Freitag, 16. September 2016

Mein Leben war nicht sinnlos, bevor ich Kinder bekam !

Immer wieder höre und lese ich Aussagen darüber, dass Eltern (vor allem Mütter) sich nicht mehr erinnern oder vorstellen können, wie ihr Leben vor dem Kind/den Kindern ausgesehen hat, was sie ausgefüllt und ihrem Leben einen Sinn gegeben hat. Dass sie das Gefühl haben, das Kind wäre schon immer da gewesen oder sie seien nur mit dem Kind vollständig, dass sie nicht wüssten, womit sie sich früher beschäftigt haben oder nur durch das Kind glücklich seien. Ich muss ehrlich sagen, dass ich das nicht nachvollziehen kann und es auch irgendwie merkwürdig finde. Mir geht das nicht so, im Gegenteil.

Als mein Großer uns letztens einmal fragte, was wir früher gemacht hätten, als er und die Kleine noch nicht da waren, zählte ich auf Anhieb viele Dinge auf, die uns früher Spaß bereitet, unsere Wochenenden und Urlaube ausgefüllt und unserem Leben Freude und Sinnhaftigkeit gegeben hatten. Wir haben gearbeitet, sind viel gereist, haben die Welt und das eigene Land entdeckt, waren am Wochenende aktiv, viel in der Natur, hatten schon unseren Garten, trafen Freunde und besuchten Museen, Ausstellungen, Kinofilme etc. Aus mir kam es nur so herausgesprudelt und die Kinder hörten interessiert zu. Ich hatte das Gefühl, sie verstanden, dass wir jetzt, als Familie, nur noch einen kleinen Bruchteil dessen unternahmen, was wir Eltern früher zu zweit gemacht hatten. Ich glaube auch, sie merkten, dass in meinem Erzählen ein Bedauern mitschwang, aber so ist es nun mal. Vieles ist einfach mit kleinen Kindern nicht möglich.

Unser Leben vor den Kindern war definitiv nicht unausgefüllt oder sinnlos. Das wäre ja schlimm! Ich bin erst mit 36 Jahren Mama geworden und das hieße, 36 Jahre oder sagen wir, 18 erwachsene Jahre wären überflüssig, unglücklich oder sinnentleert gewesen. Nein, das empfinde ich überhaupt nicht so und verstehe auch Menschen nicht, die ihr eigenes bisheriges Leben als so oberflächlich und nebensächlich betrachten, bis sie Kinder und damit eine Aufgabe bekamen. Wir hatten sehr viele glückliche, intensive Momente, haben viel erlebt und unser Leben genossen. Sowohl jeder von uns für sich allein als auch wir beide zusammen. Wir hatten wunderbare Reiseerlebnisse, haben zusammen gelacht und geweint, Wohnungen eingerichtet, Wurzeln geschlagen, studiert, Feste gefeiert und das Leben ausgekostet. Wir waren auch vor den Kindern schon im Zoo und im Wald spazieren, haben Tischtennis gespielt, Plätzchen gebacken, Kastanien gesammelt, Gänseblümchen gepflückt, Pusteblumen ausgepustet und Drachen steigen lassen. Das war nicht bedeutungslos und auch nicht unausgefüllt. Es war bunt und aufregend und selbstbestimmt und frei und wunderbar.

Quelle: Pixabay

Ja, wir hatten das Gefühl, dass etwas fehlte und haben uns jahrelang ein Kind gewünscht, bis es endlich klappte. Ja, wir wären unendlich traurig gewesen, wenn wir zu zweit geblieben wären. Mit Sicherheit aber hätten wir kein sinnloses Leben ohne die Kinder. Vielleicht wären wir ausgewandert und hätten nochmal ganz von vorn angefangen. In unserem Haushalt gibt es diverse Bücher dazu. Vielleicht hätten wir auch so weitergelebt wie bisher. Vielleicht hätte ich promoviert und andere exotische Sprachen gelernt. Interessen und Leidenschaften gäbe es jedenfalls genug und ich fände es fatal, wenn ich mich nur über meine Kinder definieren würde. Ich bin doch ein eigener Mensch und ein großer Teil meines Lebens fand ohne meine Kinder statt.

Aus manchen Berichten anderer Eltern hört man heraus, dass sie früher ein ziemlich inaktives Leben geführt hatten, ein ganzes Wochenende auf der Couch verbrachten oder täglich bis spät abends arbeiteten. Vielleicht empfindet man die Erinnerung an ein solches Leben als fade, vielleicht nehmen diese Eltern die Natur, den Jahreskreislauf, die Feste und die Familie wirklich erst dann intensiv wahr, wenn sie selbst Eltern werden. Bei mir ist das nicht so. Ich hatte schon früher ein sehr starkes Erleben der Natur und der Jahreszeiten, empfand tiefe Gefühle an meinen "Kraftorten" und konnte in einem guten Buch oder Film regelrecht versinken und emotional eintauchen. Das kann ich mittlerweile nicht mehr, diese Fähigkeiten sind irgendwie verschüttet, seit ich Kinder habe, bzw. von all den Anstrengungen des Alltags aufgefressen. Da ich nun nahezu ständig unter Strom stehe, haben tiefe Gefühle kaum eine Chance, in mir Fuß zu fassen und mein Herz zu erreichen. Manchmal kommt ein leichter Anflug davon, wenn ich allein mit nur einem Kind unterwegs bin, wie zum Beispiel letztens, als ich mit dem Großen im Garten übernachtete und wir abends noch auf unseren Feldern herumtollten. Ich vermisse diese Gefühle und hoffe, dass sie wiederkehren, wenn der Alltag mit den Kindern nicht mehr ganz so kräftezehrend ist.

Viele Eltern sagen, dass sie erst jetzt Kleinigkeiten bewusst wahrnehmen und mit den Augen ihres Kindes sehen. Bei mir ist das umgekehrt, ich kann mich kaum noch auf kleine Dinge und die Schönheit der Natur einlassen und konzentrieren, weil sich mein Fokus so auf meine Kinder und die Organisation unseres Lebens richtet. Also die umgekehrte Entwicklung und irgendwie auch mental logisch, denn wenn der Kopf voll ist, wird das kleine Blümchen am Wegesrand bedeutungslos. Andere Eltern dagegen nehmen das kleine Blümchen erst wahr, seitdem ihr Kind es aufpflückt und spüren vielleicht, dass in ihrem früheren Leben all das fehlte. Bei mir ist das nicht so und deshalb empfinde ich mein Leben vor den Kindern auch nicht als sinnlos, oberflächlich und unausgefüllt. Dass das Leben vor den Kindern verblasst, je länger es zurückliegt, ist bestimmt normal. Mein Mann war sich letztens sicher, dass wir auf Kap Arkona schon mit dem Großen gewesen seien. Das war aber deutlich bevor wir Kinder bekamen. Verblassen ja, aber unwichtig und sinnlos? Nein! Das kann und möchte ich niemals so empfinden.

Wie ist das bei euch, wie erinnert ihr euch an euer Leben, bevor ihr Kinder hattet? Oder lebt ihr erst richtig intensiv, seit die Kinder da sind?

In diesem Text könnt ihr noch ein bisschen mehr über mich und früheres Leben erfahren:
Über mich, meine Reiselust und das Bloggen

Kommentare:

  1. Liebe Frühlingskindermama, gleich bei mehreren Punkten möchte ich schreien: Ja genau!

    Mein Leben ohne Kind zuvor sinnentleert? Wie furchtbar diese Vorstellung ist und auch bei mir so gar nicht zutreffend. Ich glaube darüber würde ich sich noch gerne bloggen.

    Ein toller Text. Danke!
    Jessi

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    1. Danke Dir! Ja, finde ich auch furchtbar. Bin gespannt auf Deinen Text!
      LG!

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  2. Liebe Frühlingsmama,

    wow, was für ein ansprechender Text! Ich schließe mich Dir komplett an!!! Ich und wir hatten auch vor der Tochter ein gutes und ausgefülltes Leben. Ich bin dankbar für jeden Moment jener Zeit. Ich habe meine Tochter auch erst mit 36 Jahren bekommen, es war genug Zeit zum Feiern und ich habe sie genutzt.
    Manchmal hätte ich gern eben, wie Du, mehr Zeit mich mal wieder zu spüren, mehr nachzudenken...doch das wird kommen. Jede Zeit hat ihre Magie, denke ich.

    Danke für Deinen Text!!!
    Liebe Grüße,
    Gordana

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    1. Lieben Dank! Wie schön, das klingt wirklich total zufrieden. Und ich bin beruhigt, dass ich einige Gleichgesinnte habe. Manchmal fühlt man sich wie ein Alien damit...
      LG!

