Ein halbes Jahr nach ihrem letzten Buch "Ich! Will! Aber! Nicht!"* über die Trotzphase hat Susanne Mierau, Kleinkindpädagogin und Autorin des Blogs Geborgen Wachsen, zusammen mit Anja Constance Gaca, Hebamme und Autorin des Blogs Von Guten Eltern, ein neues Buch vorgelegt, mit dem sie sich wieder der Babyzeit zuwendet: "Mein Schreibaby verstehen und begleiten. Der geborgene Weg für High-Need-Babys"*, erschienen im GU Verlag am 10. April 2018.
An dem Begriff Schreibaby, der bei vielen Eltern einen unangenehmen und stigmatisierenden Beigeschmack hat und das Phänomen nur unzureichend beschreibt, sollte man sich dabei nicht stören; er wurde vom Verlag vorgeschlagen, damit das Buch von betroffenen Eltern besser gefunden werden kann (siehe hier). Es geht um Babys, die nicht nur mehr schreien als andere, sondern insgesamt höhere Bedürfnisse haben, ihre Eltern stark fordern und an ihre Grenzen bringen. Bekannt sind auch die Begriffe High-Need-Babys, 24-Stunden-Babys, untröstlich weinende Babys oder bedürfnisstarke Kinder. Diese Babys schreien viel, ausdauernd und schrill, lassen sich nur schwer beruhigen, schlafen wenig, sind schnell überreizt, können schlecht abschalten, sind unruhig ("hyperactive" nach William Sears, der die 12 Kriterien für High-Need-Babys aufstellte, siehe hier) und von unzufriedenem Temperament, sehr empfindsam und sensibel, trennungsängstlich und schreckhaft und insgesamt sehr anspruchsvoll. Während man früher die starre Dreier-Regel (Schreien über einen Zeitraum von mindestens drei Wochen an mindestens
drei Tagen pro Woche mehr als drei Stunden pro Tag) heranzog, um festzulegen, wann ein Kind als Schreibaby zu bezeichnen ist, wird heute eher "das Ausmaß der Beeinträchtigung der Eltern als Grundlage für Behandlungsbedürftigkeit angesehen" (S. 30). Die subjektiv erlebte Belastung ist nun entscheidender als das bloße Zutreffen der alten Dreier-Regel. Genau da setzt das Buch an und möchte nicht das Problem, sondern die Lösung in den Mittelpunkt stellen.
Ich selbst habe das Buch aus der Perspektive einer ehemals betroffenen Mama gelesen, denn mein Sohn, jetzt 7 Jahre alt, war ein solches Baby, und zwar nicht nur in den ersten 12 Wochen, sondern sein gesamtes erstes Lebensjahr hindurch. Es war die härteste Zeit meines Lebens, sie hat mich dauerhaft über meine Grenzen gehen lassen und viele Wunden geschlagen, die teilweise bis heute nicht verheilt sind. Ich erinnere mich sehr genau an die Probleme und Herausforderungen, vor denen wir damals standen, an unsere Überforderung und Hilflosigkeit, an Verzweiflung, an Aggressionen und Wut. Und ich reagiere bis heute allergisch auf Menschen, die das Problem bagatellisieren, nivellieren oder betroffenen Eltern sogar Schuldgefühle einreden wollen. All dies spielte in meine Lektüre dieses Buches hinein, und ich muss sagen, ich hatte fast ein wenig Angst davor. Denn allzu oft trifft man auch in der Fachliteratur noch auf die Auffassung Entspannte Eltern - entspanntes Baby und Ansätze, die besagen, wenn du Folgendes tust und beachtest, schreit kein Baby unstillbar bzw. es beruhigt sich schnell. So einfach ist es eben nicht, auch wenn man gewisse Dinge wissen und beachten sollte, wenn man ein solches Kind hat. Auf diese Dinge geht das Buch ausführlich ein, ohne Schuldzuweisungen oder allzu einfache Erklärungen vorzulegen.
Das Temperament
Gleich zu Anfang betonen die Autorinnen, dass sich Babys von Geburt an unterscheiden und es Kinder mit einem angeborenen besonders empfindsamen Temperament gibt, deren Verhalten nicht so einfach zu deuten ist wie normalerweise oder die nicht auf die üblichen Beruhigungsstrategien ansprechen, ohne dass die Eltern deshalb etwas falsch machen. "Sie haben [...] besondere Bedürfnisse und stellen an Eltern andere Anforderungen als 'easy' Babys." (S. 9) Sie schlagen für den Umgang mit solchen Babys einen dreistufigen Weg vor: Beobachten - Verstehen - Handeln (S. 12). Besonders der Punkt des Verstehens ist bei diesen Babys sehr wichtig, da diese Babys eine andere Sprache sprechen als die Babys in der Umgebung, die wiederum von den Eltern andere Handlungsmuster verlangt als bei etwaigen Geschwister- oder Nachbarskindern.
Ursachen
Natürlich beschreibt das Buch mögliche Ursachen für exzessives Schreien, z. B. das Gebärmutterheimweh, Unreife, Frühgeburten, traumatische Geburten, stressige Schwangerschaften, Schmerzen, Stillprobleme, Regulationsstörungen o.ä. Betroffene Eltern sollten keinesfalls zögern, ärztliche Hilfe zu Rate zu ziehen, um körperliche oder sonstige Probleme auszuschließen. Oft dient gerade unstillbares Weinen von Babys auch dem Stressabbau, so dass man dies lediglich begleiten soll und aushalten muss (siehe Aletha J. Solter: "Warum Babys weinen"*). Im Grunde geht es aber bei High-Need-Babys um die Ausprägung eines bestimmten Temperaments, das sich eben nicht verändern, behandeln oder abstellen lässt. So mussten wir nach dem Ansprechen unserer Probleme bei der Kinderärztin, die überhaupt keine Hilfe war, nach zwei osteopathischen Sitzungen und mehreren (erfolglosen) Terminen mit der Schreibabyambulanz akzeptieren, dass keine Ursache für das Verhalten unseres Babys zu finden war, sondern wir die Tatsache, dass er ist, wie er ist, hin- und annehmen müssen. Auch im familiären Umfeld und Freundeskreis stand man dem Phänomen und vor allem unserer Überforderung hilflos gegenüber und pendelte zwischen der Aussage, das Kind würde sich doch so verhalten wie alle anderen Babys, und impliziten Schuldzuweisungen hin und her. Das einzige Buch, was mir damals wirklich half, war von Harvey Karp: "Das glücklichste Baby der Welt"*, ein Buch, das viele wertvolle und nützliche Ansätze jenseits der üblichen Ratschläge für mich bot. Ich denke, das hier vorgestellte Buch würde ich damals ebenfalls als sehr hilfreich empfunden haben.
