Posts mit dem Label Beruhigung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Beruhigung werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 19. September 2016

Selbstregulierung lernen durch Fremdregulierung: "Das überreizte Kind" von Dr. Stuart Shanker (Rezension)

Diesmal stelle ich ein gerade neu erschienenes Buch vor, was als Bestseller beworben wird und zwar nicht explizit von hochsensiblen Kindern handelt wie meine bisherigen rezensierten Bücher, aber, so denke ich, sehr viel und sehr deutlich mit dem Thema zu tun hat, da das Problem der Überreizung und der konstruktive Umgang damit für hochsensible Kinder (und Erwachsene) eines der zentralen Aspekte ihres Lebens ist. Aber auch für Eltern aller anderen Kinder sollte die Behandlung dieses Themas hilfreich und erhellend sein, sind doch unsere Kinder von klein auf einer ungeheuren Reizflut ausgesetzt. Es geht um das neue Buch Das überreizte Kind von Stuart Shanker. Der Autor ist Professor für Psychologie und Philosophie in Kanada und hat die "weltweit bewährte und bahnbrechende Methode" der Selbstregulierung (Verlagswerbung), die er in diesem Buch beschreibt, auch an öffentlichen Schulen etabliert. Er hält diese Methode ausdrücklich als für alle Kinder geeignet. Mich hat der Titel ungemein interessiert und ich habe es speziell aus dem Blickwinkel einer hochsensiblen, schnell überreizten Mama von einem ähnlich gearteten hochsensiblen Kind gelesen.

Shanker stellt fest, dass viele Kinder heutzutage unruhig, unkonzentriert, aggressiv und hyperaktiv sind und deswegen von Eltern, Erziehern, Lehrern als schwierig, anstrengend, herausfordernd oder gar bösartig beschrieben werden. Worunter diese Kinder eigentlich oft leiden, ist - zuviel STRESS, d.h. sie sind überreizt. Dabei spielen nicht nur Stressfaktoren unserer heutigen modernen Zeit wie Verkehrslärm, moderne Medien, Feinstaub, Leistungsdruck etc. eine Rolle, sondern auch individuelle psychosoziale und biologische Faktoren, wie z.B. eine persönliche akustische oder visuelle Sensibilität. "Und unter Stress versteht man dabei alle Stimuli, die uns dazu bewegen, Energie aufzuwenden, um eine Art von Gleichgewicht zu wahren. [...] Wenn die Stressbelastung eines Kindes konstant zu hoch ist, erholt es sich möglicherweise nicht mehr vollständig davon, und seine Anfälligkeit selbst gegenüber geringfügigen Stressfaktoren steigt." (S. 15) Das kann zu problematischen Verhaltensweisen führen, mit denen ein Kind lediglich ausdrückt, dass es unter Stress steht und Hilfe benötigt.

Erwachsene versuchen nun meist, vom Kind Selbstkontrolle zu erwarten und es dahingehend zu erziehen. Selbstkontrolle bedeutet aber lediglich, dass Impulse unterdrückt und im Endeffekt nicht mehr wahrgenommen werden. Stattdessen sollte ein Kind Selbstregulierung lernen, und zwar durch die Hilfe seiner Eltern und anderer Erwachsener, also durch Fremdregulierung. "Die Grundlage des Konzeptes der Selbstregulierung ist, dass ein Kind nur durch Regulierung von außen die Fähigkeit zur Selbstregulierung entwickeln kann. Das ist nicht gleichbedeutend damit, dass ein Kind nur dann Selbstkontrolle entwickelt, wenn wir es unter Kontrolle haben. Bei der Selbstregulierung geht es um die internen Prozesse der Erregungsregulierung, nicht um Verhaltensmanagement. Und es geht um die wichtige Rolle, die Erwachsene als externe Regulatoren der Erregungszustände eines Kindes spielen, bis das Kind zur Selbstregulierung in der Lage ist." (S. 66) Selbstregulierung und deren Strategien machen im zweiten Schritt eine Selbstkontrolle erst möglich.

