Samstag, 14. Februar 2015

Hochsensible in der Partnerschaft (Buchrezension)

Nachdem ich vor einiger Zeit das Buch Hochsensible Mütter von Brigitte Schorr gelesen habe, was die einzige deutsche Lektüre zum schwierigen Thema Hochsensibilität und Mutterschaft ist, werde ich im Folgenden ihr neues Buch Hochsensible in der Partnerschaft vorstellen, welches mir der Hänssler Verlag freundlicherweise als Rezensionsexemplar zur Verfügung stellte. Zu diesem Thema existieren auf deutsch ansonsten, soweit mir bekannt ist, nur noch die Bücher Hochsensibilität in der Liebe der Pionierin in der Erforschung der Hochsensibilität, Elaine N. Aron. und Sensibilität und Partnerschaft.

Grundsätzlich denke ich, dass das Thema nicht nur im begrenzten Rahmen der an Hochsensibilität Interessierten, sondern auch gerade für Nicht-Hochsensible sehr interessant sein müsste. Da der Anteil der Hochsensiblen ja oft mit ca. 15% angegeben wird, heißt das zwangsläufig, dass viele Hochsensible mit Nicht-Hochsensiblen in Partnerschaften sein müssten bzw. sind. Daraus ergeben sich schon mal per se Verständnisschwierigkeiten, unterschiedliche Erwartungshaltungen, verschiedene Belastbarkeiten, die zu Konflikten in Beziehungen führen können. Aber auch Partnerschaften zwischen zwei hochsensiblen Menschen bergen Konfliktpotential, wenn auch viele Möglichkeiten eines wunderbaren, verständnisvollen und erfüllten Miteinanders. Für beide Seiten kann also die Beschäftigung mit dem Thema von Nutzen sein, besonders, wenn man seinen hochsensiblen Partner nicht verändern, sondern wirklich aus tiefster Seele verstehen möchte und dieser auch bereit ist, sich ganz zu öffnen.

Brigitte Schorr schreibt in ihrem gut lesbaren Stil ein nicht zu umfangreiches und mit praktischen Beispielen aus ihrer Erfahrung als psychologische Beraterin untermauertes Buch, welches übersichtlich strukturiert ist. Im ersten Teil stellt sie prägnant zusammengefasst das Phänomen der Hochsensibilität vor und lässt schon daraus entstehende potentielle Probleme in Partnerschaften anklingen. Sie schreibt, dass "diese Eigenschaft Beziehungen so sehr prägt wie kaum eine andere" (S. 11). Deshalb müsse man sie unbedingt berücksichtigen, wenn es um Beziehungen mit mindestens einem hochsensiblen Partner geht.

Sie umreißt kurz die verschiedenen Theorien zur Vererbung bzw. Entstehung von Hochsensibilität und resümiert für sich: "Aufgrund dieser Beobachtungen neige ich zu der Ansicht, dass Hochsensibilität ein Produkt aus einer angeborenen Veranlagung und aus Lebenserfahrungen ist." (S. 30). Ihre 4 wichtigsten Kriterien der Hochsensibilität, die ich sehr hilfreich zusammengefasst finde, sind:

1. Die schmale Komfortzone (Wohlfühlbereich) sowie die Anstrengung, diese immer wieder herzustellen bzw. zu halten
2. Die schnelle Überreizbarkeit (Überstimulation), die enorme Erschöpfung auslöst
3. Das lange Nachhallen (langsame und intensive Verarbeitung)
4. Die individuelle Wahrnehmungsfähigkeit (sensorisch, empathisch, kognitiv)

Diese ersten 40 Seiten fassen so gut und verständlich zusammen, was Hochsensibilität bedeutet, dass sie sich auch als Einstiegslektüre für interessierte Nicht-Hochsensible eignen, die nicht gleich in die Tiefe der Bücher von Elaine N. Aron gehen wollen.

