Samstag, 13. Februar 2016

Geschwistervergleich (Blogparade #Einzelstuecke)

Als mein Großer in seiner zweiten Kita eingewöhnt war, fand bald darauf der erste Elternabend statt und wir durften uns die für die Kinder angelegten Mappen anschauen. Darin enthalten waren die Fragebögen, die wir vor der Eingewöhnung ausfüllen mussten, ebenso wie ein Blatt, auf dem das Wesen des Kindes beschrieben werden sollte. Bei mir stand natürlich jede Menge Text über den Großen. Ich lugte zur Sitznachbarin und sah, was sie über ihren Sohn geschrieben hatte: "Er ist lieb und er mag Blumen." Kein Witz! Ich dachte, das kann doch nicht sein, dass jemand nicht mehr über den Charakter seines Kindes berichten kann als das. Ich schreibe halbe Romane und sie nur diese 7 Worte. Sind manche Kinder charakterlich so "unscheinbar" oder die Eltern so oberflächlich? Wie auch immer, über meinen Großen konnte ich schon immer viel erzählen. Noch spannender ist das geworden, seit die Kleine als "Vergleichsobjekt" dazugekommen ist. Dass sie von Geburt an anders als er war, ist eine Tatsache. Dass sich die Unterschiede so manifestiert haben und deutlich zu erkennen sind, ist für mich eine wunderbare Bestätigung meiner Überzeugung, dass Kinder nicht als unbeschriebene, zu formende Blätter auf die Welt kommen, sondern schon die wesentlichen Grundzüge ihres Charakters mitbringen und es deshalb sinnlos ist, die "leeren Gefäße" füllen zu wollen, sondern es die Aufgabe von uns Eltern ist, diese Wesen in ihren Eigenheiten zu erkennen und zu begleiten.

Die charakterliche Unterschiedlichkeit meiner Kinder bei nahezu identischen Voraussetzungen ist  eines meiner absoluten Lieblingsthemen. Deshalb freue ich mich, bei einer Blogparade von Mutter & Söhnchen zu diesem Thema mitzumachen. Da mein Großer fast 5 und meine Kleine 2 3/4 Jahre alt ist, haben sie naturgemäß schon einige Veränderungen und Wandlungen durchgemacht. Ich teile den Text deshalb in die wichtigsten Phasen auf, so dass ihre Unterschiedlichkeit im jeweiligen Lebensabschnitt deutlicher wird.


Babyzeit:

In den ersten Lebensmonaten waren die Unterschiede beider Kinder mit Sicherheit am gravierendsten. Der Große hat sich von Anfang an nicht ablegen lassen, hat viel geschrien, wenig und kurz geschlafen, war sehr schreckhaft und lärmempfindlich, sehr unzufrieden, einerseits nähebedürftig, andererseits total unkuschelig. Er litt unter Reizüberflutung und war gleichzeitig ein neugieriges, alles aufsaugendes Kind. Er brauchte eigentlich viel Schlaf und konnte aber weder selbst abschalten und in den Schlaf finden, noch lange genug schlafen, um sich zu erholen. Sein ganzes System war unglaublich störanfällig und von uns abhängig. Er musste von außen, von uns reguliert werden, da er in sich völlig labil und unausgereift war. Bis wir das halbwegs verstanden hatten, verging viel Zeit und wir waren alle sehr unglücklich. Als wir einen halbwegs festen Rhythmus entwickelt hatten und und uns auf seine intensiven Bedürfnisse eingestellt hatten, lief es besser. Jegliche Planänderungen, Umstellungen oder Überforderungen warfen ihn aber noch sehr lange, eigentlich bis heute, aus der Bahn. Er kämpfte verbissen um jeden motorischen Fortschritt und war sehr ungeduldig. Er fremdelte sehr früh und sein Trennungsschmerz war unvorstellbar und für mich oft unerträglich groß.

