Wenn ich meine Mutter frage, was ich gemacht habe, als sie sich damals um meinen kleinen Bruder gekümmert hat (ich war bei seiner Geburt 2 Jahre und 4 Monate alt und nicht im Kindergarten), sagt sie immer: "Du hast Dir Bücher angeschaut." Als Teenager saß ich stunden-, nein tagelang (zumindest in den Ferien) in meinem Zimmer und las, teilweise immer die gleichen Bücher nochmal und nochmal, denn in der DDR gab es bekanntlich nicht so viel Auswahl. Neben meinem Studium arbeitete ich viele Jahre als Quereinsteigerin in einer Buchhandlung und auch danach habe ich noch sehr viel gelesen. Allerdings war ich nie eine freiwillige Bibliotheksgängerin und lese nicht gern ausgeliehene Bücher. Sie müssen mir gehören und unberührt sein, neu riechen und knacken beim Aufschlagen. Unsere Wohnung ist voll von Bücherregalen mit gelesenen und ungelesenen, teilweise zweireihig stehenden, mittlerweile recht eingestaubten Büchern. Seit ich Kinder habe, lese ich nämlich leider kaum noch, zumindest kaum Romane, dafür fehlt mir der Flow, ich kann nicht richtig eintauchen und mir fehlen die tiefen Emotionen von früher. Dafür lese ich aber, mehr als früher, das eine oder andere Sachbuch zu Themen, die mich interessieren, denn diese kann ich "durcharbeiten", und schreibe sogar ab und zu Rezensionen auf meinem Blog. Bücher sind sehr wichtig für mich und auch wenn ich derzeit eine Kinder-Leseflaute habe, weiß ich, das wird zurückkommen.
Ich hoffe, dass diese Bücherliebe ein Stück weit auf meine Kinder abfärbt, da sie ihnen sozusagen in die Wiege gelegt wurde, und frage mich, ob sie durch mein Vorbild selbst zu Büchernarren werden oder so gar kein Interesse am Lesen entwickeln. Wahrscheinlich wird das, wie bei so vielen Dingen, gar keinen Einfluss auf ihren Entwicklung haben, denn schon jetzt sehe ich deutlich die Unterschiede zwischen beiden Kindern. Mit dem Großen haben wir von Anfang an viele Bücher angeschaut und vorgelesen, obwohl er früher ziemlich unruhig war und es lange dauerte, bis er sich wirklich darauf einlassen konnte, still auf unserem Schoß oder an unserer Seite zu sitzen und zuzuhören. Ich hatte aber nie den Eindruck, dass er sich großartig für Bücher interessierte. Mit einem Erwachsenen zusammen ja, aber allein so gut wie gar nicht. Aber das war und ist ja bei fast allen Beschäftigungen bei ihm der Fall. Auch heute noch nimmt er sehr selten ein Buch selbst in die Hand. Er zeigt auch kein Interesse daran, Buchstaben oder Wörter darin zu erkennen. Vorgelesen bekommt er dagegen sehr gern und kann das mittlerweile auch ruhig und konzentriert genießen. Ich selbst mag zwar die Situation des Vorlesens, habe aber Schwierigkeiten, einer Geschichte zu folgen, die ich selbst vorlese. Das ging mir auch bei Hörbüchern immer so, ich habe die Geschichte gar nicht richtig mitbekommen und bin deshalb (und auch, weil meine Gedanken viel zu stark dabei wandern) bis heute kein Fan von Hörbüchern. Der Große hört zum Einschlafen immer ein Hörbuch, macht sich aber tagsüber nie selbst eins an. Kindgerechte Sachbücher wie die tolle Pixi Wissen Serie* lese ich dagegen gern vor, weil ich selbst noch etwas dabei lerne und mich nicht auf eine Geschichte konzentrieren muss. Der Große merkt sich übrigens manche Namen oder Details aus Büchern sehr lange, die wir schon längst wieder vergessen haben. Die Fakten aus den Kindersachbüchern kennt er teilweise schon nach dem ersten Lesen. Dafür kann er schlecht Geschichten reproduzieren bzw. erzählen, worum es ging. Insgesamt würde ich ihn bis jetzt nicht als Bücherfan einordnen und bin gespannt, ob sich das verändert, wenn er selbst lesen kann.
