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Donnerstag, 20. Juli 2017

Wo ist mein Sonnenschein hin?

Die Kleine treibt mich in den Wahnsinn. Wo ist mein pflegeleichtes Baby und Kleinkind hin? Bei dem ich (fast) immer wusste, was ich machen, wo ich ansetzen und wie ich es auffangen kann. Ich weiß aktuell nicht mehr, wie ich mit ihr umgehen soll. Bin rat- und hilflos. Kann sie nicht mehr liebevoll und geduldig begleiten. Sie überschreitet alle Grenzen, ist körperlich aggressiv gegen uns und ihren Bruder, schreit und kreischt bei jeder Kleinigkeit, rastet komplett aus. Macht fast täglich Sitzstreik auf der Straße, rennt vor Autos, läuft einfach weg. Sie stört, wo sie nur kann, sie zerstört mutwillig Dinge vom Großen, reißt alles an sich. Das Zusammenleben mit ihr gleicht einem Gang über ein Minenfeld, man kann eigentlich nur alles falsch machen und verlieren. Morgens Geschrei, nachmittags Boykott und Verweigerung, abends Geschrei. Jede Mahlzeit ist ein Desaster. Zwischendurch wird man gehauen, getreten, beschimpft sowie mit Forderungen bombardiert. Sie wirft mit Schimpfwörtern um sich, die der Große noch nie benutzt hat, und das in einer Frequenz, die unerträglich ist. Sie ist keine 2 Jahre alt, auch nicht 3, sondern 4 1/4. In diesem Alter war der Große aus der schlimmsten Zeit raus und es wurde langsam einfacher mit ihm. 4 Jahre, das war für mich immer das Alter, wo es einfacher wird. Mit ihr ist es das Gegenteil.

Sie war immer mein kleiner Sonnenschein, witzig, charmant, lebensfroh, schlagfertig, intelligent, schnell, schlau, liebevoll, anschmiegsam. Ich konnte sie immer gut händeln und wusste meist, wie ich sie wieder erde, wenn sie außer sich war. Sie ließ Trost immer irgendwann zu und tankte viel durch körperliche Zuwendung auf. Lange, sehr lange Zeit brauchte sie eigentlich nur Mama, dann war sie zufrieden und ausgeglichen. Zur Zeit schlägt sie nur um sich, verbal und physisch, und wir erkennen sie nicht wieder. Sie lacht kaum noch, von ihrem neckischen Wesen ist nichts mehr zu erkennen. Klar hatte auch sie, wie jedes Kind, schon immer schwierigere, unzufriedene Momente oder auch Phasen, in denen der Mann, die Großeltern oder die Erzieherinnen deutlich machten, dass sie nicht an sie herankämen. Aber da war ja immer noch ich, der letzte Anker, die Mama, von der sie sich immer beruhigen und regulieren ließ. Mit ihr habe ich mich nur in seltenen Momenten richtig hilflos gefühlt. Selbst ihre Wutstürme habe ich meist ruhig und liebevoll begleitet. Im Moment weiß ich nicht mehr weiter und ich habe auch ehrlich gesagt keine Lust mehr. Sie ist komplett unberechenbar und dreht völlig frei.

Der Große war so ähnlich zwischen 1,5 und 3,5 Jahren. Er war ein sehr wütendes, unzufriedenes Kind, das überhaupt nicht ausdrücken konnte, was ihn störte. Er war aber selten gegen uns bzw. gegen mich körperlich aggressiv, sondern warf eher ein Spielzeugregal um, wälzte sich auf dem Boden oder war sogar autoaggressiv. Er war nie ein Hau- oder Beißkind, weder gegen uns noch andere. Jetzt, mit 6 1/2 Jahren, fängt er an, die Kleine zurückzuhauen, weil er ständig von ihr gehauen wird. Sie tritt ihn, boxt ihn, schubst ihn, und das alles so schnell und überraschend, dass man kaum eingreifen kann. Lange hat er sich nicht gewehrt, sondern geweint und Trost bei uns gesucht, nun fängt er selbst auch damit an. Es ist zum Mäusemelken. Der Große hat auch nie viele Schimpfwörter benutzt. Brachten andere Kinder aus der Kita ein ganzes Arsenal an Ausdrücken nach Hause, war er da immer relativ resistent und hat nicht so viel aufgesaugt. Mit ca. 3 1/4 Jahren hatte er eine nervige Schimpfwortphase, aber die ging recht schnell vorbei und war nicht mal im Ansatz so schlimm wie das, was die Kleine mit ihren über 4 Jahren jetzt durchlebt.