Im zweiten, längsten Teil geht sie ausführlich darauf ein, wie Hochsensibilität die Partnerschaft beeinflusst, und stellt gleich zu Beginn grundsätzlich fest: "Allein die Tatsache, eine Partnerschaft oder eine Ehe zu führen, kann sich für Hochsensible sehr krisenhaft anfühlen. Schon die räumliche Anwesenheit des anderen (...) kann sehr überstimulierend sein." (S. 45). Das kann ich aus meiner persönlichen Erfahrung nur bestätigen. Eine hochsensible Person, die meist unter einer permanenten Grundanspannung steht, kann sich nur erholsam entspannen, wenn sie allein ist. Das mag für eine nähebedürftigere Person schwer nachzuvollziehen sein. Es ist aber wichtig, dass beide Partner das akzeptieren, immer wieder ins Gespräch darüber gehen und für Möglichkeiten zum Alleinsein für den hochsensiblen Teil sorgen. Der hochsensible Partner wiederum sollte selbst noch mehr auf seinen inneren Stresspegel achten und entsprechende Auszeiten einfordern. Das Alleinsein muss nicht unbedingt zuhause stattfinden. Gerade Hochsensible können sich sehr gut in der Natur entspannen, bei Spaziergängen oder Gartenarbeit. Oft ist sogar diese "aktive Entspannung" besser, weil das Gedankenkarussell andere Eindrücke erhält. Essentiell ist auch ein gesunder Wechsel aus An- und Entspannung. Ein ganz wichtiger Aspekt in der Partnerschaft mit einem Hochsensiblen, speziell was das Ruhebedürfnis angeht, ist meiner Erfahrung nach: "Wenn man selbst nicht mehr in der Lage ist, sich selbst zu managen, dann kann es der Partner oder die Partnerin tun." (S. 77) Das kann ein nicht-hochsensibler Mensch, wenn er den Partner gut kennt, genauso übernehmen wie ein hochsensibler Partner, dessen Belastungsgrenze aber mit Sicherheit nicht identisch ist. Das ist für mich ein entscheidender Aspekt einer guten Partnerschaft: wenn einer nicht mehr kann oder nicht merkt, dass er eine Auszeit bräuchte, springt der Partner ein, stützt und leitet alles in die Wege, damit es dem anderen Teil wieder besser geht. Notfalls auch mit sanftem Druck.

Im Gegenzug können Hochsensible durch die "täglichen Sorgenszenarien und Gedankenspiralen in ihren Köpfen" (S. 80) sehr gutes Krisenmanagement in einem akuten Ernstfall betreiben, wovon auch der normalsensible Partner profitieren kann. Sie können in solchen Situationen sehr effektiv und pragmatisch handeln, weil sie alles, was passieren könnte, schon hundertmal im Kopf durchgespielt haben. Nach der Krise allerdings sollte es die Aufgabe des nicht hochsensiblen Partners sein, den zu erwartenden Erschöpfungszusammenbruch des Hochsensiblen aufzufangen und das normale Alltagsmanagement wieder zu übernehmen, damit dieser sich regenerieren kann. Diese Empfehlung ist in meinen Augen sehr wertvoll und sollte von beiden Seiten verinnerlicht werden. Schwierig wird es allerdings, wenn die Partnerschaft aus zwei hochsensiblen Personen besteht. Zu dieser Konstellation, die viele schöne Erfahrungen beinhalten kann, aber auch Schwierigkeiten mit sich bringt, erwähnt Schorr leider nur am Rande einige verstreute Gedanken.

Missverständnisse und Enttäuschungen können auch ausgelöst werden durch ein erhöhtes Sicherheitsbedürfnis, eine große Erwartungshaltung an den Partner und das tief verankerte Bedürfnis Hochsensibler, verstanden zu werden. Dazu schreibt Schorr: "Die meisten Hochsensiblen, die ich kenne, verfügen über eine Grundnervosität und eine hohe Grundanspannung. (...) Eine Person mit hoher Grundanspannung benötigt besonders viel Sicherheit. (...) Machen Sie  sich bewusst, dass Sie an der Basis Ihrer Beziehung arbeiten, wenn Sie den Zugang zu Ihrer inneren Sicherheit stärken." (S. 59f.)