Die Kleine dagegen interessiert sich deutlich mehr für Bücher, obwohl wir uns mit ihr weniger (vor allem weniger exklusiv) beschäftigten. Schon als Baby faszinierten sie die Klappen in Kinderbüchern oder das Herausziehen bestimmter Teile. Sie liebt wirklich ihre Tiptoi-Bücher* und setzt sich damit auch mal alleine hin. Manchmal nimmt sie sich einen Stapel Bücher aus dem Regal und drapiert diese um sich herum, um sie zu sichten. Sie mag auch gern Märchenbücher und weiß oft, wo welches Buch gerade ist (im Gegensatz zum Großen). Beim Vorlesen ist sie leider noch sehr unruhig, was es schwierig bis unmöglich macht, beiden Kindern gleichzeitig ein Buch vorzulesen. Das finde ich ziemlich schade. Und was mir richtig körperlich weh tut, ist ihr Umgang mit Büchern. Sie blättert schrecklich kraftvoll und unbedacht um, schert sich nicht um Knicke und Eselsohren, um eingerissene Seiten und abgerissene Pop-Up-Figuren. Sie beschädigt Bücher, lässt sie ins Waschbecken fallen etc., ohne traurig oder beschämt zu sein. Das spiegelt wirklich ihr Temperament, der Große ist da viel behutsamer und achtsamer, auch wenn ihm Bücher weniger bedeuten. Auch hier sieht man, dass das Vorbild weniger Einfluss hat als das Temperament/ der Charakter. Mit dem Großen bin ich früher manchmal in Buchhandlungen gegangen, da er nicht alles angefasst hat, sondern sorgfältig war. Das machen wir nun ganz selten, wenn die Kleine nicht mit dabei ist. Mit ihr ist das sehr stressig, weil sie sich alles im Schnelldurchlauf und nicht gerade vorsichtig anschaut. Dafür weiß sie genau - im Unterschied zum Großen - wo die Kinderbuchabteilung unserer hiesigen Kette ist, obwohl wir nur ganz selten dorthin gehen. Und sie interessiert sich total für die Bücher, die Bilder und übrigen Produkte, erkennt Figuren, zeigt mir begeistert neue Bücher und will unbedingt das eine oder andere haben. Der Große macht das kaum. Schon lustig, diese Unterschiede!
Die Kinder sehen uns äußerst selten dabei, wie wir mit einem Buch herumsitzen und lesen. Denn Lesen erfordert Konzentration und das ist für mich in Anwesenheit meiner (wachen) Kinder absolut nicht möglich. Ich lese eigentlich nur abends oder wenn ich frei habe. Leider erleben sie demzufolge nicht, dass sich Erwachsene mit einem Buch auf dem Sofa entspannen und ausruhen. Gestern, als die Kleine mit dem Papa in der Badewanne war, probierte ich mal, mich mit einem Buch hinzusetzen. Der Große war im gleichen Raum und langweilte sich zu Tode, setzte sich immer wieder neben mich und schaute, was ich mache. Für Kinder ist das stille Lesen, glaube ich, sehr schwer greifbar, weil so gar nichts passiert. Natürlich konnte ich mich so nicht konzentrieren, aber ich wollte es ihm einfach mal zeigen, dass nach viel Beschäftigung MIT den Kindern auch mal Elternzeit ist. Und dass ich gern Bücher lese. Er ist eigentlich in dem Alter, wo man das auch verstehen und akzeptieren kann. Aber er kennt es halt so gar nicht, weil es kaum möglich ist. Ein Kreislauf.
Ich hoffe, dass ich ein bisschen was von meiner Bücherliebe an meine Kinder weitergeben kann. Vielleicht finden sie Spaß am Lesen, wenn sie dies selbst können. Vielleicht werden sie aber auch eher Kindle- oder Hörbuchliebhaber, was ich so gar nicht bin. Auf jeden Fall bekommen sie mal eine riesige Heimbibliothek vererbt;-).