Die Kleine war die ersten Monate ein traumhaft pflegeleichtes Baby, schlief viel, trank nur kurz, schrie kaum, war kuschelig und leicht zufriedenzustellen. Wenn sie bei Mama war oder auf Mamas Bett lag, war ihre kleine Welt in Ordnung. Sie ließ sich problemlos ablegen, schlief anfangs ganz einfach zuhause, im Auto und beim Tragen ein und ließ uns viel Raum und Zeit zum Durchatmen und Ankommen. Sie konnte liegen, im Gegensatz zum Großen, der immer getragen wurde. Trotzdem habe ich sie auch viel und gern getragen, weil es schön war und ich wusste, ich kann sie jederzeit ablegen. Das ist eine ganz andere Voraussetzung als ein erzwungenes Tragen. Stressig waren immer die Zeiten, wenn beide Kinder anwesend waren, weil ihre Ruhe dann auch gestört war und beide Kinder Zuwendung brauchten. An den Wochenenden, wenn der Bruder zuhause war, merkte man deutlich, dass sie unruhiger und fordernder war. Ihre schlechten Phasen fielen sehr auf, weil der Kontrast zu den meist guten, einfachen Zeiten da war. Mit genau einem halben Jahr wurde sie wacher und agiler. Ab dann schlief sie leider nur noch sehr kurze Phasen (halbe Stunde) und war entsprechend unausgeglichen und launisch. Dafür machte sie ab dann ungeheure motorische und kognitive Fortschritte und holte rasant auf. Im Endeffekt war sie in allen Entwicklungsschritten nur ca. 4 Wochen hinter dem Großen im gleichen Alter, nur dass sie eben - im Unterschied zu ihm - das erste halbe Jahr verschlafen hatte. Sie fing erst mit 11 Monaten an zu fremdeln. Das war dummerweise kurz vor ihrem Kitastart. Sie ist als Kleinkind anhänglicher als als Baby geworden.

Kleinkindzeit:

Die Kita-Eingewöhnungen waren bei beiden Kindern nicht leicht. Sie litten sehr unter der Trennung. Beim Großen war es eine mehrmonatige Katastrophe, die erst nach einem Kitawechsel ein halbwegs erfolgreiches Ende fand. Bei der Kleinen war es oberflächlich gesehen eine schnelle Eingewöhnung, aber sie brauchte auch danach noch mehrere Monate, bis sie richtig angekommen war.
Beide Kinder waren schlechte Esser und wurden lange gestillt. Sprachlich haben sie schnelle Fortschritte gemacht, die Kleine noch schneller als der Große, weil sie eine unheimlich rasante Auffassungsgabe hat. Ihre kognitiven Fähigkeiten, ihre Kombinationsgabe, ihr Reaktionsvermögen sind absolut erstaunlich. Sie ist "schnell im Kopf". Der Große ist ein Kind, das lange beobachtet, nachdenkt und erst dann - wenn überhaupt - handelt. Stellt man eine Frage, bekommt man eine Antwort - von der Kleinen. Bittet man um einen Gefallen, erfüllt ihn - die Kleine. Macht man einen Vorschlag, setzt ihn um - die Kleine. Der Große ist sehr statisch in seinem Wesen, die Kleine quirlig und wandelbar. Sie ist risikofreudiger und unvorsichtiger und hatte deutlich mehr kleinere Unfälle als er. Der Große war nie ein Kind, das weggelaufen ist oder im Straßenverkehr unbedacht war. Die Kleine ist da wesentlich unzuverlässiger. Das erfordert von uns ein Umdenken, da wir es ja anders gewöhnt waren. Der Große muss zu allem motiviert und angeschoben werden. Und vor allem muss man ihn vorbereiten auf das, was kommt. Die Kleine hört etwas und will es sofort in die Tat umsetzen. Sie muss nicht angeschoben, sondern ständig gebremst werden. Eine wahre Herausforderung für uns Eltern, solch unterschiedlichen Kindern gerecht zu werden und jedes in seinem Wesen zu erkennen und zu unterstützen.

Der wichtigste Unterschied zwischen beiden Kleinkindern ist sicherlich die Fähigkeit zum Verbalisieren der Gedanken und Gefühle. Während der Große seine Wut und Unzufriedenheit immer vor allem körperlich, auch auto-aggressiv zeigte und in den schlimmsten Momenten wirklich zuhause randalierte, kann die Kleine bestimmt schon seit einem halben Jahr (sie ist 2 3/4) sagen: "Ich bin sauer!", wenn ihr etwas nicht passt. Oder "ich bin traurig", wenn sie sich von mir trennen musst. Oder "ich hab dich vermisst", wenn wir uns erst abends sehen. Sie konnte auch als Baby schon viel besser und deutlicher zu verstehen geben, was sie wollte, und bemühte sich immer sehr lange, bis wir sie verstanden hatten. Der Große ist immer sofort ausgerastet, wenn etwas nicht nach Plan lief. Die Kleine ist da viel "sozialer" und weiß, dass sie nicht gegen, sondern mit Verbündeten ans Ziel kommt. Diese Devise verfolgt sie auch bei allem, was sie erreichen will (und erreicht dadurch oft mehr als der Große). Sie sagt "ich will was essen" oder holt sich selbst was, wenn sie Hunger hat. Der Große bekommt schlechte Laune, wenn er hungrig ist, verbalisiert aber weder sein Hungergefühl noch versucht er aktiv, den Missstand zu beseitigen. Allerdings macht er dadurch auch weniger Unfug als die Kleine :-). Mit der Kleinen ist das Leben gefährlicher, da sie unberechenbarer und risikobereiter ist, aber auch einfacher, weil sie entweder ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt oder uns deutlich vermittelt, was sie möchte.