Durch die übergroße lebenslange Sehnsucht Hochsensibler danach, verstanden zu werden, entsteht oft eine hohe Erwartungshaltung und ein Idealbild von einem Partner, der das erfüllen soll. Die meisten Hochsensiblen sind seit ihrer Kindheit immer wieder missverstanden und nicht akzeptiert worden, was verständlicherweise Einsamkeit hervorruft. Deshalb sehnen sie sich inständig nach dem einen Menschen, der sie versteht und so annimmt, wie sie sind. Wenn dies nicht wie erhofft erfüllt wird, kann es passieren, dass manche Hochsensible nach und nach das Verständnis für ihr Gegenüber verweigern. Nicht bewusst und nicht böswillig, sondern "wegen eines empfundenen Ungleichgewichts" (S. 66). Dessen sollte sich der nicht-hochsensible Partner bewusst sein und seinerseits wieder den ersten Schritt auf den anderen zugehen. Andererseits kann aber ein Hochsensibler in Beziehungen auch eine übergroße Empathie entwickeln, weil er oder sie genau spürt, wie es dem Partner geht, dessen Gefühle übernimmt und aus einem großen Harmoniebedürfnis heraus die eigenen Gefühle und Bedürfnisse hintenan stellt.

Häufig wirken Hochsensible (oder sind tatsächlich) ungeduldig und kompromisslos, was leicht zu Konflikten in Beziehungen führen kann. Beide Seiten sollten sich bewusst werden, dass das vor allem daran liegt, weil sie alles x-fach durchdenken und vorausplanen. Auch diese Eigenschaft sollte der nicht-hochsensible Partner schätzen und nutzen, dafür aber seinerseits eher Entscheidungen übernehmen, die Hochsensiblen aufgrund des intensiven Abwägens schwer fallen. Andere in einer Partnerschaft möglicherweise zweischneidige Aspekte sind die hohen Ansprüche und der Perfektionismus hochsensibler Menschen, die eine gewisse Gnadenlosigkeit und Kompromisslosigkeit bedingen. Denn. "Sie können regelrecht an dem Dilettantismus, der sie umgibt, leiden. Diesem Leiden liegt aber eine Fähigkeit zurunde: nämlich die Begabung, Unstimmigkeiten schnell zu erfassen und Lösungen dafür zu finden. (...) Um dieses Instrument aber nutzen zu können, braucht es die grundsätzliche Annahme gerade auch durch den nicht-hochsensiblen Partner, dass die Wahrnehmung des oder der anderen seinen Grund hat, auch wenn man selbst nichts dergleichen wahrnimmt." (S. 127f)

Enorm wichtig ist ein permanentes und unvoreingenommenes Im-Gespräch-Bleiben und Reflektieren von Gefühlen, Erwartungen, prägenden Erfahrungen. Dabei müssen besonders Hochsensible ihre oft aus Verletzungen resultierende Zurückhaltung überwinden und in Resonanz treten: "Es erscheint mir fundamental wichtig für gelingende Ehen Hochsensibler, die Wahrnehmungen von den Interpretationen zu trennen. Die Kunst ist, einen bewussten Filter zwischen der Wahrnehmung und dem Handeln einzurichten." (S. 114) Vor allem, weil Hochsensible Wahrnehmungen schnell zu ihren Ungunsten interpretieren.

Im letzten Teil folgen Anstöße für Hochsensible, um sich selbst besser kennenzulernen, mehr zu schätzen und damit zufriedenerer in der Partnerschaft zu werden. Beispielsweise neben den oben erwähnten Tipps darauf zu achten, sich ihren schwankenden Seelenzuständen nicht passiv auszuliefern, sondern sie selbst zu steuern. Die wichtigste Anregung des Buches für eine Partnerschaft zwischen zwei verschieden sensiblen Menschen ist meiner Meinung nach: "Nutzen Sie Ihre gegenseitigen Kompetenzen!" (S. 141) Das erfordert Erkennen, Akzeptanz, Verständnis und Einfühlen in den anderen, ggf. Kompromisse und vor allem immer wieder Gespräche und Reflektion.