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  3. Liebe Frühlingskindermama, ein schöner Text, der mich zum Nachdenken gebracht hat. Wie war mein Leben vor unserer Tochter? Leer mit Sicherheit nicht, wie hatten mehr Zeit für uns als Paar, mehr Freizeit, mehr Spaß im Sinne von Freunde Treffen, Feiern gehen etc.. Unser Leben war gewiss auch ein Stück intellektueller, mehr Kultur, mehr Geist, mehr Tiefgang. Ich hatte viel Spaß vor meinem Muttersein und dennoch kann man beide Lebensabschnitte nicht miteinander vergleichen. Das kann ich aber auch nur sagen, weil ich eben nun Mutter geworden bin und beide Seiten kenne. Niemals hätte ich gedacht, dass ein Kind das Leben so auf den Kopf stellt. Ich glaube, dass viele mit dem "Sinn im Leben durch die Kinder finden", diese tiefe Liebe meinen, die man für sie empfindet, dieses absolut Selbstlose. Es ist irgendwie ein bittersüßer Schmerz, ich kann es kaum beschreiben und in Worte fassen. Trotz all dem Stress, den Verzichten und ja, manchmal auch Aufopferungen, erden Kinder auch. Zumindest empfinde ich es so. Meine Prioritäten haben sich wirklich total verschoben, Dinge, denen ich früher viel Bedeutung zugemessen habe, sind mittlerweile auf Rangliste 150ff. Ich glaube dass beide Lebensabschnitte ihre Berechtigung mit ihren Prioritäten und mit ihren Hoch und Tiefs haben. Ich bin froh, dass ich beide Perspektiven kennen durfte, auch wenn ich manchmal mit etwas Wehmut an meine Jugend denke, so blicke ich doch voller Liebe und Zuversicht auf mein Leben jetzt, obwohl ich zugeben muss, dass ich nicht vor Unsicherheiten und vor Zweifeln gefeilt bin. Ich glaube, dass das Leben verblasst, je älter man wird, ich weiß nicht, ob das immer nur mit den Kindern zusammenhängt. Jeder Lebensabschnitt hat sein eigenes Tempo. Und ja, ich stimme mit dir vollkommen überein, ich konnte früher die Kleinigkeiten viel bewusster aufnehmen als heute, weil ich dafür oft keinen Kopf mehr habe. Andrerseits weiß ich auch andere Dinge zu schätzen, die ich früher als selbstverständlich erachtete: Z.B. Ausschlafen, einen Film gucken, ein Buch lesen...seltene Momente, aber ganz kostbar :-) Danke für den Anstoß zur Selbstreflektion. Ein sehr schöner Text. Alles Liebe!

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    1. Lieben Dank für Deinen ausführlichen Kommentar! Ich glaube auch, dass viele damit die Liebe zu den Kindern meinen, aber das bedeutet für mich persönlich nicht, dass mein Leben ohne diese Liebe sinnentleert war. Was mir immer wieder aufstößt, sind diese Aussagen wie: "Was hab ich nur früher gemacht? , Mein Leben war leer!" etc. Das kann ich nicht nachvollziehen.
      Bei mir verblasst viel von meinem Leben vorher, weil ich jetzt gar keine Verarbeitungs- und Erinnerungszeit mehr habe. Früher haben wir ganz oft über vergangene Erlebnisse gesprochen etc., dazu ist jetzt gar keine Zeit mehr. Und viele Momente sind so schnell wieder vorbei mit Kindern, weil einer auf's Klo muss oder irgendwo runterfällt etc. Dadurch dringt alles nicht wirklich tief ins Bewusstsein und wird schnell wieder vergessen. Das war früher viel anders.
      Und zuletzt: ich weiß zwar Dinge zu schätzen, die ich selten habe (Freizeit), aber ich kann sie nicht mehr unbeschwert genießen, weil immer ein Druck im Hinterkopf ist (Kitaabholen, Kinder kommen wieder nach Hause etc.). Ich kann das irgendwie nicht abschütteln und bin ständig angespannt. Echt nervig...
      Liebe Grüße!

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  4. Bei mir schwingt nicht (mehr?) so viel Wehmut mit, aber ansonsten geht es mir ähnlich: Ich finde es super, Mama zu sein, aber es ist nicht das, was mein Leben ausmacht. Auch ohne Kind gibt es sehr viel, das mein Leben reich macht. Vielleicht ist es tatsächlich so, wie du schreibst: Dass die Fähigkeit, Kleinigkeiten wahrzunehmen und zu schätzen, den Unterschied macht. Diese Fähigkeit habe ich auch schon immer, bin im Regen getanzt, durch Laub geraschelt und in Büchern zerflossen. Wer das nicht kennt oder sich als Erwachsene nicht zugestanden hat, fühlt sich sicher dadurch sehr bereichert, wenn die Kinder das zurückbringen. Wenn diese Möglichkeit, in etwas einzutauchen, durch die Kinder eher nachlässt (man muss ja immer wenigstens zu einem Teil präsent sein), dann ist es umgekehrt. Ich glaube allerdings auch, dass dieses "Vor den Kindern war alles sinnlos" in vielen Fällen einfach romantisiert ist. Ich bin mir sehr sicher, dass viele dieser Mütter (Väter sind es ja wohl eher selten, die so etwas sagen) einfach nicht zugeben, dass es manchmal auch anders ist. Das Problem: Damit wird der Mythos der sich selbst auflösenden Mutter immer weiter getragen. Naja.

    Herzliche Grüße,
    Stjama

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    1. Du hast so recht, und danke für Deine Gedanken! Ich glaube auch, dass es manchmal Verdrängung und Romantisierung ist, aber in vielen Fällen empfinden das diese Eltern tatsächlich so. Vielleicht liegt es wirklich daran, dass sie vorher nicht so bewusst gelebt haben und durch ihre Kinder vieles erst entdecken. Das kann ich sogar verstehen, aber bei mir ist es eben umgekehrt. Und ich bedauere das sehr.
      Mich hat das oft unter Druck gesetzt, wenn Mütter sagen, ihr Leben habe erst durch ihre Kinder Erfüllung gefunden. Ja, der Mythos der sich aufopfernden Mutter wird dadurch genährt. Ich schreibe dagegen an ;-)
      Liebe Grüße und danke!

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