Wie können Kinder Selbstregulierung erlernen und konstruktiv mit ihren Gefühlen und Stressfaktoren umgehen? Indem die Eltern zuerst dafür sorgen, die Stressauslöser des Kindes zu identifizieren und einzudämmen und ihm dadurch helfen, das später allein zu schaffen. Dafür ist es unabdingbar, dass die Eltern selbst einen konstruktiven Umgang mit ihren eigenen Stressfaktoren beherrschen bzw. lernen und diesen dann dem Kind vermitteln können. Oft überträgt sich nämlich in Konfliktsituationen die eigene Wut, Aggression, Besorgtheit oder Hilflosigkeit auf das Kind, was den Stresskreislauf nur noch weiter erhöht. "Selbstregulierung fängt damit an, unsere eigenen Stressfaktoren zu identifizieren und zu reduzieren und bei der Interaktion mit dem Kind ruhig und aufmerksam zu bleiben." (S. 17) und weiter: "Wir müssen unser Kind und uns selbst zu einem Energie-Anspannungs-Gleichgewicht zurückführen." (S. 113)

In einem eigenen Kapitel erklärt Shanker ausführlich die biologischen Grundlagen der Entstehung von Stress. Stressauslöser wirken direkt auf das limbische System ein und lösen einen Alarmzustand des Gehirns aus, der normalerweise langsam wieder abklingt. Im Normalfall pendeln wir ständig zwischen verschiedenen Erregungszuständen (vom Schlaf bis hin zur höchsten Erregung, z.B. Wutanfall in der Autonomiephase) und das sympathische Nervensystem übernimmt die Erregungsregulierung. Wenn jedoch keine Erholung einsetzt bzw. nicht bewusst herbeigeführt wird, hält die Übererregung und damit der Alarmzustand des Gehirns an und kann verschiedenste Symptome wie Schlaflosigkeit, Wut, Dünnhäutigkeit, Konzentrationsschwäche, Unruhe, schlechte Laune, Überdrehtheit etc. auslösen. "Ein chronischer Zustand der Übererregung macht das limbische System so stressempfindlich, dass es schon durch Kleinigkeiten in Alarm versetzt wird." (S. 34) Es kann sich nicht mehr herunterregulieren und der Mensch/das Kind bleibt in einem Erregungszustand gefangen. Dadurch wird immer mehr Energie verbraucht, bis der Tank leer ist.

Da das limbische System im Zustand der Erregung und Überreizung (Alarmzustand) nicht mehr auf rationale Gedanken und Ansprache reagiert, muss zuerst eine Beruhigung herbeigeführt werden. Kinder schaffen dies nicht allein (viele Erwachsene übrigens auch nicht, weil sie es nie gelernt haben; dazu zähle ich mich ausdrücklich auch selbst). Sie brauchen dazu Hilfe von außen, eine Fremdregulation, die ihnen beibringt, wie sie dies später allein schaffen können. Da jedes Kind verschieden ist und sowohl unterschiedliche biologische Anlagen als auch verschiedene Stressauslöser hat, gibt es dafür kein Patentrezept. Das bedeutet für die Eltern, dass sie zu "Stress-Detektiven" ihrer Kinder werden müssen. Sie müssen lernen,

  • die Signale ihres Kindes zu lesen und sein Verhalten umzudeuten
  • die Stressfaktoren zu identifizieren
  • diese zu reduzieren
  • zu erkennen, wann das Kind UND man selbst zuviel Stress hat
  • herauszufinden, was dem Kind und sich selbst hilft, sich zu beruhigen (S. 42)

Dies sind die fünf Schritte der Selbstregulierung. Die Stressauslöser und Beruhigungsstrategien dafür sind individuell verschieden und sollten nach dem Trial-and-Error-Prinzip (S. 126) behutsam herausgefunden und umgesetzt werden. Möglichkeiten zur Beruhigung sind beispielsweise die tiefe Bauchatmung, Visualisierung eines beruhigenden Gegenstandes oder Menschen, Achtsamkeitsmeditation, Musik, Kunst etc. Bei Kindern kann man neben grundsätzlichen Dingen wie ausreichend Schlaf, Bewegung in der Natur und gesunder Ernährung solche einfachen Übungen wie Tierimitationen, Stimmmodulationen und Sprechmuster anwenden. Dabei geht es nicht um Ablenkung oder Unterdrückung von Gefühlen, sondern darum, den Stresszyklus zu unterbrechen, Anspannung zu lösen und die Erholungsfunktion wieder zu aktivieren. Denn es ist klar, "dass Resilienz nicht im Vermeiden und Unterdrücken liegt, sondern im Konfrontieren und Umgehen mit starken Gefühlen." (S. 169) Zusammengefasst heißt das: "Die wahre Kraft der Selbstregulierung liegt darin zu erkennen, in welchem Erregungszustand wir uns befinden, und zu wissen, wie wir unsere Anspannung lösen können." (S. 45)