Strategien
Genau wie auf mögliche Ursachen gehen die Autorinnen auch auf konkrete Strategien und Hilfestellungen ein, die den Alltag mit einem High-Need-Baby erleichtern können. Es geht um Körperkontakt und Hüllen (Pucken), um bequeme Babylagerung, ums Tragen und Wiegen, um eine bestimmte Schritttechnik ("Elefantenschritte", siehe S. 99), ums Stillen und Füttern, um Reizminderung und ums Schlafen. Mit dem Elefantenschritt (rhythmisch in die Knie gehen) haben wir gute Erfahrungen gemacht. Doch diese Methode hat uns damals niemand nahegebracht, sondern wir haben sie durch Ausprobieren gefunden. Die Autorinnen betonen aber auch, dass Eltern solcher Babys ganz individuell schauen müssen, was gut angenommen wird oder was vielleicht sogar noch zusätzlichen Stress auslöst.
Genauso wichtig wie die Bedürfnisse des Babys sind jedoch die Bedürfnisse der Eltern in einer solchen Ausnahmesituation. Besonders diese Eltern sollten sehr gut auf ihre Ressourcen achten und ihre Belastungsgrenzen ganz klar kommunizieren. Dass dies als Schreibaby-Eltern schier unmöglich scheint, weiß ich selbst aus eigener Erfahrung, und dennoch kann man es nicht genug betonen. Mit dem heutigen Wissen hätte ich damals auch einiges anders gemacht bzw. mich schneller von der Vorstellung, wie es doch eigentlich sein müsste, verabschiedet. Oft genug entsteht ja auch ein Stress-Kreislauf, der sich wiederum auf das sowieso schon leicht erregbare Baby auswirkt und eigentlich durchbrochen werden müsste, was aber ohne konkrete Entlastung kaum möglich ist. Deshalb finde ich besonders den ersten Punkt in der Sechs-Punkte-Liste für Schreisituationen (S. 109), nämlich sich zuerst kurz auf sich selbst zu konzentrieren, um sich selbst zu beruhigen, unheimlich wichtig. Denn man kann einen anderen Menschen nur beruhigen, wenn man selbst halbwegs ruhig bleibt. Dass dies in solchen Situationen, die sich über Monate hinweg aufbauen, wo alle Sinne angespannt und gereizt sind, sehr schwer ist, steht außer Frage.
Auch auf die Arbeit der Schreibabyambulanz wird kurz eingegangen. Mit einem guten, verständnisvollen Therapeuten kann hier sicherlich vieles erreicht werden. Bei uns war es eher so, dass die Haltung und die Aussagen unserer Therapeutin eher noch unsere Schuldgefühle verstärkten, so dass wir die (kostenpflichtige) Therapie nach der 3. Sitzung beendeten. Auch unsere Hebamme strotzte vor Unverständnis: sie habe noch nie ein Baby erlebt, was so war, wie wir unseren Sohn beschrieben. Und (ein Mal!) auf ihrem Arm war er ja ruhig. Es müsse also an unserer Unentspanntheit liegen. Unsere Kinderärztin traf ähnliche Aussagen. Zu diesem Thema raten die Autorinnen, sich von verständnislosen Menschen, die die Situation nicht nachvollziehen können und eher eine Be- als eine Entlastung sind, bewusst zu lösen. Dies ist jedoch nicht so einfach, denn dann steht man ganz schnell komplett allein da. Und die gefühlte Isolation ist ein weiterer tragischer Aspekt am Schreibaby-Elterndasein.
Schlafen
Für mich als Mama wurde im Laufe der Monate übrigens der Umgang mit dem Schlafproblem meines Großen zentral. High-Need-Babys wollen nämlich schlafen und benötigen zur Verarbeitung der vielen ungefilterten Reize, die auf sie einströmen, sogar mehr Schlaf als "normale" Babys, können aber nicht einschlafen. Sie finden nicht von allein in den Schlaf bzw. wehren sich mit aller Kraft dagegen, Letzteres bei uns sehr ausgeprägt. Der wichtigste Punkt, den wir lernten zu beachten, war, unseren Sohn regelmäßig zum Schlafen zu bringen, um Überreizung und unstillbare Schreiattacken zu vermeiden. Als das Einschlafen beim Stillen nicht mehr funktionierte, haben wir nach spätestens 3 Stunden Wachzeit darauf geachtet, ihm zum Schlafen zu verhelfen, immer gegen seinen Widerstand, aber im Grunde alternativlos. Ich habe solch eine nervenaufreibende und sehr belastende Situation, die wir täglich mehrmals hatten, mal in meinem Text Spießrutenlauf beschrieben. Da waren schon mehrere Monate vergangen, in denen ich meine Vorstellung, alle Babys schliefen allein, an jedem Ort und problemlos ein, verabschiedet hatte. Hatte mein Großer lange genug geschlafen, war er ausgeglichener und zufriedener, bis der Kreislauf der Überreizung wieder begann. Das Regulieren seines permanenten Schlafdefizites und das Zum-Schlafen-Bringen war elementar für uns in seinem Babyjahr, und so ist es bis heute geblieben, wenn er unter Stress steht. Das Thema kommt mir im Buch etwas zu kurz, weil es wirklich zentral im Umgang mit einem Schreibaby ist.
Übrigens wird im Buch auch auf Hochsensibilität kurz Bezug genommen (S. 55f. und S. 85), sowohl auf Kindes- als auch auf Elternseite, was mich freut, da ich mich mit diesem Thema ja schon lange beschäftige. Alle diese Begriffe sollen aber Kinder weder in Schubladen stecken noch stigmatisieren, sondern einfach Verständnis wecken für gewisse Besonderheiten. Für viele Menschen, mich eingeschlossen, ist es hilfreich, einen Namen für bestimmte Phänomene zu haben. Und gerade die Kombination hochsensible Mutter - hochsensibles Kind birgt tatsächlich nochmal besondere Herausforderungen.
