Dienstag, 10. November 2015

Das Ende eines Hormonrausches und die Folgen

Möglicherweise habe ich mir gestern selber eine Diagnose gestellt. Ich war beim Arzt wegen der Auswertung meines großen Blutbildes und der Urinwerte. Im Vorgespräch vor ein paar Tagen hatte ich unter Tränen meinen Zustand der letzten Wochen geschildert: chronische Infekte, Muskel- und Gliederschwäche, Schlappheit, Hitzewellen und totale Erschöpfung. Dass es keinerlei Veränderung in den äußeren Bedingungen gegeben hat, aber ich einfach nicht mehr konnte. Ich äußerte verschiedene Vermutungen wie Rheuma, Pfeiffersches Drüsenfieber, Eisenmangel, Schilddrüse etc. und all das wurde auch im Blutbild getestet. Das Ergebnis: ich bin kerngesund. Naja, so richtig konnte ich mich nicht darüber freuen. Lieber wäre mir eine Diagnose gewesen, mit der man arbeiten könnte.

Der Arzt stellte noch einige Fragen zu meinem Gemütszustand und warf eine leichte depressive Verstimmung in den Raum, die ich nicht bestreiten konnte. Ich war schon in den letzten Wochen etwas schwermütiger und melancholischer gewesen als vorher, kein Wunder bei den ständigen Krankengeschichten und meiner Herbstabneigung. Wir besprachen das weitere Vorgehen mit Vitamin D-Aufbaupräparaten und einer vorbeugenden Contramutan-Anwendung. Irgendwie kamen wir wegen der Hitzewellen und der nächtlichen Schweißausbrüche auch auf die hormonellen Aspekte zu sprechen. Ich ahnte zwar, dass diese auch eine Rolle spielten und meinte noch zum Arzt, aber wieso sollten sie chronische Infekte und allgemeine Schlappheit auslösen? Zumal sich ja nichts verändert hatte seit Beginn meiner Probleme Anfang/Mitte September. Da fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Doch, es hatte sich etwas verändert, etwas Grundlegendes: die Kleine hatte sich Anfang September abgestillt und ein über 5 Jahre andauernder Schwangerschafts- und Stillhormonrausch war zuende gegangen! Konnte das des Rätsels Lösung sein?!

Mit dem Großen wurde ich im Juni 2010 schwanger. Nach seiner Geburt stillte ich ihn 20 Monate lang und war zum Zeitpunkt seines selbstbestimmten Abstillens schon mit der Kleinen im 2. Trimester schwanger. Die Kleine stillte ich noch länger, nämlich 28 Monate lang und unsere Stillbeziehung ging Anfang September 2015 zuende. Ich war also tatsächlich 5 Jahre durchgehend in einem Hormonrausch gewesen, den ich zwar mittendrin nicht wirklich bemerkte, dessen Ende aber mit Sicherheit Auswirkungen hinterlassen musste. Wir theoretisierten noch ein wenig darüber, der Arzt hielt diesen Einwurf durchaus für bedenkenswert, und je mehr ich nachdachte und später zuhause recherchierte, umso plausibler scheint mir diese Erklärung zu sein.

Das Stillhormon Oxytocin ist ja bekannt dafür, Wohlbefinden auszulösen, Stress zu reduzieren und die Wundheilung zu verbessern (also möglicherweise auch Infekte abzuwehren). In Tests mit Mäusen förderte das Oxytocin die Muskelregeneration nach Verletzungen. Es wird allgemein als Kuschel- und Wohlfühlhormon bezeichnet. Obwohl ich diese Auswirkungen während der langen Stillepisoden nicht bewusst spürte, kann ich mir lebhaft vorstellen, dass das Abfallen dieses Hormons nach dieser langen Zeit Spuren hinterlassen haben muss. Vergleichbar ist das vielleicht mit einem wichtigen Bewerbungsgespräch oder einem Fallschirmsprung, wofür Adrenalin, das sogar Kopf- oder andere Schmerzen übertünchen kann, ausgeschüttet wird, um die Stresssituation zu meistern und ggf. Glücksgefühle zu empfinden, nach Abfallen des Hormons aber oft eine Leere und Erschöpfung eintritt und die unterdrückten Schmerzen wieder spürbar sind. Nur dass es in meinem Fall ein über 5 Jahre ständig erhöhter Hormonspiegel unterschiedlicher Hormone war, der nun auf einmal wieder auf Normalniveau zurückgefallen ist.

Sicherlich hatten alle Familienmitglieder in den letzten Wochen mit übermäßig vielen Infekten zu kämpfen. Sicherlich gibt es weiterhin keinerlei Entlastung außerhalb der Kita. Sicherlich schlägt mir der Herbst von Jahr zu Jahr mehr auf die Seele. Wenn nun tatsächlich noch diese Tatsache eines beendeten 5-jährigen Hormonrausches mit den dazugehörigen körperlichen Veränderungen dazukam, ist mein körperlicher und seelischer Zustand kein Wunder. Das zeitliche Zusammentreffen mit dem Abstillen der Kleinen ist schon verblüffend und mir erst gestern in dem Gespräch klar geworden. Wie gesagt, es sind lediglich meine Überlegungen, die mein Arzt aber durchaus für bedenkenswert hielt. Für mich passt das aber alles jetzt besser zusammen. Es ist sicher nicht die alleinige Erklärung, denn mein Mann hat ja in letzter Zeit ähnlich wie ich gelitten. Aber vielleicht das i-Tüpfelchen. Zumindest kann ich mit dieser Theorie etwas anfangen. Nichts ist schlimmer, als wenn man so gar keine Erklärung hat.