Wie ist es bei euren Kindern, sind sie büchervernarrt oder eher desinteressiert, beschäftigen sie sich allein mit Büchern und sind, falls ihr mehrere Kinder habt, diese unterschiedlich in ihrem Interesse für Bücher?
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Montag, 9. Januar 2017
Donnerstag, 28. Juli 2016
Das Desinteresse des Großen an seiner Baby-Schwester
Ich lese und höre immer wieder verzückte Berichte, wie sehr kleine Kinder bei der folgenden Schwangerschaft mitfiebern, wie sie sich wünschen und freuen, große Schwester/ großer Bruder zu werden und wie sie nach der Geburt das Baby beknuddeln, umsorgen, die Tätigkeiten der Mama nachahmen (z.B. an Puppen), den Kinderwagen schieben und stolz "ihr" Baby präsentieren. Ich weiß nicht, ob da lediglich einige wenige Momentaufnahmen geschildert werden oder ob das in vielen Familien tatsächlich in diesem Ausmaß der Fall ist. Bei uns war das nämlich nicht so.
Als ich schwanger wurde, war der Große noch nicht mal anderthalb Jahre alt. Natürlich haben wir ihn, je größer der Bauch wurde, auf das Geschwisterchen vorbereitet, ihm Dinge erklärt und gezeigt, mit ihm Bücher wie dies hier gelesen etc. Wir haben ihm gesagt, dass Mama dann ins Krankenhaus geht und er mit Papa allein zuhause ist. Wir haben mit ihm zusammen einige Babysachen wieder hervorgeholt (Spielzeug, Kleidung) und deren Funktion erklärt. Arztbesuche habe ich aber nie mit ihm zusammen absolviert, er hat auch keinen Geschwisterkurs besucht und es wurde nichts in der Wohnung umgeräumt. Sein Kinderzimmer inkl. Wickeltisch für's Baby (er ließ sich nicht mehr darauf wickeln) blieb unverändert, sein Bett behielt er, der Autokindersitz blieb gleich und es gab wirklich kaum Veränderungen in seiner häuslichen Umgebung. Ein neues Beistellbett stellten wir im Schlafzimmer auf, die neue Babyschale kam ins Auto (beides war schon verkauft) und der Kinderwagen wurde um ein Buggyboard erweitert. Ansonsten wollten wir ihm mit so wenig äußerer Veränderung wie möglich Sicherheit und Vertrauen vermitteln, um die unbekannte Situation zu meistern. Für ihn sollte alles gleich bleiben. Zu diesem Zeitpunkt hat ihn jegliche Veränderung total aus der Bahn geworfen.
Man merkte ihm auch nicht an, dass er realisierte, was auf ihn zukam. Er wirkte relativ unbeteiligt und ich kann mich nicht erinnern, dass er mal sein Ohr an meinen Bauch legte oder mit dem Baby sprach. Vielleicht hat er es gemacht, aber wenn, dann so selten und kurz, dass ich es kaum wahrgenommen habe. Er hat auch nie begeistert erzählt, dass er bald großer Bruder wird. Klar, er sprach ja auch noch nicht wirklich viel. Für meine Schwangerschaft interessierte er sich eigentlich nicht, und auch andere Schwangere und Babys lassen ihn bis heute kalt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er nie von selbst gesagt hätte, dass er noch ein Geschwisterchen möchte, so wie man es immer von vielen Seiten hört. Selbst das endgültige Still-Ende während der Schwangerschaft bedeutete für ihn keinen großen Einschnitt, soweit ich das beurteilen kann. Er hörte einfach von einem Tag zum anderen damit auf.
Von den Beschwerlichkeiten der zweiten Schwangerschaft bekam er nicht so viel mit. Übelkeit und Schlappheit sieht man nicht, tragen musste ich ihn weiterhin sehr viel, auch wenn ich immer wieder an ihn appellierte, und als ich in den letzten Wochen oft starke Vor- oder Übungswehen hatte und kurz innehalten musste, stand er einfach still neben mir und wartete. Zum Glück, denn als er mit 2 Jahren anfing, Laufrad zu fahren, wäre er sonst über alle Berge gewesen, während ich unterwegs minutenlang verkrampfte. Als ich wegen Übertragung zum CTG ins Krankenhaus musste, fuhren wir zwar gemeinsam hin, aber mein Mann ging währenddessen mit ihm auf den Spielplatz. Zumindest hatte er so das Krankenhaus schon mal gesehen. Aber er wirkte vor der Geburt insgesamt nicht aufgeregt oder neugierig oder stolz oder unsicher oder eifersüchtig. Er fieberte einfach kaum mit. Allerdings war er auch das erste Kind aus unserem Bekanntenkreis, das ein Geschwisterkind bekam.
Als die Kleine geboren wurde, war er 26 Monate alt. Er kam nach der Kita mit dem Papa zu uns ins Krankenhaus, schaute sich das Baby und mich im Krankenhaushemd kurz an und spielte dann mit seinem Bagger, dem Geschenk des Babys. Klar haben wir auch Aufnahmen, wo er das Baby streichelt, neben ihr im Krankenhausbett liegt oder mein Mann erzählte mir, wie er zuhause abends nach uns fragte. Wirklich süß war, wie sie uns abholten und er wacker mit dem Papa zusammen die Babyschale trug. Insgesamt aber war er relativ zurückhaltend in seinem Interesse für seine Schwester und das setzte sich zuhause fort.
Für das Stillen und Wickeln hat er sich nicht wirklich interessiert, auch nicht, wenn man ihn einbeziehen wollte. Er hat auch nicht meine Handlungen nachgeahmt, wie ich das oft bei anderen Mamas lese und höre. Weder stillte, fütterte, trug, wickelte oder badete er seine Kuscheltiere (für Kuscheltiere hat er sich ja auch nie begeistert) oder seine Babypuppe, die ihm die Großeltern zur Geburt der Schwester schenkten, noch holte er mich, wenn das Baby weinte. Eher saß er in solchen Fällen stumm und unbeteiligt daneben, so wie er auch neben ihr saß, wenn wir spielten, ohne ihr etwas zu zeigen oder sie zu bespaßen. Er hat seine Schwester nie als Subjekt, das er anleiten und beschäftigen könnte, gesehen. Er hat für sich oder mit uns gespielt und sich nicht weiter um sie gekümmert. Nicht groß mit ihr geredet, ihr kein Spielzeug gebracht, sie nicht getröstet, gestreichelt, geknuddelt, abgeknutscht. Sie hat ihn natürlich trotzdem angehimmelt, aber wir fanden das von seiner Seite aus im Vergleich zu anderen Kindern ziemlich wenig Interesse und Begeisterung für das Geschwisterchen. Wenn er von der Kita nach Hause kam, tangierte es ihn nicht, wo die Kleine war. Er hat nie geäußert, dass er auch bei mir schlafen wolle, nur weil die Kleine bei mir schläft. Klar war er erst 26 Monate + alt und noch sehr stark von seinen eigenen Problemen und Unausgeglichenheiten (Autonomiephase) in Beschlag genommen, aber uns erschien sein Desinteresse ungewöhnlich. Allerdings hat er sich eben auch nie - bis heute nicht - für andere Babys interessiert. Vielleicht ist das vergleichbar mit der Tatsache, dass ich keine Baby-Mama bin, wie hier beschrieben.