Autonomiephase:

Die sogenannte "Trotzphase" zeigt ebenso wie die Babyzeit ganz deutlich den Unterschied der beiden Charaktere. Einen vorläufigen Zwischenstand habe ich letztes Jahr beschrieben. Er gilt im Prinzip immer noch. Der Große brachte uns in dieser Zeit (ca. 1 1/4 bis 3 1/2 Jahre) nicht nur an, sondern über unsere Grenzen. Wir waren so hilflos, dass wir eine Kitapsychologin einschalteten. Er konnte sich so schlecht verständlich machen und war mit sich, uns und der Welt völlig uneins. Er war kompromisslos, nicht manipulierbar, unbestechlich, nicht beeinflussbar, nicht ablenkbar, unglaublich heftig in seinen Reaktionen und unempfänglich für Zuwendung. Er kam nie von selbst wieder zu uns und man konnte ihn kaum emotional einfangen. Ich glaube, am wütendsten wurde er immer, wenn wir nicht verstanden, was er wollte. Mit der heutigen Erfahrung, besonders was das Spiegeln von Emotionen betrifft, hätte ich sicherlich oft besser reagieren können. So aber war er ein wandelnder Vulkan.

Die Kleine ist auch energisch und vehement, durchsetzungsstark und kämpferisch. Aber mit ihr kann man meist verhandeln, einen Kompromiss erzielen, ablenken oder auch bestechen. Viele Ärgernisse kann man schon beseitigen, bevor sie explodiert, weil sie sich eben besser verständlich machen kann. Sie kommt emotional meist von selbst zurück und fordert wieder Zärtlichkeit ein, wenn sie sich beruhigt hat. Das macht es erträglicher und bringt uns danach wieder zueinander. Man fühlt sich emotional nicht so ausgebrannt. Dazu kommt, dass wir Eltern jetzt mehr Erfahrung darin haben, was Kleinkinder so alles ärgert und nicht mehr völlig hilflos daneben stehen. Sie hat insgesamt viel weniger Wutanfälle, weniger heftig, weniger körperlich, weniger verzweifelt, weniger unzugänglich, und vor allem: bei ihr gibt es immer hinterher eine körperliche Versöhnung. Ich empfinde ihre Autonomiephase als deutlich leichter als beim Großen.

Zusammenfassend kann ich sagen, dass die beiden Geschwister sich mit ihren unterschiedlichen Charakteren jetzt wirklich zusammengerauft haben. Die Kleine liebt den Großen heiß und innig. Sie fragt als erstes morgens nach ihm, ebenso, wenn sie kommt und er ist nicht da. Sie vermisst ihn bei Abwesenheit unglaublich. Der Große ist etwas unabhängiger von ihr, aber auch er hat mittlerweile erkannt, was er an ihr hat und lernt viel von ihr. Sie war lange Zeit die Einzige, die ihn kuscheln und liebkosen durfte. Natürlich streiten sie auch oft und sind sehr eifersüchtig aufeinander. Beide sind im Grunde Sturköpfe und unnachgiebig. Da ist es oft schwer zu vermitteln. Aber es ist jetzt schon viel ruhiger geworden als noch vor einem Jahr. Sicherlich mussten sie sich auch erst kennenlernen. Ich finde ja, sie ergänzen sich perfekt und können viel voneinander profitieren: der Große als vorsichtiger, zurückhaltender, bedachtsamer, von Emotionen gebeutelter Junge, sehr entscheidungsscheu und eher langsam, dafür aber zuverlässig und keinen Unfug treibend, die Kleine als quirliges, vorpreschendes, innerlich zufriedenes, initiativ- und ideenreiches Mädchen, oft etwas zu übermütig mit den entsprechenden Auswirkungen, aber immer aktiv und lösungsorientiert.

