Sonntag, 1. Mai 2016

Erinnerungsfetzen IV - Familienachterbahn

Hier kommt wiedermal ein aufwühlendes Erinnerungsschnipsel, diesmal nicht aus der Babyzeit meiner Kinder, sondern noch gar nicht allzu lange zurückliegend, das sowohl die emotionale Verbindung zwischen dem Großen und mir beinhaltet als auch die Zerrissenheit zwischen den Bedürfnissen meiner beiden Kinder. Da wir gerade am gleichen Ort Urlaub machen wie damals, ist die Erinnerung daran jetzt sehr präsent. Ich habe sie seinerzeit im Urlaubsbericht nicht festgehalten, wie ich jetzt bemerkte, wahrscheinlich, weil ich selbst noch zu aufgewühlt war. Deshalb hole ich das nun nach.

Wir reisen sehr gern in einen vertrauten Ferienpark und steuern uns bekannte Ziele an. In unserem Urlaub im September 2015 besuchten wir von dort aus wiedermal den riesigen, nahegelegenen Freizeitpark. Diesmal waren die Großeltern dabei. Ich wusste aus dem vorherigen Besuch, dass eine sogenannte Familienachterbahn neu eröffnet hatte, die für Kinder ab 4 Jahren freigegeben war. Ich stellte mir das altersangemessen als etwas größere Eisenbahn vor, die leicht auf und ab fuhr. Nichts Verrücktes also. Der Große war auch schon ganz aufgeregt, war er doch im März 2015 4 Jahre alt geworden und konnte sie also schon nutzen. Nach einigen Kleinkindattraktionen kamen wir bei der Familienachterbahn an. Ich wollte erstmal an der Seite schauen, ob sie etwas für den Großen ist. 4-Jähriger ist nicht gleich 4-Jähriger und ich bin immer sehr darauf bedacht, ihn zwar Herausforderungen auszusetzen, aber nicht zu überfordern. Die Strecke sah schon ziemlich heftig aus. Es kam aber nicht gleich eine Achterbahn und der Große und der Papa wurden ungeduldig. Als dann noch eine Gruppe nahte, eilten sie mit dem Opa zum Eingang, ohne eine Achterbahnfahrt beobachtet zu haben. Dagegen konnte ich es gleich darauf erleben und wusste sofort, dass das nichts für den Großen ist. Ich rannte in Panik zum Eingang, aber zu spät, die Männer waren schon fast am Einstieg. Ich konnte sie nicht mehr zurückhalten.

Ich stand also mit der Kleinen und der Oma seitlich neben der Strecke und beobachtete, wie die nächste Achterbahn Fahrt aufnahm. Es gab nur Zweiersitze, d.h. der Große saß nicht einmal in der Mitte zwischen Opa und Papa, sondern wie jeder am Außenrand. Ich hatte gehofft, dass der Papa wenigstens den Arm um ihn legen würde, zum Schutz und zur Stabilisierung, aber das ging wohl gar nicht, wie ich danach erfuhr. Er war mit Abstand der Jüngste in den Waggons. Die Achterbahn wurde sofort schneller und schoss um die Kurven sowie von den Höhen hinunter. Es war schwindelerregend und definitiv noch nicht geeignet für ein 4-jähriges Kind. Ich sah sein Gesicht, sah, wie sein Kopf hin und her geschleudert wurde, fühlte seine Angst und Verwirrung und gleichzeitig den Willen, stark zu sein. Ich konnte ihm nicht helfen. Es war eine furchtbar hilflose, emotional abgründige Situation, ich geriet in Panik, fing an zu weinen und zu schreien. Es war für mich definitiv die falsche Entscheidung, den Großen da mitfahren zu lassen, ohne dass er vorher gesehen hatte, was ihn erwartet, und ich hielt den Papa in dem Moment für sehr verantwortungslos und uneinfühlsam. Er wusste ja selbst nicht, wie schnell und rasant die Achterbahn sein würde. Gerade deshalb hätte man wenigstens einmal zuschauen müssen. Für den Großen wie auch für mich ist das sehr wichtig. Wir stürzen uns nicht in Abenteuer, wir beobachten vorher und entscheiden dann. Genau das war nicht möglich gewesen.


