Freitag, 2. September 2016

Erinnerungen an mein Jahr als Au Pair in London

Ich kann es kaum glauben, aber meine Kleine ist jetzt mit 3 1/4 Jahren so alt wie das Mädchen, das ich als Au Pair vor 22 Jahren betreute. Sie sieht fast genauso aus wie sie. Und ich selbst bin schon deutlich älter als meine damaligen Au Pair-Gasteltern. Unfassbar! Das und die aktuellen Erfahrungsberichte in der Elternbloggerszene (Links siehe unten) nehme ich mal zum Anlass, um euch ein wenig über mein Au Pair-Jahr zu erzählen. Es war aufregend, bereichernd, emotional anstrengend und in jedem Fall eine Erfahrung, die ich nicht missen möchte und die mich erwachsen gemacht hat.

Ich betreute nach dem Abitur (1993/94) zwei Kinder im Alter von 6 (Junge) und 3 Jahren (Mädchen) und lebte 10 Monate in einer lieben Familie in London, die mich über eine Agentur gefunden hatte. Ich muss ehrlich sagen, dass ich kaum Erfahrung mit kleinen Kindern hatte. Weder babysittete ich noch hatten wir Kleinkinder in der Familie. Ich half ab und zu bei der Kinderbetreuung unserer Kirchengemeinde, hatte im Schulhort gearbeitet und mal Nachhilfe in der Schule gegeben. Das war's. Ich wollte einfach nach der Schule ins Ausland, aber nicht völlig auf mich allein gestellt sein, und da bot sich das Konzept des Au Pair-Mädchens an. Das ist meiner Meinung nach eines der grundlegenden potentiellen Missverständnisse zwischen Au Pair-unerfahrenen Familien und Au Pairs. Die Familien wollen Hilfe, Entlastung und ein erfahrenes und engagiertes Kindermädchen, die Au Pairs dagegen Auslandserfahrung sammeln im Rahmen eines sicheren Umfelds. So war es bei mir auch.

Mein Glück war, dass meine Familie die Tätigkeiten ihres Au Pairs eher im haushalterischen als im Babysitter-Bereich erwartete. Im Haushalt kann man schließlich nicht soviel falsch machen wie mit Kindern, die man nicht kennt, und die Arbeiten sind auch geregelter und besser abgrenzbar. Ein weiterer Vorteil war, dass meine Au Pair-Mutter keiner angestellten Tätigkeit nachging (sie machte eine Weiterbildung und gab Coaching-Sitzungen) und somit weniger gestresst war als eine Mutter, die täglich von 8-15 Uhr im Büro sitzt und danach Kinder und Haushalt wuppen muss. So hatte sie selbst nicht nur Zeit zum Einkaufen und Erledigen von Besorgungen, sondern auch Tagfreizeit, was man deutlich an ihrer Entspanntheit mit den Kindern merkte. Gleichzeitig hatte sie aber durch die Weiterbildung auch intellektuelle Herausforderungen und war somit nicht unzufrieden wie vielleicht reine Stay-at-home-Moms. Ihre Ausgeglichenheit merkte ich schon damals und sehe rückwirkend aus meiner jetzigen Perspektive als Working Mom, wie zufrieden sie mit dieser Aufteilung gewesen sein muss. Der Vater arbeitete Vollzeit als praktizierender und lehrender Arzt, die Kleine ging in den Kindergarten und der Große in die Schule. Die Mutter war übrigens selbst Au Pair in Paris gewesen, kannte somit auch die andere Seite der Medaille und wollte ihren Kindern die Offenheit gegenüber anderen Kulturen mitgeben.