Je mobiler sie wurde, umso "gefährlicher" wurde sie für ihn und er sah sich genötigt, sein Eigentum zu verteidigen. Er hatte und hat immer noch ein sehr starkes Eigentumsempfinden, auch seiner Schwester gegenüber. Er hat keinen Beschützerinstinkt und keine Lehrmeister-Ambitionen. In der Kita hat sie immer seine Nähe gesucht, er nie ihre, soweit ich das aus Erzählungen der Erzieher beurteilen kann. Er hat selten mit ihr geschäkert oder herumgealbert, sie auch später kaum einmal getröstet. Das setzt sich tendenziell bis heute fort. Wie gesagt, ich bin mir ziemlich sicher, dass er sich niemals aktiv ein Geschwisterchen von uns gewünscht hätte, so wie man es besonders von Mädchen oft hört. Ich muss ehrlich sagen, dass ich damals enttäuscht von seinem Desinteresse war, weil ich es so anders erwartet und gehört hatte. Damals kannten wir ihn ja auch noch lange nicht so gut wie heute. Aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass besonders ich immer viel zu hohe Erwartungen zu dem, was eben "normal" ist, an ihn hatte. Irgendwie hat man ja immer die Vorstellung, dass das große Kind das kleine knuddelt und umsorgt. Meine allgemeinen Gedanken über die Geschwisterbeziehung der beiden findet ihr hier.
Eifersucht war übrigens so lange kein Thema, wie sein "System" stimmte, nämlich dass der Papa sich um ihn kümmerte und ich mich ums Baby. Er hatte sich ja in den Wochen vor ihrer Geburt emotional sehr stark an den Papa gebunden. Wenn der Papa in seiner Anwesenheit das Baby nahm, wurde er sehr unleidlich. Wenn alles im Lot war und das Baby bei mir war, war Eifersucht anfangs kaum ein Problem. Das ließ nach ein paar Monaten nach, als er sich mir langsam wieder annäherte und sein "System" aufgeweicht wurde. Danach und mit der zunehmenden Mobilität der Kleinen wurde die Eifersucht etwas sichtbarer. Vor allem die Eifersucht in Hinblick auf das Teilen-Müssen der Aufmerksamkeit. Insgesamt aber war das, was ich seiner Autonomiephase anlaste, schwerwiegender als jegliche Eifersucht und Entthronung, auch wenn sich das natürlich gegenseitig verstärken kann. Man musste bei ihm nie Sorge habe, dass er grob mit der Kleinen ist, ihr bewusst wehtut oder sich zu überschwänglich zeigt. Dafür hat sie ihn einfach zu wenig interessiert.
Wie war oder ist das bei euch, haben eure größeren Kinder in eurer nächsten Schwangerschaft mitgefiebert oder waren sie relativ desinteressiert? Wie haben sie das Baby nach der Geburt aufgenommen? Haben sie euer Verhalten nachgeahmt, waren sie vom Baby begeistert oder war es eher wie bei uns? Sind eure Kinder generell babybegeistert oder dahingehend auch eher leidenschaftslos?
Als ich schwanger wurde, war der Große noch nicht mal anderthalb Jahre alt. Natürlich haben wir ihn, je größer der Bauch wurde, auf das Geschwisterchen vorbereitet, ihm Dinge erklärt und gezeigt, mit ihm Bücher wie dies hier gelesen etc. Wir haben ihm gesagt, dass Mama dann ins Krankenhaus geht und er mit Papa allein zuhause ist. Wir haben mit ihm zusammen einige Babysachen wieder hervorgeholt (Spielzeug, Kleidung) und deren Funktion erklärt. Arztbesuche habe ich aber nie mit ihm zusammen absolviert, er hat auch keinen Geschwisterkurs besucht und es wurde nichts in der Wohnung umgeräumt. Sein Kinderzimmer inkl. Wickeltisch für's Baby (er ließ sich nicht mehr darauf wickeln) blieb unverändert, sein Bett behielt er, der Autokindersitz blieb gleich und es gab wirklich kaum Veränderungen in seiner häuslichen Umgebung. Ein neues Beistellbett stellten wir im Schlafzimmer auf, die neue Babyschale kam ins Auto (beides war schon verkauft) und der Kinderwagen wurde um ein Buggyboard erweitert. Ansonsten wollten wir ihm mit so wenig äußerer Veränderung wie möglich Sicherheit und Vertrauen vermitteln, um die unbekannte Situation zu meistern. Für ihn sollte alles gleich bleiben. Zu diesem Zeitpunkt hat ihn jegliche Veränderung total aus der Bahn geworfen.