In Hinblick auf unser Kind ist es an uns Eltern, eine möglicherweise problematische Situation oder Reaktion zu durchleuchten und ggf. als Ausdruck einer Stressreaktion umzudeuten, um dann die von Shanker geschilderten Maßnahmen der Beruhigung des Kindes in den Fokus unserer Aufmerksamkeit zu stellen. Dabei sind sowohl die Tagesform, das grundsätzliche Energieniveau des Kindes als auch individuelle Empfindlichkeiten, das Temperament und die Widerstandsfähigkeit gegen unterschiedliche Stressarten zu berücksichtigen. Manche Kinder sind besonders sensibel, was Gerüche, Geräusche oder Licht angeht, manche reagieren stark oder gar nicht auf taktile bzw. sensorische Reize oder menschliche Stimmen. Bei Müdigkeit oder Stress verstärken sich diese Empfindlichkeiten und äußern sich durch problematisches Verhalten. Viele Eltern schimpfen dann, geraten selbst unter Stress, werden zornig, gehen auf Distanz, beschämen oder bestrafen das Kind. All dies führt lediglich zu erhöhtem Stress beim Kind und trägt nicht zur Beruhigung bei. Stattdessen geht es darum, erst sich selbst zu beruhigen, dann durch Reduktion der Stressfaktoren das Kind zu beruhigen und später eine Klärung der Situation herbeizuführen. Das ist Selbstregulierung. "Einem Kind die Werkzeuge zur Stressbewältigung an die Hand zu geben und ihm zu helfen wahrzunehmen, wann es sie benutzen muss, ist ein wichtiger Teil der Selbstregulierung." (S. 64) und "Die wichtigste Erkenntnis ist, dass ein Kind durch Regulierung von außen die Fähigkeit zur Selbstregulierung entwickelt." (S. 95) Das Kind braucht dann Ruhe und Erholung, nicht Vorwürfe oder Strafen.

Eltern sollen sich in ihre Kinder hineinversetzen und genau hinschauen, was sie beruhigt und was sie stresst. Das können ganz andere Faktoren als bei ihnen selbst und auch nach Tagesform unterschiedlich sein. Meist können Kinder noch nicht genau ausdrücken, welche Gefühle oder Faktoren Stress und Überreizung in ihnen auslösen. "Wenn Sie ein Kind, das sich in einem Zustand der Überreizung befindet, fragen, was es in seinem Körper fühlt, bekommen Sie meistens die Antwort: 'nichts'." (S. 199) Mein Großer sagt dann des Öfteren "Ist mir doch egal!" Das ärgert uns als Eltern, weist aber eigentlich nur darauf hin, dass er überfordert, also gestresst ist. Man muss lernen, so etwas nicht persönlich zu nehmen, sondern als Ausdruck einer Überforderung und vielleicht auch Schutz gegen Übererregung zu sehen. "Wichtig ist, dass Sie als Eltern sich klarmachen, dass manche Ihrer Annahmen möglicherweise falsch sind - zum Beispiel, dass ein Kind bei den Hausaufgaben aufrecht sitzen muss oder viel Licht oder Stille braucht. [...] Es geht immer darum, was für das einzelne Kind richtig ist." (S. 194) Und man muss lernen, angesichts des Stresses unseres Kindes ruhig zu bleiben. Das ist Selbstregulierung.

In der Pubertät kommen neue, große Herausforderungen auf Eltern und Kinder zu. Shanker widmet dieser Lebensphase den dritten Teil des Buches, den ich nur kurz anreißen möchte. Die Stressanfälligkeit von Teenagern nimmt noch einmal zu und vor allem bestreiten sie oft vehement, dass es sich bei bestimmten Auslösern wie modernen Medien, Konkurrenzdruck in Gruppen oder Junkfood um Stressfaktoren handelt. Auch Teenager brauchen noch die Hilfe ihrer Eltern und anderer Bezugspersonen bei der Selbstregulierung. Lehrern kommt dabei eine wichtige Rolle zu, und Shankers Methode wurde ja mit Erfolg an öffentlichen Schulen in Kanada eingeführt. Die Pubertät ist eine immense Herausforderung für Teenager und alle ihre erwachsenen Bezugspersonen, bietet aber auch die Chance zu erkennen, ob die Fähigkeit zur Selbstregulierung schon vorhanden ist.