Das war unser Haus in London

Ich hatte einen festen, schriftlich fixierten Wochenplan an Haushaltstätigkeiten zu erfüllen, der die Vormittage ausfüllte, die ich sonst ja untätig zuhause gesessen hätte. Das fand ich gut und hat mich auch nicht gestresst. Nachmittags hatte ich meist frei. Außerdem hatte ich einen Abend pro Woche (meist Samstags) zu babysitten und zwei Morgende pro Woche früh mit den Kindern aufzustehen und sie fertigzumachen. Ansonsten ging ich erst runter, wenn alle das Haus verlassen hatten. Das war sehr komfortabel. Aus meiner heutigen eigenen Kindererfahrung heraus kann ich sagen, dass der Morgen umso stressfreier abläuft, je weniger Personen herumwuseln. Insofern hatte das schon seinen Sinn. Freitags musste ich die Kleine mittags aus ihrem Kindergarten abholen, was ein längerer Fußmarsch hin und zurück, aber eine willkommene Abwechslung war, und sie nachmittags allein betreuen, bis der Rest der Familie eintrudelte. Freitags hatte ich somit den ganzen Tag zu arbeiten, während ich dienstags und samstags viel Tagfreizeit sowie sonntags komplett frei hatte. Der 6-Jährige wurde immer von der Mutter zur Schule gebracht und nach Hause geholt, der Schulweg betrug 2 Minuten. Nach meiner vormittäglichen Tätigkeit im Haushalt hatte ich von Mittag bis gegen 17 Uhr Freizeit. Dann gab es Abendessen (ohne den Vater) und ich räumte in der Küche auf, während die Mutter die Kinder bettfertig machte. Auch hier wieder die klare Trennung Au Pair = Haushalt und Mutter = Kinder. Klar half ich auch mal beim Baden und spielte mit den Kindern, aber die Aufteilung war erstmal festgelegt. Ab 19:30 Uhr hatte ich frei, die Kinder wurden bis auf wenige Ausnahmen von den Eltern ins Bett gebracht, auch wenn ich babysittete.

Für mich war das optimal, denn ich war anfangs sehr unsicher, mit den Kindern und überhaupt. Erstens ist es sprachlich schwer, selbst wenn man die Sprache gelernt hat. Viele Alltagsbegriffe kennt man einfach nicht und man kann sich gar nicht alles merken, was man fragen oder später nachschlagen müsste. Zweitens versteht man so kleine Kinder sowieso noch schwer, da sie undeutlich oder grammatikalisch fehlerhaft sprechen. Drittens muss man sich in der fremden Umgebung einleben, die Rituale und Bräuche der Familie kennenlernen und verinnerlichen und tritt in einige Fettnäpfchen. Zum Beispiel setzte ich mich anfangs abends immer ins Wohnzimmer, weil ich es von zuhause so gewohnt war, ohne zu bedenken, dass die Gasteltern auch mal ihre Ruhe haben wollten. Das wäre für mich heute ein No Go, wenn jemand abends auf meiner Couch sitzen würde, und ich habe das nach einer Woche sein lassen. Man muss sich Unmengen an Namen, Informationen und Besonderheiten merken und lernen, wie, was und wann die Familie gemacht haben möchte.

Daneben möchte man noch für sich selbst ein soziales Leben aufbauen, sprich möglichst einen Sprachkurs besuchen und dort vielleicht andere Au Pairs kennenlernen, die Stadt durchstreifen und Freizeitmöglichkeiten auftun. Es ist gerade in den ersten Wochen sehr viel Neues, und einige Au Pairs schaffen es nicht über die Anfangszeit hinweg. Oder die Chemie passt nicht oder die Vorstellungen sind zu unterschiedlich. Da gibt es tausend Gründe und es ist auch nicht schlimm, sich einvernehmlich zu trennen. Schlimm finde ich nur, wenn es Ausnutzung auf einer Seite gibt, also z.B. ein Au Pair sich nur ausruhen will und um nichts kümmert oder die Familie das Au Pair ausnutzt, indem es 100% eingesetzt wird, was ganz klar keine Grundlage für das Au Pair-Leben ist, weil es auch die Möglichkeit haben soll, Sprache und Land kennenzulernen. Letzteres hat meine damalige beste Freundin in London erlebt und die Familie von sich aus gewechselt.