Was mir als eigenes Thema in dem Buch (bis auf eine kleine Passage) komplett fehlt, ist der Aspekt der Elternschaft. Da Beziehungen meistens in die Elternschaft bzw. Familie münden und dies mit einem oder zwei hochsensiblen Partnern nochmal neue Probleme aufwirft, wäre das ein eigenes Kapitel wert gewesen. Als Eltern lernen sich die Partner völlig neu und in einer extremen Belastungssituation kennen, müssen ihr Leben und ihre Beziehung hinterfragen und oft grundlegend überarbeiten. Die Elternschaft kann die schwerste Krise für eine Partnerschaft bedeuten. Gerade für ein hochsensibles Elternteil stellt die Freiheitsberaubung und Fremdbestimmung durch ein Kind oftmals eine riesengroße Herausforderung dar. Die Aufgabe des anderen Partners wäre es, durch Verständnis, Kommunikation, Verschaffen von Ruheinseln und Übernehmen schwieriger Aufgaben einen Ausgleich zu schaffen und den hochsensiblen Partner zu entlasten. Das funktioniert aber nur, wenn beide um die problematischen Aspekte der Hochsensibilität wissen, diese akzeptieren und immer im Gespräch bleiben. Meist ist dafür mit einem Baby oder Kleinkind weder Zeit noch Kraft vorhanden. Es wäre also wichtig, wenn in einem Buch wie diesem Strategien aufgezeigt würden, wie beide Elternteile, das hochsensible wie das "normal-sensible", mit einer speziellen Ausnahmesituation wie der Geburt eines Kindes besser umgehen können, ebenso wie mit einem Partner, der sich dadurch vielleicht verändert oder andere Seiten zeigt. Viele Tipps und Anregungen des Buches kann man nur bedingt auf die ersten Jahre mit einem Kind anwenden, da die äußeren Bedingungen sich wie eine permanente Krise und Überforderung anfühlen können. Dazu hätte ich persönlich mir also noch ausführlichere Gedanken gewünscht. Ansonsten ist das Buch für alle an dem Thema Interessierte sehr empfehlenswert. Und ich hoffe, dass es viele nicht-hochsensible Partner lesen!


Kommentare:

  1. Ja, Verständnis ist wohl das Schlüsselwort. Dafür braucht es aber auch das Öffnen eines Hochsensiblen, damit der Nicht-Hochsensible weiß, was in einem vorgeht und selbst dann... wirklich nachfühlen kann er es natürlich nicht. Fakt ist, dass viel Geduld von beiden Seiten notwendig ist, um die gegenseitigen Bedürfnisse, die sehr unterschiedlich sein können, zu verstehen. Ich merke immer wieder, dass im Alltag ein HSP es sehr schwer hat in einer Partnerschaft mit Kindern seinen Bedürfnissen gerecht zu werden. Das erscheint fast unmöglich, da die langen Ruhephasen (Alleinsein) kaum möglich sind. Allein zu leben ist aber auch wieder nicht das Ziel, weil wir Familienmenschen sind. Ein täglicher Balanceakt, der viel Verständnis erfordert.

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    1. Das wird in dem Buch auch immer wieder betont, dass der hochsensible Partner sich öffnen muss und in Resonanz treten muss. Doch da das dem nicht-hochsensiblen Partner aufgrund von weniger Verletzungen, weniger Kopfkino etc. eventuell leichter fällt, könnte dieser vielleicht vermehrt den Anstoß dazu übernehmen, damit der Hochsensible darauf einsteigen kann.
      Und ja, das Familienthema ist ganz ganz schwierig, da hat sicherlich auch jedes hochsensible Elternteil eine individuell verschiedene "Schmerzgrenze". Aber auch hier könnte der nicht-hochsensible Partner durch aktives Übernehmen von Verantwortung Entlastung schaffen, weil z.B. für mich als hochsensible Mama der Wunsch nach Ruhe und Auszeiten genauso stark ist wie das schlechte Gewissen, wenn ich sie mir nehme. Du hast völlig Recht, es ist eine Gratwanderung, ein täglicher Balanceakt und muss auch immer wieder neu austariert werden. Ich habe Phasen, da macht mir die Fremdbestimmung und Vereinnahmung etwas weniger aus, dann wieder kommt das Gefühl ganz verstärkt, also man muss auch situationsbedingt reagieren und sich immer wieder neu einfühlen.
      Liebe Grüße!

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