Man merkte ihm auch nicht an, dass er realisierte, was auf ihn zukam. Er wirkte relativ unbeteiligt und ich kann mich nicht erinnern, dass er mal sein Ohr an meinen Bauch legte oder mit dem Baby sprach. Vielleicht hat er es gemacht, aber wenn, dann so selten und kurz, dass ich es kaum wahrgenommen habe. Er hat auch nie begeistert erzählt, dass er bald großer Bruder wird. Klar, er sprach ja auch noch nicht wirklich viel. Für meine Schwangerschaft interessierte er sich eigentlich nicht, und auch andere Schwangere und Babys lassen ihn bis heute kalt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass er nie von selbst gesagt hätte, dass er noch ein Geschwisterchen möchte, so wie man es immer von vielen Seiten hört. Selbst das endgültige Still-Ende während der Schwangerschaft bedeutete für ihn keinen großen Einschnitt, soweit ich das beurteilen kann. Er hörte einfach von einem Tag zum anderen damit auf.
Von den Beschwerlichkeiten der zweiten Schwangerschaft bekam er nicht so viel mit. Übelkeit und Schlappheit sieht man nicht, tragen musste ich ihn weiterhin sehr viel, auch wenn ich immer wieder an ihn appellierte, und als ich in den letzten Wochen oft starke Vor- oder Übungswehen hatte und kurz innehalten musste, stand er einfach still neben mir und wartete. Zum Glück, denn als er mit 2 Jahren anfing, Laufrad zu fahren, wäre er sonst über alle Berge gewesen, während ich unterwegs minutenlang verkrampfte. Als ich wegen Übertragung zum CTG ins Krankenhaus musste, fuhren wir zwar gemeinsam hin, aber mein Mann ging währenddessen mit ihm auf den Spielplatz. Zumindest hatte er so das Krankenhaus schon mal gesehen. Aber er wirkte vor der Geburt insgesamt nicht aufgeregt oder neugierig oder stolz oder unsicher oder eifersüchtig. Er fieberte einfach kaum mit. Allerdings war er auch das erste Kind aus unserem Bekanntenkreis, das ein Geschwisterkind bekam.Als die Kleine geboren wurde, war er 26 Monate alt. Er kam nach der Kita mit dem Papa zu uns ins Krankenhaus, schaute sich das Baby und mich im Krankenhaushemd kurz an und spielte dann mit seinem Bagger, dem Geschenk des Babys. Klar haben wir auch Aufnahmen, wo er das Baby streichelt, neben ihr im Krankenhausbett liegt oder mein Mann erzählte mir, wie er zuhause abends nach uns fragte. Wirklich süß war, wie sie uns abholten und er wacker mit dem Papa zusammen die Babyschale trug. Insgesamt aber war er relativ zurückhaltend in seinem Interesse für seine Schwester und das setzte sich zuhause fort.
Für das Stillen und Wickeln hat er sich nicht wirklich interessiert, auch nicht, wenn man ihn einbeziehen wollte. Er hat auch nicht meine Handlungen nachgeahmt, wie ich das oft bei anderen Mamas lese und höre. Weder stillte, fütterte, trug, wickelte oder badete er seine Kuscheltiere (für Kuscheltiere hat er sich ja auch nie begeistert) oder seine Babypuppe, die ihm die Großeltern zur Geburt der Schwester schenkten, noch holte er mich, wenn das Baby weinte. Eher saß er in solchen Fällen stumm und unbeteiligt daneben, so wie er auch neben ihr saß, wenn wir spielten, ohne ihr etwas zu zeigen oder sie zu bespaßen. Er hat seine Schwester nie als Subjekt, das er anleiten und beschäftigen könnte, gesehen. Er hat für sich oder mit uns gespielt und sich nicht weiter um sie gekümmert. Nicht groß mit ihr geredet, ihr kein Spielzeug gebracht, sie nicht getröstet, gestreichelt, geknuddelt, abgeknutscht. Sie hat ihn natürlich trotzdem angehimmelt, aber wir fanden das von seiner Seite aus im Vergleich zu anderen Kindern ziemlich wenig Interesse und Begeisterung für das Geschwisterchen. Wenn er von der Kita nach Hause kam, tangierte es ihn nicht, wo die Kleine war. Er hat nie geäußert, dass er auch bei mir schlafen wolle, nur weil die Kleine bei mir schläft. Klar war er erst 26 Monate + alt und noch sehr stark von seinen eigenen Problemen und Unausgeglichenheiten (Autonomiephase) in Beschlag genommen, aber uns erschien sein Desinteresse ungewöhnlich. Allerdings hat er sich eben auch nie - bis heute nicht - für andere Babys interessiert. Vielleicht ist das vergleichbar mit der Tatsache, dass ich keine Baby-Mama bin, wie hier beschrieben.