Man könnte noch viel mehr schreiben, über Essens- und Schlafensunterschiede, über ihre Interessen und Leidenschaften, über ihr soziales Verhalten etc. Aber ich denke, es ist deutlich geworden - und ich schreibe ja auch immer wieder darüber - , dass meine beiden Kinder von Anfang an grundverschieden waren. Das ist spannend, das ist entlastend, das ist bereichernd und herausfordernd - und nie langweilig :-)

Und hier noch ein paar Texte, in denen ich auch schon über das Thema "Unterschiedlichkeit" geschrieben habe:
http://fruehlingskindermama.blogspot.de/2015/03/wer-hat-was-von-wem-blogparade-dubistich.html
http://fruehlingskindermama.blogspot.de/2014/12/verschiedenheit.html
http://fruehlingskindermama.blogspot.de/2015/08/liebe-fuhlt-sich-sehr-verschieden-an.html
http://fruehlingskindermama.blogspot.de/2015/07/wenn-die-kleine-jetzt-die-groe-wurde.html
http://fruehlingskindermama.blogspot.de/2014/12/ode-die-kleine.html

Ich habe den Text nachträglich auch bei der Blogparade #gleichunddochunterschiedlich von Familie Motte verlinkt.

Kommentare:

  1. Der wandelnde Vulkan - das trifft es auf den Punkt. Wie mein Großer. Jetzt im Moment. Ich weiß also, was Ihr durchgemacht habt. Und gut zu wissen, dass auch das vorbei geht.

    Liebe Grüße
    Nadine

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    1. Ach, das ist/ war so eine schwierige Zeit! Ich kann Dich total verstehen. Hoffentlich wird es bei euch auch bald besser. Emotional "labil" bleiben solche Kinder aber meist trotzdem.
      Liebe Grüße und viel Kraft!

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  2. Haha, ich muß lachen, weil ich für den Kindergarten auch was ausfüllen musste. Einmal bei der Anmeldung, da war es mir wichtig ein paar Dinge aufzuschreiben und die Bemerkungenfelder quollen über. Ich dachte noch: Oh je, die lehnen und ab, weil ich so viel geschrieben habe. Hat aber geklappt. Und dann gab es auch noch so nen Fragebogen. Der quoll auch über. :-D ich glaube es gibt aber auch komplett pflegeleichte Kinder. Da kann man garnicht viel sagen.:-D

    Ansonsten erinnern mich die Beschreibungen deiner Kinder an meine zwei "Großen".nur dass das Sirenchen die furchtbaren Anfälle bekommt.:-D

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    1. Hihi, ja, bei mir quollen die kleinen Felder zum Ausfüllen auch über. Die Erzieherin des Großen erzählte mir übrigens nachträglich, dass sie alle ein wenig Angst hatten wegen meiner Ausführungen.:-)
      Über meine Kleine fiel es mir lustigerweise etwas schwerer, so viel aufzuschreiben wie beim Großen. Aber nur 7 Worte kann ich mir nun gar nicht vorstellen... So pflegeleicht kann doch kein Kind sein, oder?
      Liebe Grüße!

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  3. Ich finde es wirklich sehr schön, dass sich die beiden so gut ergänzen :-). Ich drücke euch die Daumen und hoffe, dass es immer einfacher mit den beiden wird.
    Liebe Grüße!

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    1. Es ist ja schon tausendmal einfacher geworden als früher, gott sei dank. Und so kann man jetzt auch die Unterschiede mehr positiv bewerten und die gegenseitige Ergänzung tatsächlich sehen. Ich finde es auch toll!
      Liebe Grüße!

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  4. Ein sehr spannender Text - ich finde es wunderbar, dass Ihr die beiden so nehmt wie sie sind und versucht, auf jeden individuell einzugehen - auch wenn es manchmal schwer fällt sich umzugewöhnen, denn die beiden sind ja tatsächlich fast wie Tag und Nacht. So werden sie sich hoffentlich ihr Leben lang gut ergänzen Liebe Grüße, Anna

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    1. Ja, das ist tatsächlich manchmal schwer und man muss sich umstellen. Was bei dem einen funktioniert, klappt bei der anderen nicht und umgekehrt. Es ist spannend und herausfordernd;-)
      LG!

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