Dienstag, 27. Januar 2015

Nicht einmischen ist manchmal sehr schwer

Mir geht eine Situation nicht aus dem Kopf, die ich gestern beim Abholen der Kinder aus der Kita erlebte und die mir einen kalten Schauer über den Rücken jagte, obwohl ich es nur zufällig mitbekommen hatte und es mich gar nichts angeht.

Als ich die Kinder in der Garderobe anzog, sprach eine Mama eines Mädchens, das in die gleiche Gruppe wie meine Kleine geht, eine auf dem Flur herumlaufende Erzieherin an: Wie denn ihre Tochter heute geschlafen hätte? Sehr lange, meinte die Erzieherin. Kein Wunder, sagte die Mama, habe sie doch gestern abend Einschlafterror gemacht. Sie hätte sich ins Bett erbrochen. Man sah, wie die Erzieherin stutzte, eine neue Magen-Darm-Epidemie vermutete und sich zusammenriss, um der Mama keine Vorwürfe zu machen, dass sie das Kind heute in die Kita gegeben hatte. Es war aber anders. Die Mama erzählte frank und frei, dass sie die Tochter ans Einschlafen im eigenen Bett gewöhnen wolle und diese sich dabei so in Rage geschrien habe, dass es mit Erbrechen endete. Und danach dauerte es ewig, bis sie wieder schlief. Deshalb sei sie logischerweise am nächsten Tag total übermüdet gewesen. Die Erzieherin sagte nichts weiter dazu.

Ich kannte die Mama nicht und sah dann erst später, welches Kind zu ihr gehörte. Das Mädchen wurde sonst meist vom Papa abgeholt, der einen sehr kompetenten, liebevollen Eindruck auf mich gemacht hatte. Und diese Eltern ließen ihre 1 1/4-jährige Tochter so beim "Erlernen des selbstständigen Einschlafens" schreien, dass sie sich übergeben musste? Und erzählten das dann auch noch in der Kita! Mir wurde wirklich heiß und kalt und ich musste sehr an mich halten, mich nicht einzumischen. Solche Leute möchte man manchmal einfach nur noch schütteln, damit sie zur Besinnung kommen. Stattdessen beißt man sich auf die Zähne und redet sich ein, dass man tolerant sein muss und es ihre Sache ist, wie sie mit ihrem Kind umgehen. Ich finde diese Gratwanderung manchmal ganz schön schwer. Vor allem, wenn es um extrem konträre Auffassungen und Praktiken in der Familie oder im Freundeskreis geht oder wenn man merkt, dass absolut null Wissen hinter manchen Behauptungen steckt. Dann versuche ich manchmal auch, ein wenig gegenzusteuern, obwohl es meist nichts bringt und man sich nur selbst aufreibt. Wenn es nur um individuelle "Erziehungs"facetten geht, ist das ja auch alles nicht dramatisch und sollte jedem selbst überlassen sein. Bei solchen Themen wie Einschlafschreien jedoch reagiere ich sehr empfindlich und frage mich, ob solche Methoden nach jahrzehntelanger Bindungsforschung tatsächlich noch individuelle Entscheidungen sind. Hätte die Erzieherin beispielsweise etwas sagen können / müssen? Aber wo fängt sowas an und hört auf? Möglicherweise bin ich auch "nur" selbst traumatisiert, was das In-den-Schlaf-Schreien angeht. Wenn ich die spärlichen Aussagen von Eltern und Verwandten richtig gedeutet habe, war das früher ohne schlechtes Gewissen gang und gäbe. Und das hat mit Sicherheit Spuren in sensiblen Kinderseelen hinterlassen. Vielleicht reagiere ich deshalb auf solche Berichte mit fast schon körperlichem Schmerz, was für viele andere sicher gar nicht nachvollziehbar ist.

Heute hat mich die gleiche Mama nach der Kita kurz angesprochen. Ich bin nicht darauf eingegangen. Ich konnte einfach nicht. Sicherlich ist sie kein schlechter Mensch, aber ich werde immer, wenn ich sie sehe, das Bild ihrer schreienden, kotzenden, nicht alleine einschlafen wollenden Tochter vor meinem geistigen Auge haben. Ich bin dann auch nicht mehr unvoreingenommen. Glücklicherweise kann ich mir das hier so von der Seele schreiben, wie ich es empfinde.