Wir rätseln, was mit ihr los ist. Die Autonomiephase müsste eigentlich so langsam vorbei sein. In ihrem Alltag hat sich nichts geändert. Sie hat jetzt endlich ein eigenes Kinderzimmer. Sie kann sich verbal ausdrücken, sie versteht alles und findet sich überall zurecht. Sie fängt schon an, Buchstaben zu schreiben, und ist viel selbstständiger als ihr großer Bruder. Sie will allein zum Bäcker gehen und überhaupt alles autark machen. Dabei passieren leider auch unzählige Malheure, was uns nervt, da wir das von unserem vorsichtigen Großen nicht kennen. In vielen Fällen sagen wir nichts, doch manchmal ist es eben auch zuviel. Sie ist integriert, hat ihre Freundinnen, wird zu Geburtstagen eingeladen und darf vieles schon machen, was der Große sich erst später zutraute. Zum August wird sie in den großen Elementarbereich der Kita wechseln, wo sie in letzter Zeit schon mehrfach hineinschnupperte. Es ist für uns nicht ersichtlich, an welcher Stelle sie eventuell leidet, sich unwohl fühlt, Unterstützung braucht.

Sicherlich lässt sie das Gerede und die Vorbereitungen für den baldigen Schulstart des Großen nicht ganz kalt. Sie versteht ja, dass sie bald allein in die Kita geht und der Große bei der Einschulung im Mittelpunkt steht. Sie sieht, was wir dafür schon jetzt vorbereiten und, sie merkt, dass es ein großer Umbruch wird. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sie das schon jetzt so dermaßen aus der Bahn wirft, wo der Große selbst noch relativ ruhig ist. Sie zieht im Moment alle negative Aufmerksamkeit auf sich und wir wissen nicht, warum. Lange habe ich versucht, unter Aufbietung all meiner nervlichen Kräfte ruhig und gefasst zu bleiben. Immer öfter explodiere ich nun auch. Der Mann ist komplett hilflos und gestresst. Keine unserer Strategien bringt irgendeine Besserung. Sie zerschießt im Moment unseren Familienfrieden auf allen Ebenen und es scheint ihr, der Harmonie eigentlich immer so wichtig war, keinen Deut auszumachen. Am meisten tut mir der Große leid, der unter ihren Aggressionen, ihrer Schreierei und der negativen Aufmerksamkeit, die ihr zuteil wird, leiden muss. Denkbar schlechte Voraussetzungen für einen ruhigen Schulstart für ihn.

Wir sind ratlos. Fehlt ihr positive Aufmerksamkeit, fehlt ihr Exklusivzeit, fehlt ihr Beschäftigung, fehlt ihr aktive Förderung? Sie war doch immer zufrieden, wenn sie mit mir zusammen war! Und wir haben immermal wieder nachmittags Zeit zu zweit, wenn der Große bei Freunden ist. Auch der Papa unternimmt ab und zu etwas allein mit ihr. In letzter Zeit war das zugegebenermaßen aus diversen Gründen seltener der Fall. Dafür sind wir aber öfter auf ihren ausdrücklichen Wunsch zu Reiterhöfen und Pferdekoppeln gefahren, was sie sehr liebt. Dass der Große nicht mit ihr spielt, frustriert sie weiterhin, ist aber nichts Neues für sie.