Je mobiler sie wurde, umso "gefährlicher" wurde sie für ihn und er sah sich genötigt, sein Eigentum zu verteidigen. Er hatte und hat immer noch ein sehr starkes Eigentumsempfinden, auch seiner Schwester gegenüber. Er hat keinen Beschützerinstinkt und keine Lehrmeister-Ambitionen. In der Kita hat sie immer seine Nähe gesucht, er nie ihre, soweit ich das aus Erzählungen der Erzieher beurteilen kann. Er hat selten mit ihr geschäkert oder herumgealbert, sie auch später kaum einmal getröstet. Das setzt sich tendenziell bis heute fort. Wie gesagt, ich bin mir ziemlich sicher, dass er sich niemals aktiv ein Geschwisterchen von uns gewünscht hätte, so wie man es besonders von Mädchen oft hört. Ich muss ehrlich sagen, dass ich damals enttäuscht von seinem Desinteresse war, weil ich es so anders erwartet und gehört hatte. Damals kannten wir ihn ja auch noch lange nicht so gut wie heute. Aus heutiger Sicht muss ich sagen, dass besonders ich immer viel zu hohe Erwartungen zu dem, was eben "normal" ist, an ihn hatte. Irgendwie hat man ja immer die Vorstellung, dass das große Kind das kleine knuddelt und umsorgt. Meine allgemeinen Gedanken über die Geschwisterbeziehung der beiden findet ihr hier.
Eifersucht war übrigens so lange kein Thema, wie sein "System" stimmte, nämlich dass der Papa sich um ihn kümmerte und ich mich ums Baby. Er hatte sich ja in den Wochen vor ihrer Geburt emotional sehr stark an den Papa gebunden. Wenn der Papa in seiner Anwesenheit das Baby nahm, wurde er sehr unleidlich. Wenn alles im Lot war und das Baby bei mir war, war Eifersucht anfangs kaum ein Problem. Das ließ nach ein paar Monaten nach, als er sich mir langsam wieder annäherte und sein "System" aufgeweicht wurde. Danach und mit der zunehmenden Mobilität der Kleinen wurde die Eifersucht etwas sichtbarer. Vor allem die Eifersucht in Hinblick auf das Teilen-Müssen der Aufmerksamkeit. Insgesamt aber war das, was ich seiner Autonomiephase anlaste, schwerwiegender als jegliche Eifersucht und Entthronung, auch wenn sich das natürlich gegenseitig verstärken kann. Man musste bei ihm nie Sorge habe, dass er grob mit der Kleinen ist, ihr bewusst wehtut oder sich zu überschwänglich zeigt. Dafür hat sie ihn einfach zu wenig interessiert.
Wie war oder ist das bei euch, haben eure größeren Kinder in eurer nächsten Schwangerschaft mitgefiebert oder waren sie relativ desinteressiert? Wie haben sie das Baby nach der Geburt aufgenommen? Haben sie euer Verhalten nachgeahmt, waren sie vom Baby begeistert oder war es eher wie bei uns? Sind eure Kinder generell babybegeistert oder dahingehend auch eher leidenschaftslos?
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