Glücklicherweise war die Fahrt schnell vorbei. Ich rannte zum Ausgang, ließ die Kleine im Buggy einfach stehen (die Oma kümmerte sich um sie) und als der Papa mit einem komplett verwirrten Großen auf dem Arm herauskam, streckte er die Arme nach mir aus und ich übernahm ihn wortlos. Er war weiß im Gesicht und sein ganzer Körper total schlaff. Ich trug ihn lange herum, hielt ihn ganz fest, redete ihm beruhigend zu. Mir gelang in diesem Moment der schwierige Spagat, selbst innerlich total aufgelöst zu sein und trotzdem dem Großen Ruhe und Sicherheit zu vermitteln. In dem Moment, wo ich ihm Halt geben konnte und musste, weil kein anderer dazu fähig gewesen wäre, fiel die Panik von mir ab und ich war ganz stark. Die Oma sagte hinterher zu mir, dass sie es toll fand, wieviel Ruhe und Besonnenheit ich ausstrahlte. Er wurde schnell ruhiger und fühlte sich bald wohler. Leider schrie sich die Kleine ab dem Zeitpunkt, als ich den Großen auf den Arm nahm, wirklich die ganze Zeit in ihrem Buggy die Seele aus dem Leib. Weder der Papa noch die Großeltern konnten bei ihr etwas ausrichten, niemand durfte sie schieben oder herausnehmen. Sie tat mir unheimlich leid, aber ich musste das in dem Moment ausblenden. Ich musste für meinen Großen da sein, exklusiv. Deutlich spürt man in solchen Momenten die Zerrissenheit zwischen den Bedürfnissen der Kinder und das Unvermögen bzw. die Unmöglichkeit, für beide gleichzeitig da zu sein. Der Große brauchte mich in dem Moment und der Kleinen gefiel das nicht.

Es dauerte vielleicht eine Viertelstunde, in der ich den Großen herumtrug und die Kleine (damals 2 1/2) schrie und weinte. Als ich ihn für stabil genug hielt, übergab ich ihn wieder dem Papa und Opa. Sie kümmerten sich weiter gut um ihn und sorgten für etwas Ruhe. Ich tröstete die Kleine, die sehr aufgebracht war. Sie beruhigte sich relativ schnell, als sie bei mir war, aber ich musste sie danach noch eine Weile herumtragen, bis sie wieder richtig ausgeglichen war. Ihr könnt euch sicher vorstellen, dass mich die ganze Situation ziemlich ausgelaugt hatte. Ich brauchte erstmal eine Weile, um mich wieder zu sammeln und all die für den Großen mitgefühlten Emotionen wieder abzuschütteln. Er hatte im weiteren Verlauf des Tages noch wunderbare Erlebnisse im Freizeitpark und war wieder gefestigt. Es war wirklich noch ein sehr schöner Tag und man hatte nicht das Gefühl, dass ihm etwas nachhing. Bis heute Morgen.

Beim Frühstück sagten wir den Kindern, dass wir heute wieder in den besagten Freizeitpark fahren wollten. Der Große zeterte wie üblich beim Anziehen und als er in Schluchzen ausbrach, kuschelten wir auf dem Sofa zusammen. Irgendwie kamen wir auf das Achterbahnerlebnis zu sprechen und er sagte von sich aus, dass er das nicht wieder machen wolle, weil ihm das zu wild war und der Wind im Gesicht wehgetan hatte. Und der Kopf so hin und hergeworfen wurde, dass ihm ganz schwindlig wurde. Er habe sich damals nicht getraut, es Papa zu sagen und hatte ja auch nicht gewusst, was auf ihn zukommt, erinnerte sich aber noch sehr gut, dass ich ihn danach lange getröstet hatte. Wir hatten in der ganzen Zwischenzeit nie wieder davon gesprochen. Ich sagte ihm, dass mein "Trick" bei unbekannten Sachen ist, ein paarmal vorher zu beobachten und dann zu entscheiden, ob es was für mich ist oder nicht. Ich weiß aber auch, dass es schwer für ihn ist, sein Gefühl durchzusetzen, wenn ihm eine andere Erwartungshaltung entgegenkommt. Das ist ein lebenslanger Lernprozess, auch für mich. Und in dem Fall hatte er ja nicht mal die Chance, zu beobachten, was ihn erwartet.

Als wir dann heute im Freizeitpark waren und zur "Familienachterbahn" kamen, schauten wir an der Seite zwei Fahrten zu. Der Große rekapitulierte nochmal kurz seine Erinnerungen und sagte deutlich, dass er aktuell nicht damit fahren wolle. Vielleicht, "wenn ich viel größer bin". Es gibt dort andere, altersangepasstere Attraktionen und wir hatten viel Spaß. Aber ich war wirklich erstaunt, wie präsent ihm selbst das Erlebnis noch war, obwohl er es nie angesprochen hatte. Für mich ist es ein weiterer Erinnerungsfetzen, den ich nie vergessen werde.

Und hier die bisherigen Erinnerungsfetzen:
Erinnerungsfetzen I
Erinnerungsfetzen II
Erinnerungsfetzen III

Kommentare:

  1. Liebe Frühlingskindermama,
    ich finde, du hast in diesem Moment unheimlich toll reagiert. Wahrscheinlich hätte ich es nicht geschafft so ruhig zu bleiben, wie du nach der Achterbahnfahrt.
    So eine Fahrt für 4-jährige zu erlauben, finde ich echt heftig. Es scheint ja so, als ob ein 4-jähriger körperlich noch gar nicht dazu in der Lage ist, das auszuhalten...

