Sonntag, 4. Juni 2017

Allein in Prag - meine erste Reise ohne Kinder

Ich hab's getan! Ich hab es wahr gemacht und bin zum ersten Mal, seit ich Mama bin, also seit über 6 Jahren, allein verreist! Und auch heil wieder zurück gekommen...

Seit die Kleine sich auch vom Papa ins Bett bringen lässt, wenn ich nicht da bin, hatte ich mir vorgenommen, endlich mal allein wegzufahren. Die Sehnsucht danach war schon lange sehr groß, aber ohne die Sicherheit, dass die Kleine auch wirklich beim Papa einschlafen würde, konnte ich das nicht wagen. Deshalb wurde das Wegfahren, als sie das Einschlafen mit knapp 3,5 Jahren endlich zuließ, mein wichtigster Vorsatz für das Jahr 2017, der sich auf meiner Mutter-Kind-Kur nochmal festigte. Zwar klammerte sie nach der Kur extrem, hatte enorme Trennungsängste und durch akutes Mama-Vermissen ihren ersten heftigen Neurodermitis-Schub, was mir auch sehr zu schaffen machte und Gewissensbisse verursachte. Dennoch wollte ich den Weg, mich ein wenig von den Kindern "abzunabeln", langsam weitergehen, und fing deshalb nach der Kur an, nach einem kleinen Städtetrip nur für mich allein zu recherchieren. Es sollte wirklich nur kurz und nicht zu weit weg sein, mit internationalem, aber halbwegs vertrautem Flair, wo ich mich auch sicher genug fühlen würde, denn ich war ja ohnehin schon aufgeregt genug.

Meine Wahl fiel auf Prag, eine knappe Flugstunde entfernt, mit einer gut überschaubaren Altstadt, nicht zu teuer und nicht zu einschüchternd für eine Reise allein. Ich war im Oktober 2002 zuletzt in Prag gewesen, als infolge des Hochwassers im August einige Teile der nördlichen Altstadt nicht zugänglich waren. Insofern gab es noch einiges zu erkunden. Nach einigen Zweifeln meinerseits und Protesten der Kinder machte ich Nägel mit Köpfen und buchte Flug und 2 Nächte im Hotel. Selbst von den 2 Nächten wollte die Kleine mich noch runterhandeln;-). Direkt vorher stand ein Familienurlaub an, die Kinder konnten also hoffentlich genug Mama tanken, so dass ihnen mein Wegsein dann vielleicht nicht so schwer fallen würde.


Ich freute mich nur sehr verhalten, ich hätte gedacht, dass ich euphorischer sein würde. Aber erstens wird man auch ein wenig zum Angsthasen, wenn man nach so langer Zeit wiedermal was allein plant, und zweitens kann ja mit Kindern immer noch so viel dazwischen kommen. Und so wäre es auch fast gekommen: nachdem die Kleine in den letzten Urlaubstagen Magen-Darm-Grippe hatte, traf es nach unserer Rückkehr erst den Mann, dann mich und dann den Großen im Abstand von jeweils 8 Stunden. Zu dritt parallel mit Magen-Darm flachliegen - das hatten wir so noch nicht gehabt. Ich fürchtete um mein Vorhaben, war abwechselnd wütend und resigniert. Am Tag vor meiner Prag-Reise waren alle wieder halbwegs einsatzfähig, wenn auch nicht hundertprozentig fit. Ich stellte die Kinder auf meine Abwesenheit ein, aber sie weinten teilweise immer wieder, wenn ich davon erzählte. Ich konnte es auch selbst kaum glauben, dass es nun wirklich soweit sein würde.

Am Donnerstag, 1. Juni, brachte ich die Kinder in die Kita, kaufte für die Familie ein und packte dann mein Köfferchen. Ich fühlte mich körperlich nicht gut, dachte aber, die relativ kurze Reisezeit würde ich schon überstehen. Als ich zum Flughafen fuhr, musste ich schon ein paar Tränchen verdrücken. Was für eine unvertraute, verrückte, unvorstellbare Situation, die Kinder zum ersten Mal in 6 Jahren zu verlassen und 2 Nächte allein zu verbringen! Über 6 Jahre lang war ich nie ohne mindestens 1 Kind, also immer im Mama-Modus! Nicht weil ich dies so wollte, sondern weil es lange Zeit nicht anders ging.

