuung und dann startete das Kursprogramm. Wir hatten wunderschönes Wetter und verbrachten viel Zeit draußen am Strand und im Wald. Die ersten Tage hat der Große alles wunderbar mitgemacht, war sehr kooperativ und wirkte auch zufrieden. Die letzten beiden Tage hatte er einen Durchhänger, der sich deutlich bemerkbar macht.

Mir gefällt es sehr gut, ich bin positiv überrascht und fühle mich grundsätzlich wohl. Meine Kurse/ Anwendungen sind angenehm, zusätzliche Termine habe ich abgelehnt, weil ich lieber mehr Zeit für mich haben möchte. Den langsamen Start in der Kinderbetreuung empfand ich als sehr positiv und ich hatte die Hoffnung, dass der Große sie problemlos akzeptiert, was am Anfang auch der Fall war. Leider fällt es ihm mit jedem Tag schwerer, mich loszulassen und seine Betreuung dort zu akzeptieren. Das ist aber unabdingbar dafür, dass ich meine Termine wahrnehmen kann und mich erhole. Immerhin ist es insgesamt eine kürzere Betreuung als zuhause, an vielen Tagen nur halbtags und wenn der Mann und die Kleine zu Besuch kommen, können wir ihn natürlich auch ganz herausnehmen. Aber man darf eben nicht vergessen, dass es eine komplett neue Situation für die Kinder ist, fremde Erzieher, fremde Kinder, fremde Räumlichkeiten, und sie sich auch erstmal an den anderen Rhythmus gewöhnen müssen. Fast alle Kinder tun sich mit der Betreuung dort schwer. Durch das enge Zusammensein mit der Mama sind sie halt auch viel stärker als vielleicht zuhause auf sie fixiert und empfinden eine Trennung umso schmerzhafter. Dazu kommt Heimweh und Vermissen, ungewohntes Essen und möglicherweise auch ein verändertes Verhalten der Bezugsperson.

Mir fällt es hier deutlich schwerer als zuhause, ihn abzugeben, wenn er traurig und widerwillig ist. Er hat sich noch nie leicht mit Betreuung getan und das ist in 5 Jahren Kita auch nicht wesentlich leichter geworden. Auch zuhause ist er jeden Morgen traurig, hat Probleme mit dem Situationswechsel und würde, wenn man ihm die Wahl ließe, sich immer für's Zuhause-Bleiben entscheiden. Die Wahl haben wir natürlich nicht. Hier gäbe es zwar die Option, ihn gar nicht betreuen zu lassen, was bedeuten würde, dass ich meine Termine nicht wahrnehmen könnte und auch keinerlei Zeit für mich hätte. Das kann nicht Sinn und Zweck der Kur sein. Allerdings finde ich es wirklich deutlich belastender, ihn hier wegen meiner Massagen, Wassergymnastik oder einem Selbstfürsorge-Kurs abzugeben als wegen der Arbeit. Das schlechte Gewissen lässt grüßen. Sobald Mama etwas für sich tut, meldet es sich und dann kann ich die Zeit eben auch nicht genießen. Klar kommt eine erholte Mama auch dem Kind zugute, aber Erholung tritt nur ein, wenn der Kopf sich ausschaltet und man nicht den ganzen Tag grübelt und traurig ist. Ein schwieriges Dilemma. Ich hatte gehofft, dass das einfacher wird.


Was mich betrifft, so merke ich, dass ich zwar im Großen und Ganzen gelassener, geduldiger und ausgeglichener bin, allerdings in Gesprächen oder Gesprächskreisen sehr viele Emotionen hochkommen und schon Stichworte wie Selbstfürsorge genügen, um mir das Wasser in die Augen zu treiben. Es sind sehr viele unbearbeitete, unterdrückte Themen da, die nur angetippt werden, und ich hoffe, dass es demnächst noch ein wenig in die Tiefe geht. Denn was mir immer stärker bewusst wird, ist, dass ich etwas in meinem Leben ändern müsste, aber das gar nicht möglich ist, ohne entweder jemanden anderen oder mich selbst zu schädigen. Und dass viele Dinge im Rahmen der Möglichkeiten schon optimiert sind, der Rest jedoch einfach nicht änderbar ist. Im Prinzip habe ich alles, was ich hier erfahre, schon hunderte Male durchdacht und gedanklich gewälzt.

Weiterhin merke ich immer deutlicher, dass ich einfach nur allein sein und meine Ruhe haben will. Weder möchte ich am Tisch mit anderen Leuten zusammen essen und das gleiche Theater haben wie zuhause noch möchte ich die Intensität und Exklusivität im Zusammensein mit dem Großen dadurch aufweichen, indem ich mit anderen Mamas und deren Kindern Ausflüge etc. mache. Wir sind eine nette Gruppe und einige haben sich gleich von Anfang an zusammen getan, aber ich will das nicht, mir ist das schon zuhause zuviel und ich genieße es gerade hier so, dass ich Ruhe allein oder zu zweit habe. Das war ja auch eines meiner wichtigsten Ziele für die Kur, nicht nur für mich, sondern auch für den Großen, der oft ebenfalls unter dem häuslichen Trubel, den Geschwisterkonflikten und fehlenden Rückzugsmöglichkeiten leidet. Es scheint aber so, als würde er doch auch mittlerweile andere Kinder vermissen. Nun waren blöderweise seine beiden Freunde seit 3 Tagen in Quarantäne und das merkt man ihm an. Wäre das nicht passiert, würde er vielleicht heute nicht so traurig und ablehnend sein, wie er ist. Dadurch, dass ich die Einsamkeit suche, hat er eben auch nicht so die Chance, andere Freunde zu finden. Deshalb war ich heute Abend bewusst mit ihm im Tobe- und Spielraum (was ich nicht mag) und er hat es sichtlich genossen, mit ein paar anderen Kindern zu spielen. Danach ging es ihm besser, was mir wiederum auch sehr gut tat.

Insgesamt kommen wir gut miteinander klar, bis auf immer wiederkehrende Dinge, die auch zuhause ein Problem sind (Anziehen...). Er hat viel weniger Frust auszuhalten als zuhause, der durch die Schwester und auch den Papa entsteht, wie er mehrfach sagte. Die Kämpfe und Scharmützel fallen vollständig weg und das tut ihm gut und mir genauso. Die ständigen Ausraster oder Boykotte wie in letzter Zeit zuhause fehlen weitestgehend. Daran sieht man, wie ihn die häusliche Situation doch unter Stress setzt bzw. diesen noch verstärkt. Ich finde es schön, ihn so ruhig zu erleben und weiß, dass er noch viel mehr solcher Zeiten zuhause brauchen würde.

Für mich kann ich auch sagen, dass ich den physischen Abstand zu meiner Kleinen sehr genieße. Sie ist ja ein sehr körperbetontes Kind und ich habe sie seit fast 4 Jahren täglich (und nachts) an mir "kleben". Außerdem darf viele Dinge immer noch nur ich machen und ich empfinde das manchmal als sehr einschränkend. Im Moment fühle ich mich deshalb so ein klitzekleines Bisschen wie der Mensch, der ich vor meinen Kindern war, auch wenn der Große bei mir ist, und das ist definitiv ein angenehmes Gefühl. Leider werde ich das zurück im Alltag wohl nicht bewahren können.

Nun bin ich erstmal auf den Besuch des Restes der Familie am Wochenende gespannt und welche Dynamik dadurch entsteht. Für uns liegen noch zwei weitere Wochen Kur vor uns und ich freue mich darauf. Und hoffe inständig, dass der Große wieder etwas bereitwilliger in die Betreuung geht. Denn damit steht und fällt alles.

Montag, 25. April 2016

Von Energie-Tankstellen und Zaubersätzen: "Das Handbuch für Superfühlkrafthelden" (Buchrezension mit Verlosung)

Nach meinen Rezensionen von zwei Büchern nicht über, sondern FÜR hochsensible Kinder (Philipp zähmt den Grübelgeier und Wie Betty das Wut-Gewitter bändigt) freue ich mich, ein neues Buch der Autorin Petra Neumann vorzustellen, die sich in vielerlei Hinsicht sehr aktiv dafür einsetzt, dass das Thema "Hochsensible Kinder" bekannter und akzeptierter wird. Nach ihrem hochgelobten Buch Henry mit den Superkräften hat sie gerade ein Nachfolgebuch mit dem Titel Das Handbuch für SuperFÜHLkrafthelden veröffentlicht und mir freundlicherweise zur Rezension zur Verfügung gestellt.

Es ist ein ungewöhnliches Buch, was man schon beim Aufschlagen bemerkt. Es bietet Kindern nämlich zwischendurch die Möglichkeit, eigene Gedanken und Bemerkungen hineinzuschreiben. Und es richtet nach jedem Kapitel ein paar erklärende Sätze an die Eltern hochsensibler Kinder. Insofern ist das Buch ein absolutes Novum unter den Kinderbüchern für hochsensible Kinder und eine tolle Idee der Autorin. Kinder können dadurch nicht nur ihre Identifikationsfiguren und deren Strategien zur besseren Bewältigung ihrer hochsensiblen Wesenszüge kennenlernen, sondern auch selbst damit arbeiten. Und die Eltern bekommen einige Hintergrundinformationen sowie ebenfalls Hilfestellungen zum Umgang mit ihren hochsensiblen Kindern.