Da sie im Moment nicht kuscheln will, ihren Liebestank aber bisher immer durch Kuscheln und körperliche Zuwendung auffüllte, haben wir uns nun vorgenommen, ihr mehr ungeteilte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Wir wollen mehr einzeln mit ihr spielen (was schwierig ist, weil dann der Große sofort eifersüchtig wird) und mehr allein mit ihr unternehmen. Ich habe sie gefragt, ob sie, wenn die Großeltern bald zu Besuch kommen, mal etwas mit ihnen allein machen möchte. Will sie aber nicht, sondern mit dem Bruder zusammen. Vielleicht möchte sie auch mal, dass einer von uns allein mit ihr verreist, so wie es der Mann mit dem Großen mit 4 Jahren und seitdem mehrfach schon gemacht hat. In mancher Hinsicht haben wir mit dem Großen im gleichen Alter schon viel mehr gewagt, in anderer Hinsicht ist sie viel weiter und selbstständiger als er, darf mehr und traut sich selbst Dinge zu, die er damals noch nicht wagte. Es ist schwierig. Ob das reicht, um sie aus ihrem Frust herauszuholen?

Habt ihr noch Ideen, Anregungen, Erklärungen? Wie sind eure 4-jährigen Kinder so drauf? Wie kommen wir durch diese anstrengende Phase hindurch?

Ich will doch einfach nur meinen Sonnenschein zurück!

PS: Die Bilder stammen von einem kürzlichen Mama-Tochter-Ausflug zu einem Fest, einem Nachmittag nur für uns beide.

Freitag, 1. Mai 2015

Alltagssituationen mit fremden Kindern

Im Moment brauche ich ab und zu ein paar Ratschläge für Alltagssituationen, die mir im Kontakt mit anderen Kindern begegnen und wo ich unsicher bin, wie ich reagieren soll, ohne einerseits den jeweiligen Eltern in ihre Erziehung hineinzureden und aber trotzdem meinen eigenen Kindern deutlich zu sagen, dass solche Dinge, die eben andere Kinder machen oder sagen, nicht in Ordnung sind.

Zwei Beispiele:
1. Heute trafen wir die Familie zweier guter Freunde (Zwillinge) des Großen aus der Kita im Park. Die beiden plus ein anderer Junge plus mein Großer sind seit 2 1/2 Jahren wirklich ein eingeschworenes Team in ihrer Gruppe. Wir begrüßten sie und der Große freute sich, sie zu sehen. Zur Begrüßung streckte der eine der beiden Jungs ihm die Zunge raus. Ich sagte vorerst nichts, weil ich die Reaktion der Eltern abwartete. Es kam - nichts. Dann versuchte ich eine zweite freundliche Begrüßung, um ihm noch eine Möglichkeit zu geben. Er streckte wieder die Zunge raus. Ich wartete, es kam wieder nichts von den Eltern. Dann sagte ich zu ihm: "Oh, das ist aber keine nette Begrüßung" und verabschiedete mich relativ schnell wieder. Erstens möchte ich nicht, dass der Große sich solch ein Verhalten abschaut und dieses übernimmt und zweitens möchte ich, dass er und auch das andere Kind deutlich hören, dass das nicht in Ordnung ist.

