Mittwoch, 3. Dezember 2014

Verschiedenheit

Meine Kinder sind so unterschiedlich. In allen Bereichen. Die Grundcharakteristika hat man bei beiden schon von Babyzeiten an gesehen. Dass die Kleine ein komplett anderes Wesen als der Große hat, wurde schon in den ersten Wochen nach der Geburt deutlich. Grundlegende Babyaspekte wie Schlafverhalten, Beruhigungsverhalten, Essverhalten, Selbstregulation, Trennungsangst etc. waren bei der Kleinen so ganz anders ausgeprägt als beim Großen. Betrachtet man die Entwicklung beider Kinder bis jetzt, kann ich feststellen, dass der Große seinen schwierigen Grundzügen zwar "treu" geblieben ist, in vielen Teilbereichen (z.B. Trennungsangst) aber eine großartige Entwicklung gemacht hat. Die Kleine wiederum hat sich weniger in den vielen kleinen Aspekten verändert, die bei ihr sehr früh schon ausgereift waren, sondern ihre Wesensentwicklung ist von einem total pflegeleichten, viel schlafenden, leicht zu beruhigenden Baby hin zu einem hellwachen, energischen, vehementen, aufmerksamkeitsbedürftigen, sehr initiativen und aufnahmefähigen Kleinkind gegangen. Trotzdem scheint der Grundstock geblieben zu sein.

Dass die Wesensunterschiede von Kindern von Geburt an vorhanden sind und nicht "erziehungsbedingt" sind, davon war ich schon überzeugt, bevor ich selbst Kinder bekam. Meine Kinder bestätigen mich nun jeden Tag darin, dass sie einfach verschieden auf die Welt kommen und die Grundcharakteristika und -Verhaltensweisen nicht "anerzogen" sind. Das betrifft sowohl ihre Wesenszüge, ihre Fähigkeiten als auch Reaktionsmuster im Alltag. Man würde meinen, dass diese Erkenntnis auf der Hand liegt und von jedem Menschen geteilt wird. Gerade wir mit unserem schwierigen ersten Kind waren aber immer wieder mit Auffassungen konfrontiert, die uns implizit die Verantwortung für sein Verhalten gaben. Diese Menschen sind etwas stiller geworden, je mehr sie wahrnehmen, wie verschieden der Große und die Kleine sind.

Anhand eines banalen alltäglichen Beispiels, nämlich der Kitaabholsituation, möchte ich erzählen, wie unterschiedlich meine beiden Kinder sind bzw. sich in einer solchen Situation verhalten. Heute war es wieder einmal extrem kontrastreich. Ich kam zum Gruppenraum der Kleinen, sie sah mich und rannte freudestrahlend, sehnsüchtig und selig in meine Arme. In solchen Momenten hüpft das Mamaherz. Genauso hat man sich das ja mit Kindern gewünscht bzw. vorgestellt. Wir kuschelten erstmal, ich wickelte sie und zog sie mit vielen Knuddelunterbrechungen an. Dann gingen wir zum Gruppenraum des Großen. Ich öffnete die Tür und rief ihn. Er sah mich, zog eine Schnute, fing an zu grummeln und haute in den Nachbarraum ab. Da weint das Mamaherz erstmal. Das ist wohlgemerkt keine Ausnahme, sondern die Regel. Meist ignoriert er mich völlig, wenn ich komme, und reagiert erst, wenn Erzieher oder andere Eltern ihm sagen, er solle doch jetzt mal...

Auch diesmal musste die Erzieherin ihn quasi nötigen, doch mit seiner Mama mitzugehen. Er hat sich dann relativ schnell wieder eingekriegt, der weitere Nachmittag war nicht konfliktreich. Aber solch eine Reaktion, vor allem wenn man sie fast täglich auszuhalten hat, schlägt einem schon arg auf die Laune. Ich kenne es zwar kaum anders von ihm, aber es ist nichts, woran man sich mit der Zeit gewöhnt. Dass nun die Kleine so komplett anders reagiert, liebevoll, zugewandt und freudig, verstärkt einerseits die Traurigkeit darüber, dass der Große seine Freude darüber, abgeholt zu werden (dass er sich irgendwie freut, glaube ich trotzdem weiterhin ganz fest), nicht zeigen kann, sondern eher das Gegenteil zum Ausdruck bringt. Andererseits aber bestätigt das genau meine Überzeugung, dass solche Reaktionsweisen eben nicht "anerzogen" oder vom Elternhaus geprägt sein können. Und auch nicht von den Geschwistern abgeschaut sind, was immer noch das letzte Argument von Befürwortern der Sozialisationsthese ist. Die Kleine hat bisher niemals gesehen, dass der Große uns in die Arme gesprungen ist. Weder nach der Kita noch nach Übernachtungsaufenthalten bei den Großeltern. Trotzdem tut sie genau das. Ohne dass wir sie drängen. Einfach aus dem Bedürfnis und Herzgefühl heraus, was von Grund auf in ihr vorhanden ist. Kontrast pur.

Wenn ich den Großen übrigens manchmal später frage, warum er immer so abweisend ist, wenn ich ihn abhole, vermag er darauf nichts zu sagen. Und ich weiß, es wird sich daran nicht viel ändern, ich muss es so akzeptieren. Das ist schwer. Aber leichter zu ertragen mit einem zweiten, in meine Arme stürmenden Kind.

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