Was meint ihr dazu, ist das lediglich ein hanebüchener Strohhalm, an den ich mich klammere, oder eine plausible Erklärung? Hattet ihr ähnliche Probleme nach solch einer langen "hormongeschwängerten" Zeit? Sollte ich beim Frauenarzt noch einen Hormoncheck machen lassen (ändert ja nichts mehr;))? In jedem Fall werde ich jetzt erstmal das Vitamin D und Contramutan nehmen und sehen, ob es was hilft. Zum Jahresanfang 2016 wollen wir noch einmal die Blutwerte überprüfen. Schön ist es natürlich doch, dass ich kerngesund bin! Auch wenn ich mich im Moment überhaupt nicht so fühle...

Ergänzung vom 11.11.15:
Mir ist in der Nacht noch etwas eingefallen, was dazu passen würde: als sich der Große im November 2012 abgestillt hatte, hatte ich zwar laut meiner Erinnerung keine körperlichen Beschwerden, aber auch ein psychisches Tief. Und das, obwohl ich dann schon wieder mit der Kleinen schwanger war. Ich weiß nicht mehr genau, wie lange das dauerte, aber sicherlich auch ein paar Wochen. Dies nur noch als kurzer Nachtrag.

Ergänzung vom 21.11.15:
Ganz deutlich ist: ich bekomme wieder Pickel, was in den letzten 5 Jahren wirklich äußerst selten der Fall war. Scheint tatsächlich eine Hormonumstellung stattgefunden zu haben.

Kommentare:

  1. Das klingt eigentlich ganz logisch. Ich habe die Hormonumstellung deutlich gespürt, als sich Mini abgestillt hat. Etwa drei Wochen war ich unruhig, gereizt und schlecht gelaunt, dann hat es wieder gebessert. Bei mir war das nicht so massiv, die Dauer war aber entsrechend kürzer. 5 Jahre sind für den Körper eine Ewigkeit, da ist es kein Wunder, wenn du den Wechsel stärker spürst. Als ich nach 10 Jahren die Pille abgesetzt hatte, hat mein Körper fast ein halbes Jahr gebraucht, bis der Hormonhaushalt wieder vollständig normal war... Und ich habe während der Sws und Stillzeit JEDE Hormonumstellung gespürt (und an der Haut auch gesehen), das ist für den Körper immer schwierig, auch wenn die Gewöhnungsphase viel kürzer ist.

    Gegen die leichte Herbstdepression hilft Johanniskraut ganz gut, das wäre ev. eine Überlegung wert, dann wäre eine "Baustelle" vorläufig entschärft. Aber auf Blutbilder etc. würde ich vorläufig verzichten, das sorgt nur für weitere Unruhe. Viel machen kannst du wohl nicht, ausser dir und deinem Körper Zeit lassen und versuchen, die nächsten Wochen etwas ruhiger angehen zu lassen.

    Gute Besserung, Julia

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Liebe Julia,
      vielen lieben Dank, das hilft mir sehr! Ich habe das gar nicht in Betracht gezogen, weil ich mit dem Abstillen an sich keine körperlichen Probleme hatte (keine Brustprobleme o.ä.). Aber ich denke auch, dass es sich irgendwo niederschlägt, vor allem nach dieser langen Zeit. Ein halbes Jahr nach Absetzen der Pille bei Dir ist ja auch sehr lange! An Johanniskraut habe ich auch schon gedacht, glaube aber eigentlich, dass es mir psychisch wieder besser geht, wenn ich mich körperlich besser fühle. Aber ich werde es im Hinterkopf behalten.
      Vielen lieben Dank für Deine Erfahrungswerte!

      Löschen
  2. Hallo,
    die Hormonumstellung sollte man wirklich nicht unterschätzen. Gut, dass dir das noch eingefallen ist. Das kann - ich haben das mal recherchiert bis zu 9 Monaten dauern. Ich merke, dass ich durch das Stillen Infekte (Kind ist 21 Monate) ganz anders verarbeite. Ich nehme Mineraltabletten (Königsförder - sind mir von erfahrenerer Ärztin und Mutter empfohlen worden) und Folsäure. Schau, dass auch dein Eisenwert (der im Blut, nicht die Fingerstichvariante) stimmt und schau, ob du tagsüber genügend Licht abkriegen kannst (vielleicht notfalls mal Solarium oder diese Sonnenwiesen in Schwimmbädern). Ich habe den Plan, dass wir bis Anfang Frühsommer stillen, weil mir vor der Hormonumstellung graust und weil ich dem Kind bei den Infekten jetzt im Winter helfen will.
    Ich hoffe, dir geht es schon besser oder wieder richtig gut.
    Übrigens macht der Hormoncocktail "Stillen" auch geduldiger und lässt einen schneller wieder einschlafen.
    Früher dachte ich die La-Leiche-Fraktion übertreibt (so ab 2 Jahren) ein bisschen, mittlerweile denke ich sollen alle solange stillen wie beide mögen.
    Ausdauertraining, vielleicht Schwimmen, Nordic Walking oder Laufen helfen auch gut gegen depressive Verstimmungen und kurbeln den Stoffwechsel an, der sich dann wieder besser selbst regulieren kann.
    Viele Grüße FF

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Vielen lieben Dank für Deine Gedanken! Mir geht es mittlerweile wieder besser und ich bin deshalb jetzt überzeugt davon, dass es tatsächlich diese krasse Umstellung war, obwohl wir vorher nicht mehr viel gestillt haben. Der Eisenwert im Blut war übrigens in Ordnung. Ich nehme noch die oben genannten Präparate und werde bald nochmal zu einem Vergleichs-Blutbild zu meinem Arzt gehen. Jetzt im Nachhinein erscheint mir das alles total einleuchtend, aber ich bin in der Situation nicht drauf gekommen...
      Liebe Grüße!

      Löschen