Am Flughafen stellte sich leider heraus, dass ausgerechnet mein Flug verspätet war! Die Verspätung wurde immer größer, so dass ich bis zum endgültigen Abflug insgesamt 5 Stunden in Tegel verbrachte. Da hätte ich ja gleich mit der Bahn fahren können! Außerdem ging es mir immer schlechter, mir war übel und schummrig, ich hatte Bauchkrämpfe und der Kreislauf war nicht vorhanden. Ich war mehrfach kurz davor, wieder nach Hause zu fahren, so schlecht ging es mir. Irgendwann saß ich völlig fertig im Flieger und dachte, dann legst du dich halt 2 Tage in Prag ins Bett. Der Flug und die Fahrt zum Hotel klappten zum Glück reibungslos und am Abend war ich endlich in meinem Hotelzimmer. Ich ruhte mich etwas aus und versuchte dann nochmal, eine kleine Runde rauszugehen, musste aber nach 20 Minuten abbrechen. Es machte keinen Sinn, ich war total schlapp und kurz vor'm Umkippen. Lieber Kräfte zusammenhalten für den nächsten Tag. In der Nacht schlief ich schlecht, was vor allem an meiner körperlichen Verfassung lag. Da war ich also nun allein in Prag und konnte es überhaupt nicht genießen. Konnte wegen der Übelkeit weder lesen noch Pläne für den nächsten Tag schmieden. Aber wenigstens war ich allein und musste mich um niemanden kümmern.


Am nächsten Morgen (Freitag) ging es mir etwas besser, ich frühstückte und ruhte mich noch ein wenig aus, bevor ich um 9 Uhr loszog. Ich hatte keinen festen Plan, sondern wollte einfach sehen, was ich schaffe und wohin es mich zieht. An der Moldau entlang spazierte ich ganz langsam in Richtung Karlsbrücke und dann hinüber ins Burgviertel, ging aber bewusst nicht zur Burg hinauf, sondern wieder zurück und in die Altstadt hinein, ließ mich treiben, besichtigte Kirchen, schaute Musikern und Künstlern zu, geriet in ein buntes Roma-Festival auf dem Altstädter Ring, erfreute mich an der lebendigen, internationalen Atmosphäre und genoss es, ganz bei mir zu sein.




Es war so toll, allein, selbstbestimmt, kommunikationslos und ohne Verantwortung zu flanieren, stehen zu bleiben und weitergehen zu können, wann ich wollte, ohne mich um die Launen, den Hunger, das Tempo und die Bedürfnisse der Kinder kümmern zu müssen, ohne ständig in Habachtstellung und Bereitschaft zu sein, ohne auf hundert Sachen aufpassen oder einen halben Hausstand mitschleppen zu müssen. Auch war mir bewusst, dass ich dieses Umherlaufen und spontane Entscheiden niemals mit den Kindern machen könnte. Mit meinen geht das jedenfalls nicht. Es war wirklich herrlich, auch wenn ich mich nicht besonders fit fühlte. Dafür aber frei :-)


Gegen 14 Uhr ging ich für eine kleine Pause zurück ins Hotel, das in Laufentfernung von der Altstadt lag. Auch das war toll, sich dann eben wirklich erholen zu können und Ruhe zu haben. Später zog ich dann nochmal los, weil ich die Josefstadt erkunden wollte, die damals 2002 vom Hochwasser in Mitleidenschaft gezogen war. Endlich konnte ich zwei Gegenstände in der Maisel-Synagoge besichtigen, die in meiner Magisterarbeit eine Rolle gespielt hatten. 2002 war das Museum leider wegen des Hochwassers geschlossen gewesen. Und der alte jüdische Friedhof ist wirklich beeindruckend!


Ich merkte aber schon, wie es mir wieder schlechter ging, und musste schweren Herzens schon vor 18 Uhr ins Hotel zurückkehren. Es half nichts, ich hatte keine Kraft, der Körper machte nicht mit. Eigentlich wollte ich in der Dämmerung nochmal raus, um die angestrahlten Bauwerke zu bewundern, aber auch dies musste ich canceln, es ging einfach nicht. Ich hatte also zwar weniger geschafft als ursprünglich geplant, aber immerhin mehr, als ich am Vortag zu hoffen wagte. Trotzdem doof. Da ist man endlich mal weg und dann wird man von Krankheiten ausgebremst. Der Magen-Darm-Virus schien noch ziemlich nachzuhängen. Aber auch diesmal war ich froh, im Hotel Ruhe zu haben und mich um nichts kümmern zu müssen.


