Die ersten Ferien für meinen Großen! Wahnsinn, wie schnell die 6 Wochen seit seiner Einschulung vergangen sind. Ich erinnere mich, wie elend lang für mich als Kind die Schulwochen immer waren und wie weit entfernt die nächsten Ferien schienen. Kinder haben ja doch eine ganz andere Zeitwahrnehmung als Erwachsene. Nun, da ich selbst Mama eines Schulkindes bin, staune ich, wie rasant die Wochen verflogen sind. Aber vor allem staune ich darüber, wie ruhig und problemlos die Umstellung geklappt hat und wie ausgeglichen der Große ist. Das hätte ich niemals so erwartet.
Ich habe erwartet und wurde auch von vielen Seiten darauf vorbereitet, dass die ersten Wochen schwierig und anstrengend werden und es mindestens bis zu den Herbstferien, oft sogar bis zum Ende des ersten Halbjahres, dauern würde, bis sich das eingeschulte Kind und alle Familienmitglieder an die Veränderungen, die neuen Anforderungen, den anderen Rhythmus gewöhnt hätten. Ich habe wahlweise mit völliger Überforderung und Überreizung, mit Aggressionen, mit Wut, mit Verzweiflung, mit Unlust und Boykott oder auch mit Apathie gerechnet und mich auf eine lange, anstrengende Zeit des Tröstens, Ausgleichens und Aufmunterns eingestellt. Ich hatte Angst davor, wieder der Puffer für viele negative Emotionen des Großen zu werden, wie schon so oft. Und ich hatte natürlich auch befürchtet, dass er meine Angst und Skepsis spüren würde.
Nichts davon ist eingetreten. Ich kann es selbst bis heute nicht glauben und erwartete täglich ein Platzen der Bombe, ein Ausrasten, ein Verweigern oder Zusammenbrechen von ihm. Ich erwartete ein Auf und Ab der Emotionen und Stimmungen, Müdigkeit und Erschöpfung, Verwirrung, Überforderung, Frust und Tränen. Dass es anders gekommen ist, finde ich unglaublich toll. Er ist da so pflegeleicht durchgegangen, dass wir, abgesehen vom organisatorischen Kram, fast nichts von der Veränderung gemerkt haben. Überhaupt, schon der Begriff "pflegeleicht" in Zusammenhang mit einer Umstellung im Leben des Großen liest sich fast unglaublich.
Ich glaube weiterhin, dass einen großen Anteil daran das Verbleiben in seinem gewohnten Umfeld inklusive vertrauter Freunde und anderer Kinder hatte. Das macht für Charaktere wie ihn unheimlich viel aus und ich bin froh, dass ich das als eines der ausschlaggebenden Kriterien für die Anmeldung auf der normalen Einzugsgrundschule herangezogen habe. Ich mag mir gar nicht vorstellen, wie verlassen und einsam er sich allein auf einer fremden Schule, in einer völlig neuen Umgebung gefühlt hätte. Er ist nicht der offene Typ, der schnell neue Kontakte knüpft und auf andere zugeht. Hier an seiner Schule geben ihm die Kinder, die er kennt (und das sind nur einige wenige unter 600 Schülern) Halt und er konnte dadurch auch schon ein paar neue Freunde finden. Das ist für mich schön zu sehen.
Er hält mit seinem neuen Wissen, seinen erlernten Kenntnissen und neuen Abläufen ziemlich hinter dem Berg und sprudelt nicht automatisch alles heraus, was er am Tag gelernt und erlebt hat. Manche Fragen über den Schulalltag, die ich ihm so stelle, kann er gar nicht beantworten. Ich denke, sein Gehirn schützt sich vor zuviel Input, indem es alles ausblendet, was nicht direkt "lebensnotwendig" im Schulleben für ihn ist. Das ist okay, ich kenne das selbst auch. Er ist aber ganz stolz, wenn wir seine Aufgabenblätter, bei denen er meist volle Punktzahl erreicht, aus seiner Postmappe rausholen und anschauen. Das Lesen und Schreiben lernen schreitet ganz langsam voran, aber auch das finde ich völlig in Ordnung, ich bin da komischerweise gar nicht so ungeduldig wie sonst. Seine Lehrerin wird es ihm schon beibringen. Bis jetzt gibt es keine Probleme oder Sorgen. Ich würde mir wünschen, dass die Klasse öfter und länger nachmittags rausgeht, aber das ist eben erzieherabhängig. Noch wichtiger ist mir, dass darauf geachtet wird, dass die Hausaufgaben im Hort erledigt werden, und das ist glücklicherweise der Fall. Denn dann kann ich beruhigt nachmittags mit den Kindern genau wie bisher auf den Spielplatz oder in den Park gehen.