Insofern hatte ich Glück, dass ich meine fehlende Kindererfahrung ausgleichen konnte durch gewissenhafte und ordentliche Haushaltsarbeiten. Ich hielt das ganze Haus in Schuss, es gab keine separate Putzfrau. Das war aber völlig okay, denn ich hatte ja viel Zeit. Bis zum Nachmittag war die Familie außer Haus (bis auf die Mutter). Nachmittags war ich dann da und half ihr beim Abendbrot. Jetzt als Mutter kann ich mir gut vorstellen, wie sehr es entstresst, wenn man weiß, es räumt jemand die Küche und Kinderzimmer auf, kehrt und wischt, und ich könnte mich entspannt an die Badewanne der Kinder setzen. Bei ihr hat man kaum Gereiztheit oder Anspannung gemerkt, sie war sehr geduldig und liebevoll mit den Kindern. Ich glaube, es war ihr auch lieber, dass sie die Arbeit mit den Kindern selbst macht, weil sie einen (aus meiner heutigen Sicht) sehr bedürfnisorientierten Weg mit ihren Kindern ging und wenig Interesse daran hatte, dass eine unbedarfte jugendliche Fremde (Au Pair) da ungewollte Ansichten oder Praktiken hineinbrachte. Die Erziehungsarbeit leistete sie fast allein und das auch gern. Sie mochte es auch eher weniger, wenn der Familienvater seine Erziehungsansichten ins Spiel brachte. Insofern machte es Sinn, dass das Au Pair meist nur zusammen mit ihr und den Kindern agierte, selten allein. Denn sie wusste ja nie, was kommt da für ein Mensch, was hat sie für Voraussetzungen, Erfahrungen, Anschauungen. Ich musste die Kinder nicht ins Bett bringen, ich musste sie nicht zu Kindergeburtstagen begleiten, ich musste keine Hausaufgaben machen und sie bis auf 2-mal nicht von Freunden abholen. Das machte alles die Gastmutter, die ja auch die zeitlichen Möglichkeiten dazu hatte. Das sieht in einer Familie mit einer regulär arbeitenden Mutter sicherlich anders aus.

Ich glaube, sie wollte nicht, dass ihre Kinder mit dem Au Pair mehr Zeit verbringen als mit ihr und mehr von fremden Menschen geprägt und erzogen werden als von den eigenen Eltern. Sie hat sich eindeutig immer in der Verantwortung gesehen und mich behutsam einbezogen, mich aber nie mit der Verantwortung allein gelassen. Ganz zum Schluss verbrachte ich mal einen ganzen Tag allein mit den Kindern und machte mit ihnen einen Ausflug. Das war aber erst, nachdem ich schon knapp 10 Monate da war. Auf diesem eigentlich schönen Ausflug ärgerten mich die Kinder auf der Rückfahrt so sehr, dass ich mit dem Wegfall des Abendbrots drohte. Natürlich völliger Blödsinn, aber was hatte ich denn für Erfahrungen und auch für Möglichkeiten an Konsequenzen? Fast keine. Selbstverständlich machte ich ihnen Abendbrot, aber der Junge erzählte das dem Papa, als dieser kam. Das war mir sehr unangenehm, ich wusste mir aber auch nicht anders zu helfen und ich glaube, der Papa war sich auch unsicher, wie er mit der Situation umgehen sollte (also meine Autorität nicht zu untergraben und andererseits loyal zu seinen Kindern zu sein). Meine Gastmutter war da zwei Tage verreist, die sonst in solchen Situationen wunderbar vermittelte.