Fazit
Das Buch von Susanne Mierau und Anja Constance Gaca stellt weder das Schreibaby als Problemfall in den Vordergrund, noch reproduziert es Schuldzuweisungen an die Eltern, die das Baby vermeintlich nur "falsch behandeln". Es fokussiert sich weniger auf mögliche Ursachen, sondern zeigt Strategien auf, um das Leben mit solch einem herausfordernden Baby zu meistern und Schwierigkeiten etwas abzumildern. Dass es kein Patentrezept gibt, sollte klar sein, und da oft (nicht immer; siehe hier) ein angeborenes Temperament die Bedürfnisstärke dieser Babys verursacht oder bedingt, ist dies auch nicht grundlegend änderbar: "Das Kind ist, wie es ist, und wir begleiten es auf diesem Weg, so gut wir eben können." (S. 9)
Ausführlich werden die Belastungen für die Psyche betroffener Eltern beschrieben, was ich persönlich sehr wichtig und hilfreich finde, da die Eltern sich oftmals alleingelassen und unverstanden fühlen. Versagensgefühle, Selbstvorwürfe, Stressreaktionen, Depressionen oder Aggressivität bis hin zum Eltern-Burnout sind nicht zu vernachlässigende Begleiterscheinungen einer solch herausfordernden Situation. Nicht selten kommt es auch zu Konflikten im Familienleben, die nicht gerade zur Beruhigung der angespannten Nerven beitragen. Insofern ist es essentiell wichtig, dass Eltern mit einem bedürfnisstarken Baby in besonderem Maße auf sich achten. Und ich finde es toll, dass ein Buch über Schreibabys viel Augenmerk darauf legt.
Wenn man ein Schreibaby hat, das nur herumgetragen werden will, kaum schläft und im wachen Zustand ständig unzufrieden und unruhig ist, bleibt nicht viel Zeit zum Lesen. Deshalb ist ein nicht zu umfangreiches, gut gegliedertes und auch häppchenweise lesbares Buch sehr angenehm. Das Werk von Susanne Mierau und Anja Constance Gaca ist da genau das Richtige. Es eignet sich nicht nur zum Durchlesen, sondern auch zum Nachschlagen. Und es gibt betroffenen Eltern an keiner Stelle ein schlechtes Gefühl, sondern hilft dabei, die Situation so zu akzeptieren, wie sie ist.
Ich hoffe, dass dieses Buch Neu-Eltern hilft, ihr Baby, das vielleicht viel schreit, mehr als andere fordert und starke Bedürfnisse zeigt, einerseits besser zu verstehen, andererseits aber auch sich selbst in dieser Ausnahmesituation nicht zu verlieren. Ich hoffe auch, dass das Wissen um solche Babys sich noch weiter verbreitet und damit Falschinformationen und Schuldzuweisungen der Umgebung aufhören. Ich wünsche dem Buch viele Leser: Eltern, Großeltern, Hebammen, Kinderärzte, Krankenschwestern und vielleicht auch Menschen, die ein entspanntes Baby hatten, damit sie verstehen, wie verschieden Babys sind und das Leben mit ihnen sein sein kann. Und sollte mein Sohn dereinst ebenfalls ein High-Need-Baby bekommen, würde ich ihm dieses Buch mit Sicherheit ans Herz legen.
Klare Leseempfehlung!
Verlosung:
Ich möchte gern mein Rezensionsexemplar an euch verlosen, denn ich selbst benötige es nicht mehr für meine Kinder. Es ist in gelesenem, aber so gut wie neuwertigem Zustand und kann bestimmt einem/r von euch noch weiterhelfen. Um in den Lostopf zu hüpfen,
hinterlasst mir bitte hier einen Kommentar darüber, was euch an dem
Thema interessiert, beispielsweise ob ihr ein Schreibaby habt oder hattet oder vielleicht betroffenen Eltern im Bekanntenkreis helfen wollt usw. Zusätzlich würde ich
mich freuen, wenn ihr mir auf Facebook
folgt und vielleicht sogar die Verlosung teilt. Ist aber keine Bedingung. Bitte gebt euren Namen
im Kommentar an, sonst kann ich euch nicht berücksichtigen!
Die Verlosung läuft bis zum 22.04.2018, 23:59 Uhr.
Unter allen bis dahin eingehenden Kommentaren wird der Gewinner/die
Gewinnerin ausgelost und hier sowie auf Facebook bekanntgegeben. Da ich
keine Mailadressen angezeigt bekomme, müsst ihr bitte die
Folgekommentare abonnieren, um eine Benachrichtigung zu erhalten, oder
nach der Auslosung am 23.04.2018 nochmal vorbeischauen. Die Verlosung steht in keinem
Zusammenhang zu Facebook. Versand nur innerhalb Deutschlands.
Mindestalter 18 Jahre. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Viel Glück!
Die Eckdaten:
Anja Constance Gaca, Susanne Mierau: Mein Schreibaby verstehen und begleiten. Der geborgene Weg für High-Need-Babys*, GU Verlag, April 2018, 128 Seiten, ISBN 978-3833865589, 14,99 €
Vielen Dank an den GU Verlag und Susanne Mierau für das Rezensionsexemplar.
*Affiliate Link
Bilder: GU Verlag, Frühlingskindermama
Auslosung am 23.04.18: Gewonnen hat Irin, die letzte Kommentatorin. Herzlichen Glückwunsch! Danke an alle für's Mitmachen!
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Sonntag, 15. April 2018
"Mein Schreibaby verstehen und begleiten. Der geborgene Weg für High-Need-Babys" (Rezension mit Verlosung)
Mittwoch, 24. Februar 2016
Sorgen im 1. Lebensjahr des Großen
Unser Großer hatte nicht nur einen langwierigen Entstehungsweg und einen schwierigen Start ins Leben, sondern auch in seinem ersten Lebensjahr immer wieder mit diversen Problemen, Leiden, Krankheiten und Herausforderungen zu kämpfen, die für sein labiles und stressanfälliges Naturell sicherlich nicht förderlich waren und uns noch mehr Sorgen, Unsicherheit und Überforderung als ohnehin schon bescherten. Neben seiner Unruhe, der Schreierei, dem Überstrecken, dem Nicht-Abschalten-Können und damit verbundenen Schlafdefizit gab es gerade im ersten halben Jahr einige Dinge, die die Situation noch verschärften. Sicherlich war nichts davon sehr dramatisch, manch andere Eltern haben mit viel schwierigeren Herausforderungen zu kämpfen (Krankenhausaufenthalte etc.) und große Ängste auszustehen. Aber in der Gesamtheit und in Kombination mit seinen Regulationsproblemen und unserer Überforderung war es einfach zuviel. Für ihn und für uns.