Zusammenfassung und persönliches Fazit:

Das Buch ist verständlich und nicht zu wissenschaftlich geschrieben, leicht zu lesen und sehr gut gegliedert. Die theoretischen Aspekte werden untermauert durch diverse alltägliche Fallgeschichten, die sehr interessante Eltern-Kind-Probleme zeigen. Es sind einige praktische Tipps enthalten, für meinen Geschmack jedoch zu wenige. Das rührt aber natürlich daher, dass es eben kein Patentrezept geben kann, weil bei jedem Kind etwas anderes funktioniert.

Für mich war das Buch eine Offenbarung. Es bestätigt auf knapp 350 Seiten vieles von dem, was ich mir in jahrelanger mühsamer Arbeit als Mutter im Umgang mit meinen Kindern, speziell meinem Großen, erarbeitet habe und auch mir selbst nun zugute kommt. Vieles, was bisher in mir eine Mischung aus Erfahrungen und Hypothesen war, wurde durch das Lesen dieses Buches klarer. Ich verstand nun auch aus physiologischer Perspektive, warum das Schreien und die Übererregung meines Babys seinerzeit ungeheuren Stress in mir auslöste, mit dem ich nicht umgehen konnte. Ich verstand, warum das wiederum das Baby noch mehr stresste und ein Stresskreislauf entstand. Shanker schreibt sehr einleuchtend dazu: "Wie eine extrem gestresste Betreuungsperson von ihrem Baby überfordert sein kann, so können auch manche Kinder vom Stress anderer Menschen überfordert sein." (S. 249) Beides war bei mir und meinem Großen definitiv der Fall. Zwar habe ich schon sehr früh die Notwendigkeit erkannt, dass besonders ich als Mama ihn regulieren und ihm beim Abschalten und Herunterfahren helfen muss, jedoch fehlte mir durch diese enorme Energieaufwendung die Kraft, Möglichkeit und Zeit, mich selbst wieder zu beruhigen. Da wiederum hätte meine Umwelt nun regulierend eingreifen und mir mehr Regenerationsmöglichkeiten verschaffen müssen. Ähnliche Erfahrungen folgten in der sehr anstrengenden Autonomiephase, die mir (leider zu spät) sehr deutlich vor Augen führte, dass die Ruhe der Bezugsperson die wichtigste Voraussetzung für die Beruhigung des Kindes ist. Das Buch zeigt mir, welche Defizite als Mensch und Mama ich habe. Es zeigt aber auch, was ich schon alles richtig mache. Das jedoch war und ist kein naturgegebener Zustand, sondern ein langwieriger Prozess des Ausprobierens und Lernens.

Ich habe ähnliche Gedanken hinsichtlich Fremd- und Selbstregulation, bezogen auf das Thema "Selbstbestimmtes Einschlafen", schon in meinem Text Warum selbstbestimmtes Einschlafen nicht für jede Familie passt entwickelt und ausgeführt. Darin schreibe ich, dass einige Kinder (mittlerweile denke ich: die meisten) beim Einschlafen der Regulation von außen bedürfen, um überhaupt einschlafen zu können. Shankers Buch bestätigt mich darin, denn es sagt aus, dass Beruhigungssysteme von Kindern nur aktiviert werden können durch die Fremdregulation, bis zu dem Zeitpunkt, an dem Kinder die Selbstregulation selbstständig beherrschen.