Am Samstagmorgen frühstückte ich wieder gegen 8 Uhr und war um 9 Uhr schon im Museum "National Memorial to the Heroes of the Heydrich Terror", was sich nicht weit vom Hotel entfernt befand. Danach kaufte ich im Lego Museum noch ein Geschenk für den Großen (für die Kleine hatte ich in der Altstadt schon eine Feen-Marionette erstanden) und kehrte ins Hotel zurück, um auszuchecken. Mit dem Köfferchen machte ich mich auf den Weg zur Moldau und bestieg ein Schiff für eine einstündige Schifffahrt.


Das war perfekt für den Abreisetag und meine schlappe Konstitution. Gegen Mittag fuhr ich zum Flughafen und diesmal ging mit dem Flug alles glatt. Ich konnte den Rückflug richtig genießen, er ging viel zu schnell vorbei. In Tegel warteten der Mann und die Kinder und obwohl ich damit gerechnet hatte, dass sie fremdeln würden, traf das überhaupt nicht ein.


Sie fragten gleich nach ihren Geschenken, ich hatte ihnen ja versprochen, dass ich etwas mitbringen würde. Auf der Heimfahrt erzählten sie mir, dass sie ein paarmal geweint hätten, weil sie mich vermissten. Und dass ich jetzt erst in ein paar Jahren wieder wegfahren darf;-). Insgesamt scheint aber alles problemlos geklappt zu haben, der Mann war viel mit ihnen unterwegs gewesen (Freitag war ein Kitaschließtag gewesen), damit keine Langeweile aufkam. Zuhause war alles wie gehabt und zack, war ich wieder im Mama-Modus drin. Eine Schonfrist gibt es nicht und es wird sich auch nicht weniger gestritten oder geärgert, nur weil die Mama endlich wieder da ist...

Mir geht es heute etwas besser, ich bin aber immer noch angeschlagen und das nervt sehr. Was ich aber deutlich merke, ist, dass ich trotz der Widrigkeiten ein Stück weit mental heruntergefahren bin und mir das Alleinsein Kraft gegeben hat. Introvertierte Menschen schöpfen ja ihre Kraft aus dem Alleinsein, nicht aus der Gesellschaft anderer Menschen, und das ist bei mir sehr ausgeprägt. Ich habe das wirklich sehr gebraucht, unheimlich genossen und nehme mir vor, dies noch öfter durchzusetzen und einzufordern. Die permanente Anspannung hat nachgelassen und ein kleiner Tank hat sich in mir gefüllt. Wichtig wäre nun, solche kleinen kinderlosen Auszeiten von Zeit zu Zeit zu wiederholen, was nicht so einfach ist, weil das natürlich zu Lasten des Mannes geht, der in dieser Zeit die Allein-Verantwortung inkl. schrumpfender Kräfte hat. Ihm ging es nämlich in der Zeit auch nicht besonders gut (weshalb ich bei uns beiden an Nachwehen des Magen-Darm-Virus glaube) und er musste trotzdem alles allein managen. Diese Rolle kenne ich natürlich auch und das kostet Kraft. Damit ich Kraft tanken kann, muss also ein anderer Mensch pausenlos funktionieren und verliert Kraft, die er dann wiederum selbst auftanken muss, auf meine Kosten. Ein ewiger Kreislauf, zumindest solange die Kinder klein sind.


Obwohl ich mich ärgere, dass ich ausgerechnet bei meiner ersten Reise allein, seit ich Mama bin, nicht fit war und sie deshalb nicht hundertprozentig ausnutzen und genießen konnte, bin ich trotzdem sehr froh und dankbar, dass es endlich geklappt hat, dass ich mich getraut habe, dass Prag die richtige Wahl war und ich mich wohlgefühlt habe. Und es war herrlich und so nötig, dass ich nach über 6 Jahren mal für 2,5 Tage in meinem Rhythmus, ohne Reden, ohne Kümmern, ohne Planen, ganz für mich und bei mir sein konnte. Beim nächsten Mal dann ohne Kranksein!

Was war eure erste Reise ohne Kinder? Wie alt waren eure Kinder, wie hat das geklappt und wie habt ihr euch gefühlt? Macht ihr das regelmäßig oder braucht ihr das nicht so?

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen