Mittwoch, 25. November 2015

Was ich als Mama vermisse - anfangs und heute

Die Linkparty des Blogs Verflixter Alltag hat im November das Thema Was ich manchmal vermisse (seit ich Kinder habe). Zwar habe ich zu diesem Thema noch einen unvollendeten Beitrag in meinen Entwürfen (kommt zu einem späteren Zeitpunkt), aber da es in diesem vor allem ums Verreisen und Welt entdecken, zwei meiner elementarsten Sehnsüchte, geht, fasse ich mich hier mal allgemeiner.

Ich glaube, es gibt kaum eine Mutter/einen Vater, der nicht hin und wieder ihr/sein altes Leben vor den Kindern vermisst. Ich denke aber und habe die Erfahrung gemacht, dass die Aspekte, die jeder vermisst, unglaublich unterschiedlich und teilweise für andere nicht nachvollziehbar sind. Manche vermissen Zeit für sich, manche vermissen eine gewisse Grundordnung, manche das abendliche Ausgehen, manches verändert sich im Laufe der Zeit, bei manchem hätte man nicht vermutet, dass man es vermissen würde etc. Ich finde, man kann ganz ehrlich darüber sprechen, ohne deshalb als egoistische oder schlechte Mutter/Vater angesehen zu werden.



Was ich aktuell besonders vermisse:
1. Ruhe, Rückzug, Auszeiten, Entspannung, Runterkommen, Tagträumereien, Leerlauf
2. Planbarkeit, Vorhersehbarkeit und dass etwas mal genauso durchgeführt wird, wie gedacht
3. ruhige, ausgiebige, genussvolle Mahlzeiten, sowohl zuhause als auch in Restaurants
4. Verreisen nach meinen Vorstellungen und Wünschen
5. Aktive Wochenendgestaltung und Aktivitäten ohne Rücksicht auf diverse Essens-, Schlafens- und sonstige Unzeiten und Launen oder auch mal ein ganzes Wochenende nur für mich
6. Große Gefühle, Begeisterungsfähigkeit, Glücksempfindungen
7. Bei Krankheit/Unwohlsein mich einfach auskurieren zu können
8. Mehr Zeit und Muße zum Bloggen (nicht auf Kosten des Nachtschlafs)
9. Ein zuverlässiges Netzwerk für die gegenseitige Kinderbetreuung
10. Verständnis von außen für zeitweise Überlastung, Überreizung und Ruhebedürfnis

Was ich als Baby-Mama vermisste:
1. Freiheit, Unabhängigkeit, Selbstbestimmtheit, Abstand zum Baby
2. In Ruhe duschen und auf Toilette gehen
3. Nachts schlafen
4. Ohne Baby auf dem Arm oder an der Brust zu essen
5. Sozialkontakte
6. In Ruhe einkaufen gehen, länger als 2 Stunden wegsein zu können
7. Meine Arbeit
8. Anregungen für den Kopf, sei es durch Bücher, Museen, Veranstaltungen, Gespräche etc.
9. Dass es mal um MICH geht statt um das Baby und jemand fragt, wie es MIR geht
10. Verständnis dafür, dass ich nicht automatisch durch die Geburt des Wunschkindes ein überglücklicher Mensch wurde

Man sieht schon deutlich einige Unterschiede zwischen der Babyzeit und jetzt. Einiges zieht sich bis heute durch, wie zum Beispiel das Essensthema, anderes wie das Schlafthema ist einfach durch das Älterwerden der Kinder besser geworden oder durch einen geregelten Wochenablauf mit Arbeit und Kita. Während es anfangs vor allem um das Vermissen der Erfüllung menschlicher Grundbedürfnisse ging und ich generell, grundsätzlich und sehr heftig meine Freiheit, Selbstbestimmtheit und Unabhängigkeit von diesem kleinen Wesen vermisste, geht es mittlerweile vor allem darum, wie ich es schaffe, die elementaren Dinge, die ich für mich benötige, mit den Bedürfnissen der übrigen Familienmitglieder in Einklang zu bringen. Also beispielsweise, dass ich am Wochenende unbedingt mal allein in der Wohnung entspannen will, gleichzeitig aber die Kinder auch gern drin spielen wollen, weil sie dazu unter der Woche wenig Gelegenheit haben.

Ich finde es immer wieder interessant, von anderen zu hören und zu lesen, was sie vermissen oder eben nicht, seit sie Eltern sind. Tanja von Tafjora vermisst beispielsweise gar nicht so viele Dinge, aber vor allem manchmal die Babyzeiten ihrer Kinder. Das Gefühl hatte ich selbst noch nie, ich war immer heilfroh, als die Babyzeiten vorbei waren und verspüre nie Neid oder Wehmut, wenn ich Babys sehe. Manche vermissen besonders das abendliche Ausgehen, was bei mir auch nicht der Fall ist, weil ich nie ein Ausgeh-Mensch war und mich auch schon vor den Kindern regelrecht überwinden musste, wenn ich abends eine Verabredung hatte. Eine Freundin von mir vermisst gar nichts, seit sie Mutter ist, weil sie, so sagt sie selbst, auch mit Kind alles machen kann, was sie möchte und was ihr wichtig ist, während ich mit den Kindern eigentlich so gut wie nichts von dem machen kann, was und vor allem wie ich gern möchte. Sie hatte aber auch schon vorher nie das Bedürfnis, beispielsweise durch die Welt zu reisen, deshalb empfindet sie da mit Kind keinen Verlust, im Gegensatz zu mir. Es liegt also viel auch an den individuellen Voraussetzungen, Erwartungen und Ansprüchen ans Leben, wie stark man Dinge vermisst. Deshalb kann man niemandem Vorhaltungen machen, der eben stärkere Vermissensgefühle hat als ein anderer.

Es geht aber vielleicht auch darum, wie gut man sich von früheren Vorstellungen und Wünschen lösen kann, also ob man innerlich flexibel ist und sich auf neue und veränderte Situationen einstellen kann. Sei es durch das Aufgeben oder Zurückstellen der Bedürfnisse aus dem Leben vor den Kindern, sei es durch eine andere Prioritätensetzung. In dieser Hinsicht scheint meine Seele sehr starr und statisch zu sein. Tatsächlich hänge ich den Dingen, die ich nicht mehr (oder im Moment nicht, je nach Perspektive) machen kann, bis heute extrem nach, hadere, bin mal mehr, mal weniger unglücklich darüber und denke immer wieder daran. Ich erinnere mich sehr oft und intensiv an frühere Erlebnisse und gleichzeitig trauere ich dann um die vergangenen Zeiten. Zwar lange nicht mehr so schlimm wie anfangs, aber eben immer noch und immer wieder. Die Psyche weigert sich sozusagen stärker, als es bei anderen Menschen der Fall ist, sich an die veränderten Bedingungen anzupassen und schon allein aus Selbstschutz das Fehlende zu verdrängen. Im Verdrängen war ich außerdem noch nie gut, das kommt dazu.

Außerdem kann ich mich schlecht bis gar nicht von Erwartungshaltungen lösen, weder auf Menschen noch auf Bedürfnisse bezogen. Ich kralle mich oft trotz negativer Erlebnisse und Enttäuschungen an meinen Wünschen, Vorstellungen, Erwartungen fest und kann einfach nicht umschwenken. Das machte den Übergang zur Mutterschaft nicht gerade leichter. Ich glaube, das ist einfach eine Charaktersache, das kann man nicht "abgewöhnen". Die Empfindungen sind auch einfach zu stark dafür. Beispielsweise leide ich ja unheimlich darunter, dass ich keine richtigen Glücksgefühle und Begeisterungsstürme mehr spüren kann, seit ich Mama bin. Ich vermisse meine frühere Euphorie sehr. Ich hatte das in diesem Text schon einmal beschrieben und es hat sich nicht geändert. Das macht mich traurig, aber ich denke, es wäre schlimm, wenn ich das nicht als Verlust empfinden würde. Dann wäre ich abgestumpft. Und vielleicht spricht auch genau das wieder für die Ernsthaftigkeit meiner Seele, dass ich an Dingen, die mich ausgemacht haben und die mir wichtig waren, eben hartnäckig hänge.

Das Schwierigste ist die Ambivalenz zwischen dem mal mehr, mal weniger starken Vermissen des früheren Lebens und gleichzeitig der Liebe für die Kinder, die ja die Auslöser oder Gründe dafür sind. Natürlich möchte ich die Kinder haben und denke, dass ich jeden Tag mein Bestes für sie gebe, und gleichzeitig vermisse ich mein altes Leben. Das über Jahre auszuhalten, erzeugt eine große innere Anspannung und gleichzeitig ein schlechtes Gewissen und ist oft nicht leicht zu ertragen. Da die Ambivalenz bisher nicht weggegangen ist, sondern fast täglich an die Oberfläche tritt, denke ich, wird sie mich wohl auch weiterhin begleiten. Damit muss ich leben, es gibt keinen Schalter, den ich umlegen kann. Ich habe das weder erwartet noch mir gewünscht. Ich kann nur um Verständnis werben für etwas, was, glaube ich, für die meisten Eltern schwer zu verstehen ist. Mir würde es mit Sicherheit genauso gehen, würde es mich nicht betreffen. Und vielleicht versteht ihr durch meine Gedanken besser euren Partner/eure Partnerin, Freundin oder Verwandte, der es möglicherweise ähnlich geht.

Ich bin ein sehr freiheits- und unabhängigkeitsliebender Mensch, eigentlich umtriebig, vielseitig interessiert und geistig aktiv. Meine Kinder sind sehr anhänglich, fordernd und wenig raumgebend. Ob das ein subjektives Empfinden ist oder eine objektive Tatsache, ist nicht relevant. Die Kombination macht es einfach sehr schwierig. Deshalb vermisse ich nicht nur einzelne Aspekte aus meinem Leben vor den Kindern, sondern eigentlich das Gesamtkonstrukt. Und gleichzeitig liebe ich meine Kinder und möchte sie so gut wie möglich in ihr Leben begleiten. Das ist kein Widerspruch, sondern sind ambivalente Gefühle, die nicht unterdrückt werden können (und vielleicht auch nicht sollten, im Namen meiner seelischen Gesundheit). Die Ambivalenz zerreißt mich oft, aber gehört wohl zu meinem Muttersein dazu. Und das Wissen darum, dass es auch andere Mütter gibt, denen es so geht, hilft mir sehr.

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