Das Buch zeigt, was sicherlich die meisten Erwachsenen, darunter ich selbst, nicht in ihrer Kindheit gelernt haben. Die Selbstregulierung und Selbstberuhigung mag schon für normal sensible Menschen eine Herausforderung sein; für hochsensible Kinder und Erwachsene ist sie ein enormer Kraftakt. Shanker sagt eindeutig: "Manche Kinder werden mit biologischen Voraussetzungen geboren, die zu einer schnellen Erschöpfung der Energievorräte und einer größeren Empfänglichkeit für limbische Erregung führen." (S. 251) Dazu gehören mein Großer und ich ganz eindeutig und das birgt sowohl Gefahren als auch Chancen. Er hat das Glück, eine Mama zu haben, die sich dessen bewusst ist, an sich arbeitet und ihm sowohl mit Verständnis begegnet als auch Strategien aufzeigt. Ich hatte dieses Glück nicht. Ich finde, dieses Buch ist eigentlich ein Buch über Hochsensibilität und hochsensible Kinder. Auch wenn das Thema nicht explizit erwähnt wird, finden sich überall, in den Fallgeschichten und theoretischen Teilen, Aspekte der speziellen Herausforderungen von Hochsensibilität wieder. Aber, wie Shanker selbst sagt, ist das Buch für alle Kinder (und Erwachsenen) geeignet und wird sicherlich jedem Leser Erkenntnisse über die Art seiner Reaktionen verschaffen. Ich empfehle es deshalb uneingeschränkt und hoffe, dass es vor allem viele Eltern und Pädagogen erreichen wird.

"Je öfter wir Selbstregulierung und damit das Erreichen eines ruhigen, gefassten Zustands praktizieren, desto besser und desto kompetenter fühlen wir uns als Eltern. In diesem ruhigeren Zustand kommt unsere Intuition zum Zuge, und wir können uns auf ganz natürliche Weise besser auf die Erregung unseres Kindes einstellen. [...] In Augenblicken, die andernfalls für uns und unsere Kinder eine dysregulierende Wirkung hätten, sind wir so besser in der Lage, im Gleichgewicht zu bleiben und unserem Kind zu helfen, dies auch zu tun." (S. 330f.)

Die Eckdaten:
Dr. Stuart Shanker: Das überreizte Kind. Wie Eltern ihr Kind besser verstehen und zu innerer Balance führen. Mit der weltweit bewährten Methode der Selbstregulierung, Mosaik Verlag, August 2016, 384 Seiten, ISBN 978-3442392674, € 21,99

Hier noch eine interessante Rezension aus der FAZ:
Warum Eltern zu Stress-Detektiven werden sollten

Danke an den Mosaik Verlag (Verlagsgruppe Random House) für das Rezensionsexemplar.

Wenn euch meine Rezension gefallen hat, würde ich mich sehr freuen, wenn ihr mich unterstützt und mir über diesen Link symbolisch einen Kaffee spendiert:-):


Dieser Beitrag enthält Affiliate Links.

Sonntag, 26. April 2015

Die Autonomiephase meiner beiden Kinder im Vergleich - Zwischenstand

Dass meine Kinder in vielen Aspekten sehr unterschiedlich sind, dürfte meinen Lesern bekannt sein. Einer der Bereiche, wo sich das am deutlichsten zeigt, ist die sogenannte Trotzphase, in der sich die Kleine jetzt altersmäßig befindet. Ich verwende lieber den Begriff Autonomiephase, da dieser den Prozess der beginnenden Ablösung von den Eltern widerspiegelt, die im 2. Lebensjahr beginnt und bis ins 4. Lebensjahr anhält.

Die Kleine ist jetzt fast 2 Jahre alt und man merkt durchaus, dass sie sich in ihrer Autonomiephase befindet. Trotzdem ist diese bei ihr so dermaßen verschieden davon, wie wir sie mit dem Großen durchlebt haben, dass ich darüber mal einige Gedanken niederschreiben muss. Das ist ausdrücklich ein Zwischenstandsbericht und mir ist bewusst, dass es sich durchaus noch verschärfen kann.

Die Autonomiephase des Großen begann deutlich sichtbar und heftig schon mit 1 1/4 Jahren. Das erschien mir damals sehr früh und ich zweifelte erst, ob es wirklich schon soweit war. Aber das Wüten, Hinwerfen und Rumwälzen war eindeutig. Er konnte zu diesem Zeitpunkt gerade mal ein paar wenige Wörter artikulieren, was es für ihn und für uns besonders schwer machte, zu verstehen, was er wollte. Da er schon immer sehr heftig in seinen Reaktionen war, fiel seine Autonomiephase seinem Charakter entsprechend ebenso heftig aus. Zwar hatten wir keinen direkten Vergleich, aber wir empfanden das trotzdem so. Hätte ich zu diesem Zeitpunkt schon gewusst, dass er (nach meiner jetzigen Einschätzung) hochsensibel und autonom ist, wäre ich wahrscheinlich etwas anders an die vielen kraftraubenden Vorkommnisse in dieser Zeit herangegangen. So aber traf es uns mit voller Wucht, vergleichbar mit der Situation nach seiner Geburt.