In den 6 Wochen seit seiner Einschulung hat er die ersten beiden Milchzähne verloren. Er ist mit einem Nasenbeinbruch gestartet und kann mittlerweile wieder alles regulär mitmachen. Er geht allein (oder mit anderen Kindern) das letzte Stück des Weges bis hoch in seinen Klassenraum, hat aber keine Ambitionen, die darüber hinaus reichen. Er erledigt seine Aufgaben wunderbar, macht aber nichts Zusätzliches. Ich sehe, was ich schon länger wahrnehme, nämlich dass er kaum Ehrgeiz hat, sich selbst etwas Neues beizubringen oder etwas zu machen, was über die Anforderungen hinausgeht. Selbst im Rechnen, was ihm liegt, versucht er nicht selbstständig voranzukommen. Aber solange er die Anforderungen erfüllt, sich Mühe gibt und nicht unwillig dabei ist, bin ich auch zufrieden. Spezielle Interessen und damit eine intrinsische Motivation kommen vielleicht im Laufe der Zeit. In den letzten Wochen ging es vor allem darum, diese große Umstellung so reibungslos wie möglich zu gestalten.
In der ersten Ferienwoche wird er 2 Tage in den Ferienhort gehen, an den restlichen Tagen ist er anderweitig verplant. Und am nächsten Freitag fliegen wir für eine Woche in den Urlaub, da die Kita in der 2. Ferienwoche ebenfalls geschlossen ist. Juhu, wir freuen uns. Und dann beginnt der nächste Abschnitt unseres Schulkindes!
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Freitag, 20. Oktober 2017
Freitag, 28. August 2015
Die Angst vor dem zweiten Schreibaby
Als ich im August 2012 mit der Kleinen überraschend schwanger wurde, war meine größte Angst weniger, ob und wie wir das mit 2 Kindern hinkriegen, sondern dass es erneut ein Schreibaby* wird. Zwar hatte von allen Schreibaby-Eltern, die ich persönlich kenne, niemand zwei von der Sorte, aber eine Garantie gibt es natürlich nicht und wie man hier lesen kann, existieren diese Fälle tatsächlich. Das tut mir wahnsinnig leid für die Betroffenen und ich vermag mir nicht vorzustellen, wie man das schafft, noch dazu, wenn das größere Kind noch zuhause ist. Oder das ältere Kind, wie in unserem Fall, ein solch forderndes, anstrengendes Kind ist. Die Feststellung der Autorin des erwähnten Textes, nämlich "Warum sollte das Zweite soviel anders sein als das Erste?" war auch meine größte Befürchtung in der Schwangerschaft mit der Kleinen. An den Mythos des pflegeleichten Babys konnte ich irgendwie nicht mehr glauben, obwohl ich ja um mich herum viele dieser Babys sah. Insgeheim hoffte ich natürlich trotzdem, dass die Kleine anders würde als der Große.
Diese Angst und Ungewissheit zusammen mit dem Wissen um meine Verzweiflung und Überforderung im ersten Babyjahr des Großen war übrigens der wichtigste Grund dafür, dass sich mein Mann für eine Elternzeit von 13 Monaten inklusive Kitaeingewöhnung entschied. Da war nicht mehr die Hoffnung und der Wunsch, eine schöne gemeinsame Elternzeit zu erleben, zu reisen, Ausflüge zu machen und das Baby überall hin mitzunehmen. Diese Vorstellung hatte sich in der Elternzeit mit dem Großen radikal zerschlagen. Da war nur noch die Sorge, dass das zweite Kind genauso anstrengend sein würde und wir ebenso verzweifelt und erschöpft wären wie beim Großen, nur dass wir dann noch ein Kleinkind von gerade mal 2 Jahren zu versorgen hätten. Obwohl ich auch hier wieder nicht auszurottende Gedanken hatte wie "Das muss ich doch allein hinkriegen!" und gegen so eine lange Elternzeit plädierte, setzte mein Mann sich durch. Ich glaube, er wusste, dass weder er selbst noch ich das ohne Hilfe und ohne Schaden an Leib und Seele schaffen würden, schließlich hatten wir niemanden, der mal mit dem Baby spazieren geht, der mal das ältere Kind von der Kita abholt oder im Haushalt hilft. Also setzte sich die Vernunft und Vorsorge gegen jegliche finanziellen und Joberwägungen durch.