- Mit 1,5 Wochen bekam er Mundsoor und unsere grauenhafte erste Hebamme versuchte 10 Tage lang, diesen mit homöopathischen Mitteln zu beenden, bis wir dann endlich mehr oder weniger gegen ihren Rat zum Kinderarzt gingen und dank einer Salbe innerhalb von 2 Tagen Heilung eintrat. Jeder weiß, wie unangenehm und oft schmerzhaft Beschwerden im Mund sein können, und dass er zu lange sinnlos gelitten hat, war definitiv nicht gut.
- Mit 2,5 Wochen bekam er die weitverbreitete Babyakne, die ca. 5 Wochen dauerte, ihm aber wohl keine Beschwerden verursachte.
- Mit 4 Wochen wurde bei der U3 ein Nabelbruch festgestellt, den weder die Hebamme noch wir bis dahin bemerkt hatten. Das ist eine angeborene, noch nicht fest durch Muskelhaut verschlossene Stelle im Nabelbereich, an der sich das Bindegewebe, manchmal auch Teile der Innereien, nach außen wölben und der Bauchnabel vorsteht. Meist verwächst es sich von selbst wieder, sollte aber kontrolliert werden, da die Gefahr besteht, dass Teile der Organe eingeklemmt werden. Eine Woche nach der Diagnose waren wir beim Kinderchirurg, der uns dann regelmäßig einbestellte. Nochmals 2 Wochen später fuhren wir deswegen zum Notdienst ins Krankenhaus, weil der Bauchnabel extrem hervortrat und wir einfach Angst hatten. Durch sein übermäßiges Schreien verstärkte sich der Nabelbruch noch. Ob er dadurch Schmerzen hatte, weiß keiner.
- Mit 8 Wochen waren wir mit dem Großen beim Osteopathen, wo eine Nackenblockade festgestellt wurde, weshalb er seinen Kopf nur in eine Richtung drehen konnte und eine Lieblingsseite hatte. Diese wurde beseitigt und die Kopfbewegungen funktionierten danach gut. Unsere Hoffnung, dass der Große danach ausgeglichener und zufriedener wäre, erfüllte sich leider nicht. Zwei Tage später fand der normale Hüftultraschall statt.
- Mit knapp 9 Wochen mussten wir leider noch einmal mit ihm zum Kinderärztlichen Notdienst wegen eines Sturzes. Das war meine Schuld und ich mache mir bis heute fürchterliche Vorwürfe deswegen. Zum Glück verhielt er sich danach völlig unauffällig und es wurde nichts festgestellt.
- Danach folgten die ersten Impfungen im 4-Wochen-Abstand. Mit 13,5 Wochen wurde bei der U4 zusätzlich zum Nabelbruch noch ein Wasserbruch festgestellt, wobei durch eine noch nicht richtig verschlossene Bauchwand Flüssigkeit in den Hodensack gelangt und diesen anschwellen lässt, manchmal mit Schmerzen verbunden. Wir mussten daraufhin wieder mehrfach zum Kinderchirurgen, bis er irgendwann von selbst verheilte.
- Mit 16 Wochen war der Nabelbruch weitestgehend von allein verheilt. Mit 18 Wochen waren wir noch einmal bei einem anderen Osteopathen, um ihn durchchecken zu lassen, da die Schreierei, Unruhe, Unzufriedenheit und das Überstrecken noch nicht besser geworden waren. Dieser Osteopath konnte uns nur zu einem kerngesunden Kind beglückwünschen, was eigentlich keinerlei Probleme haben dürfte. Na danke auch.
- Daraufhin entschieden wir uns schweren Herzens, es mit der Schreibabyambulanz zu versuchen. Im August 2011, er war 5 Monate alt, hatten wir 3 Sitzungen mit einer entsprechenden Therapeutin, die absolut nichts bewirkten. Zwischenzeitlich starb noch meine Schwiegermutter und mein Mann musste alles Notwendige organisieren.
- Danach wurde es bis auf die regelmäßigen Impfungen und die U's etwas ruhiger. Mit 24 Wochen hatte er seine erste Erkältung. Mit 35 Wochen kam sein erstes Zähnchen durch. Die nach und nach durchbrechenden Zähne machten merkliche Probleme. Kurz vor seinem ersten Geburtstag hat er nach der MMR-Impfung sehr gelitten und bekam die sog. Impfmasern, die angeblich nur 5% der geimpften Kinder bekommen (meine Kleine hatte sie auch).
- Die erste richtig schlimme (und vielleicht bisher schrecklichste) Krankheit war das Dreitagefieber mit 15 Monaten. Aber das fällt ja schon ins zweite Lebensjahr. Darüber vielleicht bei Gelegenheit mehr.
Man sieht, vor allem das erste halbe Lebensjahr des Großen war von vielen Problemen geprägt, die uns zusätzlich verunsicherten und von denen wir nicht wussten, inwieweit sie den Großen beeinträchtigten. Er schrie eh' schon viel und es kann gut sein, dass er zu allem Überfluss noch Schmerzen hatte. Für uns war das neben seinen Regulationsproblemen alles viel zuviel. Durch unsere Unerfahrenheit, die unsägliche Hebamme und eine nicht wirklich unterstützende Kinderärztin standen wir viele Ängste aus. Ich denke, dass keines dieser Probleme die Ursache für die Anpassungsprobleme des Großen war. Aber sie trugen mit Sicherheit nicht dazu bei, dass er sich wohler in seinem Körper und in der Welt fühlte, im Gegenteil. Und das ist das Unglückliche daran.