Ich erinnere mich an unzählige Situationen, in denen ich bzw. wir rat- und hilflos einem wütenden, tobenden Kind gegenüberstanden, das sich weder durch Reden, Zuwendung, Trost noch durch Konsequenz noch durch Bestechung, Ablenkung, Manipulation wieder aus seinem Kampf mit sich selbst zurückholen ließ. Die Anlässe für seine Wut habe ich erst nach und nach durchschaut, was aber nicht viel zur Linderung beitrug, da man ihn überhaupt nicht auffangen konnte. Es war sozusagen die Wiederholung der Schreibaby-Zeit, in der so gut wie nichts, was wir versuchten, zur Besserung seiner Schwierigkeiten beitragen konnte. Die ersten heftigen Wutanfälle, an die ich mich erinnere, fanden jeden Nachmittag direkt nach dem Abholen aus seiner ersten Kita statt. Er war ca. 15 Monate alt. Nach wenigen Metern schmiss er sich auf den Boden, brüllte aus Leibeskräften und wand sich mit einer Körperspannung, der ich kaum standhalten konnte. Es dauerte einige Zeit, bis ich begriffen hatte, dass er wahrscheinlich direkt nach der Kita (in der er sich nicht wohlfühlte) stillen und Mama tanken wollte. Da dies weder in der beengten Garderobe der Kita noch mitten auf dem Bürgersteig möglich war und ich auch ehrlich gesagt dafür nach Hause gehen wollte, musste ich täglich ein tobendes und sich windendes Kind auf dem Arm nach Hause tragen. Zuhause nach dem Stillen beruhigte er sich meist, brauchte aber immer ca. 1 Stunde, bis er wieder auf "Normalzustand" zurück war. Dass ich mich vor den Abholsituationen fürchtete, anstatt mich auf mein Kind zu freuen, ist sicher nachvollziehbar.

Es gab schlimme Wutanfälle vor allem beim Anziehen, was bis heute problematisch mit ihm ist, beim Haarewaschen, beim Zähneputzen, bei Verständnisschwierigkeiten, bei vielen aus unserer Perspektive "kleineren" Missverständnissen und nicht angemessenen Reaktionen unsererseits. Ganz grausam waren weiterhin seine Reaktionen nach dem für ihn anstrengenden, weil angepassten, Kitatag. Ich hasste es, ihn abzuholen. Er tobte, wütete trotz all unserer Bemühungen und war oft völlig außer sich. Nach und nach kam noch die körperliche Aggressivität dazu, die sich auch gegen ihn selbst richten konnte (Auto-Aggression). Das waren für mich eigentlich die schlimmsten Situationen, in denen er niemanden an sich heranließ und ich ihn nur anschreien konnte, damit er aufhörte, sich selbst weh zu tun. Das war das einzige Mittel, was ihn in den Auto-Aggressionssituationen innehalten ließ. In allen anderen Momenten versuchten wir natürlich alles mögliche, um ihn aus dem Außer-Sich-Sein zurückzuholen. Es war fast unmöglich. Er verweigerte sich all unseren Versuchen und unsere Angebote waren uninteressant und inakzeptabel. Sämtliche Vorschläge von Freunden und Familie, wie wir es doch anders machen könnten, waren nicht umsetzbar, erfolglos oder gegen meine Überzeugung. Ich fing an, mich ins Thema einzulesen, und eines der Bücher, die mir tatsächlich praktisch weiterhalfen, war Das glücklichste Kleinkind der Welt von Harvey Karp. In Kurzform wird hier beschrieben, worum es geht und wie man mit seinem "trotzenden" Kind umgehen soll. Obwohl ich die Methode nicht bis ins letzte Detail anwandte, half sie mir doch durch einige schwierige Situationen hindurch und prägte meine Vorgehensweise, in solchen Momenten zuerst einmal die Gefühle des Kindes zu spiegeln. Das mache ich bis heute in Schmerz-, Wut- und Trotzsituationen, und es hilft tatsächlich.