Sie hat mich auch nie gebeten, mich um die Kleine zu kümmern, während sie Hausaufgaben mit dem Großen machte. War ich nachmittags zuhause, konnte sich schon manchmal meine Freizeit mit der Kinderspielzeit vermischen. Meist war ich aber unterwegs, entweder in der Sprachschule, in der Bibliothek, im Park, bummeln, traf mich mit einer Freundin oder machte einen kleinen Ausflug. Mir war es sehr wichtig, nicht zu sehr fixiert auf die Gastfamilie zu sein. Da die Familie schon Au Pair-Erfahrung hatte, denke ich auch, dass sie gut wussten, was genau sie brauchten und was nicht. Die konkrete Anleitungs- und Aufgabenliste war sehr hilfreich und wichtig und alles andere musste sich einspielen. Ich erledigte meine Arbeiten immer zuverlässig, kam pünktlich zurück, war selten krank und machte keine Probleme. Ich diskutierte nicht, sondern respektierte die Gasteltern und die Familienorganisation.Wenn ich Freizeit hatte, dann nutzte ich diese aber auch meist für mich, anstatt mich noch mehr ins Familienleben einzuklinken. Das handhabt sicherlich jedes Au Pair unterschiedlich, meine Vorgängerin (ein Sommer-Au-Pair) war da anders und verbrachte auch oft die Wochenenden mit der Familie. Sie war aber auch nur 6 Wochen da. Ich wollte das nicht und dachte, dass es auch für die Familie schön ist, unter sich zu sein.

Die ersten Wochen waren schon irgendwie schwierig und merkwürdig. Die Kinder mussten sich an mich gewöhnen, was dem Jungen schwerer fiel als der Kleinen. Ich war ein eher zurückhaltender Mensch und hatte, wie gesagt, kaum Erfahrung. Der Junge akzeptierte mich erst, als ich anfing, mich für seine Lego-Bauwerke zu interessieren. Mit ihm hatte ich ja auch kaum Zeit allein. Mit der Kleinen wuchs ich schneller zusammen, obwohl ihr Charakter mich mehr herausforderte; wir verbrachten ja auch jede Woche den Freitagnachmittag miteinander. Mit dem Haushalt kam ich ganz gut klar, einige Dinge sagte mir die Gastmutter, wenn sie etwas anders haben wollte, ansonsten schien sie damit zufrieden zu sein oder meinte sogar, ich mache zuviel (jeden Abend die Küche wischen). Freitagabends gab es meist eine gemeinsame Familienmahlzeit, oft mit Verwandten oder Freunden. Daran nahm ich auch teil, das war ungewohnt, aber schön. Besonders freute ich mich, wenn der deutsche Schwager mit zu Gast war. Das war ein Stück Heimat. Auf Reisen oder in Urlaube fuhr ich nicht mit, ich hatte dann frei und fuhr meist selbst weg. An den Wochenenden hätte ich sicherlich einige Unternehmungen mitmachen können, aber ich wollte lieber selbst die Stadt entdecken und machte auch oft Bustouren oder besuchte Museen und  Ausstellungen.


Richtig angekommen war ich wohl erst, nachdem ich zu Weihnachten nach Hause geflogen war und im neuen Jahr wiederkam. Ich merkte, wie wohl ich mich fühlte, dass ich nun sicherer war und noch viel erleben wollte. Ich war sprachlich weiter und konnte auf die Kinder besser reagieren. Aber es dauerte eben seine Zeit. Zum Glück fand ich relativ schnell ein paar Kontakte, durch die Sprachschule lernte ich meine dortige beste Freundin und andere Au Pairs kennen, in einem Museum einen jungen Engländer, bei dem ich ein Mal übernachtete, ohne mich bei meiner Au Pair-Familie abgemeldet zu haben (ein No Go aus heutiger Sicht, sie müssen vor Angst gestorben sein, immerhin hatten sie die Verantwortung für mich), und durch einen Wechsel der Sprachschule nochmal ganz andere Leute aus verschiedenen Nationen, die oft regulär arbeiteten oder studierten. So war ich nicht ganz so sehr auf die Familie fixiert.