Welche Sorgen hattet ihr in den ersten Lebensmonaten eurer Kinder? Waren sie kerngesund oder habt ihr einen Ärztemarathon hinter euch? Oder musstet ihr sogar ins Krankenhaus?
- Mit 1,5 Wochen bekam er Mundsoor und unsere grauenhafte erste Hebamme versuchte 10 Tage lang, diesen mit homöopathischen Mitteln zu beenden, bis wir dann endlich mehr oder weniger gegen ihren Rat zum Kinderarzt gingen und dank einer Salbe innerhalb von 2 Tagen Heilung eintrat. Jeder weiß, wie unangenehm und oft schmerzhaft Beschwerden im Mund sein können, und dass er zu lange sinnlos gelitten hat, war definitiv nicht gut.
- Mit 2,5 Wochen bekam er die weitverbreitete Babyakne, die ca. 5 Wochen dauerte, ihm aber wohl keine Beschwerden verursachte.
- Mit 4 Wochen wurde bei der U3 ein Nabelbruch festgestellt, den weder die Hebamme noch wir bis dahin bemerkt hatten. Das ist eine angeborene, noch nicht fest durch Muskelhaut verschlossene Stelle im Nabelbereich, an der sich das Bindegewebe, manchmal auch Teile der Innereien, nach außen wölben und der Bauchnabel vorsteht. Meist verwächst es sich von selbst wieder, sollte aber kontrolliert werden, da die Gefahr besteht, dass Teile der Organe eingeklemmt werden. Eine Woche nach der Diagnose waren wir beim Kinderchirurg, der uns dann regelmäßig einbestellte. Nochmals 2 Wochen später fuhren wir deswegen zum Notdienst ins Krankenhaus, weil der Bauchnabel extrem hervortrat und wir einfach Angst hatten. Durch sein übermäßiges Schreien verstärkte sich der Nabelbruch noch. Ob er dadurch Schmerzen hatte, weiß keiner.
- Mit 8 Wochen waren wir mit dem Großen beim Osteopathen, wo eine Nackenblockade festgestellt wurde, weshalb er seinen Kopf nur in eine Richtung drehen konnte und eine Lieblingsseite hatte. Diese wurde beseitigt und die Kopfbewegungen funktionierten danach gut. Unsere Hoffnung, dass der Große danach ausgeglichener und zufriedener wäre, erfüllte sich leider nicht. Zwei Tage später fand der normale Hüftultraschall statt.
- Mit knapp 9 Wochen mussten wir leider noch einmal mit ihm zum Kinderärztlichen Notdienst wegen eines Sturzes. Das war meine Schuld und ich mache mir bis heute fürchterliche Vorwürfe deswegen. Zum Glück verhielt er sich danach völlig unauffällig und es wurde nichts festgestellt.
- Danach folgten die ersten Impfungen im 4-Wochen-Abstand. Mit 13,5 Wochen wurde bei der U4 zusätzlich zum Nabelbruch noch ein Wasserbruch festgestellt, wobei durch eine noch nicht richtig verschlossene Bauchwand Flüssigkeit in den Hodensack gelangt und diesen anschwellen lässt, manchmal mit Schmerzen verbunden. Wir mussten daraufhin wieder mehrfach zum Kinderchirurgen, bis er irgendwann von selbst verheilte.
- Mit 16 Wochen war der Nabelbruch weitestgehend von allein verheilt. Mit 18 Wochen waren wir noch einmal bei einem anderen Osteopathen, um ihn durchchecken zu lassen, da die Schreierei, Unruhe, Unzufriedenheit und das Überstrecken noch nicht besser geworden waren. Dieser Osteopath konnte uns nur zu einem kerngesunden Kind beglückwünschen, was eigentlich keinerlei Probleme haben dürfte. Na danke auch.
- Daraufhin entschieden wir uns schweren Herzens, es mit der Schreibabyambulanz zu versuchen. Im August 2011, er war 5 Monate alt, hatten wir 3 Sitzungen mit einer entsprechenden Therapeutin, die absolut nichts bewirkten. Zwischenzeitlich starb noch meine Schwiegermutter und mein Mann musste alles Notwendige organisieren.
- Danach wurde es bis auf die regelmäßigen Impfungen und die U's etwas ruhiger. Mit 24 Wochen hatte er seine erste Erkältung. Mit 35 Wochen kam sein erstes Zähnchen durch. Die nach und nach durchbrechenden Zähne machten merkliche Probleme. Kurz vor seinem ersten Geburtstag hat er nach der MMR-Impfung sehr gelitten und bekam die sog. Impfmasern, die angeblich nur 5% der geimpften Kinder bekommen (meine Kleine hatte sie auch).
- Die erste richtig schlimme (und vielleicht bisher schrecklichste) Krankheit war das Dreitagefieber mit 15 Monaten. Aber das fällt ja schon ins zweite Lebensjahr. Darüber vielleicht bei Gelegenheit mehr.
Man sieht, vor allem das erste halbe Lebensjahr des Großen war von vielen Problemen geprägt, die uns zusätzlich verunsicherten und von denen wir nicht wussten, inwieweit sie den Großen beeinträchtigten. Er schrie eh' schon viel und es kann gut sein, dass er zu allem Überfluss noch Schmerzen hatte. Für uns war das neben seinen Regulationsproblemen alles viel zuviel. Durch unsere Unerfahrenheit, die unsägliche Hebamme und eine nicht wirklich unterstützende Kinderärztin standen wir viele Ängste aus. Ich denke, dass keines dieser Probleme die Ursache für die Anpassungsprobleme des Großen war. Aber sie trugen mit Sicherheit nicht dazu bei, dass er sich wohler in seinem Körper und in der Welt fühlte, im Gegenteil. Und das ist das Unglückliche daran.
Welche Sorgen hattet ihr in den ersten Lebensmonaten eurer Kinder? Waren sie kerngesund oder habt ihr einen Ärztemarathon hinter euch? Oder musstet ihr sogar ins Krankenhaus?
Samstag, 6. Juni 2015
Entspannte Kinder machen entspannte Eltern
In der realen und virtuellen Welt begegnen einem die unterschiedlichsten Auffassungen und Erfahrungen, was die Entwicklung und den Umgang mit Kindern angeht. Das finde ich meistens sehr interessant und bereichernd, auch in den Aspekten, die ich als ganz anders empfinde. Allerdings gibt es ein paar Auffassungen, auf die ich bei jedem Hören und Lesen empfindlich reagiere und wo ich jedesmal das Bedürfnis habe, eine ausführliche Antwort auf aufgestellte Behauptungen zu geben.