2. Wir sind oft mit zwei anderen Freunden des Großen nachmittags auf dem Spielplatz. Beide sind Kinder, die vieles aufsaugen und unüberlegt wiedergeben, ganz im Gegensatz zu meinem Großen, und beide haben diverse Schimpfwörter im Repertoire. Bei beiden Kindern reagieren die Väter, die meist mit dabei sind, nicht auf die sinnlose Tirade ihrer Kinder, und mein Großer wird mit Ausdrücken und Verhaltensweisen konfrontiert, vor denen ich ihn zwar nicht abschirmen kann, wo ich aber schon möchte, dass er weiß, dass sie nicht akzeptiert werden. Zum Beispiel verabschiedet sich ein kleiner Freund grundsätzlich mit "Tschüss, Du (alter) Pups" von meinem Sohn und dieser steht verständlicherweise ungläubig da und weiß nicht, wie er reagieren soll. Auch hier warte ich immer, ob der Papa reagiert, und erst dann, wenn nichts passiert, sage ich etwas, und zwar nicht "Das sagt man aber nicht", sondern so in etwa "Das ist nicht nett, wir sagen lieber, tschüss mein lieber Freund". Ich weiß, dass in der Kita solche Aussprüche gang und gäbe sind und zukünftig noch zunehmen werden. Ich finde aber, es ist ein Unterschied, wenn die Eltern mit dabei sind und nach meinem Dafürhalten eigentlich einschreiten müssten.

Nun bin ich überhaupt niemand, der ständig reglementiert oder korrigiert, wenn die Kinder zuhause, wo es niemanden Fremden betrifft, ihre typischen Kindergewohnheiten an den Tag legen, im Gegenteil, ich hoffe immer, dass sich so etwas durch Ignorieren und besseres Vorbild auswächst. Ich hasse es auch, wenn meine Kinder mit solchen Sprüchen wie "Wie heißt das Zauberwort?" oder "Was sagt man da?" dressiert werden. Auch hier hoffe ich auf meine Vorbildwirkung. Ich als Mama greife eher wenig ein und fühle mich damit in Anwesenheit anderer Eltern, die oft permanent unbewusst Anweisungen von sich geben, ziemlich unwohl und leide mit den Kindern mit. In diesen Fällen aber habe ich das dringende Bedürfnis, einzugreifen und etwas zu sagen, nicht zuletzt, um meinen Kindern deutlich zu machen, dass das nicht von mir toleriert wird.

Es ist für mich sehr schwierig, einzuschätzen, ob ich damit die anderen Eltern, die nichts sagen, weil sie vielleicht eine andere Taktik verfolgen oder es ihnen möglicherweise gar nicht aufstößt (die schlimmere Variante) "bevormunde" und übergriffig werde. Grundsätzlich soll es natürlich jedem selbst überlassen bleiben, mit welchen Maßstäben an ein soziales Miteinander andere Eltern ihre Kinder erziehen. Andererseits schreite ich ja auch ein, wenn ein anderes Kind meinen Kindern auf dem Spielplatz Dinge wegnimmt und die Eltern es nicht für nötig halten, aktiv zu werden. Bliebe ich da still, würden meine Kinder nur lernen, dass das von Mama geduldet wird, also okay ist. Nicht lange, und sie würden es vielleicht selbst machen. Ebenso ist es mit den oben geschilderten Phrasen. Was andere Eltern ihren Kindern erlauben oder nicht, ist mir solange egal, wie es nicht den Umgang mit meinen Kindern betrifft und Auswirkungen auf meine Kinder hat. Und da sind die oben geschilderten Situationen nur zwei von vielen.

Nun ist mein Großer in dieser Beziehung glücklicherweise kein Kind, was schnell aufschnappt und reproduziert. Was mich oft Nerven und Geduld kostet, ist da wiederum von Vorteil. Es hat eben alles seine positiven und negativen Seiten. Er verwendet solche Ausdrücke bisher nicht und das soll auch so bleiben. In meinem privaten Alltag mit den Kindern reglementiere ich sehr zurückhaltend und vertraue auf die Vorbildwirkung. Im Umgang mit anderen Kindern sage ich auch selten etwas, aber in solchen Situationen muss ich aktiv werden. Ist das übertrieben? Ist das übergriffig? Ich weiß, dass das Thema in Zukunft noch akuter wird, je älter die Kinder werden und möchte mir gern jetzt schon eine Meinung und Vorgehensweise überlegen. Was meint ihr?