Ich weiß nicht, warum, aber als sich herausstellte, dass mein zweites Kind (wie gehofft) ein Mädchen wird, nahm meine Angst bezüglich eines Schreibabys etwas ab. Es wird ja oft behauptet, dass tendenziell mehr Jungen Schreibabys sind als Mädchen, weil das Nervensystem von Jungen noch nicht so ausgebildet ist wie bei Mädchen. Im Netz gibt es dazu widersprechende Aussagen (siehe hier und hier). In meinem privaten Umfeld sind tatsächlich unter den mir bekannten Schreibabys etwas mehr Jungen als Mädchen. In meiner virtuellen Blase dagegen scheinen es mehr Mädchen zu sein. Irgendwie hatte ich immer das rein subjektive Gefühl, Mädchen-Babys sind ausgeglichener als Jungen und deshalb entspannte ich mich ein wenig, als klar war, es wird ein Mädchen. Die Kleine war auch im Bauch bis zum Schluss viel ruhiger als der Große, der immer mit äußerster Vehemenz gegen die Begrenzung gekämpft hatte. Allerdings reagierte sie sehr sensibel darauf, wenn ich mich aufregte oder unruhig war.
Überhaupt war die Schwangerschaft mit ihr durchaus schwieriger und anstrengender gewesen als mit dem Großen. Erst war es die Überraschung, die wir zu verdauen hatten, dann folgten 5-6 sehr mühsame Wochen, mit viel Übelkeit, Müdigkeit, Schwäche und Kraftlosigkeit (was ich in dieser Dimension nicht kannte) und danach verlief die Schwangerschaft zwar medizinisch gesehen problemlos, aber durch das viele Tragen des Großen und diverse emotionale Aufs und Abs fühlte sich alles viel turbulenter an als beim Großen. Dieser hatte gerade erst die Eingewöhnung in seine zweite Kita absolviert (September-Oktober 2012) und ich musste viel Wut, Unausgeglichenheit, körperliche Aggressionen seinerseits auffangen. Glücklicherweise arbeitete ich in dieser Zeit nur einen Tag pro Woche und behielt das auch bis zum Mutterschutz mit der Kleinen (März 2013) bei, so dass ich mich wenigstens auf die Schwangerschaft etwas konzentrieren konnte, als er dann endlich in der Kita gesettelt war. Obwohl ich also rein zeitmäßig mehr Freiraum hatte als in der Schwangerschaft des Großen, die ich ohne eine einzige Krankschreibung bis zum Mutterschutz durcharbeitete, empfand ich die Monate mit der Kleinen im Bauch als unruhiger, belastender und emotional anstrengender. Was aber im Wesentlichen an den Umständen des Lebens mit dem anstrengenden Großen, anderen privaten Gegebenheiten und eben der Angst vor der Wiederholung einer schrecklichen Babyzeit lag.
Trotz dieser als schwieriger empfundenen Schwangerschaft war die Kleine die ersten Monate nach ihrer Geburt im Mai 2013 sehr pflegeleicht und ein richtiges Anfängerbaby. Ich wusste vom ersten Tag an, dass sie kein Schreibaby ist, so wie ich beim Großen von Anfang an wusste, dass er kein pflegeleichtes Baby ist. Sie schlief viel, ließ sich ablegen, war sehr anschmiegsam und körperbetont, ich konnte sie schnell beruhigen, wenn sie schrie, sie benötigte keine Stillmarathons und machte tagsüber wirklich wenig Arbeit. Der Kontrast zur Babyzeit des Großen war riesengroß und wir konnten es gar nicht glauben, dass wir wirklich so ein Glück hatten. So wie wir es beim Großen nicht glauben konnten, dass wir so ein Pech hatten. Sie war genauso, wie ich mir ein Baby vorgestellt hatte. Allerdings brauchte sie unbedingt ihr häusliches Umfeld, um zufrieden und ausgeglichen zu sein. Eine fremde Umgebung oder ein anderer Rhythmus brachten sie sofort durcheinander und dann war sie auch schnell überreizt. Alles in allem konnte man sich aber leicht auf sie einstellen und das Leben mit ihr funktionierte gut. Und vor allem: ich war keine hilflose, überforderte, verzweifelte Mama, sondern sie zeigte mir, dass ich eine kompetente, einfühlsame, wenn auch trotzdem freiheits- und erholungsbedürftige Mama bin. Mit ziemlich genau 6 Monaten stellte sie ihren Schlafrhythmus um und schlief ab dann sogar noch weniger als der Große im gleichen Alter, was zu viel Unzufriedenheit bei ihr und uns führte. Dafür holte sie aber in motorischer und kognitiver Hinsicht alles auf, was sie in den ersten schlafintensiven Monaten "versäumt" hatte und befand sich dann vom Entwicklungsstand her nur ca. 4 Wochen hinter dem Großen (im gleichen Alter). Mit 12 Monaten startete im Mai 2014 ihre Eingewöhnung in die Kita, die mein Mann diesmal übernahm.