Ich hatte ein winzig kleines, spartanisches Zimmer von ca. 9qm, mit einer Ausziehcouch, einem Schrank, einem TV und einem ausklappbaren Schreibtisch. Daran musste ich mich wirklich erst gewöhnen, habe es mir aber mit der Zeit gemütlich gemacht. Die Platzverhältnisse des Hauses gaben auch nichts anderes her. Meine Arbeitszeit betrug ca. 30 Stunden pro Woche, fühlte sich aber für mich nicht so viel an. Ich bekam damals ein Taschengeld von 35 Pfund pro Woche, das waren ca. 90 DM, also ca. 360 DM im Monat. Klingt viel, wenn man bedenkt, dass ich voll verpflegt wurde und theoretisch kaum Ausgaben haben sollte. Allerdings waren die Londoner Preise für Fahrscheine, Eintritte usw. schon damals enorm hoch, so dass für mich, die ich am Wochenende immer unterwegs war, nicht nur nichts vom Taschengeld übrig blieb, sondern ich für das ganze Jahr noch einen größeren Betrag von meinem Ersparten zubuttern musste. Die Aussage "Ohne finanzielle Unterstützung der [eigenen] Eltern lässt sich ein Au Pair-Aufenthalt in den meisten Fällen nicht verwirklichen" hielt ich vorher für übertrieben, aber sie bewahrheitete sich. Die Sprachkurse, Lehrmaterialien und Prüfungsgebühren mussten selbst bezahlt werden, den freiwilligen Heimflug über Weihnachten bezahlte ich selbst und natürlich kaufte ich mir auch CDs, Klamotten, Bücher etc. Von der Gastfamilie wurden die Versicherungen, die Vermittlungsgebühr an die Agentur und der Hin- und Rückflug übernommen, Fahrtkosten, Sprachkurse etc. nicht. Zu Weihnachten bekam ich ein kleines Radio geschenkt, da ich oft das Radio aus der Küche stibitzt hatte. Ich kaufte mir auch ab und zu Lebensmittel, auf die ich Appetit hatte und die es in meiner Gastfamilie nicht gab. Ich liebte es, bei Tesco einkaufen zu gehen!

Über einen Urlaubsanspruch wurde nie gesprochen, ich wusste darüber nichts. Über Weihnachten war ich 2 Wochen auf Heimaturlaub, im Frühjahr war die Gastfamilie 3 Wochen verreist und ein paar freie Wochenenden kamen dazu, also hatte ich insgesamt ca. 6 Wochen frei. Ich weiß nicht mehr, ob ich für diese Zeiten das Taschengeld weitergezahlt bekam. Als ich mal eine Woche richtig schlimm krank war und nichts machen konnte, erhielt ich trotzdem mein Taschengeld. Das überraschte mich sehr, obwohl es eigentlich selbstverständlich ist. Aber ich hatte ein schlechtes Gewissen. In den 3 Wochen Abwesenheit im Frühjahr durfte ich Besuch in unser Haus einladen. Erst kam eine Freundin und danach meine Familie, jeweils für 10 Tage. Das war schon sehr großzügig. Ebenso durfte ich zweimal nach meiner Rückkehr (1995 und 1998) jeweils im Sommer mit meinem damaligen Freund Urlaub im Haus machen. Auch dies fand ich sehr nett und nicht selbstverständlich.

Ab und zu schickten sie noch Fotos und im Jahr 2010 traf ich mich mit den Gasteltern, als sie Berlin besuchten. Das war merkwürdig-schön. Bei diesem Treffen merkte ich auch wieder, welches Glück ich mit ihnen gehabt hatte. Und ich glaube, insgesamt waren sie auch mit mir zufrieden, obwohl ich nicht die große Kinderbespaßungsmaschine gewesen war (und auch als Mama jetzt nicht bin). Wenn sie allerdings naiver, unerfahrener oder unstrukturierter an das Thema Au Pair herangegangen wären, so hätte das vielleicht anders ausgesehen und sie hätten von mir mehr Entlastung in Bezug auf die Kinder erwartet. Arbeit mit den Kindern habe ich ihnen kaum abgenommen, sondern eher das Drumherum, also Haushalt, Babysitten, morgens zweimal ausschlafen können etc. Und stand eben immer für den Notfall zur Verfügung. Genauso war es halt von der Familie auch geplant und gewünscht gewesen.

