Freitag, 17. Juli 2015

Der Doppelgänger meines Sohnes

Mein Großer hat seit drei Jahren einen Doppelgänger in der Kita. Einen Jungen, der immer freundlich und gut gelaunt ist, hilfsbereit und kooperativ, sich selbst beschäftigt und ruhig spielt, beliebt bei anderen Kindern und Erziehern ist, fürsorglich und empathisch für andere Kinder sorgt, keine Schimpfwörter oder Aggressionen verbreitet, der Gefühle angemessen zeigt, sich schnell trösten lässt, problemlos aufräumt, beim Essen sitzenbleibt und Ruhezeiten einhält, der mitdenkt, selbstständig und verantwortungsbewusst ist. Einen Jungen, den seine Erzieherin als Vorzeige-Kindergartenkind beschreibt und sein Kinderyoga-Lehrer in der Kita als fast schon perfektes Schulkind (Schulstart ist 2017!). Der bei Ausflügen und Fahrten immer in der vordersten Reihe positioniert wird, weil auf ihn Verlass ist, der nicht rumhampelt, ausbüxt oder sonstige kindliche Einfälle auslebt. Der sich nach dem Toilettengang ohne Aufforderung die Hände wäscht und sehr eigenverantwortlich ist. Der auf seiner ersten Kitafahrt so herzhaft gelacht hat, wie ihn seine Erzieherin noch nie hat lachen hören. Der freiwillig erzählt, auf Fragen reagiert und andere aussprechen lässt. Der ein völlig normales Kind ist, ohne Auffälligkeiten, Probleme oder Schwachstellen. Ein toller Doppelgänger!

Seine Eltern sitzen in jedem Entwicklungsgespräch (kürzlich zum dritten Mal*) und geben ab und zu verzweifelt-belustigte Laute von sich. Erzählen davon, wie sich der Junge zuhause verhält. Was für Schwierigkeiten sie manchmal mit ihm haben. Wie oft sie an sich zweifeln und meinen, irgendwas falsch zu machen. Seine Erzieherin kennt das schon. Sie versteht es auch, hatte sie doch selbst genau so ein Kind. Sie sagt, die Eltern des Jungen würden das alles wunderbar mit ihm machen und dass man deutlich merkt, dass sie sich intensiv mit ihm beschäftigen. Sie sagt, wären alle Kinder so wie er, hätte sie als Erzieherin nichts mehr zu tun. Andere verstehen es weniger. Wer den Jungen nur in der äußeren Welt erlebt, denkt, die Eltern übertreiben. Und alle sagen immer: "Seid doch froh, dass es so ist und nicht umgekehrt!". Natürlich sind sie auch sehr froh und erleichtert darüber. Aber die Eltern würden auch gern ein Häppchen von dem fröhlichen Doppelgänger-Jungen abhaben. Kümmern sie sich doch die meiste Zeit sehr intensiv um ihn und versuchen immer, Verständnis aufzubringen. Aber der Junge schafft es oft nicht, zuhause seine vielen tollen Seiten zu zeigen. Warum nicht? Sind die Eltern schon zu festgefahren, begegnen sie ihm mit einer voreingenommenen, negativen Attitüde? Das mag manchmal der Fall sein, wenn man schon morgens mit schlechter Laune begrüßt wird. Aber gegenüber seiner Schwester, die ihn vergöttert, ist der Junge auch oft unwirsch, grantig, rücksichtslos, egoistisch. Der Doppelgänger in der Kita dagegen kümmert sich liebe- und verantwortungsvoll um sie, wenn die Eltern nicht dabei sind.

Die Erzieherin sieht dem Jungen an, dass es oft in seinem Kopf rattert und er überlegt, wie er Situationen in der Kita bewältigen kann. Sie bemerkt, dass er sicherlich vieles unterdrückt und sich stark anpasst. Sie sieht auch, dass er sehr empfindsam ist und ihm bei Konflikten schnell Tränchen in die Augen steigen. Aber sie schafft es immer, ihn aufzufangen und ihm positiv zu begegnen. Das ist auch nicht schwierig, wenn der Doppelgänger gerade sichtbar ist. Dann sind auch die Eltern überglücklich und kommen wunderbar mit dem Jungen zurecht. Leider ist das zuhause nur selten der Fall. Es ist sicherlich in Ordnung, dass sich der Junge zuhause, wo er sein Auffangnetz hat, anders verhält als draußen. Das ist einerseits ein gutes Zeichen. Andererseits müssen auch Kinder lernen, dass sie nicht all ihren Frust zuhause abladen können und die Eltern auch Gefühle haben. Dem Jungen fehlt dieses Gespür noch. Dass der Doppelgänger existiert, zeigt aber, dass Fähigkeiten da sind, die gefördert werden sollten. Im Interesse der Eltern und des Jungen. Denn wenn zuhause alle Familienmitglieder freundlich und rücksichtsvoll miteinander umgehen, ist es doch gleich viel schöner.

* Entwicklungsgespräch über den Großen am 13. Juli 2015.

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