Genauso wie als Baby brauchte er unheimlich lange, bis er sich wieder beruhigt hatte. Ich gewöhnte mir also an, potentielle Wutauslöser zu meiden bzw. im Ansatz zu "ersticken", damit er sich gar nicht erst hineinsteigerte. Dafür habe ich viel Unverständnis kassiert, aber bin weiter diesen Weg gegangen, der sich als richtig für den Großen erwiesen hat. Die Methode der Ablenkung funktionierte nur ab und zu, wenn man sie ganz am Anfang anwandte, bevor er in seiner Spirale gefangen war. Nach heftigen Wutanfällen waren alle Beteiligten völlig ausgelaugt und niedergeschlagen und es bedeutete einen enormen Kraftaufwand, sich wieder normal auf den Großen einzulassen. Da ich mir geschworen hatte, meine Kinder immer auch in ihren negativen Emotionen aufzufangen, stehen mir die wenigen Momente, wo ich dies wegen völliger Erschöpfung nicht getan habe, bis heute deutlich vor Augen, und ich empfinde große Reue darüber. Es waren nur wenige Situationen, wo ich den Großen zu lange allein mit seinem Schmerz und seiner Wut gelassen habe und ich habe ihn danach auch wieder aufgefangen, aber schon diese Verzögerung in meinem Verhalten tut mir sehr leid, auch wenn ich mangels Kraft damals nicht anders konnte. Andererseits war ich auch sehr oft die Einzige, die ihn überhaupt aufgefangen hat. Niemals hat es bei mir das verbreitete "Ins-Zimmer-Schicken" gegeben, niemals habe ich die Emotionen des Kindes als weniger bedeutend als meine angesehen, niemals habe ich die Taktik des "Ausbocken-Lassens" verfolgt (abgesehen davon hätte sie auch nicht funktioniert). Ich bin immer wieder auf ihn zu gegangen, denn von allein kam er nie. Sein Stolz, seine Würde, seine Integrität hinderten ihn daran, das zu machen, was die meisten anderen Kinder wie selbstverständlich tun. Er hat es uns sehr schwer gemacht und ich habe es mir auch nicht leicht gemacht. Es war sehr hart und kräftezehrend, aber ich denke, es hat sich gelohnt.

Er war eigentlich überhaupt kein Hau-, Spuck-, Beiß- oder Tretkind, weder uns gegenüber noch bei anderen. Mich hat er sehr selten attackiert, meinen Mann schon eher, weil dieser auch tendenziell weniger Verständnis für ihn hatte. Er hat aber heftigst randaliert und seine emotionale Verzweiflung war grausam anzusehen. Mit ca. 3 Jahren kamen verstärkt verbale Aggressionen dazu und es gab eine kurze Phase, die aus ständigem "Du Popel", "Böse Mama/Papa", "Kackekackekacke" bestand. Das war zwar sehr unschön, aber ich habe das damals schon als Weiterentwicklung und Umwandlung seiner körperlichen Aggressivität in verbale Bahnen gesehen und insofern als tendenziell positiv empfunden.

Seine Autonomiephase endete, als er ca. 3 1/2 Jahre alt, nachdem er vorher noch einmal zur Höchstform aufgelaufen war. Danach wurden die Wutanfälle immer weniger und vor allem, weniger heftig und kräftezehrend, und zum jetzigen Zeitpunkt ist es sehr selten geworden, dass er richtig austickt. Die schlimmste Zeit im Rückblick war ca. von 2 1/2 bis 3 1/4 Jahre. Kurz davor wurde seine Schwester geboren, was sicherlich auch noch einige für ihn schwierige Emotionen mit sich brachte. Heute kann er sich verbal so gut ausdrücken, dass man sehr oft einen Weg findet, um die Situation ohne Eskalation aufzulösen, und ich denke, er hat auch gemerkt und verinnerlicht, dass seine Bedürfnisse anerkannt und wenn möglich erfüllt werden. Er verwendet heute so gut wie keine Schimpfwörter, weder zu uns noch zu anderen, was mir fast täglich auf dem Spielplatz im Vergleich zu anderen Kindern absolut positiv auffällt.