Die Situation war komfortabel für alle, weil die Gastmutter nicht angestellt arbeitete. Kranke Kinder betreute sie selbst, die Familienorganisation machte sie fast allein und hielt ihrem Mann den Rücken frei, ohne aber die zweite Geige zu spielen. Sie bildete sich weiter, baute ihre selbstständige Tätigkeit aus, war kulturell sehr aktiv und managte das Sozialleben ihrer Kinder. Wenn es Terminverschiebungen gab, war ich jederzeit bereit, an einem anderen Abend zu babysitten oder auch mehrmals pro Woche. Dafür hatte ich ein andermal frei und gleichzeitig wurden mir auch meine Termine ermöglicht (z. B. Prüfungstermine). Das ging problemlos und wurde nie aufgerechnet. Sie wussten, dass ich bereitwillig zur Verfügung stehe, nicht über die Stränge schlage, sorgfältig und verantwortungsbewusst bin. Sie wussten aber auch, dass ich erst 19 und ein Mädchen, das zum ersten Mal von zuhause weg ist, bin. Es gab damals ja weder Smartphones noch Skype noch Emails. Es gab Briefe und sehr teure Festnetz-Telefonate. Man war wirklich allein, und manchmal war man natürlich auch einsam und traurig. Man hatte nicht immer gute Laune oder Lust auf die Arbeit oder die Kinder. Das geht uns Müttern ja nicht anders. Ein Au Pair hat allerdings eine etwas schwammige Position zwischen Familienmitglied und Angestellter, das macht es manchmal schwierig, für beide Seiten. Man muss sich als Gasteltern ab und zu auch um das seelische Wohl des Au Pairs kümmern, denn es hat ja sonst niemanden. Das muss ein normaler Arbeitgeber im Regelfall nicht. Dessen sollte man sich bewusst sein, wenn man ein Au Pair (vor allem ein junges) aufnimmt.

Wenn man als Familie kein Problem damit hat, einen fremden Menschen zu beherbergen und sich auf diesen individuell einzustellen, sei es ein Familienmensch oder eher ein unabhängiger Geist, ein lauter oder leiser, ein selbstbewusster oder zurückhaltender Mensch; wenn man die nötigen Platzverhältnisse hat und sich bewusst ist, dass die Verantwortung für die Kinder immer bei den Eltern verbleiben sollte; wenn man genaue Arbeitsaufgaben und -bedingungen fixiert und akzeptiert, dass ein Au Pair nicht nur zum Babysitten und Putzen kommt, sondern Land und Leute kennenlernen, die Sprache lernen und selbst Kontakte knüpfen möchte, dann ist das Konzept des Au Pairs eine super Sache. Weder die Familie noch das Au Pair wissen, was sie bekommen; die Familie befindet sich aber wenigstens in ihrer vertrauten häuslichen Struktur, während für das Au Pair ALLES neu und ungewohnt ist. Es erfordert deshalb ein großes Maß an Toleranz und das Relativieren von eigenen Vorstellungen und Erwartungen (auf beiden Seiten), um ein gutes Zusammenleben zu erreichen. Wir haben uns nach einer Eingewöhnungszeit, glaube ich, gut aufeinander eingestellt, so dass die 10 Monate eine schöne, einvernehmliche und konfliktfreie Zeit waren, die ich wirklich nicht missen möchte und an die ich mich noch heute, 2 Jahrzehnte später, überwiegend positiv erinnere.

Im zweiten Teil möchte ich dann mehr von meinen Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen aus diesen 10 Monaten berichten. Aber dazu muss ich erst noch die zweite Hälfte meiner vielen Briefe und Tagebucheinträge sichten;-). Eine Reise in die Vergangenheit.

Hier noch einige Beiträge aus der Arbeitgeber-Perspektive, nämlich von anderen Mama-Bloggerinnen, die Au Pairs beschäftig(t)en:

Mama Mia: Was kostet ein Au Pair?
Heikeland: Au Pair, die Zweite
Heikeland: Au Pair - einfach mal laut gedacht
Heikeland: Au Pair - hin oder her
Me Working Mom: Kategorie Au Pair
BerlOndon-Mama

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