Donnerstag, 17. März 2016

Rollen und Verwandlungen

So, wie wir Erwachsene im Kontakt mit anderen Menschen verschiedene Rollen einnehmen, so erlebe ich das bei meinen Kindern, vor allem meinem Sohn, auch schon. Es gibt die Freunde, mit denen herumgeblödelt wird. Es gibt einige, mit denen über die körperliche Ebene kommuniziert wird. Es gibt die Freundin, mit der nicht gespielt, sondern herumgestanden und erzählt wird. Wir sagen immer, sie führen wieder ihre strategischen Gespräche. Es gibt den Freund, mit dem er sich wie blind versteht und sich nach der Phase des Platzhirsch-Gehabes super zusammengerauft hat. Mit dem er erzählen und spielen kann, von dessen Spielfreude und Aktivität er Anregungen erhält und mit dem es kaum noch Konflikte gibt. Es gibt den geliebten Opa, mit dem er sich ganz langsam und ernsthaft unterhält und dem er völlig unkritisch begegnet. Es gibt weiterhin die Bezugserzieherin, deren Vorzeigekind er ist. Es gibt den Papa, an dem er sich oft reibt, es aber gleichzeitig genießt, wenn dieser sich intensiv beim Lego-Bauen oder anderen Spielen auf ihn einlässt. Und es gibt die Mama, die er immer noch als letzte Tröst- und Regulationsinstanz braucht und von der er eine sicherlich manchmal verstörende Mischung aus tiefem Verständnis und gleichzeitiger Ungeduld spürt.

Quelle: Pixabay

Verhaltet ihr euch bei allen Menschen gleich? Ich nicht. Es gibt Menschen, mit denen man herumalbern und Späße machen kann. Es gibt die, die Ironie und Sarkasmus verstehen und benutzen, ohne zu verletzen. Es gibt Leute, mit denen das Gespräch immer wieder stockt und nicht ins Fließen kommt, egal was man macht. Es gibt Menschen, mit denen könnte man jeden Tag über die gleichen Probleme erzählen, ohne dass es langweilig wird. Es gibt Menschen, bei denen man innerlich mit den Augen rollt, wenn sie den Mund aufmachen. Bei manchen gibt es nur Missverständnisse, egal was man sagt. Manch eine Beziehung ist von Erfahrungen aus der Vergangenheit geprägt, was man immer noch spürt. Bei einigen wenigen fließt es einfach. Da sind Menschen, die einem selbst ähnlich sind, aber trotzdem fremd, weil sie so anders mit ihren Anlagen umgehen als man selbst. Und Menschen, die anders ticken, mit denen man sich aber trotzdem ausführlich und respektvoll austauschen kann. Bei einigen nimmt man die Rolle eines Grüblers ein, bei anderen ist man fröhlich und lustig, bei wieder anderen kann man reden wie ein Buch. Das sind die verschiedenen Rollen, die wir ausfüllen.

Ich finde es spannend, dass man dies auch schon bei Kindern bemerkt. Mein Großer nimmt eindeutig verschiedene Rollen ein, je nachdem, mit wem er zu tun hat, und es ist spannend, ihn dabei zu beobachten. Manchmal kommen ganz neue Aspekte und Wesenzüge hervor, die das Bild von ihm ergänzen oder komplettieren. Ab und zu bin ich überrascht, wie locker-flockig er sich geben kann. Auf den rauen körperbetonten Umgangston einiger Kitafreunde kann er durchaus streckenweise eingehen, auch wenn ihm das eigentlich nicht liegt, wie man deutlich merkt. Auch das unter Kindern weit verbreitete gegenseitige Übertrumpfen kann er teilweise mitmachen, obwohl es nicht seinem Naturell entspricht. Bände gestaunt habe ich, als er sich bei einer Rittershow auf die Bühne getraut und bei Spielen mitgemacht hat. Und als er bei der Eingewöhnung in seiner ersten Kita wie erstarrt am Fleck gestanden und sich keinen Millimeter bewegt hat, das Kind, das zuhause zu diesem Zeitpunkt nicht eine Sekunde still saß oder stand, da kannte ich mein eigenes Kind nicht mehr. Sind wir allein im Garten, wird um das Planschbecken ein großer Bogen gemacht. Ist sein Freund dabei, sieht das schon ganz anders aus. Verschiedene Kinder, Erwachsene und Situationen rufen unterschiedliche Eigenschaften und Verhaltenweisen in ihm hervor. Und man selbst ist ja auch überrascht davon, was in einem schlummert, weil man sich in einer bestimmten Art und Weise wahrnimmt. Aber manche Menschen schaffen es, noch mehr oder andere Seiten hervorzukitzeln.