Doch nun zur Kleinen und den Unterschieden in ihrem Verhalten. Sie ist ja grundsätzlich ein sehr körperbetontes, anschmiegsames, tröstbereites und leicht zu beruhigendes Kind. Diese Eigenschaften sowie eine grundlegende Zufriedenheit in ihrem Wesen machen ihre Autonomiephase bisher fast zu einem Spaziergang, verglichen mit der des Großen. Sie kriegt ab und an Wutanfälle, wo sie sich auf dem Boden wälzt und brüllt (letztens erst wieder im Supermarkt), aber im Großen und Ganzen lässt sie sich leichter ablenken, besser und schneller beruhigen und gerät selten so sehr außer sich wie der Große. Sie ist auch schon verständiger in ihrem Denken und ich habe das Gefühl, dass sie vieles versteht, was man ihr erklärt, woraus resultiert, dass sie weniger wütend ist, wenn man sie mal reglementiert. Deshalb sind auch unsere Emotionen ihr gegenüber andere. Mein Mann sagte letztens, wenn sie wütend ist, empfindet man Bedauern und Mitleid und den Wunsch zu trösten. Beim Großen dagegen wuchsen die eigenen Aggressionen und es erschöpfte einen so unglaublich.

Sie kann sich auch sprachlich nicht nur besser, sondern auch aktiver ausdrücken als der Große im gleichen Alter, was es ihr leichter macht, zu verbalisieren, was sie möchte. Dadurch gerät man nicht so schnell in den Kreislauf der Missverständnisse. Sie beharrt auch bei Nichtverstehen lange auf Wiederholungen, so dass man eine bessere Chance hat, sie vielleicht doch noch zu verstehen. Der Große hat da immer sofort dicht gemacht. Sie ist auch überhaupt nicht nachtragend und kommt im Unterschied zum Großen nach einer kurzen Zeit von selbst wieder zu uns, wenn sie nicht sofort aufgefangen wird.

Interessant ist, dass die Kleine, selbst wenn sie auf mich sauer ist, trotzdem von mir getröstet und getragen werden will. Der Papa hat da in den meisten Fällen keine Chance. Das war beim Großen anders: er ist dann, wenn er sich wieder öffnen konnte, zu dem jeweils anderen Elternteil gegangen, über den er sich nicht geärgert hatte. Allerdings kommt er auch, nachdem der Papa ihn getröstet hat, oft noch danach zu mir als letzter Tröstinstanz. Generell kriegt man die Kleine relativ leicht wieder in die Spur und fühlt sich selten so völlig hilflos wie jedesmal beim Großen. Ihre Reaktionen sind viel weniger heftig und die nachfolgende Versöhnung durch Kuscheln lässt vieles wieder vergessen. Da der Große überhaupt kein Kuschelkind war, blieb ihm und uns das verwehrt. Für ihn war das Getragen-Werden immer das Kuscheln, und bis heute gibt man ihm am besten dadurch Geborgenheit und Halt, indem man ihn (18 kg) trägt.

Ich bin gespannt, wie sich die Autonomiephase der Kleinen noch weiter entwickeln wird. Die Unterschiede sind deutlich zu erkennen und nicht auf unsere gesteigerte Erfahrung oder Gelassenheit, sondern auf ihre andere Wesensart zurückzuführen. Wenn so wie bei der Kleinen die Autonomiephasen der meisten anderen Kinder ablaufen, dann können sich Eltern, die nur dies erlebt haben, nicht im Ansatz vorstellen, was wir durchhaben. Lustig ist, dass einige unserer befreundeten Eltern von anderen 4-jährigen Kindern klagen, dass in letzter Zeit häufige Wutanfälle an der Tagesordnung sind. Ich kann dann immer entgegnen, dass es bei unserem 4-Jährigen vorbei ist. Mal sehen, ob die Kleine sich noch einmal steigert oder ob es diesmal eher glimpflich verläuft. Vorbereitet sind wir ja mittlerweile auf alles;)

Wie war die Autonomiephase bei euren Kindern, vor allem wie unterschiedlich bei Geschwisterkindern?

Dieser Text wurde nachträglich bei der Blogparade zur Autonomiephase bei Glucke und So verlinkt.