    Liebe Grüße
    Daniela

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    1. Danke Dir! Ich schaffe es auch oft genug nicht,so ruhig zu bleiben, und war selbst überrascht, wie schnell ich umschalten konnte. Ich finde es auch zu früh, zumal mein Sohn ja auch sehr groß für sein Alter ist. Aber es gibt mit Sicherheit 4-jährige, denen das nichts ausmacht. Der Standard sollte das aber nicht sein. Warum wird alles immer früher erwartet? Ich mag das nicht...
      Liebe Grüße!

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  2. Liebe Frühlinskindermama,
    ich habe durch deine Erzählung die Angst deines kleinen Jungen richtig nachempfinden können. Ich bewundere dich mit wieviel Souveränität und Stärke du das Geschehene gemeistert hast. Du warst der sichere Hafen für dein Kind und hast ihm Geborgenheit und Sicherheit geschenkt. Ich hätte wahrscheinlich -ähnlich wie meine Vorrednerin- vor lauter Angst und Sorge die Nervern verloren. Ein wichtiger Erinnerungsfetzten, der mir sicherlich als Anhaltspunkt im Umgang mit schwierigen Situationen meiner Kleinen dienen wird. Vielen Dank dafür. Alles Liebe Anna

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    1. Danke, Du Liebe. Ich hatte ja vorher in Gegenwart der Kleinen und der Oma tatsächlich die Nerven verloren, als er drin saß. Aber als ich ihn dann auffangen konnte, ging es. Man hat deutlich gemerkt, wie sehr er mich in dem Moment gebraucht hat. Da er ja ein Kind ist, das sich nur schwer beruhigen lässt, war das für mich ein wunderschönes Erlebnis, ihm so schnell seine Sicherheit wiedergeben zu können.
      Liebe Grüße!

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  3. Mensch, da ist man ja außer Atem beim Lesen. Das hätte ich auch ganz schwierig und vor allem schlimm gefunden.
    Zuerst beobachten ist eigentlich immer ganz gut. Ich selbst kenne es auch, dass ich schon Kribbeln im Bauch habe, wenn ich mir solche wilden Sachen ansehe und mir nur vorstelle mitzufahren. Ihr habt es ja aber gut aufgefangen!
    Mein Papa war mit uns Kindern auch immer etwas eilig mit Abenteuern. Deshalb kann ich es aus Kindersicht sogar nachfühlen.
    Ich hatte ein Erlebnis mit 4 Jahren, dass mein Verhältnis zu Wasser bis heute prägt. Mein Vater wollte mit mir eine Kanufahrt auf einem Flüsschen machen. Ich wollte eigentlich nicht so gerne. Aber er sagte: "Stell dich nicht so an! Das wird toll!" Ich saß skeptisch in dem Kanu, mein Vater paddelte und dann stieß das Kanu an einen Stein, geriet ins Schlingern, mein Vater sprang mit einem Bein aus dem Kanu, rutschte aus, das Kanu kippte. Mit mir! Mein Vater lacht bis heute zu, weil: als er das Kanu wieder umdrehte saß ich genauso im Kanu, wie er mich hinein gesetzt hatte. Ich hatte mich die ganze Zeit krampfhaft am Kanu festgehalten.
    Die kleine Ausfahrt war danach vorbei, denn ich war ja komplett durchnässt. Ich hatte unfreiwillig eine Rolle mit dem Kanu gemacht. Ich fand das überhaupt nicht lustig und träumte wirklich Jahrelang ich würde an dem Flüsschen entlang spazieren und würde wie von einem Magnet ins Wasser gezogen. Und dunkles Wasser bereitet mir bis heute zu großes Unbehagen.

    Lg Beatrice

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    1. Oje, Deine Erfahrung liest sich ja auch heftig! Da sieht man auch, was man kaputtmachen kann, wenn man Kinder zu solchen Abenteuern "zwingt". Generell finde ich es schwierig, eine gute Balance zu finden zwischen Beschützen und ein bisschen Anschubsen. Gerade mein Großer braucht auch viel Ermutigung. Aber solche Erlebnisse sind einfach zu viel. Und vorher Beobachten ist immer wichtig, vor allem für solche Charaktere.
      Danke Dir und liebe Grüße!

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  4. Ich mag deine ganze Serie der Erinnerungsfetzen, lese sie total gern! Ich konnte deine Panik bei diesem Erlebnis hier sehr gut nachvollziehen. Mir wäre es ähnlich gegangen. Zu deiner Kleinen: Ich glaube, es war in dem Moment ein Eifersuchts-Weinen, das natürlich für sie auch unangenehm war, aber du hast die Bedürfnisse richtig abgewägt. Echte Angst und Erschütterung versus Eifersucht und Wut - da muss das eifersüchtige Kind ein wenig abwarten.
    LG, snowqueen

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    1. Ich danke Dir ganz besonders für Deinen Kommentar, freue mich, dass Dir die Erinnerungsfetzen gefallen. Mir hilft das Aufschreiben sehr bei der Verarbeitung. Ich denke, es werden bald auch Fetzen kommen, bei denen ich "versagt" habe und die mir bis heute nachhängen.
      Ganz liebe Grüße!

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