Kommentare:

  1. Liebe Frühlingskindermama,
    da ich selbst in einer Kita arbeite, gebe ich mal meinen Senf dazu.
    Aber erstmal finde ich die "In-den-Schlaf-Schreien-Methode" so was von zum Kotzen.
    Wenn mich Eltern beim Bringen/Abholen auf ein Erlebnis ansprechen steckt meist etwas dahinter. Ich finde die Erzieherin sollte also auf jeden Fall darauf eingehen und die Eltern beraten.
    Vielleicht sind die Abendsituationen in dieser Familie so anstrengend und aufreiben, dass die Eltern diese Methode als letzte Möglichkeit sehen. Dann steckt wahrscheinlich hinter der Aussage der Mutter etwas Redebedarf.
    Elternarbeit ist in unserem Job extrem wichtig...

    Liebe Grüße
    Daniela

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    1. Liebe Daniela,
      danke für Deinen Kommentar aus Erzieherperspektive. Ich finde es immer interessant, die jeweils anderen Seiten zu hören (nun fehlt noch die Seite derer, die ihr Kind sich in den Schlaf schreien lassen;)
      Vielleicht sind die Abendsituationen in der Familie aufreibend, welche Familie mit Babys/ kleinen Kindern kennt das nicht. Den Leidensdruck bei schwierigen Einschläfern kann ich auch gut nachvollziehen. Der Weg, damit umzugehen, mag auch verschieden sein, aber solch eine doch mittlerweile nicht mehr anerkannte Methode nicht nur anzuwenden, sondern auch so offen zu schildern, finde ich sehr bedenklich. Ich denke auch, dass Elternarbeit für Erzieher wichtig ist, weiß jedoch nicht, wie das in der Ausbildung gelehrt bzw. in Kitas praktiziert wird. Gibt es dafür offizielle Anleitungen? Erzieher/innen werden ja vielleicht doch eher als pädagogische Autoritäten akzeptiert als andere Eltern. Ich mache der Erzieherin auch gar keinen Vorwurf (gerade diese ist eine ganz tolle), frage mich nur, ob sie reagieren würde, wenn es z.B. um noch "härtere" Probleme geht. Und ob ich reagiert hätte, wenn ich Zeugin eines solchen Berichts geworden wäre. Sehr sehr schwierig. Wo sind die Grenzen?
      Liebe Grüße,
      Frühlingskindermama

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    2. Liebe Frühlingskindermama,
      Kommunikationsmittel und Gesprächsführung sind sogar ein ganz wichtiger Teil der (Heil-)Erzieherausbildung. Schulz von Thun, Carl Rogers und die Transaktionsanalyse nach Eric Berne kann ich mittlerweile im Schlaf runterbeten. (Sollte auch jeder andere (Heil-)Erzieher können). Und genau mit diesen Methoden sollte man versuchen im täglichen "Tür-und-Angel-Gespräch" herauszuhören, ob es Probleme gibt.
      Meine persönliche Methode ist es immer einen Tag zu warten, das Thema sacken zu lassen und mich evtl mit Kollegen zu beraten. Das ist nötig, um nicht versehentlich überzureagieren und sachlich bleiben zu können.
      Am nächsten Tag spreche ich die Eltern an mit den Worten "Ich hatte gestern den Eindruck..."
      Oft sind wir (Heil-)Erzieher uns aber gar nicht so sicher, ob wir reagieren können bzw. sollen. Hier ist dann das Gespräch mit der Leitung angebracht.
      Ich hätte auf jeden Fall, so alleine vom Lesen her, den Eindruck, dass diese Mutter einen Rat, eine Bestätigung oder sonst einen Kommentar sucht...

      Liebe Grüße
      Daniela

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    3. Hey und Hallo!
      Ich bin auch Erzieherin/Kindergarrtenpädagogin und gerade Frisch Mama geworden!
      Kann, dir Liebe Frühlingskindmama nur Recht geben!!!
      Alles Liebe
      Verena

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