Bei der Kleinen ist es ähnlich. Sie kann ein Clown sein und setzt viel lustige Mimik ein. Sie kann schäkern und ihren Charme spielen lassen. Manchmal ist sie eine Dramaqueen und man sieht, wie sie die Tränen bewusst rausdrückt (ich tröste sie natürlich dann trotzdem). Im Indoorspielplatz zusammen mit ihrem Bruder ist sie die Forschere, Abenteuerlustigere, Mutigere unserer beiden Kinder. Sobald der Große aber nicht dabei ist, traut sie sich nicht allein hinein. Sie kann schüchtern und zurückhaltend sein, aber auch durchsetzungsstark und vehement. Gegenüber ihrer besten Freundin wirkt sie wie ein Energiebündel (was sie auch ist). Bei wieder anderen Kindern steht sie scheu da und staunt, was diese für Ideen entwickeln. Sie ist grundsätzlich kontaktfreudiger und offener als der Große, aber bei Oma und Opa fällt es ihr schwerer als ihm, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen. Zuhause ist sie ein lustiges, fröhliches, sehr bewusstes Mädchen, was positive Energie verbreitet und alle für sich einnimmt. In ihrer Kitagruppe gehört sie immer noch zu den zurückhaltenderen Kindern. Sicherlich sehr spannend auch für sie selber, sich in diesen verschiedenen Rollen zu erleben. So lernen die Kinder sich selbst, wir die Kinder, die Kinder uns und wir uns selbst in ganz verschiedenen Qualitäten und Ausprägungen kennen, durch das Zusammenspiel mit anderen Menschen.

Wie ist das bei euch und euren Kindern, kennt ihr das auch? Seid ihr auch erstaunt, wenn ihr neue Seiten an euren Kindern entdeckt, die erst durch den Kontakt zu anderen Kindern/Menschen zum Vorschein kommen?

Kommentare:

  1. Das hast du wirklich treffend beobachtet =)Finde es immer toll, wenn Eltern so ein feines und besonders ausgeprägtes Gespür für ihre Kinder haben. Von mir kenne ich das mit den verschiedenen Rollen natürlich auch =) Für mich spielt es auch immer eine Rolle, wie wohl ich mich in der Gegenwart einer bestimmten Person fühle. Tue ich das, bin ich offen und kehre mein Innerstes quasi schnell nach außen. Ist das (noch)nicht der Fall, wird man etwas vorsichtiger und tastet sich vllt. langsamer heran, zum Selbstschutz vermutlich. Mein Sohn ist ja noch ziemlich klein und im Prinzip überall ein fröhlicher Wirbelwind. Nur kann man jetzt schon genau beobachten, dass er in der Gegenwart bestimmter Personen (egal ob nun bekannt oder völlig fremd) null Zeit zum Auftauen braucht, bei anderen geht es immer noch schnell und bei wieder anderen dauert es auch mal seine 10 Minuten (oder länger).

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    1. Danke Dir! Ich kenne das von mir auch sehr gut. Manchmal bin ich sogar lockerer und befreiter, wenn ich jemanden nicht so gut kenne, weil ich dann eben noch nicht in einer Rolle gefangen bin. Dein Kleiner wird ja noch zuhause betreut. Als meine Kinder in die Kita kamen, habe ich sie zum ersten Mal richtig anders als zuhause erlebt und seitdem lernt man immer noch neue Seiten dazu. Bin gespannt, wie Mojo sich entwickelt!
      Liebe Grüße!

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  2. Total interessanter Ansatz. Ich erlebe meine Große eher situationsbedingt unterschiedlich und habe das eher auf die Tagesform bezogen. Ob dies mit den Kindern und Erwachsenen zu tun hat, mit denen sie zusammen ist, hab ich noch gar nicht so in Betracht gezogen. Ich werde mal darauf achten. Besonders spannend wird es bestimmt dann, wenn sie in den Kindergarten kommt und ihre ersten Freundschaften schließt. Danke schön, dass Du mich auf den Gedanken gebracht hast.
    Liebe Grüße
    Reni

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    1. Lieben Dank! Die Tagesform spielt natürlich auch eine Rolle. Aber ich denke schon, dass unterschiedliche Menschen verschiedene Rollen in uns aktivieren. Bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger. Mal sehen, wie es bei euch im Kindergarten dann wird. Da lernt man seine Kinder manchmal ganz neu kennen :-)
      Liebe Grüße!

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