Dazu gehört die immer wiederkehrende, nicht auszurottende und so undifferenzierte wie kränkende Meinung, dass Eltern von Schreibabys* oder anstrengenden Kleinkindern ja doch irgendwie schuld an oder verantwortlich für das Verhalten des Kindes sein müssen, weil sie entweder nicht entspannt genug sind, das Kind falsch behandeln, nicht konsequent genug oder ZU streng sind, es nicht genug in seinen Eigenheiten akzeptieren oder womöglich überhaupt nicht so lieben würden, wie es ist. Die Liste der Vorwürfe ließe sich beliebig erweitern. Denn ein anstrengendes Kind käme ja nicht als solches auf die Welt, sondern würde erst durch die Einflüsse von außen so geprägt.
Sicherlich gibt es Kinder, die durch eine lieblose, gewalttätige und respektlose Erziehung zu schwierigen Fällen werden. Um solche geht es aber meist nicht, sondern um Kinder, die von ihren Eltern als anstrengend, als Kinder mit starken Bedürfnissen (High-Need nach William Sears) empfunden werden und die ihre Eltern regelmäßig vor Herausforderungen im alltäglichen Umgang mit ihnen stellen, die sich Eltern von pflegeleichten Kindern nicht im Ansatz vorstellen können. Bekanntlich habe ich ein solches Kind, meinen Großen, und bin seit dem Tag seiner Geburt immer wieder mit solchen Vorwürfen und Schuldzuweisungen konfrontiert worden. Obwohl ich mich mittlerweile nicht mehr so darüber aufrege wie früher, trifft es mich dennoch immer wieder, wenn Menschen, die weder ein solches Kind haben noch die genauen Umstände kennen, immer wieder in die gleiche Kerbe hauen. Und ich habe auch immer wieder den Impuls, mich erklären und rechtfertigen zu müssen.
Ich glaube, und das kann ich aus meiner Erfahrung mit meinen beiden unterschiedlichen Kindern sagen, dass jedes Kind mit einem ziemlich umfangreichen Paket von Wesenszügen, Fähigkeiten und Stärken/Schwächen auf die Welt kommt, was sich im Falle meiner Kinder vom Tag der Geburt an gezeigt hat und bis heute durchzieht. Ich kann definitiv sagen, dass mein Großer nicht erst zum Schreikind geworden ist, sondern von Anfang an ein Baby mit Regulationsstörungen, ein High-Need-Baby gewesen ist und ich das auch vom ersten Tag an so empfunden habe, auch wenn ich mir das Wissen darüber und die Begrifflichkeiten natürlich erst nach und nach angelesen habe. Klar waren wir unsichere Ersteltern, die Geburt und Krankenhauszeit war traumatisch und alles ganz anders als vorgestellt. Aber das geht doch vielen so, und trotzdem erwachsen aus diesen Voraussetzungen nicht automatisch Schreikinder.
Der Große war ja ein lang ersehntes Wunschkind, über die Schwangerschaft waren wir sehr glücklich und sie war bis auf die Angst der ersten Wochen vor einer erneuten Fehlgeburt auch im Großen und Ganzen problemlos. Ich fühlte mich abgesehen von kleineren Zipperlein wohl und freute mich auf mein Baby. Ich arbeitete bis zum Resturlaub vor dem Mutterschutz in meinem Teilzeitjob, der mir auch genug Zeit zum Genießen der Schwangerschaft ließ, und entspannte mich dann in den letzten Wochen noch einmal so richtig. Also ideale Voraussetzungen für ein entspanntes Baby, um mal in der Denkweise der Befürworter der These "Entspannte Mama - entspanntes Baby" zu bleiben. Allerdings war der Große im Bauch schon extrem unruhig, was ich auch ohne Vergleichsmöglichkeit als "unnormal" empfand. Aber nicht in meinen schlimmsten Träumen hätte ich mir vorstellen können, wie es dann wirklich mit ihm war.
Weder eine problematische Schwangerschaft noch eine unentspannte Mama oder sonstige schwelenden Probleme waren also "schuld" an dem Schreibaby, was wir bekamen. Die Geburt war sicherlich alles andere als optimal und hat sich nicht gerade positiv auf seinen Gemütszustand ausgewirkt, aber auch hier gibt es viele ähnliche Fälle ohne Schreibaby-Nachwirkungen. Unerfahrene und unsichere Erstlingseltern sind heutzutage die meisten Eltern, und trotzdem ist die Schreibaby-Rate über die letzten Jahrzehnte nicht signifikant angestiegen. Mit meinem heutigen Wissen hätte ich zwar damals ganz anders agieren können, wäre viel ruhiger und selbstbewusster gewesen und hätte mich nicht so schnell verunsichern und kränken lassen. Entspannt wäre ich allerdings trotzdem mit Sicherheit nicht gewesen. Schon unsere schreckliche Hebamme konfrontierte uns ja indirekt mit Vorwürfen, unsere "Unentspanntheit" betreffend, ohne sich wirklich mit unseren Problemen auseinanderzusetzen. Die allerschlimmste Schuldzuweisung überhaupt kam übrigens aus meiner eigenen Familie, die implizit behauptete, die Entstehungsgeschichte des Großen sei verantwortlich dafür. Demnach müssten ja alle diese Babys Schreikinder sein... Rationalen Argumenten sind solche Menschen sowieso nicht zugänglich. Als diese Vorwürfe mehrfach wiederholt wurden, gleichzeitig aber schizophrenerweise auch behauptet wurde, der Große sei doch ein ganz normales Baby, drohte ich den Kontaktabbruch an. Ich, die ich kurz vorm Kollabieren war und mir nichts mehr als Hilfe, Verständnis und Unterstützung wünschte. Es half kurzzeitig. Ausrotten kann man aber solche Überzeugungen leider nie.