Ich bin sehr froh über zwei so unterschiedliche Erfahrungen, nicht nur was die Geburten und die Charaktere der Kinder, sondern auch das erste Babyjahr mit beiden Kindern betrifft, was so verschieden verlief. Meine größte Angst vor dem zweiten Schreibaby hat sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Die ersten Monate mit der Kleinen waren sogar ausgesprochen paradiesisch, wenn man die mal mehr, mal weniger problematische Entthronung des Großen außen vor lässt. Und was die oft geäußerte Behauptung "problematische Schwangerschaft - problematisches Kind" angeht, so kann ich für mich genau das Gegenteil behaupten. Die Schwangerschaft mit dem Großen war glücklich und intensiv -> schwieriges Kind. Die Schwangerschaft mit der Kleinen habe ich als schwieriger und emotional unruhiger empfunden -> pflegeleichtes Kind. Das ist natürlich kein allgemein gültiger Mechanismus, sondern ganz allein meine individuelle Geschichte, aber ich will damit nur zeigen, dass eben solche Mechanismen, die so oft behauptet werden, nicht zwangsläufig funktionieren. Ich bin der Meinung, dass der Grundcharakter des Kindes schon ganz früh angelegt ist (ohne damit in philosophische oder religiöse Debatten einsteigen zu wollen). Trotzdem ist jede Geschichte logischerweise individuell verschieden.
Mein erstes Kind, der Große, war ein Schreibaby und mein zweites, die Kleine, ein pflegeleichtes Anfängerbaby, zumindest das erste halbe Jahr. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass es so war und ich nochmal eine "normale" Babyzeit erleben durfte. Insofern soll meine Geschichte ein Mutmacher sein für alle, die ähnlich schwierige Erfahrungen beim ersten Kind machen mussten. Ich wollte aus diesem Grund kein zweites Kind, doch gerade dieses Kind ist es, was mir jetzt am meisten Kraft gibt. Und den Glauben an eine Geburt und Babyzeit, die auch angenehm verlaufen können, wiedergegeben hat.
Welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht, wie habt ihr eure Schwangerschaften empfunden und wie waren dann eure Babys? Gibt es jemanden, der mehrere Schreibabys bekam? Wie habt ihr das gemeistert?
* Ich verwende den Begriff Schreibaby hier der Einfachheit halber. Es sind Babys mit Regulationsstörungen, Kinder mit starken Bedürfnissen (High-Need) oder auch 24-Stunden-Babys. Das untröstliche Schreien ist dabei nur ein Aspekt unter vielen anderen. Die Ursachen können ganz verschiedener Natur sein und sind in vielen Fällen auch gar nicht feststellbar.
