Montag, 16. Februar 2015

Stolz und Würde

Heute mal eine kleine Alltagsgeschichte mit Lernpotential für mich:

Der Große saß gestern beim Abendbrot, als er plötzlich meinte, er müsse jetzt unbedingt sofort seine Strumpfhose und seinen Slip ausziehen, ohne einen speziellen Grund dafür zu nennen. Da wir ja bei ihm, was das Anziehen und die Kleidungsfrage insgesamt betrifft (wie hier nachzulesen), gebrannte Eltern und durch die täglichen Reibereien entsprechend überempfindlich sind, lief bei uns sofort im Kopf der gängige Reaktionsfilm à la "Was ist das jetzt wieder für eine Marotte?!" ab. Ich sah es meinem Mann an, dass er kurz davor war, eine Bemerkung zu machen, die den Großen mit Sicherheit gekränkt hätte. Bevor aber einer von uns irgendetwas Verständnisloses oder Genervtes sagen konnte, hatte ich einen millisekundenschnellen Geistesblitz und fragte ihn ganz neutral, ob der Slip ein wenig nass sei. Er schaute mich überrascht und sichtlich erleichtert an, bejahte, wir gingen ins Bad und wechselten ohne Aufhebens die Kleidung. Es waren lediglich ein paar kleine Tropfen reingegangen, was aber für ihn schon ausreichend unangenehm war. So sehr, dass er nicht direkt sagen konnte, was ihn bedrückte und warum er wechseln wollte. Die ganze Situation ging für ihn so würdevoll vonstatten, dass man deutlich merkte, wie ihm ein Stein vom Herzen plumpste, weil jemand seine verklausulierte Aussage, seinen versteckten Hilferuf verstanden hatte.

Ich war heilfroh, dass mir diese nicht gerade naheliegende Eingebung (er ist seit 1 3/4 Jahren tagsüber trocken) eingekommen war und er auf diese Weise seine Würde wahren konnte. Ich hoffe aber trotzdem, dass er zukünftig lernt, seine Beweggründe für nicht ohne weiteres nachvollziehbare Bedürfnisse deutlicher zu vermitteln. Das würde viele potentielle Missverständnisse vermeiden. Ich denke, jeder andere hätte ihn in dieser Situation, mit dem Reizthema Klamotten im Hinterkopf und der Abendbrotgeschichte im Vordergrund, angepfiffen. Dann hätte er wie so oft sofort dichtgemacht und die Sache hätte sich nicht gelöst. So aber war es für alle ein befriedigender und unspektakulärer Ausgang einer kleinen Alltagssituation. Schön und eigentlich so einfach!

Kommentare:

  1. Gut gelöst und noch mal gut gegangen ;)

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  2. Wieder eine schöne Episode aus eurem Familienleben. Toll, dass du so feine Antennen hast und deinem Sohn damit die Würde bewahrt hast.

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  3. super gelöst.... manchmal ist es nicht einfach, die Mäuse zu verstehen...

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