In ihrem Erstlingswerk Henry mit den Superkräften erzählt Petra Neumann am Beispiel des achtjährigen Henry in 10 Geschichten von den Herausforderungen hochsensibler Kinder, z.B. Trennungsschmerz, Veränderungen, Wettbewerbe, Angst, Gedankenspiralen, Wut etc. Es werden Probleme und Schwierigkeiten benannt sowie Tipps, Lösungsvorschläge und Strategien spielerisch eingebaut. Und vor allem versucht sie, den Kindern (und Eltern) ihre hochsensiblen Eigenschaften als Superfühlkraft zu vermitteln, um einen positiven, stärkenden, wertschätzenden Umgang herbeizuführen.

Das neue Buch soll nun explizit ein Handbuch für SuperFÜHLkrafthelden sein, d.h. Anleitungen, Tipps und Tricks für Kinder geben, um vielleicht besser mit ihrer speziellen Veranlagung klarzukommen. Es beinhaltet wieder 10 Kapitel und diesmal sind sowohl der nun neunjährige Henry als auch seine siebenjährige Schwester Johanna die Protagonisten, die die Leser durch das Buch geleiten. Themen wie angemessene Abgrenzung, Freundschaften, das Stoppen des Gedankenkarussells, Energie-Tankstellen (ein wunderbar treffendes Wort), Loslass-Training und Wut werden angesprochen und konkrete Bewältigungsstrategien für hochsensible Kinder aufgezeigt. Das lesende Kind wird aktiv einbezogen und zur Interaktion angeregt. Das ist wirklich eine tolle Idee.

Im Kapitel "Energie-Tankstellen" beispielsweise wird hochsensiblen Kindern nahegebracht, dass sie erkennen sollen, wodurch sie Kraft auftanken, und dass sie darauf achten müssen, dies regelmäßig zu beherzigen: "Bei der Superfühlkraft ist das nun auf den ersten Blick nicht ganz so einfach, die Sache mit dem Tanken. Denn das "Benzin" ist für jeden Superfühlkraftler ein anderes. Hier ist es nun ganz dolle wichtig, dass du herausfindest, was genau dir gut tut und Kraft gibt. Und dass du dir dann immer wieder auch die Zeit nimmst, dich darum zu kümmern, dass dein "Tank" wieder befüllt wird."

Das Buch ist wunderbar kindgerecht, anschaulich und realitätsnah geschrieben und mit kleinen Illustrationen gespickt. Es gibt hochsensiblen Kindern wertvolle Hilfestellungen und Strategien an die Hand, um positiv und konstruktiv mit ihrer "Superfühlkraft" umzugehen. Sie werden dadurch angeleitet, selbstständig herauszufinden, was ihnen gut tut und wie sie ihren Weg gehen können. Sehr angenehm sind auch die kurzen Passagen, die sich an die Eltern richten und die Botschaft des jeweiligen Kapitels zusammenfassen. Das Buch ergänzt das "Henry"-Buch, ist aber auch einzeln problemlos zu lesen. Ich wünsche dem Buch viele aufgeschlossene, neugierige Leser, denen die Tipps von Henry und Johanna weiterhelfen.

Die Eckdaten:
Petra Neumann: Das Handbuch für SuperFÜHLkrafthelden: Henry und Johanna öffnen ihre Trickkiste, AMH Natürlich Leben Verlag, April 2016, 105 Seiten, ISBN 978-3-9816571-3-5, € 9,95

Verlosung

Ich freue mich, ein weiteres Exemplar des Buches Das Handbuch für SuperFÜHLkrafthelden verlosen zu dürfen. Um in den Lostopf zu hüpfen, hinterlasst mir bitte hier einen Kommentar darüber, was euch an dem Thema interessiert und, falls ihr ein hochsensibles Kind habt, welche Strategien ihr als besonders wichtig für hochsensible Kinder anseht. Zusätzlich würde ich mich freuen, wenn ihr mir auf Facebook folgt und mir hier ein Herzchen gebt. Ist aber keine Bedingung. Bitte gebt euren Namen an, sonst kann ich euch nicht berücksichtigen!

Die Verlosung läuft bis zum 08.05.2016, 23:59 Uhr. Unter allen bis dahin eingehenden Kommentaren wird der Gewinner/die Gewinnerin ausgelost und hier sowie auf Facebook bekanntgegeben. Die Verlosung steht in keinem Zusammenhang mit Facebook. Versand nur innerhalb Deutschlands. Mindestalter 18 Jahre. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Viel Glück!
Danke an die Autorin für das Rezensions- und das Verlosungsexemplar.

09.05.2016: Ich habe ausgelost: die Gewinnerin ist Mo Zart. Herzlichen Glückwunsch, meine Liebe!
 
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