Diese Angst und Ungewissheit zusammen mit dem Wissen um meine Verzweiflung und Überforderung im ersten Babyjahr des Großen war übrigens der wichtigste Grund dafür, dass sich mein Mann für eine Elternzeit von 13 Monaten inklusive Kitaeingewöhnung entschied. Da war nicht mehr die Hoffnung und der Wunsch, eine schöne gemeinsame Elternzeit zu erleben, zu reisen, Ausflüge zu machen und das Baby überall hin mitzunehmen. Diese Vorstellung hatte sich in der Elternzeit mit dem Großen radikal zerschlagen. Da war nur noch die Sorge, dass das zweite Kind genauso anstrengend sein würde und wir ebenso verzweifelt und erschöpft wären wie beim Großen, nur dass wir dann noch ein Kleinkind von gerade mal 2 Jahren zu versorgen hätten. Obwohl ich auch hier wieder nicht auszurottende Gedanken hatte wie "Das muss ich doch allein hinkriegen!" und gegen so eine lange Elternzeit plädierte, setzte mein Mann sich durch. Ich glaube, er wusste, dass weder er selbst noch ich das ohne Hilfe und ohne Schaden an Leib und Seele schaffen würden, schließlich hatten wir niemanden, der mal mit dem Baby spazieren geht, der mal das ältere Kind von der Kita abholt oder im Haushalt hilft. Also setzte sich die Vernunft und Vorsorge gegen jegliche finanziellen und Joberwägungen durch.
Ich weiß nicht, warum, aber als sich herausstellte, dass mein zweites Kind (wie gehofft) ein Mädchen wird, nahm meine Angst bezüglich eines Schreibabys etwas ab. Es wird ja oft behauptet, dass tendenziell mehr Jungen Schreibabys sind als Mädchen, weil das Nervensystem von Jungen noch nicht so ausgebildet ist wie bei Mädchen. Im Netz gibt es dazu widersprechende Aussagen (siehe hier und hier). In meinem privaten Umfeld sind tatsächlich unter den mir bekannten Schreibabys etwas mehr Jungen als Mädchen. In meiner virtuellen Blase dagegen scheinen es mehr Mädchen zu sein. Irgendwie hatte ich immer das rein subjektive Gefühl, Mädchen-Babys sind ausgeglichener als Jungen und deshalb entspannte ich mich ein wenig, als klar war, es wird ein Mädchen. Die Kleine war auch im Bauch bis zum Schluss viel ruhiger als der Große, der immer mit äußerster Vehemenz gegen die Begrenzung gekämpft hatte. Allerdings reagierte sie sehr sensibel darauf, wenn ich mich aufregte oder unruhig war.
Überhaupt war die Schwangerschaft mit ihr durchaus schwieriger und anstrengender gewesen als mit dem Großen. Erst war es die Überraschung, die wir zu verdauen hatten, dann folgten 5-6 sehr mühsame Wochen, mit viel Übelkeit, Müdigkeit, Schwäche und Kraftlosigkeit (was ich in dieser Dimension nicht kannte) und danach verlief die Schwangerschaft zwar medizinisch gesehen problemlos, aber durch das viele Tragen des Großen und diverse emotionale Aufs und Abs fühlte sich alles viel turbulenter an als beim Großen. Dieser hatte gerade erst die Eingewöhnung in seine zweite Kita absolviert (September-Oktober 2012) und ich musste viel Wut, Unausgeglichenheit, körperliche Aggressionen seinerseits auffangen. Glücklicherweise arbeitete ich in dieser Zeit nur einen Tag pro Woche und behielt das auch bis zum Mutterschutz mit der Kleinen (März 2013) bei, so dass ich mich wenigstens auf die Schwangerschaft etwas konzentrieren konnte, als er dann endlich in der Kita gesettelt war. Obwohl ich also rein zeitmäßig mehr Freiraum hatte als in der Schwangerschaft des Großen, die ich ohne eine einzige Krankschreibung bis zum Mutterschutz durcharbeitete, empfand ich die Monate mit der Kleinen im Bauch als unruhiger, belastender und emotional anstrengender. Was aber im Wesentlichen an den Umständen des Lebens mit dem anstrengenden Großen, anderen privaten Gegebenheiten und eben der Angst vor der Wiederholung einer schrecklichen Babyzeit lag.