Sicherlich kann es Faktoren geben, die Babys zu Schreibabys werden lassen, das will ich nicht bestreiten. Bei vielen Babys werden ja auch immer wieder körperliche Ursachen gefunden (Blockaden, Kiss-Syndrom, Unverträglichkeiten). Oder das Schreien hört nach den üblicherweise behaupteten ersten 3-4 Monaten auf, wird also mit Umstellungsproblemen erklärt. All dies war bei uns nicht der Fall. Zwar wurden Blockaden vom Osteopathen gelöst, aber am Wesen des Kindes änderte sich gar nichts. Wenn es nicht den einen eindeutigen Hebel gab, den man umlegen musste, um das Kind zu einem zufriedenen Baby zu machen oder keine explizit körperlichen Ursachen gefunden wurden, wird niemand je endgültig wissen, warum manche Babys pflegeleichter und andere anspruchsvoller sind. Dieses Wissen sollte endlich mal allgemein akzeptiert werden!
Ich wehre mich immer wieder vehement gegen Auffassungen, die die Regulationsprobleme solcher Kinder den Eltern anlasten. Zwar trägt der ungesunde Kreislauf, der durch solch ein forderndes Kind und die deshalb logischerweise angespannten Eltern, entsteht, nicht zur Besserung der Situation bei. Aber der Auslöser ist und bleibt die schwierige Situation mit dem Kind. Ich habe ja nun den Unterschied bei meinen beiden Kindern deutlich gemerkt. Und ich war beim zweiten Mal nicht etwa deshalb entspannter, weil ich schon eine erfahrene Mama war, wie jetzt wieder die Vertreter der o.g. These sagen würden. Nein, im Gegenteil, ich war in der Schwangerschaft deutlich angespannter und ängstlicher, weil ich ein zweites Schreibaby fürchtete. Ich hatte auch mehr Angst vor der zweiten Geburt und zweifelte, ob wir es mit zwei kleinen Kindern hinbekommen würden. Als ich aber merkte, dass meine Kleine ein entspanntes Baby ist, habe auch ich mich sofort entspannt und konnte überhaupt erst so etwas wie einen Mutterinstinkt spüren, weil ich ein positives Feedback vom Baby bekam. Dadurch gewann ich Vertrauen in meine Mama-Fähigkeiten und -Intuition, was in der Babyzeit des Großen völlig gefehlt hat. Ein positiver Kreislauf begann, der bis heute anhält und meinen Umgang mit der Kleinen prägt.
Deshalb ist meine tiefe Überzeugung: "Nicht entspannte Eltern haben entspannte Kinder, sondern entspannte Kinder machen entspannte Eltern" (nach einer Interviewüberschrift des Blogs Frühes Vogerl). Ich wünsche mir, dass diese Auffassung endlich akzeptiert wird und die Eltern von Kindern mit besonderen Bedürfnissen nicht länger durch Schuldzuweisungen und kränkende Vorwürfe noch mehr belastet werden, als sie es ohnehin schon sind. Zuhören, Verständnis, Hilfe und Unterstützung wären stattdessen angebracht.
* Ich verwende den Begriff "Schreibaby" der Einfachheit halber. Das Phänomen umfasst viele verschiedene Facetten und muss in jedem Fall individuell betrachtet werden. Das exzessive, unstillbare Schreien ist dabei nur ein Aspekt unter vielen anderen.
Lesenswerte Texte dazu:
Entspannte Eltern - entspanntes Baby?
Entspann‘ dich doch mal, Mama!
Dazu gehört die immer wiederkehrende, nicht auszurottende und so undifferenzierte wie kränkende Meinung, dass Eltern von Schreibabys* oder anstrengenden Kleinkindern ja doch irgendwie schuld an oder verantwortlich für das Verhalten des Kindes sein müssen, weil sie entweder nicht entspannt genug sind, das Kind falsch behandeln, nicht konsequent genug oder ZU streng sind, es nicht genug in seinen Eigenheiten akzeptieren oder womöglich überhaupt nicht so lieben würden, wie es ist. Die Liste der Vorwürfe ließe sich beliebig erweitern. Denn ein anstrengendes Kind käme ja nicht als solches auf die Welt, sondern würde erst durch die Einflüsse von außen so geprägt.
Sicherlich gibt es Kinder, die durch eine lieblose, gewalttätige und respektlose Erziehung zu schwierigen Fällen werden. Um solche geht es aber meist nicht, sondern um Kinder, die von ihren Eltern als anstrengend, als Kinder mit starken Bedürfnissen (High-Need nach William Sears) empfunden werden und die ihre Eltern regelmäßig vor Herausforderungen im alltäglichen Umgang mit ihnen stellen, die sich Eltern von pflegeleichten Kindern nicht im Ansatz vorstellen können. Bekanntlich habe ich ein solches Kind, meinen Großen, und bin seit dem Tag seiner Geburt immer wieder mit solchen Vorwürfen und Schuldzuweisungen konfrontiert worden. Obwohl ich mich mittlerweile nicht mehr so darüber aufrege wie früher, trifft es mich dennoch immer wieder, wenn Menschen, die weder ein solches Kind haben noch die genauen Umstände kennen, immer wieder in die gleiche Kerbe hauen. Und ich habe auch immer wieder den Impuls, mich erklären und rechtfertigen zu müssen.
Ich glaube, und das kann ich aus meiner Erfahrung mit meinen beiden unterschiedlichen Kindern sagen, dass jedes Kind mit einem ziemlich umfangreichen Paket von Wesenszügen, Fähigkeiten und Stärken/Schwächen auf die Welt kommt, was sich im Falle meiner Kinder vom Tag der Geburt an gezeigt hat und bis heute durchzieht. Ich kann definitiv sagen, dass mein Großer nicht erst zum Schreikind geworden ist, sondern von Anfang an ein Baby mit Regulationsstörungen, ein High-Need-Baby gewesen ist und ich das auch vom ersten Tag an so empfunden habe, auch wenn ich mir das Wissen darüber und die Begrifflichkeiten natürlich erst nach und nach angelesen habe. Klar waren wir unsichere Ersteltern, die Geburt und Krankenhauszeit war traumatisch und alles ganz anders als vorgestellt. Aber das geht doch vielen so, und trotzdem erwachsen aus diesen Voraussetzungen nicht automatisch Schreikinder.
Der Große war ja ein lang ersehntes Wunschkind, über die Schwangerschaft waren wir sehr glücklich und sie war bis auf die Angst der ersten Wochen vor einer erneuten Fehlgeburt auch im Großen und Ganzen problemlos. Ich fühlte mich abgesehen von kleineren Zipperlein wohl und freute mich auf mein Baby. Ich arbeitete bis zum Resturlaub vor dem Mutterschutz in meinem Teilzeitjob, der mir auch genug Zeit zum Genießen der Schwangerschaft ließ, und entspannte mich dann in den letzten Wochen noch einmal so richtig. Also ideale Voraussetzungen für ein entspanntes Baby, um mal in der Denkweise der Befürworter der These "Entspannte Mama - entspanntes Baby" zu bleiben. Allerdings war der Große im Bauch schon extrem unruhig, was ich auch ohne Vergleichsmöglichkeit als "unnormal" empfand. Aber nicht in meinen schlimmsten Träumen hätte ich mir vorstellen können, wie es dann wirklich mit ihm war.
Weder eine problematische Schwangerschaft noch eine unentspannte Mama oder sonstige schwelenden Probleme waren also "schuld" an dem Schreibaby, was wir bekamen. Die Geburt war sicherlich alles andere als optimal und hat sich nicht gerade positiv auf seinen Gemütszustand ausgewirkt, aber auch hier gibt es viele ähnliche Fälle ohne Schreibaby-Nachwirkungen. Unerfahrene und unsichere Erstlingseltern sind heutzutage die meisten Eltern, und trotzdem ist die Schreibaby-Rate über die letzten Jahrzehnte nicht signifikant angestiegen. Mit meinem heutigen Wissen hätte ich zwar damals ganz anders agieren können, wäre viel ruhiger und selbstbewusster gewesen und hätte mich nicht so schnell verunsichern und kränken lassen. Entspannt wäre ich allerdings trotzdem mit Sicherheit nicht gewesen. Schon unsere schreckliche Hebamme konfrontierte uns ja indirekt mit Vorwürfen, unsere "Unentspanntheit" betreffend, ohne sich wirklich mit unseren Problemen auseinanderzusetzen. Die allerschlimmste Schuldzuweisung überhaupt kam übrigens aus meiner eigenen Familie, die implizit behauptete, die Entstehungsgeschichte des Großen sei verantwortlich dafür. Demnach müssten ja alle diese Babys Schreikinder sein... Rationalen Argumenten sind solche Menschen sowieso nicht zugänglich. Als diese Vorwürfe mehrfach wiederholt wurden, gleichzeitig aber schizophrenerweise auch behauptet wurde, der Große sei doch ein ganz normales Baby, drohte ich den Kontaktabbruch an. Ich, die ich kurz vorm Kollabieren war und mir nichts mehr als Hilfe, Verständnis und Unterstützung wünschte. Es half kurzzeitig. Ausrotten kann man aber solche Überzeugungen leider nie.
Sicherlich kann es Faktoren geben, die Babys zu Schreibabys werden lassen, das will ich nicht bestreiten. Bei vielen Babys werden ja auch immer wieder körperliche Ursachen gefunden (Blockaden, Kiss-Syndrom, Unverträglichkeiten). Oder das Schreien hört nach den üblicherweise behaupteten ersten 3-4 Monaten auf, wird also mit Umstellungsproblemen erklärt. All dies war bei uns nicht der Fall. Zwar wurden Blockaden vom Osteopathen gelöst, aber am Wesen des Kindes änderte sich gar nichts. Wenn es nicht den einen eindeutigen Hebel gab, den man umlegen musste, um das Kind zu einem zufriedenen Baby zu machen oder keine explizit körperlichen Ursachen gefunden wurden, wird niemand je endgültig wissen, warum manche Babys pflegeleichter und andere anspruchsvoller sind. Dieses Wissen sollte endlich mal allgemein akzeptiert werden!
Ich wehre mich immer wieder vehement gegen Auffassungen, die die Regulationsprobleme solcher Kinder den Eltern anlasten. Zwar trägt der ungesunde Kreislauf, der durch solch ein forderndes Kind und die deshalb logischerweise angespannten Eltern, entsteht, nicht zur Besserung der Situation bei. Aber der Auslöser ist und bleibt die schwierige Situation mit dem Kind. Ich habe ja nun den Unterschied bei meinen beiden Kindern deutlich gemerkt. Und ich war beim zweiten Mal nicht etwa deshalb entspannter, weil ich schon eine erfahrene Mama war, wie jetzt wieder die Vertreter der o.g. These sagen würden. Nein, im Gegenteil, ich war in der Schwangerschaft deutlich angespannter und ängstlicher, weil ich ein zweites Schreibaby fürchtete. Ich hatte auch mehr Angst vor der zweiten Geburt und zweifelte, ob wir es mit zwei kleinen Kindern hinbekommen würden. Als ich aber merkte, dass meine Kleine ein entspanntes Baby ist, habe auch ich mich sofort entspannt und konnte überhaupt erst so etwas wie einen Mutterinstinkt spüren, weil ich ein positives Feedback vom Baby bekam. Dadurch gewann ich Vertrauen in meine Mama-Fähigkeiten und -Intuition, was in der Babyzeit des Großen völlig gefehlt hat. Ein positiver Kreislauf begann, der bis heute anhält und meinen Umgang mit der Kleinen prägt.
Deshalb ist meine tiefe Überzeugung: "Nicht entspannte Eltern haben entspannte Kinder, sondern entspannte Kinder machen entspannte Eltern" (nach einer Interviewüberschrift des Blogs Frühes Vogerl). Ich wünsche mir, dass diese Auffassung endlich akzeptiert wird und die Eltern von Kindern mit besonderen Bedürfnissen nicht länger durch Schuldzuweisungen und kränkende Vorwürfe noch mehr belastet werden, als sie es ohnehin schon sind. Zuhören, Verständnis, Hilfe und Unterstützung wären stattdessen angebracht.
* Ich verwende den Begriff "Schreibaby" der Einfachheit halber. Das Phänomen umfasst viele verschiedene Facetten und muss in jedem Fall individuell betrachtet werden. Das exzessive, unstillbare Schreien ist dabei nur ein Aspekt unter vielen anderen.
Lesenswerte Texte dazu:
Entspannte Eltern - entspanntes Baby?
Entspann‘ dich doch mal, Mama!
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