Bildquelle: Pixabay
Trotz dieser als schwieriger empfundenen Schwangerschaft war die Kleine die ersten Monate nach ihrer Geburt im Mai 2013 sehr pflegeleicht und ein richtiges Anfängerbaby. Ich wusste vom ersten Tag an, dass sie kein Schreibaby ist, so wie ich beim Großen von Anfang an wusste, dass er kein pflegeleichtes Baby ist. Sie schlief viel, ließ sich ablegen, war sehr anschmiegsam und körperbetont, ich konnte sie schnell beruhigen, wenn sie schrie, sie benötigte keine Stillmarathons und machte tagsüber wirklich wenig Arbeit. Der Kontrast zur Babyzeit des Großen war riesengroß und wir konnten es gar nicht glauben, dass wir wirklich so ein Glück hatten. So wie wir es beim Großen nicht glauben konnten, dass wir so ein Pech hatten. Sie war genauso, wie ich mir ein Baby vorgestellt hatte. Allerdings brauchte sie unbedingt ihr häusliches Umfeld, um zufrieden und ausgeglichen zu sein. Eine fremde Umgebung oder ein anderer Rhythmus brachten sie sofort durcheinander und dann war sie auch schnell überreizt. Alles in allem konnte man sich aber leicht auf sie einstellen und das Leben mit ihr funktionierte gut. Und vor allem: ich war keine hilflose, überforderte, verzweifelte Mama, sondern sie zeigte mir, dass ich eine kompetente, einfühlsame, wenn auch trotzdem freiheits- und erholungsbedürftige Mama bin. Mit ziemlich genau 6 Monaten stellte sie ihren Schlafrhythmus um und schlief ab dann sogar noch weniger als der Große im gleichen Alter, was zu viel Unzufriedenheit bei ihr und uns führte. Dafür holte sie aber in motorischer und kognitiver Hinsicht alles auf, was sie in den ersten schlafintensiven Monaten "versäumt" hatte und befand sich dann vom Entwicklungsstand her nur ca. 4 Wochen hinter dem Großen (im gleichen Alter). Mit 12 Monaten startete im Mai 2014 ihre Eingewöhnung in die Kita, die mein Mann diesmal übernahm.
Ich bin sehr froh über zwei so unterschiedliche Erfahrungen, nicht nur was die Geburten und die Charaktere der Kinder, sondern auch das erste Babyjahr mit beiden Kindern betrifft, was so verschieden verlief. Meine größte Angst vor dem zweiten Schreibaby hat sich glücklicherweise nicht bewahrheitet. Die ersten Monate mit der Kleinen waren sogar ausgesprochen paradiesisch, wenn man die mal mehr, mal weniger problematische Entthronung des Großen außen vor lässt. Und was die oft geäußerte Behauptung "problematische Schwangerschaft - problematisches Kind" angeht, so kann ich für mich genau das Gegenteil behaupten. Die Schwangerschaft mit dem Großen war glücklich und intensiv -> schwieriges Kind. Die Schwangerschaft mit der Kleinen habe ich als schwieriger und emotional unruhiger empfunden -> pflegeleichtes Kind. Das ist natürlich kein allgemein gültiger Mechanismus, sondern ganz allein meine individuelle Geschichte, aber ich will damit nur zeigen, dass eben solche Mechanismen, die so oft behauptet werden, nicht zwangsläufig funktionieren. Ich bin der Meinung, dass der Grundcharakter des Kindes schon ganz früh angelegt ist (ohne damit in philosophische oder religiöse Debatten einsteigen zu wollen). Trotzdem ist jede Geschichte logischerweise individuell verschieden.
Mein erstes Kind, der Große, war ein Schreibaby und mein zweites, die Kleine, ein pflegeleichtes Anfängerbaby, zumindest das erste halbe Jahr. Und ich bin sehr dankbar dafür, dass es so war und ich nochmal eine "normale" Babyzeit erleben durfte. Insofern soll meine Geschichte ein Mutmacher sein für alle, die ähnlich schwierige Erfahrungen beim ersten Kind machen mussten. Ich wollte aus diesem Grund kein zweites Kind, doch gerade dieses Kind ist es, was mir jetzt am meisten Kraft gibt. Und den Glauben an eine Geburt und Babyzeit, die auch angenehm verlaufen können, wiedergegeben hat.
Welche Erfahrungen habt ihr damit gemacht, wie habt ihr eure Schwangerschaften empfunden und wie waren dann eure Babys? Gibt es jemanden, der mehrere Schreibabys bekam? Wie habt ihr das gemeistert?
* Ich verwende den Begriff Schreibaby hier der Einfachheit halber. Es sind Babys mit Regulationsstörungen, Kinder mit starken Bedürfnissen (High-Need) oder auch 24-Stunden-Babys. Das untröstliche Schreien ist dabei nur ein Aspekt unter vielen anderen. Die Ursachen können ganz verschiedener Natur sein und sind in vielen Fällen auch gar nicht feststellbar.
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